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"Ich wei├č, das wird schmerzhaft f├╝r die Deutschen"

  • Bastian Brauns
Von Bastian Brauns, Washington

Aktualisiert am 04.05.2022Lesedauer: 8 Min.
Aus dem Exil auf die Weltb├╝hne: t-online-Korrespondent Bastian Brauns sprach mit Swetlana Tichanowskaja. (Quelle: t-online)
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Swetlana Tichanowskaja ist die demokratische Hoffnung f├╝r Belarus, Europas letzter Diktatur. Im Interview spricht sie ├╝ber ihren Freiheitskampf, die Ukraine und dar├╝ber, was Olaf Scholz jetzt tun muss.

Als Swetlana Tichanowskaja in der George Washington University ans Rednerpult tritt, h├Ąlt sie ein Klemmbrett in den H├Ąnden. Auf dessen Vorderseite ist eine Rede ├╝ber den belarussischen Kampf f├╝r Demokratie. Auf der R├╝ckseite ein schwarzwei├čes Foto ihres in Belarus inhaftierten Ehemannes Sergei Tichanowski. Beides treibt die 39-J├Ąhrige an, obwohl es auch sie selbst in Lebensgefahr bringt. Sie will Freiheit f├╝r ihr Volk und Freiheit f├╝r ihren Mann und den Vater ihrer beiden Kinder.

Belarus' K├Ąmpferin gegen den Diktator Lukaschenko: Swetlana Tichanowskaja in Washington
Belarus' K├Ąmpferin gegen den Diktator Lukaschenko: Swetlana Tichanowskaja in Washington

Die Sicherheitsvorkehrungen f├╝r Tichanowskaja gleichen denen eines echten Staatsoberhauptes. In der US-Hauptstadt wird sie von Ministern und den rangh├Âchsten Politikern empfangen. Tats├Ąchlich darf Swetlana Tichanowskaja aber nicht ihr eigenes Land regieren, obwohl viele davon ausgehen, dass sie die Pr├Ąsidentschaftswahl im Jahr 2020 gewonnen hat. Stattdessen muss sie aus ihrem Exil in Litauen mitansehen, wie der Diktator Alexander Lukaschenko den russischen Pr├Ąsidenten Wladimir Putin im Krieg gegen die Ukraine unterst├╝tzt.

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Im Interview mit t-online spricht Tichanowskaja als selbst erkl├Ąrte rechtm├Ą├čige Vertreterin des belarussischen Volkes ├╝ber ihren Kampf f├╝r die Demokratie und f├╝r die Ukraine, ├╝ber ihren Dank, aber auch ├╝ber ihre Erwartungen an Deutschland.

t-online: Frau Tichanowskaja, Sie waren mehrere Tage zu Besuch in Washington. Was hat sie hierher in die US-Hauptstadt gebracht?

Swetlana Tichanowskaja: Tats├Ąchlich bin ich wegen der Trauerfeier f├╝r die ehemalige US-Au├čenministerin Madeleine Albright gekommen. Seit meinem letzten Besuch hier hatten wir eine sehr herzliche und freundschaftliche Beziehung aufgebaut. Ich bekam eine pers├Ânliche Einladung ihrer Familie, was mir zeigt, dass es ihr Wunsch war, dass ich dabei bin.

War Madeleine Albright f├╝r Sie ein Vorbild?

Sie war eine beeindruckende K├Ąmpferin f├╝r die Freiheit und eine ausgesprochene Feindin von Diktatoren auf der ganzen Welt. Sie hat meinem Land Belarus und unserem Kampf f├╝r die Demokratie viel Beachtung geschenkt. Dieser Kampf dauert an.

Und sie k├Ąmpfen ihn seit 2020. Was konnten Sie in den USA erreichen?

Ich hatte viele Einladungen, die ich sehr gerne wahrgenommen habe. US-Au├čenminister Antony Blinken und seine Stellvertreterin Wendy Sherman habe ich ebenso treffen k├Ânnen wie die Sprecherin des Repr├Ąsentantenhauses, Nancy Pelosi, den Minderheitsf├╝hrer im Senat, Mitch McConnell, und den Vorsitzenden des Au├čenausschusses, Bob Menendez. Es war mir aber auch wichtig, die hier lebenden Exil-Belarussen und einige Thinktanks zu besuchen.

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Weltweit werben Sie f├╝r die Unterst├╝tzung der Demokratiebewegung in Belarus. K├Ânnen Sie Erfolge vermelden?

Jene, die uns unterst├╝tzen, erm├Âglichen es uns, weiterzumachen. Auch deshalb war ich in Washington. Gemeinsam mit der US-Regierung und anderen Politikern haben wir besprochen, was jetzt getan werden muss.

Worum ging es dabei?

Lukaschenko hat darauf gebaut, dass Putin seinen Blitzkrieg gewinnt. Darum hat er ihn unterst├╝tzt und w├Ąre auf der sicheren Seite gewesen. Das ging aber gr├╝ndlich schief. Jetzt versucht Lukaschenko, sich aus der Verantwortung zu stehlen, aus Angst vor den Konsequenzen. Lukaschenko geh├Ârt aber ebenso wie Putin auf die Liste von Kriegsverbrechern. Er soll sich vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten m├╝ssen. Es ging bei meinen Treffen deshalb auch darum, dass die USA ihre Ermittlungsbem├╝hungen ausweiten. Amerika und seine Verb├╝ndeten d├╝rfen jetzt nicht lockerlassen. Wir brauchen gegen das belarussische Regime ebenso harte Sanktionen wie gegen Putins Russland. Sie m├╝ssen nur anders gestaltet werden.

Auf welche Weise?

Zum Beispiel m├╝ssen kleine Privatunternehmen in Belarus weiter in der Lage sein k├Ânnen, ihre Gesch├Ąfte zu machen. Anders als in Russland gibt es in Belarus au├čerdem nicht so viele Oligarchen. Macht und Geld liegen in der Hand der Familie Lukaschenko. Deren Verm├Âgen soll sich unseren Experten zufolge vielfach in der Golfregion befinden. Belarus hat kein Erdgas. Aber alle staatlichen Unternehmen und Banken wirtschaften am Ende in die Tasche des Regimes. Darum m├╝ssen Europa und die USA alles daran setzen, die Schlupfl├Âcher zu schlie├čen, die Lukaschenkos Regime sehr gut kennt und nach wie vor nutzt. L├Ąnder wie Kasachstan oder Aserbaidschan spielen eine wichtige Rolle beim Umgehen der bereits existierenden Sanktionen. Auch die Finanzhilfen des Internationalen W├Ąhrungsfonds f├╝r Belarus d├╝rfen nicht mehr in die Taschen von Lukaschenko wandern.

Viele westliche Staats- und Regierungschefs waren in den vergangenen Wochen bereits in Kiew, um ihre Unterst├╝tzung zu zeigen. Planen Sie auch eine solche Reise?

Vor dem Krieg war die ukrainische Regierung in Sorge, dass ein Besuch von mir zu unn├Âtigen Spannungen mit Lukaschenko f├╝hren k├Ânnte. Das wollte man unbedingt vermeiden. Inzwischen sind es die Bedenken von Litauen, die f├╝r meine Sicherheit in Vilnius sorgen, weshalb ich derzeit nicht nach Kiew reise. Aber nat├╝rlich w├╝rde ich das gerne machen. Mein Team und ich befinden uns im regelm├Ą├čigen Austausch mit der ukrainischen Regierung und Pr├Ąsident Wolodymyr Selenskyj und wir planen nun, ein B├╝ro in Kiew zu er├Âffnen.

Von der ehemaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel wurden Sie einst empfangen. Werden Sie nun auch Bundeskanzler Olaf Scholz treffen?

Ich habe ihn bereits zweimal getroffen, bevor er Kanzler wurde. Und ich w├╝rde Olaf Scholz gerne wieder treffen.

Was erwarten Sie von ihm?

Es ist wichtig, dass Deutschland eine f├╝hrende Stimme in Europa ist. Alle europ├Ąischen Staaten warten darauf, dass Deutschland f├╝hrt. Die Belarussen wissen, dass Deutschland ├╝ber Jahre wirtschaftliche und politische Beziehungen zu Russland aufgebaut und gepflegt hat. Ich denke, es w├Ąre eine richtige Entscheidung, kein russisches Erdgas mehr zu kaufen und die Ukraine zu unterst├╝tzen.

Eine nach wie vor umstrittene Entscheidung, zumindest kurzfristig.

Ich wei├č, dass dies schmerzhaft f├╝r die deutsche Bev├Âlkerung sein wird. Aber ich denke, dass die Deutschen sehr gut verstehen, warum das getan wird. Es ist wichtig, dass in Deutschland verstanden wird, dass das kein russisch-ukrainischer Krieg ist. Es ist ein Krieg zwischen den Demokratien und den Autokratien, der auf dem Territorium der Ukraine stattfindet. Die Ukrainer k├Ąmpfen f├╝r die W├╝rde aller demokratischen Staaten.

Swetlana Tichanowskaja ist eine belarussische B├╝rgerrechtlerin. Sie war im Jahr 2020 Pr├Ąsidentschaftskandidatin. Im Zuge der niedergeschlagenen pro-demokratischen Massenproteste floh die 39-J├Ąhrige ins Exil, in die litauische Hauptstadt Vilnius. Von dort aus versucht die zweifache Mutter und selbst erkl├Ąrte Anf├╝hrerin von Belarus, das Lukaschenko-Regime zu beseitigen und die Tausenden inhaftierten politischen Gefangenen zu befreien, darunter auch ihr Ehemann. Am 26. Mai wird ihr der Karlspreis in Aachen verliehen.

Sind Sie mit der deutschen Unterst├╝tzung f├╝r Ihr Anliegen in Belarus zufrieden?

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Nat├╝rlich danke ich der Bundesregierung f├╝r die fortw├Ąhrende Unterst├╝tzung unserer demokratischen Bewegung. Deutschland hat Lukaschenko nicht als Pr├Ąsidenten anerkannt. Deutschland hat sich den Sanktionen gegen das Regime angeschlossen und die Zivilgesellschaft unterst├╝tzt.

Wie gut w├╝rden Sie Ihre Kontakte zu deutschen Politikern beschreiben?

Ich habe ein sehr gutes Verh├Ąltnis zu Bundespr├Ąsident Frank-Walter Steinmeier, zu Annalena Baerbock und zu Claudia Roth.

Gibt es etwas Besonderes, das Sie und Annalena Baerbock als Frauen und M├╝tter von zwei Kindern verbindet?

Letztendlich wei├č ich nicht, worauf gute Beziehungen wirklich basieren. Aber ja, wir sind Frauen. Ich erinnere mich, dass ich Annalena kennengelernt habe, als sie noch Vorsitzende der Gr├╝nen war. Wir kamen mit unserem Schmerz, dem Schmerz unserer Frauen und unserer Gefangenen. Sie ist eine Frau. Sie versteht, wie wir uns f├╝hlen. Sie wurde von den Frauen inspiriert, die die Proteste angef├╝hrt haben. Und sie ist inspiriert von unserem Kampf. Aber nat├╝rlich habe ich auch gute Beziehungen zu M├Ąnnern, die keine Kinder haben.

Werden Sie bei Ihren Treffen eigentlich als Exil-Pr├Ąsidentin oder Oppositionsf├╝hrerin angesprochen?

Ich denke, es kommt ├╝berhaupt nicht darauf an, wie mich die Menschen nennen. Einige sagen Oppositionsf├╝hrerin, einige sprechen von mir als der gew├Ąhlten Pr├Ąsidentin von Belarus, andere sehen mich als demokratische Anf├╝hrerin. Lukaschenko h├Ąlt sich f├╝r den gr├Â├čten Pr├Ąsidenten, der alle Wahlen gewonnen hat, was aber nicht hei├čt, dass er das Vertrauen der Menschen genie├čt.

Sie hingegen wurden zu einem Vorbild f├╝r Demokratiebewegungen auf der ganzen Welt.

Ich wei├č, dass die Menschen im Jahr 2020 f├╝r mich gestimmt haben. Das ist jetzt meine Aufgabe und ich tue ich alles daf├╝r, um die politischen Gefangenen in unserem Land zu befreien, die Repressionen zu stoppen und unser Land in Neuwahlen zu f├╝hren.

Seit damals ist viel passiert. Ihr Ehemann sitzt noch immer im Gef├Ąngnis. Sie leben im Exil in Litauen. In Ihrem Nachbarland, der Ukraine, tobt ein furchtbarer Krieg.

Lukaschenko hat unser Land betrogen. Diese Tatsache hat dazu gef├╝hrt, dass er Belarus in diesem schlimmen Krieg selbst zu einem Aggressor gegen die Ukraine gemacht hat. Wir m├╝ssen jetzt nicht mehr nur f├╝r unsere Freiheit und Demokratie k├Ąmpfen, sondern auch f├╝r unseren guten Ruf.

F├╝rchten Sie, dass in der Ukraine nicht nur die Wut auf die russische Bev├Âlkerung w├Ąchst, sondern auch auf das belarussische Volk?

Es ist wichtig, die Zahlen zu kennen. Etwa 85 bis 90 Prozent der Belarussen sind gegen die Beteiligung unserer Armee an diesem Krieg. Wir waren geschockt, als Lukaschenko unseren Boden russischen Truppen und deren Ausr├╝stung zur Verf├╝gung gestellt hat. Von unserem Land wurden Raketen auf die Ukraine geschossen. Butscha wurde von unserem Land aus bombardiert.

Wie sah Ihre Reaktion darauf aus?

Als der Krieg ausbrach, haben wir sofort damit begonnen, der Ukraine, Polen und Litauen zu erkl├Ąren, dass wir Belarussen gegen diesen Krieg sind. Viele von uns k├Ąmpfen an der Seite der Ukrainer gegen die russischen Soldaten. Wir haben Bildmaterial von russischen Truppenbewegungen auf unserem Boden umgehend an die ukrainische Armee gesendet. Das ist eine enorme, quasi geheimdienstliche Unterst├╝tzung. Belarussische Fl├╝chtlinge, die seit einiger Zeit in Polen sind, helfen nun ukrainischen Fl├╝chtlingen.

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Aber Sie w├╝rden gerne noch viel mehr tun.

Ja, nur k├Ânnen wir derzeit kaum etwas gegen Putin ausrichten, weil unser Volk selbst unterdr├╝ckt wird und die Menschen f├╝rchten, in den Gulags zu landen. Viele Hunderttausend Menschen hatten 2020 den Mut, gegen unser Regime aufzustehen. Viele von ihnen sitzen heute noch immer im Gef├Ąngnis und werden gefoltert.

August 2020: Belarussische Polizeikr├Ąfte verhaften und verschleppen Tausende Demonstranten und Oppositionelle
August 2020: Belarussische Polizeikr├Ąfte verhaften und verschleppen Tausende Demonstranten und Oppositionelle (Quelle: imago-images-bilder)

Wie regelm├Ą├čig k├Ânnen Sie mit Ihrem Mann Sergei sprechen?

Unser Anwalt vor Ort darf ihn einmal pro Woche besuchen. ├ťber ihn k├Ânnen wir uns kurze Nachrichten schicken. Das ist alles. Unsere Kinder schreiben aber Briefe an ihn. Kinderbriefe werden durchgestellt und er kann ihnen zur├╝ckschreiben. Sobald es in diesen Briefen aber auch nur kurz um mich geht, werden sie abgefangen.

Auch Sie wurden bereits mit dem Tod bedroht. Woher nehmen Sie die Kraft, trotz aller Gefahren weiterzumachen?

Nat├╝rlich f├╝hle ich mich manchmal schwach. Nat├╝rlich bin ich auch m├╝de. Nat├╝rlich f├╝hle ich mich auch abscheulich und denke: Ich kann das alles nicht mehr. Aber so wie mir geht es vielen anderen Belarussen. Wir denken dann aber an unsere Familien und Freunde, die zu Tausenden als politische Gefangene hinter Gittern sitzen. Das gibt uns Kraft. Zu wissen, dass wir nicht das Recht haben, sie zu verraten. Meine Kinder fragen mich st├Ąndig, wann ihr Vater nach Hause kommt. Mein Mann kann aber morgens nicht aufstehen und sich einfach eine gute Tasse Kaffee machen. Diese Tatsache wird mir jeden Morgen vor Augen gef├╝hrt.

Glauben Sie, dass in Russland eine gro├če Demokratiebewegung wie die Ihre in Belarus entstehen kann?

Nach 28 Jahren Diktatur befanden wir uns in Belarus wie in einem Koma. Wir hatten Angst davor, auch nur ein Wort gegen das Regime zu richten. Als wir auf die Stra├če gingen, war es so, als seien wir pl├Âtzlich aufgewacht. Wir waren von uns selbst ├╝berrascht. Alexej Nawalny dachte damals, als er den Aufstand sah, dass etwas ├ähnliches in Russland m├Âglich sein k├Ânnte. Und tats├Ąchlich haben wir doch auch jetzt viele Proteste in Russland gesehen. Sie waren klein, aber sie waren da. Und sie waren ein Signal f├╝r die russische Regierung.

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