Interview
Unsere Interview-Regel

Der GesprĂ€chspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschließend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"Russland hat keines seiner Kriegsziele erreicht"

  • Sven Böll
  • Florian Harms
Von S. Böll, F. Harms, M. Hollstein

Aktualisiert am 15.05.2022Lesedauer: 12 Min.
Bundeskanzler Olaf Scholz sagt im exklusiven t-online-Interview, was er vom russischen PrÀsidenten Putin erwartet.
Bundeskanzler Olaf Scholz sagt im exklusiven t-online-Interview, was er vom russischen PrĂ€sidenten Putin erwartet. (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild fĂŒr einen TextJamaika-Koalition in Kiel ist vom TischSymbolbild fĂŒr einen TextRihannas Baby ist daSymbolbild fĂŒr einen TextTeuerstes Lufthansa-Ticket kostet 24.000 DollarSymbolbild fĂŒr einen TextBericht: Kovac vor Bundesliga-ComebackLive: Abstiegskrimi in der Premier LeagueSymbolbild fĂŒr einen TextImmer mehr Affenpocken-FĂ€lle weltweitSymbolbild fĂŒr einen TextAngriff an Schule: TĂ€ter war schwer bewaffnetSymbolbild fĂŒr einen TextKomponist Vangelis ist totSymbolbild fĂŒr einen Text400 Reisende in Hitze-ICE gefangenSymbolbild fĂŒr ein VideoForscher finden Hinweis auf ParalleluniversumSymbolbild fĂŒr einen Watson TeaserRTL-Moderatorin zeigt sich oben ohne

Kanzler Olaf Scholz spricht im großen t-online-Interview ĂŒber sein jĂŒngstes Telefonat mit Wladimir Putin, weitere Entlastungen fĂŒr die BĂŒrger, den Zustand der Koalition – und seine Forderungen an Gerhard Schröder.

Olaf Scholz macht einen aufgerĂ€umten, fast entspannten Eindruck, als er zum GesprĂ€ch in sein großes, recht nĂŒchternes Amtszimmer bittet. Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba ist gerade in der NĂ€he, spĂ€ter muss Scholz noch ein wichtiges Telefonat fĂŒhren. Aber Stress? Nein, davon ist trotz der dramatischen Weltlage wenig bis nichts zu spĂŒren.

Geduldig ist Scholz zuvor den Bitten des Fotografen gefolgt – und mit demonstrativer Ruhe stellt er sich nun den Fragen.

Pomp? Fehlanzeige! Das BĂŒro des Kanzlers.
Pomp? Fehlanzeige! Das BĂŒro des Kanzlers. (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

t-online: Herr Bundeskanzler, wann fahren Sie nach Kiew?

Olaf Scholz: Erst mal bin ich sehr froh, dass es ein klĂ€rendes GesprĂ€ch zwischen PrĂ€sident Selenskyj und dem BundesprĂ€sidenten gegeben hat. Damit ist die Sache erledigt. Und es ist gut, dass sowohl die BundestagsprĂ€sidentin als auch die Außenministerin in der vergangenen Woche in Kiew gewesen sind. Ich habe mit Wolodymyr Selenskyj in BrĂŒssel, Kiew und MĂŒnchen gesprochen und viele Male telefoniert, zuletzt am Mittwoch.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Könnte die Nato Erdoğan einfach rauswerfen?
Recep Tayyip Erdoğan: Der tĂŒrkische PrĂ€sident blockiert den Nato-Beitritt von Schweden und Finnland.


Das beantwortet die Frage nicht. Ihr letzter Besuch fand vor Beginn des Krieges statt. Warum verweigern Sie der Ukraine jetzt einen Besuch?

Ein politisch Verantwortlicher sollte vor allem nach Kiew fahren, wenn es konkrete Dinge gibt, die unbedingt vor Ort besprochen werden mĂŒssen. Unsere UnterstĂŒtzung fĂŒr die Ukraine bleibt auf alle FĂ€lle groß.

Der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk hat Sie eine "beleidigte Leberwurst" genannt, weil Sie den Eindruck erwecken, nicht nach Kiew fahren zu wollen. Können Sie als Bundeskanzler so eine heftige Kritik einfach hinnehmen?

Ach, das ĂŒberlasse ich gerne Ihrer Beurteilung.

"Unser Ziel ist, dass der russische Invasionsversuch scheitert."
"Unser Ziel ist, dass der russische Invasionsversuch scheitert." (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Wir wĂŒssten gern Ihre Meinung.

Die Ukraine befindet sich seit Wochen im Krieg. Da muss man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen. Wichtig ist, dass wir uns auf das Wesentliche konzentrieren: Wir wollen mithelfen, dass sich die Ukraine verteidigen kann. Und gemeinsam mit unseren VerbĂŒndeten wollen wir Russland dazu bringen, dass es die Waffen schweigen lĂ€sst und seine Truppen aus der Ukraine zurĂŒckzieht. Deshalb haben wir umfangreiche Sanktionen verhĂ€ngt.

Momentan scheinen die Sanktionen aber nicht viel zu bewirken.

Ihr Eindruck tÀuscht. Die Sanktionen zeigen ganz erhebliche Wirkungen. Die russische Wirtschaft hat darunter massiv zu leiden, ihre Entwicklungschancen sind stark beeintrÀchtigt.

Sie haben am Freitag mit Wladimir Putin telefoniert. Erkennen Sie bei ihm einen Sinneswandel?

Nein. Dabei ist klar: Russland hat keines seiner zu Beginn genannten Kriegsziele erreicht. Die Ukraine ist nicht erobert worden, sondern verteidigt sich mit viel Geschick, Mut und Aufopferungswillen. Die Nato hat sich nicht zurĂŒckgezogen, sondern ihre KrĂ€fte an der östlichen Flanke des BĂŒndnisses sogar verstĂ€rkt. Und die Allianz wird noch stĂ€rker, wenn Finnland und Schweden der Nato beitreten. Das russische MilitĂ€r selbst hat erhebliche Verluste erlitten, weit mehr als in den zehn Jahren des Afghanistan-Feldzugs der Sowjetunion. Langsam sollte Putin klar werden, dass ein Ausweg aus dieser Situation nur ĂŒber eine VerstĂ€ndigung mit der Ukraine fĂŒhrt.

Loading...
Symbolbild fĂŒr eingebettete Inhalte

Embed

Aber wie soll diese VerstĂ€ndigung denn aussehen? FĂŒr einen russischen PrĂ€sidenten ist es zwar leichter zu kaschieren, dass er seine Ziele nicht erreicht hat, als fĂŒr einen Bundeskanzler in einer demokratischen Öffentlichkeit. Aber einfach ist es doch trotzdem nicht.

Russland muss irgendwann verstehen: Die einzig plausible Möglichkeit, dass die Sanktionen irgendwann beendet werden, ist eine Vereinbarung mit der Ukraine – und die kann kein Diktatfrieden sein.

Heißt das, die Grenzen aus der Zeit vor der Krim-Annexion 2014 mĂŒssen wiederhergestellt werden, so wie es der ukrainische PrĂ€sident Selenskyj fordert?

Ich fordere, dass Putin seine Truppen wieder zurĂŒckzieht. Ansonsten gilt ein klares Prinzip: Die Ukraine entscheidet ĂŒber diese Fragen. Wir können nicht stellvertretend fĂŒr sie verhandeln, weder in die eine noch die andere Richtung.

Die Botschaft: keine Sorge, alles im Griff.
Die Botschaft: Keine Sorge, alles im Griff. (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Das bedeutet also: Bis es irgendwann so weit ist, macht Deutschland mit seinen Partnern weiter wie bisher, liefert immer mehr Waffen, verhÀngt immer schÀrfere Sanktionen?

Ja, wir werden weitermachen. Auch mit Sanktionen. Weil es unser Ziel ist, dass der russische Invasionsversuch scheitert. Das ist der Maßstab fĂŒr unser Handeln.

Hatten Sie bei Ihrem Telefonat am Freitag den Eindruck, dass Putin solchen Argumenten mittlerweile zugÀnglich ist?

Das weiß ich nicht. Russland hat sich jedenfalls in eine dramatische Lage manövriert. Wir sehen doch gerade, wohin ökonomische Isolation fĂŒhrt. Der russische PrĂ€sident muss verstehen: Seinem Land ist die Möglichkeit, vom Fortschritt der Welt zu profitieren, so lange verbaut, bis es echten Frieden gibt.

Haben Sie ihm das so gesagt?

Ich werde hier keine Details ausplaudern, aber ganz grundsÀtzlich kann ich sagen: Solche GesprÀche ergeben nur dann Sinn, wenn man nicht drumherum redet.

Sie reden also Klartext mit Putin.

Ja, und der russische PrĂ€sident ĂŒbrigens auch.

Wie groß ist die Gefahr, dass er Atomwaffen einsetzt?

DarĂŒber zu spekulieren, macht keinen Sinn. Aber wir dĂŒrfen die Sorge von vielen BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern nicht einfach abtun. Wir werden jedenfalls keine Entscheidung treffen, die zu einer direkten Konfrontation zwischen der Nato und Russland fĂŒhren könnte.

In der Ruhe liegt die Kraft: Olaf Scholz beim Foto-Shooting.
In der Ruhe liegt die Kraft: Olaf Scholz beim Fotoshooting. (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Glauben Sie eigentlich, dass Putin noch rational handelt?

Loading...
Loading...
Loading...

Ergibt sein Handeln Sinn? NatĂŒrlich nicht! FĂŒr Putins wahnwitzige Idee, das russische Imperium vergrĂ¶ĂŸern zu wollen, zahlen Russland und die ganze Welt gerade einen sehr hohen Preis. Viele LĂ€nder leiden darunter, dass die Ukraine als einer der Hauptlieferanten von Getreide ausfĂ€llt. Da geht es um echten Hunger – nicht wie bei uns nur darum, ob ausreichend Sonnenblumenöl in den Supermarktregalen steht.

Im Herbst findet der G20-Gipfel statt. Der Gastgeber Indonesien hat auch Putin eingeladen. Fahren Sie hin, wenn er kommt?

Indonesien hat auch den ukrainischen PrĂ€sidenten eingeladen. Diese Einladung Selenskyjs ist ein starkes Signal, das ich sehr begrĂŒĂŸe. Alles Weitere wird zu gegebener Zeit zu entscheiden sein.

Die Ukraine will in die EuropĂ€ische Union – und zwar möglichst schnell. Ihr Parteichef Lars Klingbeil will dem Land den Status als Beitrittskandidat geben. Sie auch?

Es gibt klare Kriterien fĂŒr den Beitritt zur EU: eine stabile Demokratie, die GewĂ€hrleistung von Rechtsstaatlichkeit und eine funktionierende soziale Marktwirtschaft. Dieser Rahmen gilt. Übrigens: Wir haben Zusagen an die LĂ€nder des westlichen Balkans gemacht, dass sie bald Mitglieder der EU werden können. Viele von ihnen haben ĂŒber Jahre hart auf dieses Ziel hingearbeitet – und wurden bislang enttĂ€uscht.

Sie meinen vor allem Nordmazedonien?

Nicht nur, aber auch. Zumindest ist der Mut des frĂŒheren Regierungschefs von Nordmazedonien, fĂŒr einen EU-Beitritt sogar ĂŒber den Namen des eigenen Landes mit Griechenland zu verhandeln, nicht angemessen honoriert worden. Je eher es uns gelingt, unsere seit Langem gemachten Versprechen gegenĂŒber den LĂ€ndern des westlichen Balkans einzuhalten, desto glaubwĂŒrdiger sind wir als EU gegenĂŒber allen Beitrittsaspiranten.

Und was ist mit der Ukraine?

NatĂŒrlich werden wir die Ukraine auf ihrem europĂ€ischen Weg begleiten. Das hat der EuropĂ€ische Rat in Versailles gerade bekrĂ€ftigt.

Konzentriert, aber nicht gestresst: Olaf Scholz beim GesprÀch mit t-online.
Konzentriert, aber nicht gestresst: Olaf Scholz beim GesprĂ€ch mit t-online. (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Wir fassen zusammen: Erst darf der westliche Balkan in die EU, dann vielleicht auch die Ukraine.

Es geht darum, dass die Kriterien fĂŒr Beitritte nicht verwĂ€ssert werden. Das ist deshalb so wichtig, weil wir ja unter aktuellen Mitgliedern auch immer wieder darĂŒber diskutieren, ob alle unsere Regeln immer beachten. Deshalb muss es umso klarer sein, dass ein Land EU-Mitglied werden kann, wenn es dauerhaft eine liberale Demokratie ist und Rechtsstaatlichkeit und soziale Marktwirtschaft garantieren kann.

Viele BĂŒrger fragen sich, ob sie als Folge des Krieges im nĂ€chsten Winter frieren mĂŒssen. Ist die Angst berechtigt?

Die Bundesregierung ist von Tag eins damit beschĂ€ftigt, alles zu unternehmen, damit es nicht so weit kommt. Von russischen Kohle- und Erdöl-Importen machen wir uns in diesem Jahr unabhĂ€ngig und tun dabei alles, um die ArbeitsplĂ€tze in Schwedt und Leuna zu erhalten. Bei Erdgas ist das schwieriger – auch weil wir innerhalb kĂŒrzester Zeit mehrere neue FlĂŒssiggas-Terminals errichten mĂŒssen, das sind große, milliardenschwere Infrastrukturprojekte. Das geht nicht ĂŒber Nacht.

FlĂŒssiggas ist deutlich teurer als russisches Gas. Wir mĂŒssen uns deshalb auf höhere Energiepreise einstellen. Gibt es die Energiepauschale in Höhe von 300 Euro also kĂŒnftig jedes Jahr?

Die Koalition hat allein in den ersten fĂŒnf Monaten dieses Jahres zwei Entlastungspakete fĂŒr die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger auf den Weg gebracht, alles in allem im Umfang von 30 Milliarden Euro. Daran merken Sie, dass uns die Frage nicht kalt lĂ€sst, wie sie mit den steigenden Preisen zurechtkommen.

Wie oft sprechen Sie mit Angela Merkel, Herr Scholz?
Wie oft sprechen Sie mit Angela Merkel, Herr Scholz? (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Die Inflation ist so hoch wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Sie werden vermutlich keine Forderungen an die EuropÀische Zentralbank formulieren 



 korrekt.

Was will Ihre Regierung sonst noch gegen die Inflation tun?

Die gestiegenen Lebensmittel- und Energiepreise haben bisher vor allem etwas mit den weltwirtschaftlichen Entwicklungen zu tun. Wie gesagt haben wir darauf mit Entlastungspaketen reagiert. Übrigens zeigt sich angesichts der steigenden Preise einmal mehr, wie wichtig es ist, dass Arbeit immer gut bezahlt wird.

Die Gewerkschaften fordern nun deutliche Erhöhungen bei Löhnen und GehĂ€ltern. FĂŒrchten Sie eine Lohn-Preis-Spirale, bei der stark steigende GehĂ€lter zu noch mehr Inflation fĂŒhren, die dann wieder in noch höheren Tarifforderungen mĂŒndet?

Die Sozialpartnerschaft hat uns in die Lage versetzt, mit makroökonomischen Herausforderungen immer gut umzugehen. Deshalb bin ich ein großer Fan dieser Partnerschaft.

"Es gibt nur einen Olaf Scholz."
"Es gibt nur einen Olaf Scholz." (Quelle: Urban Zintel fĂŒr t-online)

Sie wollen die BĂŒrger ab Juni durch das Neun-Euro-Ticket fĂŒr den Nahverkehr und einen Tankrabatt entlasten. Falls beide Maßnahmen ein Erfolg werden sollten: Bleiben sie dann dauerhaft?

Erst mal hoffe ich, dass sie große Erfolge werden.

Die Erfahrung lehrt aber doch, dass es in der Politik leichter ist, den BĂŒrgern etwas zu geben als wegzunehmen.

Ich bin froh, dass wir uns zu diesen Schritten entschieden haben, weil sie die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger in diesem sehr schwierigen Jahr entlasten. DafĂŒr haben wir vorhandene SpielrĂ€ume im Haushalt genutzt. Welche finanziellen Möglichkeiten wir im nĂ€chsten Jahr genau haben, mĂŒssen wir abwarten. Klar ist aber: Ab 2023 gilt wieder die Schuldenbremse.

Die aktuelle SteuerschĂ€tzung geht davon aus, dass der Staat bis 2026 rund 220 Milliarden Euro mehr einnimmt als zuletzt gedacht. Auch wenn die geplanten Entlastungen dabei noch nicht berĂŒcksichtigt sind, entstehen weitere SpielrĂ€ume.

Ganz so optimistisch wie Sie bin ich nicht. DafĂŒr ist die Lage der Weltkonjunktur im Augenblick zu schwer vorherzusehen.

Das klingt nach: Ab September wird die MobilitĂ€t fĂŒr alle BĂŒrger wieder deutlich teurer.

Die Maßnahmen sind befristet. Ansonsten haben wir ja bewiesen, dass wir uns die Lage stets genau anschauen.

Ist es nicht eine skurrile Situation? In Europa herrscht Krieg – und die Deutschen ĂŒberlegen sich dank der Regierung, ob sie lieber mit dem Regionalexpress in den Urlaub fahren oder mit einer gĂŒnstigeren TankfĂŒllung.

Wenn Sie glauben, dass unsere BeschlĂŒsse eine solche Wirkung erzielen werden, bin ich erst mal froh. Denn es ist ja unsere Absicht, den BĂŒrgerinnen und BĂŒrgern in dieser schwierigen Lage zu helfen.

Wollen Sie vielleicht nicht nur helfen, sondern die Menschen auch ein bisschen zum Klimaschutz erziehen?

Nein. Jeder und jede entscheidet selbst ĂŒber das eigene Leben. Wenn allerdings jemand in den nĂ€chsten Monaten auf diesem Wege entdeckt, wie gut der öffentliche Nahverkehr bei uns funktioniert, ist das doch schön.

Reden Sie Klartext mit Wladimir Putin, Herr Scholz?
Reden Sie Klartext mit Wladimir Putin, Herr Scholz? (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Mit der Impfpflicht ist eines Ihrer wichtigsten Projekte gescheitert. Nun kĂ€mpfen Sie um Ihr bislang grĂ¶ĂŸtes Vorhaben: das 100-Milliarden-Sondervermögen fĂŒr die Bundeswehr. FĂŒrchten Sie nicht, dass ihm dasselbe Schicksal wie der Impfpflicht droht?

Nein.

Was macht Sie so optimistisch?

Das Sondervermögen ist eine nationale Aufgabe, es geht um eine wirksame Verteidigung unseres Landes. DafĂŒr ist eine GrundgesetzĂ€nderung nötig, fĂŒr die ich mir eine, wenn ich es etwas pathetisch sagen darf, patriotische Mehrheit wĂŒnsche.

Wie wollen Sie die Union denn ködern?

Ich will ĂŒberhaupt niemanden ködern.

Aber Sie brauchen die Stimmen von CDU und CSU im Bundestag und Bundesrat doch.

Die Bundeswehr muss endlich besser ausgestattet werden, damit sie unser Land verteidigen kann. Die schlechte Zeit fĂŒr die Bundeswehr hat vor gut zehn Jahren begonnen. Damals hieß der Verteidigungsminister Guttenberg und kam von der CSU, der Finanzminister hieß SchĂ€uble und kam von der CDU und die Kanzlerin hieß Merkel, ebenfalls CDU. Und diese drei Politiker haben einen radikalen Sparkurs fĂŒr die Bundeswehr beschlossen.

Das war falsch?

Das war absolut falsch.

"Nee, so weit gehe ich jetzt nicht."
"Nee, so weit gehe ich jetzt nicht." (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Aber Ihre Partei, die SPD, hat als Juniorpartnerin in den großen Koalitionen steigende Verteidigungsausgaben lange blockiert.

Mit Verlaub, der Wehretat ist in meiner Zeit als Bundesfinanzminister um mehr als 35 Prozent gestiegen, die Bundeswehr wird seither finanziell deutlich besser ausgestattet.

Aber die SPD war immer gegen das Zwei-Prozent-Ziel der Nato.

Der Kanzlerkandidat der Union hat dies im letzten Bundestagswahlkampf Àhnlich gesehen. Ihr Eindruck aber tÀuscht.

Und richtig ist Ihrer Meinung nach was?

Noch mal: Die schlechte Zeit der Bundeswehr begann unter Guttenberg, SchĂ€uble und Merkel. Besser wurde es, als die SPD ab 2013 wieder in der Regierung war. Und richtig gut wurde es von 2018 an, als im Finanzministerium wieder ein Sozialdemokrat saß. Jetzt bin ich Kanzler und will die Bundeswehr auf Dauer besser ausstatten. Und ich habe CDU und CSU immer so verstanden, dass sie das auch beabsichtigen.

Frankreich gibt fast so viel fĂŒr Verteidigung aus wie Deutschland, hat einen FlugzeugtrĂ€ger und ist sogar Atommacht. Bei unseren Nachbarn wird aber kaum ĂŒber eine mangelhafte Ausstattung der Armee geklagt. Können Sie das erklĂ€ren?

Deutschland gibt in Kontinentaleuropa unter den Nato-Staaten am meisten fĂŒr Verteidigung aus.

Was die Frage noch dringlicher macht: Warum bekommen wir es in Deutschland nicht hin, mit mehr als 50 Milliarden Euro eine schlagkrÀftige Armee zu organisieren?

Die Frage ist breit diskutiert worden. Mein Ziel ist es, die Bundeswehr zu modernisieren, um sie in die Lage zu versetzen, ihren aktuellen Anforderungen vollumfÀnglich gerecht zu werden.

Kein Kabinettsmitglied steht derzeit so in der Kritik wie Verteidigungsministerin Christine Lambrecht. Ist sie eine Belastung fĂŒr Ihre Regierung?

Ich bin sehr sicher: Wenn man in drei Jahren auf die Wahlperiode zurĂŒckblickt, wird es heißen: "Sie ist die Verteidigungsministerin, die dafĂŒr gesorgt hat, dass die Bundeswehr endlich ordentlich ausgestattet ist."

Das ist eine kĂŒhne Prognose.

Nein.

Trotzdem muss es Sie doch Àrgern, wenn eine Ministerin stÀndig Negativschlagzeilen produziert.

Ich bin lange genug in der Politik, um die GesetzmĂ€ĂŸigkeiten der Medien zu kennen. Gerne wird sich auf eine oder einen fokussiert. Aber ich weiß eben auch, dass sich das wieder Ă€ndert.

Der Besprechungstisch ist groß, aber im Vergleich zur Kreml-Konkurrenz ein Tischlein.
Der Besprechungstisch ist groß, aber im Vergleich zur Kreml-Konkurrenz ein Tischlein. (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Wo wir gerade bei Negativschlagzeilen sind: Wann hatten Sie das letzte Mal Kontakt zu Gerhard Schröder?

Bei meiner Vereidigung im Dezember letzten Jahres war er anwesend. Seither habe ich ihn nicht mehr gesehen oder gesprochen.

WĂ€ren Sie erleichtert, wenn er einfach aus der SPD austreten wĂŒrde?

Weil Gerhard Schröder sich als Kanzler große Verdienste um unser Land erworben hat, wĂŒnsche ich mir, dass er den Weg, den er gegenwĂ€rtig beschreitet, verlĂ€sst.

Was heißt das konkret?

Gerd Schröder sollte seine Mandate, die er fĂŒr russische Unternehmen wahrnimmt, aufgeben. Ich habe es immer falsch gefunden, dass man als ehemaliger Kanzler solche Mandate ĂŒbernimmt. Und seit dem Angriffskrieg gegen die Ukraine gibt es dafĂŒr ĂŒberhaupt keine Rechtfertigung mehr.

WĂŒrde Gerhard Schröder denn wieder richtig in die sozialdemokratische Familie aufgenommen, wenn er tut, was Sie sich wĂŒnschen?

Über diese Frage macht sich gerade doch wirklich niemand Gedanken. Die Hauptfrage lautet doch: Wann beendet Gerhard Schröder endlich seine Mandate?

Und wie oft sprechen Sie mit Angela Merkel?

Immer mal wieder.

Können Sie das etwas genauer sagen?

Das könnte ich. Aber wir haben immer vertrauensvoll zusammengearbeitet – und tun das auch jetzt noch.

Ist sie eine Ratgeberin fĂŒr Sie?

Ich rede mit Angela Merkel ĂŒber politische Fragen. Und ich finde, das ist auch gut so.

Olaf Scholz im GesprÀch mit den t-online-Redakteuren Florian Harms, Sven Böll und Miriam Hollstein (v.l.n.r.).
Olaf Scholz im GesprĂ€ch mit den t-online-Redakteuren Florian Harms, Sven Böll und Miriam Hollstein (v.l.n.r.). (Quelle: Urban Zintel fĂŒr/T-Online-bilder)

Wie wĂŒrden Sie mit einem Satz den Zustand der Ampelkoalition beschreiben?

Sehr gut. Sehr kameradschaftlich. Sehr kooperativ. Und dem Anliegen verpflichtet, in Deutschland den Fortschritt zu gewÀhrleisten.

Am Freitag verließ die FDP-Arbeitsgruppe aus Protest die Sondersitzung des Verteidigungsausschusses, weil die Koalitionspolitiker Ihre Auskunft zur Ukraine als unzureichend empfanden. Das klingt nicht gerade harmonisch.

Ich habe da keine Kritik wahrgenommen, im Gegenteil: Die Ausschussvorsitzende hat sich bei mir fĂŒr meinen Auftritt und die AuskĂŒnfte ausdrĂŒcklich bedankt.

Haben Sie keine Sorge, dass FDP-Chef Christian Lindner nach der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen am Sonntag in Panik gerÀt?

Nein. Warum sollte er?

Weil es die dritte Landtagswahl ist, bei der die FDP deutlich hinter ihren Erwartungen bleibt. Die Beteiligung an der Bundesregierung zahlt sich fĂŒr die Liberalen also offenbar nicht aus.

Da hilft ein Blick in die Interviews, die Sie in der Vergangenheit mit mir ĂŒber die Umfragewerte der SPD gefĂŒhrt haben. Und nun interviewen Sie mich als Kanzler.

Das heißt: Sie prognostizieren, dass Herr Lindner Ihr Nachfolger wird?

Nee, so weit gehe ich jetzt nicht. Ich möchte aber klarmachen, dass es keinen Grund zur NervositĂ€t gibt und dass wir in der Koalition gut zusammenarbeiten und wissen, dass wir nur gemeinsam erfolgreich sein können – und nur als Team wiedergewĂ€hlt werden.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Menschen, die Sie gut kennen, sagen, dass Sie privat sehr unterhaltsam sind. In der Öffentlichkeit wirken Sie dagegen hĂ€ufig spröde und technokratisch. Welcher Olaf Scholz ist der wahre Olaf Scholz?

Weitere Artikel

Bundeskanzler gibt private Einblicke
Wem drĂŒcken Sie beim ESC die Daumen, Herr Scholz?
Olaf Scholz: Der Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland spricht im Interview auch ĂŒber den ESC.

"Die Behauptung ist falsch"
Nach Telefonat mit Putin – Scholz Ă€ußert sich
Olaf Scholz: Der Kanzler hatte vier Wochen lang keinen direkten Kontakt zu Putin.

Tagesanbruch
Hat Putin den Krieg schon verloren?
Wladimir Putin gerÀt immer stÀrker unter Druck.


Es gibt nur einen Olaf Scholz. Mir geht es wie jedem anderen auch: Wir sind immer die Gesamtheit unserer persönlichen AusprÀgungen. Die WÀhlerinnen und WÀhler haben mich, so wie ich bin, zum Kanzler gewÀhlt.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
  • Jannik Meyer
Von Jannik Meyer
AfghanistanAngela MerkelBrĂŒsselBundesregierungBundestagCDUCSUDeutschlandEUFinnlandGerhard SchröderIndonesienInflationKiewMilitĂ€rNatoNordmazedonienOlaf ScholzRusslandSPDUkraineWladimir PutinWolodymyr Selenskyj
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website