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Meinung
Was ist eine Meinung?

Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Das Jahrhundert-Experiment

Von Sven B├Âll

Aktualisiert am 23.05.2022Lesedauer: 6 Min.
Genie├čen Sie den Sommer in vollen Z├╝gen!: Reisende am Hamburger Hauptbahnhof.
Genie├čen Sie den Sommer in vollen Z├╝gen!: Reisende am Hamburger Hauptbahnhof. (Quelle: imago-images-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

ja, ich habe es schon getan ÔÇô und mir am Wochenende das 9-Euro-Ticket heruntergeladen. Bei der Deutschen Bahn und vielen Verkehrsverb├╝nden startet der Verkauf heute. Offiziell los geht es dann am 1. Juni: F├╝r 30 Cent pro Tag kann jeder in ganz Deutschland den Nahverkehr nutzen. Das w├Ąre auch ohne die derzeit hohe Inflation ein sensationelles Angebot, das ganz neue M├Âglichkeiten er├Âffnet.

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Nein, ich fordere Sie jetzt nicht auf, im Schn├Ąppchen-Sommer nach Sylt zu fahren oder an den K├Ânigssee. Ich m├Âchte dort kein Besuchsverbot bekommen. Aber Sie k├Ânnten doch mal richtig gem├╝tlich Deutschland durchqueren.

Wie w├Ąre es mit einer Tour von Flensburg nach Oberstdorf per Regionalexpress? Um 5.15 Uhr gehts los ÔÇô und nach achtmal Umsteigen sind Sie sechzehneinhalb Stunden sp├Ąter in den Alpen. Zugegeben, das ist ein langer Tag. Aber mit dem ICE sind Sie auch nur rund f├╝nf Stunden fr├╝her da.

Nur eine Regionalexpress-Tagesfahrt von der d├Ąnischen Grenze entfernt: das Allg├Ąu.
Nur eine Regionalexpress-Tagesfahrt von der d├Ąnischen Grenze entfernt: das Allg├Ąu. (Quelle: imago-images-bilder)

In unter zw├Âlf Stunden schaffen Sie es sogar von West nach Ost. Es reicht, wenn Sie um 7.22 Uhr in Aachen den Regionalexpress nehmen, um nach vier Umstiegen p├╝nktlich zum Abendessen in Frankfurt/Oder zu sein. In Bad Oeynhausen (Kurstadt!), Braunschweig (Einkaufszentrum im Schloss!) und Magdeburg (besser als sein Ruf!) haben Sie jeweils mehr als eine halbe Stunde Aufenthalt. Da ist auf jeden Fall etwas Sightseeing drin.

Wobei diese Reiserouten nat├╝rlich ohne Gew├Ąhr sind. Wie wir alle wissen, kommt es bei der Bahn in ├Ąu├čerst seltenen Einzelf├Ąllen hin und wieder zu ganz leichten Verz├Âgerungen im Betriebsablauf. Aber, kein Scherz: Z├╝ge des Nahverkehrs sind notorisch p├╝nktlicher als ICEs und ICs.

Es gibt also ab Juni ungeahnte M├Âglichkeiten f├╝r kleine und gro├če Weltentdecker. Kein Wunder, dass der US-Fernsehsender CNN Deutschland bereits zum "bezahlbarsten Reiseziel" dieses Sommers ausgerufen hat.

Hei├čt es bei Rabattaktionen sonst "Alles muss raus", gilt dann bei Bussen und Bahnen: "Alles muss rein." Willkommen beim gr├Â├čten Verkehrsexperiment seit Jahrzehnten, vielleicht sogar des Jahrhunderts (hier finden Sie alle wichtigen Informationen zum 9-Euro-Ticket).

Wie geht das Experiment aus? Das wissen Verkehrsminister Volker Wissing und BVG-Chefin Eva Kreienkamp auch noch nicht.
Wie geht das Experiment aus? Das wissen Verkehrsminister Volker Wissing und BVG-Chefin Eva Kreienkamp auch noch nicht. (Quelle: Emmanuele Contini/imago-images-bilder)

Bei aller Freude ├╝ber den quasi-kostenlosen Nahverkehr geht es nat├╝rlich auch darum, aus der in einer Nachtsitzung der Koalition geborenen Aktion sinnvolle Schl├╝sse zu ziehen.

Zur Beurteilung des Erfolgs stellen sich vor allem drei Fragen:

  • Wie viele Menschen kaufen das Ticket?
  • Steigen tats├Ąchlich auch Autofahrer um?
  • Was passiert eigentlich ab September?

In einer Umfrage des ARD-Deutschlandtrends gaben vor Kurzem 44 Prozent der Befragten an, das 9-Euro-Ticket auf jeden Fall oder wahrscheinlich zu nutzen. Nur rund ein Viertel erwies sich als ├╝berzeugungsresistent. In anderen Erhebungen war das Ergebnis ├Ąhnlich.

Die Verkehrsunternehmen kalkulieren entsprechend damit, dass rund vier von zehn B├╝rgern zugreifen: Sie gehen von 30 Millionen verkauften Tickets pro Monat aus.

Sollten es tats├Ąchlich so viele werden, w├Ąre die Aktion bereits ein Erfolg. Und das Ergebnis w├╝rde daf├╝r sprechen, dass es beim Nahverkehr eben nicht anders ist als bei sonstigen Produkten: Eine Preissenkung steigert die Nachfrage.

Auch wenn die Preise f├╝r Busse und Bahnen schon jetzt bei weitem nicht kostendeckend sind, schrecken sie eben viele Menschen ab. So werden f├╝r ein Monatsticket in einigen Regionen 100 Euro oder sogar mehr f├Ąllig. Klar, oft existieren g├╝nstigere Jobtickets. Und ber├╝cksichtigt man alle Ausgaben, ist ein Auto auch ziemlich teuer. Aber die meisten Leute vergleichen eben den Ticketpreis mit den Benzinkosten.

Wo nur Radkappen auf Busse warten: Haltestelle in der Uckermark.
Wo nur Radkappen auf Busse warten: Haltestelle in der Uckermark. (Quelle: imago-images-bilder)

Und was in Debatten des Berliner Politikbetriebs gern vergessen wird: Auf dem Land hat der Nahverkehr oft eher potemkinsche Ausma├če: Es existieren zwar Haltestellen, aber es kommen keine Busse.

Ein weiteres Kriterium f├╝r den Erfolg des 9-Euro-Tickets ist deshalb auch, ob nicht nur in den St├Ądten mehr Menschen ihr Auto stehen lassen, sondern auch auf dem Land. Nat├╝rlich wird das Experiment durch den parallel existierenden Tankrabatt verzerrt. Aber trotz allem ist der Nahverkehr im Vergleich zum Auto so g├╝nstig wie nie. Gut m├Âglich also, dass selbst dort, wo das Angebot bescheiden ist (weil nur alle zwei Stunden oder noch seltener ein Bus kommt), die Nachfrage steigt.

Eine nicht ganz unplausible Bilanz des dreimonatigen Experiments k├Ânnte lauten: In den St├Ądten waren die Bahnen voller denn je, und in l├Ąndlichen Regionen sa├čen ├╝berhaupt mal Menschen im Bus.

In diesem Fall w├Ąre das 9-Euro-Ticket eine Erfolgsgeschichte. Nur: Was passiert dann? Sagen Politiker "Och sch├Ân, dass wir es mal ausprobiert haben, aber nun kommen wieder schlechte Zeiten"?

Als wir Olaf Scholz in unserem t-online-Interview k├╝rzlich fragten, ob ab September tats├Ąchlich wieder die Mai-Welt gelte, antwortete er vielsagend: "Die Ma├čnahmen sind befristet. Ansonsten haben wir ja bewiesen, dass wir uns die Lage stets genau anschauen." Vom Politikerdeutsch ins B├╝rgerdeutsch ├╝bersetzt hei├čt das: "Wenn das 9-Euro-Ticket erfolgreich ist, ├╝berlegen wir uns, wie der Nahverkehr dauerhaft attraktiver wird."

Immerhin sind Regionalbahnen p├╝nktlicher als ICEs: Z├╝ge in Nordrhein-Westfalen.
Immerhin sind Regionalbahnen p├╝nktlicher als ICEs: Z├╝ge in Nordrhein-Westfalen. (Quelle: imago-images-bilder)

Das hei├čt nat├╝rlich nicht, dass Busse und Bahnen k├╝nftig spottbillig sein werden. Aber es w├╝rde zumindest bedeuten, dass die Politik endlich Ernst macht mit einem Versprechen, das sich seit Jahrzehnten in Sonntagsreden wiederfindet, dessen Umsetzung an Werktagen aber hakt: dem massiven Ausbau des Nahverkehrs in allen Teilen der Republik.

Dazu geh├Âren auch deutlich attraktivere Preise. Damit sind nicht nur g├╝nstigere Tarife gemeint, sondern auch einfachere. Ist das noch Zone 5 oder schon 6? Darf ich um 16 Uhr das Fahrrad mitnehmen oder erst wieder um 18 Uhr? Sind drei Kinder inklusive oder nur zwei? Diese Fragen sollte sich k├╝nftig niemand mehr stellen m├╝ssen.

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Tagesanbruch - Was heute wichtig ist
Was heute wichtig ist

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Nat├╝rlich ist es bis dahin noch ein sehr langer Weg ÔÇô sch├Âne Gr├╝├če vom deutschen Planungsrecht und den grotesk anmutenden F├╝rstent├╝mern namens "Nahverkehrsverb├╝nde". Aber ein erfolgreicher 9-Euro-Sommer er├Âffnet die gr├Â├čte Chance seit einer gef├╝hlten Ewigkeit, dass endlich genug Druck auf der Pipeline ist. Alle Beteiligten w├Ąren endlich gefordert, das ausgegebene Ziel, die Fahrgastzahlen in Bussen und Bahnen bis 2030 zu verdoppeln, mit realistischen, konkreten Ma├čnahmen zu hinterlegen.

Und den Nahverkehr endlich zu einem Erfolg f├╝r alle B├╝rger zu machen.


Termine des Tages

Gut bewacht: Olaf Scholz und der senegalesische Pr├Ąsident Macky Sall.
Gut bewacht: Olaf Scholz und der senegalesische Pr├Ąsident Macky Sall. (Quelle: dpa-bilder)

Gestern Niger, heute Senegal ÔÇô und dann S├╝dafrika: Olaf Scholz sucht auf seiner Reise in mehrere afrikanische L├Ąnder angesichts der komplizierten geopolitischen Lage Verb├╝ndete gegen autorit├Ąre Staaten wie China und Russland. Auch deshalb ist es als Signal zu deuten, dass der Kanzler ÔÇô im Gegensatz zu seiner China-affinen Vorg├Ąngerin ÔÇô in seiner bisherigen Amtszeit noch nicht in Peking war.

Am Donnerstag reist Scholz nach Davos. Dort beginnt heute das Weltwirtschaftsforum. Bei dem Treffen, das normalerweise im Januarschnee stattfindet, diskutieren F├╝hrungspers├Ânlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft ├╝ber aktuelle Themen. Entsprechend geht es in diesem Jahr darum, wie rasch sich die globale ├ľkonomie von der Corona-Pandemie erholt und welche Folgen der Ukraine-Krieg hat. Der ukrainische Pr├Ąsident Wolodymyr Selenskyj ist heute Vormittag per Video f├╝r eine Rede zugeschaltet. Mein Kollege Florian Schmidt ist vor Ort und berichtet f├╝r Sie aus den Schweizer Bergen. Hier beantwortet er die wichtigsten Fragen zum Event.

Auch K├Ânige haben's nicht immer leicht: Felipe VI.
Auch K├Ânige haben's nicht immer leicht: Felipe VI. (Quelle: imago-images-bilder)

Probleme gibt es auch in den vermeintlich besten Familien zuhauf: Der ehemalige spanische K├Ânig Juan Carlos trifft zum Abschluss seines kurzen Besuchs in der Heimat K├Ânig Felipe VI. H├Âflich formuliert, wahrt sein Sohn Distanz zu seinem umstrittenen Vater.

Schafft der HSV den Aufstieg in die erste Liga? Das entscheidet sich im zweiten Relegationsspiel gegen Hertha BSC ab 20.30 Uhr in Hamburg. Zumindest die Ausgangslage ist gut: Das Hinspiel in Berlin gewann der HSV mit 1:0.

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Was lesen?

Daniel M├╝tzel ist gerade erst aus der Ukraine zur├╝ckgekehrt. Dort hat er auch den Kommandeur des tschetschenischen Scheich-Mansur-Bataillons getroffen, auf den 500.000 Dollar Kopfgeld ausgesetzt sind. Die Miliz k├Ąmpft an der Seite der Ukraine gegen die russischen Truppen.

"Das Video aus Butscha war nicht gefakt ÔÇô es zeigt echte Tote." Das sagt der digitale Forensiker Dirk Labbude, der hilft, Mordf├Ąlle und andere Straftaten aufzukl├Ąren. Im Gespr├Ąch mit Miriam Hollstein schildert der Professor seine wichtigsten F├Ąlle.

RB Leipzig hat den DFB-Pokal gewonnen, wird aber nicht gerade von Gl├╝ckw├╝nschen ├╝berh├Ąuft, wie Lars Wienand berichtet. David Digili ├╝berrascht das nicht. Seine Meinung: selbst schuld.

Am Sonntagabend lief der letzte "Tatort", in dem Meret Becker die Kommissarin Nina Rubin spielte. Steven Sowa hat die 53-J├Ąhrige erz├Ąhlt, warum beim Abschied nicht alles so lief, wie sie es sich urspr├╝nglich gew├╝nscht hatte.

(Quelle: TopFoto/ullstein-bild)

Apropos Kriminalit├Ąt: Ihre Liebe war gro├č, aber m├Ârderisch. 1934 starb dieses ber├╝hmte Gangsterpaar im Kugelhagel. Wer die beiden waren, lesen Sie hier.


Was mich am├╝siert

Falls Sie gedacht haben sollten: "Jetzt, da Corona gef├╝hlt erst einmal vorbei ist, kehrt Ruhe an der Virusfront ein" ... leider nein.

(Quelle: Mario Lars)

Bleiben Sie bitte gesund!

Morgen schreibt an dieser Stelle mein Kollege David Schafbuch f├╝r Sie.

Ihr

Sven B├Âll
Managing Editor t-online
Twitter: @SvenBoell

Was denken Sie ├╝ber die wichtigsten Themen des Tages? Schreiben Sie es uns per E-Mail an t-online-newsletter@stroeer.de.

Mit Material von dpa.

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