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Meinung
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Die Atomgefahr wÀchst

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 05.05.2022Lesedauer: 7 Min.
AtomwaffenfĂ€hige russische Bomber fliegen ĂŒber Moskau.
AtomwaffenfĂ€hige russische Bomber fliegen ĂŒber Moskau. (Quelle: imago-images-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

die Bomber wĂ€ren zu sehen gewesen. Irgendwo ĂŒber dem Kaspischen Meer hĂ€tte man ihre Silhouetten am Himmel erkennen können, wenn jemand mit einem Fernglas hinaufgeschaut hĂ€tte – schon der bloße Anblick hĂ€tte den nuklearen Schrecken schlagartig in Erinnerung gerufen. Seit den Tagen des Kalten Krieges sind immer wieder atomwaffenfĂ€hige Tupolev-Bomber von ihren Basen abgehoben, um die Welt daran zu erinnern, dass Russland unbesiegbar ist. Diesmal flogen sie weit außerhalb der Reichweite der gegnerischen Luftabwehr, tausend Kilometer von ihren Angriffszielen entfernt, und ihre SchĂ€chte öffneten sich. Mehr als ein Dutzend Marschflugkörper feuerten sie ab. Nur wenige konnten die Verteidiger vor dem Einschlag abschießen. Vor den meisten gab es keine Rettung.

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Vielleicht werden Sie sich jetzt fragen, warum ich Ihnen mit apokalyptischer Schwarzmalerei den schönen Maitag verhagele. Ich will es Ihnen erklĂ€ren. Das war keine Schwarzmalerei. Das war vorgestern. Die ukrainische Luftwaffe informierte noch am selben Abend ĂŒber den Angriff, der Ziele in der gesamten Ukraine traf, auch weit im Westen. Immer wieder ist das Land in den zehn Wochen des Krieges mit Marschflugkörpern attackiert worden, die außer konventionellen Sprengköpfen auch Atomwaffen ins Ziel bringen könnten – darunter die Hyperschallrakete Kinschal, gegen die selbst moderne Abwehrsysteme kaum eine Chance haben. Die Gefahr eines Nuklearangriffs verschwindet im Bunker des PrĂ€sidenten in Kiew nicht aus den Hinterköpfen. "Der Schlag wird kommen", orakelt einer von Selenskyjs Beratern dĂŒster, aber es habe keinen Sinn, darĂŒber ins GrĂŒbeln zu versinken. "Was können wir tun? Wir mĂŒssen weiterarbeiten." Seitdem Putin die Ukraine ĂŒberfallen und seinen Angriff gleich zu Beginn mit nuklearen Warnungen unterfĂŒttert hat, ist die Angst vor dem Atomkrieg in die Gegenwart zurĂŒckgekehrt. Nach Ansicht der meisten Experten war das Risiko trotz der aggressiven Rhetorik zu Beginn des Krieges gering, ist inzwischen aber gestiegen. In Kaliningrad an der Nato-Grenze haben die russischen StreitkrĂ€fte soeben einen Atomangriff simuliert. Auch die russischen Staatsmedien treiben das Thema einer möglichen nuklearen Eskalation voran.

Schon die bloße Vorstellung eines Nuklearschlags ist ungeheuerlich. Das könnte uns dazu verleiten, vorschnell in Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen. Doch selbst der Einsatz von Massenvernichtungswaffen bewegt sich auf einer stufenreichen Skala, und sie beginnt beim Warnschuss. Eine Detonation in großer Höhe ĂŒber dem Schwarzen Meer gehört beispielsweise dazu, was im "besten" Fall keine Opfer fordern mĂŒsste, aber signalisieren wĂŒrde, dass die nukleare Schwelle nun ĂŒberschritten und Schlimmeres unmittelbar zu erwarten ist. Es wĂ€re ein Schritt auf dem Weg der nuklearen Erpressung. Die beginnt jedoch schon frĂŒher, nĂ€mlich mit Worten. Und die ist bereits seit Kriegsbeginn im Gang.

Man muss die Verantwortlichen klar benennen. Ob es bei Worten bleibt, hat der Erpresser Putin in der Hand. Die Bedrohung kommt nur aus Moskau. Das Risiko eines nuklearen Konflikts, das Putins Politik heraufbeschworen hat, wird aber auch im Westen austariert. Zwei Entscheidungen haben das Risiko soeben erhöht.

Erstens: US-PrĂ€sident Joe Biden hat auf einen Schlag die enorme Summe von 33 Milliarden Dollar zur UnterstĂŒtzung der Ukraine lockergemacht. Das ist ein Erdbeben. Zugleich hat sein Verteidigungsminister ein verĂ€ndertes Ziel ausgegeben: Das russische MilitĂ€r solle in diesem Krieg ruiniert werden, bis es zu Aggressionen nicht mehr fĂ€hig ist. Biden sendet an Putin die Botschaft: Hoffe ja nicht, dass du aus dem Überfall auf die Ukraine einen Gewinn ziehen wirst. Wir machen dich fertig. Wir prĂŒgeln dich, bis du geschlagen abziehst und nicht mehr wiederkommst.

Zweitens: Parallel dazu sendet die EU eine eigene Botschaft mit demselben Text. Inzwischen haben die Sanktionen gegen Russland ein Niveau erreicht, das Putins Regime ernsthaft gefĂ€hrdet. Seit gestern steht der Plan fĂŒr die Abkehr vom russischen Öl, was in die Kremlkasse ein riesiges Loch reißen wird. Die Sberbank, die als grĂ¶ĂŸte russische Bank fĂŒr das EnergiegeschĂ€ft gebraucht und deshalb bisher verschont worden ist, wird nun doch vom weltweiten Zahlungssystem Swift abgeschnitten. Wenn das alles so gut wirkt wie gewĂŒnscht und Putin seine Macht existenziell gefĂ€hrdet sieht, kommen die Dinge in Bewegung.

Nun gibt es zwei Möglichkeiten: Die klaren Signale aus Washington und BrĂŒssel könnten Putin zu RĂŒcksichtnahme und Kompromissbereitschaft zwingen. Oder sie treiben ihn zur Eskalation. Das wollen wir doch mal sehen, könnte seine Antwort nĂ€mlich auch lauten. Die Gefahr dabei: Mit konventionellen Mitteln können Moskaus MilitĂ€rs diese Botschaft inzwischen nicht mehr ĂŒbermitteln. Sie sind mit dem Krieg in der Ukraine bis an die Grenze zur Erschöpfung gefordert. Putins letzter Trumpf ist nuklear.

Deshalb ist die Gefahr, dass Putin die Menschheit in ihre bisher gefĂ€hrlichste Krise stĂŒrzt, inzwischen so groß wie nie zuvor. Das festzustellen, ist kein Alarmismus, sondern die RealitĂ€t. Man darf sich Putins Erpressung deshalb nicht beugen. Aber ĂŒber die beste Taktik kann man durchaus diskutieren. Statt eines schlagzeilentrĂ€chtigen, einmaligen Mega-Milliardenpakets fĂŒr die Ukraine wĂ€ren ja auch mehrere kleinere HĂ€ppchen denkbar gewesen. Solange am Ende die Summe stimmt, kommen GeschĂŒtze und Panzerfahrzeuge auch ohne Tamtam genauso zahlreich an.

Auch die EU hĂ€tte gerĂ€uschloser vorgehen können. Gewiss, man kann Russland den Hahn der Öleinnahmen zudrehen und das in einen epochemachenden BrĂŒsseler Beschluss verpacken, von dem viele starke Pressefotos um die Welt geschickt werden. Oder man erreicht dasselbe Ziel mit unauffĂ€llig koordinierten, einzelstaatlichen Schritten. Man kann tapfer mit der Trompete zum Gefecht blasen. Oder sich anschleichen.

Weder die eine noch die andere Taktik ist per se falsch oder richtig. Die leise Art schwĂ€cht Putins mörderisches Regime genauso wie die laute. Vor- und Nachteile unterscheiden sich allerdings deutlich. Ja, gerĂ€uschloses Vorgehen hat SchwĂ€chen: Es sendet dem Taktiker im Kreml kein abschreckendes, entschlossenes Signal, sondern lĂ€sst sich als Kraftlosigkeit missverstehen – und könnte Putin sogar ermutigen, noch ruchloser vorzugehen. Klare BeschlĂŒsse, fĂŒr die Washington und BrĂŒssel sich nun entschieden haben, schieben dem einen Riegel vor. Doch sie erhöhen eben auch das Risiko einer nuklearen Eskalation. Man muss sich also zwischen zwei Übeln entscheiden. Aber dafĂŒr mĂŒssen die Politiker in Washington, BrĂŒssel und Berlin die beiden Optionen erst einmal deutlicher benennen.

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Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
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Von einem Skandal zum nÀchsten

Selbst steht der britische Premierminister zwar nicht zur Wahl. In vielen Kommunen in England, Wales und Schottland stimmen die BĂŒrger heute nur ĂŒber ihre GemeinderĂ€te ab, in Nordirland wird das Regionalparlament neu bestimmt. Trotzdem gelten die Council elections als wichtiger Stimmungstest fĂŒr Boris Johnson. Sollte seine Konservative Partei ein Debakel erleben, dĂŒrfte dies den zahlreichen AffĂ€ren seiner Regierung zugeschrieben werden.

Denn da sind ja nicht nur die "Partygate"-Details von den Lockdown-Partys im Regierungssitz. Mittlerweile ist auch noch "Pornogate" um den (Ex-)Tory-Abgeordneten Neil Parish hinzugekommen, der im Parlament auf seinem Handy Sexfilmchen guckte. Und "Raynergate": Da geht es um die irrwitzige Anschuldigung eines anonymen Tory-Abgeordneten, die stellvertretende Labour-Chefin Angela Rayner schlage im Unterhaus ihre Beine ĂŒbereinander wie Sharon Stone im Film "Basic Instinct", nur um den gegenĂŒbersitzenden Premierminister abzulenken. WĂ€hrend Boris Johnson behauptet, solche Sperenzchen interessierten die BĂŒrger nicht, sprechen die Umfragewerte eine andere Sprache: Nur noch 23 Prozent der Briten meinen, die Regierung mache einen guten Job. Die Regionalwahlen könnten Johnson einen schweren Schlag zufĂŒgen.

Boris Johnson zieht immer mehr Kritik auf sich.
Boris Johnson zieht immer mehr Kritik auf sich. (Quelle: UK Parliament/Jessica Taylor/Reuters-bilder)

Infos zum Neun-Euro-Ticket

Angesichts steigender Energiepreise soll das Neun-Euro-Ticket fĂŒr den Nahverkehr die BĂŒrger entlasten und den Klimaschutz vorantreiben. Gute Idee. Doch wie immer bei guten Ideen in Deutschland melden sich BedenkentrĂ€ger mit allerlei Wenns und Abers. Auch die finanziellen Details sind noch zu klĂ€ren: Zwar hat der Bund bereits zugesagt, die geschĂ€tzten EinnahmeausfĂ€lle der Verkehrsunternehmen von 2,5 Milliarden Euro zu ĂŒbernehmen, doch den LĂ€ndern reicht das nicht. Sie fordern ĂŒber den schon vereinbarten Corona-Rettungsschirm hinaus weitere 1,5 Milliarden Euro vom Bund, um die gestiegenen Bau-, Energie- und Personalkosten zu decken. Heute will Verkehrsminister Volker Wissing (FDP) eine Lösung prĂ€sentieren. Eines ist jetzt schon klar: Muss wĂ€hrend der Laufzeit des Billigtickets das Verkehrsangebot eingeschrĂ€nkt werden oder steigen nach der Rabattaktion die Tarife, endet die gute Idee als Rohrkrepierer.


Kampf ums Finale

Kommt es am 18. Mai in Sevilla zu einem deutsch-deutschen Endspiel in der Europa League? Heute Abend ab 21 Uhr (im TV bei RTL) wird die Frage beantwortet. Eintracht Frankfurt reicht nach dem 2:1-Sieg bei West Ham United im heimischen Stadion ein Unentschieden, auch Leipzig geht mit einem Vorsprung (1:0) ins RĂŒckspiel bei den Glasgow Rangers. Das sollte doch klappen.


Bild des Tages

Ein historischer Fußballmoment.
Ein historischer Fußballmoment. (Quelle: Joe Pepler/dpa-bilder)
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Selenskyj fordert Wiederaufbauhilfe – Explosion in Russland
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Apropos Fußball: Erinnern Sie sich an diese legendĂ€re Szene? Diego Maradona bugsierte im WM-Viertelfinale 1986 den Ball mit der Faust ins englische Tor. SpĂ€ter sprach er von der "Hand Gottes". Vier Minuten nach seinem Skandaltreffer dribbelte er nahezu die gesamte gegnerische Mannschaft aus und schoss das Tor des Jahrhunderts. Nun ist sein Trikot aus dem Spiel versteigert worden. Was schĂ€tzen Sie, fĂŒr wie viel Geld? Nein, mehr.


Was lesen?



Krieg, Corona, Klimakrise: Die Angst der Deutschen wÀchst. Der Zukunftsforscher Johannes Kleske erklÀrt im Interview mit meiner Kollegin Theresa Crysmann, warum die Haltung "Augen zu und durch" nichts bringt.


Belarus spielt in Putins Krieg eine wichtige Rolle. OppositionsfĂŒhrerin Swetlana Tichanowskaja hat unserem USA-Korrespondenten Bastian Brauns gesagt, was sie jetzt von Deutschland erwartet.


Was amĂŒsiert mich?

Es wird gemunkelt, die ukrainische Regierung wolle sich fĂŒr die Ausladung des BundesprĂ€sidenten entschuldigen.

(Quelle: Mario Lars)

Ich wĂŒnsche Ihnen einen frohen Tag.

Herzliche GrĂŒĂŸe,

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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