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England stoppt Corona-Maßnahmen: Ein paar Leichen und kranke Kinder – na und?


Ein paar Leichen und kranke Kinder – na und?

Von Florian Wichert

Aktualisiert am 13.07.2021Lesedauer: 5 Min.
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Premierminister Boris Johnson.Vergrößern des Bildes
Premierminister Boris Johnson. (Quelle: Daniel Leal-Olivas/Reuters-bilder)

Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

kurz nach 17 Uhr Ortszeit trat der britische Premierminister in der Downing Street 10, seinem Amts- und Wohnsitz, vor die Kameras. "Jetzt ist der richtige Zeitpunkt", verkündete Boris Johnson und bestätigte damit, was sein Gesundheitsminister Sajid Javid zuvor angekündigt hatte.

Europa setzt auf Vorsicht, Johnson auf volles Risiko

England macht ernst und lockert nicht nur die Corona-Maßnahmen, sondern hebt sie zum 19. Juli auf. Zum kommenden Montag also. Und zwar nahezu komplett. Was bleibt, ist lediglich die Quarantänepflicht bei der Einreise aus einem Corona-Risikogebiet.

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Sie fragen sich womöglich: Ist das das England, das seit Sonntag eine Sieben-Tage-Inzidenz jenseits der 300 hat? Das England, in dem die Delta-Variante des Coronavirus wütet wie nirgendwo sonst in Europa? Das England, in dem die Folgen der Fußball-Europameisterschaft mit vollen Stadien und Straßen noch nicht absehbar sind? Das England, in dem Ärzte, Gewerkschaften und weite Teile der Politik zur Vorsicht mahnen?

Die Antwort lautet Ja.

Letzteres tut Johnson übrigens auch. "Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Es ist wichtig, dass wir behutsam vorgehen", sagte er. Das hindert ihn allerdings nicht daran, jegliche Maßnahmen zu beenden. Nachtklubs? Können wieder öffnen. Für Veranstaltungen soll es keine Zuschauerbegrenzungen mehr geben. Abstandsregeln und Maskenpflicht? Sollen wegfallen. Die Registrierung beim Restaurantbesuch ebenfalls.

Warum soll ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt sein? Laut Johnson ist es im September oder Oktober zu spät, weil dann die Temperaturen sinken und der Plan dann schnell außer Kontrolle geraten könnte. Mit dem Plan ist die Durchseuchung der Bevölkerung gemeint. Die wollen die Briten schnellstmöglich erreichen, um "durch zu sein". Wer nicht geimpft ist, sollte genesen sein.

In Europa ist dies ein beispielloser Alleingang. Andere Länder schalten gerade wieder in den Vorsichtsmodus. Die Niederlande haben seit Samstag wieder strengere Kontaktbeschränkungen für die Gastronomie und Kulturveranstaltungen. Das Parlament unterbricht seine Sommerpause und berief eine Sondersitzung für kommenden Mittwoch ein. Portugal hat vor eineinhalb Wochen wieder eine nächtliche Ausgangssperre eingeführt. Dennoch ist die 14-Tage-Inzidenz gerade innerhalb eines Tages von 272 auf 315 gestiegen. Und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron kündigte gestern Abend eine Impfpflicht für das Gesundheits- und Betreuungswesen an, um den Wettlauf mit der Zeit gegen das Virus gewinnen zu können.

Wenn man sich diese Entwicklung anschaut, darf man schon mal fragen: Ist Johnson irre?

Dafür spricht in jedem Fall sein bisheriges Krisenmanagement, das einem Zickzackkurs entspricht. Nicht nur in den Augen der Experten handelte Johnson in der Regel zu spät, wenn er neue Regeln oder einen Lockdown verhängte. Schon vor der Pandemie pflasterten Unwahrheiten und Vetternwirtschaft seinen Weg. Trotz seiner Dementi hat Johnson nicht glaubhaft widerlegen können, im Herbst 2020 gesagt zu haben, er nehme lieber in Kauf, dass sich "die Leichen zu Tausenden türmen", als einen zweiten Lockdown zu verhängen. So oder so: Kurz darauf erließ er erneut Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen.

Nun also die nächste Rolle rückwärts mit der Aufhebung der Maßnahmen.

Die geht bei vielen Briten mit der Sorge einher, dass das Gesundheitssystem an die Grenze der Belastbarkeit kommt, dass sich am Ende wirklich noch Leichen türmen. Denn ein Risiko ist die Durchseuchungsstrategie in jedem Fall. "Nur" zwei Drittel der Erwachsenen haben die zweite Impfung hinter sich und genießen somit den vollständigen Impfschutz.

Johnsons wissenschaftliche Berater räumten bereits ein, dass die Zahlen der Neuinfektionen, Krankenhauseinweisungen und Todesfälle weiter steigen, wenn die Corona-Regeln nun gelockert werden. Das wissenschaftliche Expertengremium Sage warnt in einem am gestrigen Montag veröffentlichten Bericht vor mindestens 1.000 Krankenhauseinweisungen sowie 100 bis 200 Todesfällen pro Tag.

Das wahre Problem: die Kinder, die noch nicht alle ein Impfangebot bekommen haben. Auch weil es weiterhin keine Impfempfehlung gibt. Wenn sie sich reihenweise anstecken, drohen Long-Covid-Erkrankungen, die sie womöglich ein Leben lang begleiten. Einer ganzen Generation drohen böse Folgen der Durchseuchung (Mehr dazu lesen Sie hier).

Zumal Massenansteckungen zu weiteren und noch aggressiveren Mutationen führen können, die auch abseits der Insel Opfer fordern.

Ein paar Leichen und kranke Kinder? Für Johnson ist das offenbar ein Risiko, das es wert ist, einzugehen.

Natürlich kann die Strategie auch funktionieren. Verlaufen die Infektionen und Ansteckungen glimpflich und leiden die Kinder nicht an Long-Covid, sind die Engländer womöglich das erste Land, das im September endgültig zur Normalität zurückkehren kann, weder Lockdown noch Einschränkungen braucht und sich wieder einer florierenden Wirtschaft erfreut.

Die applaudiert Johnson schon jetzt für diesen mutigen Schritt.


Merkel, Spahn und das RKI ringen um Impfkampagne

Die Corona-Infektionszahlen in Deutschland sind in den vergangenen Tagen wieder leicht gestiegen. Sorge bereitet der Bundesregierung aber vielmehr das nachlassende Tempo der Impfkampagne. Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn besuchen heute ab 11 Uhr das Robert Koch-Institut, um auch über die Herausforderungen der nächsten Wochen und Monate zu sprechen.

Womöglich helfen "niedrigschwellige" Angebote zum Impfen – so wie in Stuttgart. Ab Mittwoch können sich Urlauber auf dem Weg in die Sonne am Stuttgarter Flughafen impfen lassen. Passagiere, die in Stuttgart abheben, müssten nur ihre Tickets oder andere Buchungsnachweise vorlegen, um ohne Voranmeldung im Impfzentrum auf der Landesmesse eine Impfung zu erhalten, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha.


Was lesen?

Wenn es um die Macht geht, wird mit harten Bandagen gefochten. Ist der Wettstreit ums Kanzleramt 2021 deshalb schmutziger als sonst? Nein, schreibt t-online-Kolumnist Christoph Schwennicke (Foto, Kreis). Er sieht gar keinen Wahlkampf. Nirgends. Grünen-Spitzenkandidatin Annalena Baerbock sei "schneller verzischt" als einst Martin Schulz von der SPD.


Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz steigt und in einigen Regionen gibt es sprunghafte Anstiege. Wo genau, das zeigt die Zeitraffer-Animation meiner Kollegen Philipp Friedrichs und Adrian Röger mit Daten des Robert Koch-Instituts.


Gesundheitsexperten und Politiker fürchten, dass wegen der Delta-Variante eine vierte Welle der Corona-Pandemie bevorsteht. Wirtschaftsverbände warnen allerdings davor, mit einem erneuten Lockdown zu reagieren. Gegenüber meiner Kollegin Frederike Holewik haben sie deutliche Worte gefunden und von einem Todesstoß gesprochen.


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Während Italien den ersten Europameistertitel seit 1968 feiert, hängen im Land des Finalgegners England die Köpfe. Am tiefsten der von Trainer Gareth Southgate. Der führte die "Three Lions" zum ersten Mal seit 55 Jahren in das Endspiel eines großen Turniers – und wurde mit seinen Einwechslungen doch zur tragischen Figur. Leider nicht zum ersten Mal, wie mein Kollege Alexander Kohne beschreibt.


Was amüsiert mich?

Impfprämie? Anderweitige Anreize? Uneingeschränkte Rechte für Geimpfte? Alles Quatsch. Was wirklich gegen eine aufkommende Impfmüdigkeit hilft, ist Folgendes:

Ich wünsche Ihnen einen entspannten Tag. Morgen schreibt mein Kollege Peter Schink an dieser Stelle für Sie den Tagesanbruch.

Ihr

Florian Wichert
Stellvertretender Chefredakteur t-online
Twitter: @florianwichert

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Mit Material von dpa.

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