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├ťberarbeitete Postboten: "Sie fallen um wie die Fliegen"

Von spiegel-online
18.12.2012Lesedauer: 6 Min.
Viele Postboten klagen ├╝ber Arbeits├╝berlastung
Viele Postboten klagen ├╝ber Arbeits├╝berlastung (Quelle: imago-images-bilder)
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Lange Touren, massenhaft ├ťberstunden, keine Pause - Zusteller der Deutschen Post beklagen harte Arbeitsbedingungen. Vor allem in der Weihnachtszeit steigt das Pensum der Postboten. Die Stimmung ist mies, viele halten den Job nicht mehr aus. Immer h├Ąufiger bekommen Kunden ihre Briefe zu sp├Ąt.

Die Sonne scheint vom klaren blauen Winterhimmel, Schnee liegt auf den Stra├čen und Gehwegen. In den Schaufenstern der Boutiquen im feinen Hamburger Stadtteil Eppendorf glitzert die Festtagsdekoration. Andrea Kiesel hat kaum Zeit, um die vorweihnachtliche Stimmung zu genie├čen. Sie muss den Menschen die Post bringen. Gerade in den letzten Wochen des Jahres gibt es eine Menge zu tun.

Kiesel l├Ąsst sich den Stress nicht anmerken. Die Brieftr├Ągerin gr├╝├čt gut gelaunt, seit 24 Jahren ist sie im Bezirk, man kennt sich. Ein b├Âses Wort kommt kaum ├╝ber ihre Lippen. Vielleicht wurde sie deshalb von der Pressestelle der Post vermittelt.

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Dass der Konzern seiner Mitarbeiterin viel abverlangt, wird dennoch schnell klar, wenn man Kiesel in die Gr├╝nderzeitbauten hinein begleitet. Im Laufen sortiert die 46-J├Ąhrige auf dem Weg vom Fahrrad zum Fahrstuhl drei verschiedene Werbesendungen zwischen die Briefe. Gut, dass sie inzwischen genau wei├č, wer Reklame akzeptiert und wer nicht. Sonst k├Ânnte sie die Zeitvorgaben f├╝r ihre Tour kaum schaffen. Im Laufschritt eilt sie die Treppen hinab und sagt, dass sie ihre Arbeit mag, auch wenn sich ihr t├Ągliches Pensum stetig erh├Âht habe: Ihr Bezirk umfasst mittlerweile viermal so viele Stra├čen wie fr├╝her, Pausen macht sie nicht mehr.

Was den Arbeitsdruck angeht, ist Kiesel kein Einzelfall bei der Post. Was die gute Stimmung angeht, offenbar schon: Wer mit Brieftr├Ągern spricht, die nicht von der Pressestelle vorgeschlagen wurden, bekommt tief sitzenden Frust zu h├Âren, manche sind regelrecht verzweifelt.

"Zusteller fallen um wie die Fliegen"

Zum Beispiel Tina Reine*: Schon nach vier Arbeitstagen hat sie am Donnerstag 43 Stunden gearbeitet, am Freitag f├Ąllt sie mit einer schweren Erk├Ąltung aus. Jetzt m├╝ssen die Kollegen ihren Bezirk mit bedienen, so wie sie das in den Tagen zuvor mit anderen Bezirken gemacht hat.

Seit Monaten gehe das so, klagt die 30-J├Ąhrige, die aus Angst vor Sanktionen ihren echten Namen nicht nennen will. An ihrer Arbeitsstelle in Baden-W├╝rttemberg "fallen die Zusteller um wie die Fliegen", sagt sie. Die Folge: Viele Haushalte im S├╝dwesten bekommen ihre Post versp├Ątet, Gesch├Ąftsleute, die auf p├╝nktliche Sendungen angewiesen sind, beklagen tagelange Ausf├Ąlle.

Krankenstand bei der Post steigt

Der Krankenstand bei den Zustellern liegt laut Post in diesem Jahr bei f├╝nf Prozent - allerdings ohne langzeitkranke Arbeitnehmer. Laut Gesch├Ąftsbericht steigt der Krankenstand im Gesamtkonzern seit 2005 kontinuierlich von damals 5,3 Prozent auf 7,4 Prozent im Jahr 2010 - doppelt so hoch wie der bundesweite Durchschnitt. In einigen Regionen liegt der Wert aber den Gewerkschaften zufolge schon weit ├╝ber zehn Prozent.

Die Software gibt den Takt vor

Seit Jahren steige das Arbeitspensum, klagen die Brieftr├Ąger, die Bezirke w├╝rden gr├Â├čer, die Zeit immer knapper. F├╝r den Zuschnitt der Bezirke ist bei der Post das "IT-gest├╝tzte Bemessungs- und Informationssystem", kurz Ibis, zust├Ąndig, eine Software, die festlegt wie lange ein Brieftr├Ąger f├╝r die Zustellung brauchen darf. Durchschnittlich angeblich gut vier Sekunden pro Brief, ├╝ber Einzelheiten schweigt die Post.

Um zu messen, wie viele Sendungen ein Zusteller zu bew├Ąltigen hat, ist jeder Bezirk in rund 50 Z├Ąhlabschnitte unterteilt. Jeden Tag m├╝ssen die Postler, wie sie sich selbst nennen, auf zweien dieser Abschnitte die zugestellten Sendungen z├Ąhlen. Ausnahmslos alle Brieftr├Ąger, die sich dazu ├Ąu├čern, sind der Meinung, dass an dieser Stelle manipuliert wird.

Ein Brief f├╝r eine ganze Stra├če

Zustellerin Reine gibt ein Beispiel aus ihrem Bezirk: In einer Stra├če mit vielen Arztpraxen lief just am Z├Ąhltag nur ein einziger Brief auf. Am Folgetag war es dagegen - wie gewohnt - gleich ein ganzer Sack. Reine vermutet, dass die Sortiermaschinen manipuliert werden, um die Zustellbezirke gro├č und die Zahl der notwendigen Mitarbeiter klein zu rechnen. Selbst die Vorzeigepostbotin Kiesel hat diese Beobachtung gemacht. Die Post bestreitet vehement, dass es ├╝berhaupt die M├Âglichkeit gibt, das Sendungsaufkommen so genau zu steuern.

Wer Recht hat, ist unklar. Allein aber dass die Mitarbeiter den Verdacht hegen, es w├╝rde manipuliert, zeigt wie rau das Arbeitsklima offenbar in Teilen der Deutschen Post geworden ist. Dazu kommt das Misstrauen des Arbeitgebers: Reine berichtet von Autos mit den Kennzeichen BN-PY oder BN-PZ, die ihr auf ihren Touren folgen - es seien, so vermutet Reine, Kontrolleure der Deutschen Post AG.

Anonyme Klagen im Internet

Fakt ist: Viele Bezirke sind so gro├č, dass die Zusteller sie nicht mehr innerhalb der H├Âchstarbeitszeit von zehn Stunden und 45 Minuten schaffen. Dann m├╝ssen sie laut Betriebsvereinbarung mit Ver.di die Tour abbrechen - und den nicht bew├Ąltigten Abschnitt am n├Ąchsten Tag zus├Ątzlich bedienen.

Bei der Post jemanden zu finden, dem es geht wie Reine, ist nicht schwierig. Mit seinem Namen in die ├ľffentlichkeit gehen will aber keiner. In der Anonymit├Ąt des Internets klagen Brieftr├Ąger sogar ├╝ber schlaflose N├Ąchte, in denen sie ihre Touren planen, weil sie nicht wissen, wie sie das Pensum bew├Ąltigen sollen. Sie kommen dann eine Stunde fr├╝her zur Arbeit und ziehen damit den Zorn der Kollegen auf sich. Neue Mitarbeiter, so berichten es die Zusteller, verl├Âren schon kurz nach der Einarbeitung die Nerven und reichten ihre K├╝ndigung ein.

Forum ├╝ber Missst├Ąnde pl├Âtzlich verschwunden

Vor f├╝nf Jahren gr├╝ndeten Brieftr├Ąger ein Forum im Internet, um nach eigener Aussage auf Missst├Ąnde in der Zustellbranche aufmerksam zu machen - nicht nur beim Marktf├╝hrer Deutsche Post AG. Klar, so ein Forum ist immer auch ein Sammelbecken der Unzufriedenen, es kann niemals repr├Ąsentativ sein. Viele der hier geschilderten Vorw├╝rfe finden sich in dem Forum wieder, meist sehr viel sch├Ąrfer formuliert. F├╝nf Jahre lang existierte das Postbotenforum, just w├Ąhrend der Recherche zu diesem Artikel wurde es sang- und klanglos gel├Âscht - eine Erkl├Ąrung gab es daf├╝r nicht.

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Gute Werte bei der Mitarbeiterbefragung

Ein ganz anderes Bild zeichnet die j├Ąhrliche postinterne Mitarbeiterbefragung (MAB): Seit Jahren steigt laut Gesch├Ąftsbericht die Zahl der beantworteten Frageb├Âgen und parallel dazu die Zufriedenheit mit der Arbeitsstelle - in der Brief- und Paketzustellung auf 75 Prozent, wie die Post mitteilt. Andererseits scheint es unm├Âglich einen Zusteller zu finden, der die MAB beantwortet hat. Selbst die Vorzeigebrieftr├Ągerin Kiesel lehnt das ab, ihre pers├Ânliche Meinung behalte sie f├╝r sich, sagt sie, w├Ąhrend der Pressesprecher neben ihr steht.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di h├Ąlt die Belastungsgrenze der Zusteller f├╝r erreicht, die Post w├╝rde ihre Mitarbeiter "unzumutbar auslutschen". Zustellerin Reine beklagt sich nicht ├╝ber ihr Gehalt von rund 1300 Euro netto, das sei angemessen, gut sogar. Langj├Ąhrige Mitarbeiter kommen auf bis zu 1900 Euro. Bei der extremen Arbeitsbelastung f├╝rchtet Reine aber, ihren Beruf nicht mehr lange aus├╝ben zu k├Ânnen. Der Druck steige von Jahr zu Jahr weiter. Sie vermute, das fange in der Konzernspitze an und gehe ├╝ber die Niederlassungen und Zustellst├╝tzpunkte runter bis an die Zusteller.

Gute Jahre beim Brieftransport sind vorbei

Tats├Ąchlich steht auch Post-Chef Frank Appel unter Druck, n├Ąmlich dem der Aktion├Ąre. Auch in der Briefsparte sind die guten Jahren vorbei: Lag die Umsatzrendite im Jahr 2008 noch bei 15,1 Prozent, hat sie sich bis 2011 auf 7,9 Prozent nahezu halbiert. Das Unternehmen versucht seit Jahren, die Kosten zu senken. Tausende Postfilialen wurden geschlossen, Zehntausende Briefk├Ąsten abgebaut.

Die Folgen bekommen mittlerweile nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden zu sp├╝ren: In manchen Bezirken haben die Zusteller so viele ├ťberstunden angeh├Ąuft, dass sie die kaum noch in Freizeit abgelten k├Ânnen - und deshalb schneller krank werden. In einigen Hamburger Bezirken beispielsweise lag der Krankenstand laut Post immer wieder bei ├╝ber zehn Prozent. Vor allem montags blieben Briefe in Norddeutschland immer wieder liegen. Viele Kunden sind genervt, in Regionalzeitungen in ganz Deutschland finden sich Berichte ├╝ber ganze Bezirke, in denen tagelang keine Post mehr kommt.

Die Post weist alles von sich

Die Situation scheint wieder ├Ąhnlich schlimm zu sein wie vor drei Jahren. Damals hagelte es bundesweit Beschwerden ├╝ber Versp├Ątungen und Ausf├Ąlle, die Bundesnetzagentur drohte der Post sogar mit rechtlichen Schritten wegen der M├Ąngel. Damals wie heute weist der Konzern solche Vorw├╝rfe zur├╝ck: Es handle sich um regionale Unregelm├Ą├čigkeiten - 95 Prozent der Briefe w├╝rden am Folgetag zugestellt. Es scheint wie bei der Bahn zuzugehen: Fast alle Z├╝ge sind p├╝nktlich - nur niemals der, in dem man selbst sitzt.

* Name ge├Ąndert

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