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Warum 100 Prozent Ökostrom nicht gut für Deutschland sind

MEINUNGErneuerbare Energie  

Deshalb sollten wir noch nicht über Ökostrom jubeln

Von Ursula Weidenfeld

15.05.2018, 12:01 Uhr
Warum 100 Prozent Ökostrom nicht gut für Deutschland sind. Eine Fotovoltaikanlage in Brandenburg: Am 1. Mai wurde der Strombedarf in Deutschland zu 100 Prozent aus Ökostrom gedeckt. Zu Unrecht, findet unsere Kolumnistin. (Quelle: dpa/Patrick Pleul)

Eine Fotovoltaikanlage in Brandenburg: Am 1. Mai wurde der Strombedarf in Deutschland zu 100 Prozent aus Ökostrom gedeckt. Zu Unrecht, findet unsere Kolumnistin. (Quelle: Patrick Pleul/dpa)

Im Mai haben Sonne und Wind erstmals mehr Energie produziert als Deutschland braucht. Politiker jubeln. Doch: Noch ist das keine gute Nachricht.

Am 1. Mai, ziemlich genau um 12 Uhr, schlug das Herz der deutschen Energiepolitiker höher. Wind und Sonne lieferten mehr Strom, als das feiertagsmüde Deutschland verbrauchen konnte. 100 Prozent erneuerbar, jubelte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier auf Twitter. Fast einen ganzen Nachmittag lang währte der Glückszustand.

Der normale Stromverbraucher merkte davon allerdings nichts. Der Strom floss wie gewohnt aus der Steckdose, obwohl das Stromnetz unter extremer Spannung stand und die Netzbetreiber immer wieder in den Betrieb eingreifen mussten, um es zu stabilisieren. Die Energie kostete genauso viel wie einen Tag vorher, oder vier Tage später, obwohl er an diesem ersten Mai an der Strombörse nur mit riesigen Zuschüssen loszuschlagen war. Wie an jedem anderen Tag im Jahr, musste der Verbraucher auch den Strom bezahlen, der produziert, aber nicht einmal in die Netze eingespeist wurde.

Solange für den Verbraucher alles so bleibt wie immer, kann die Energiewende nicht gelingen. Denn in den kommenden vier Jahren gehen die letzten Atomkraftwerke vom Netz. Auch die Kohlekraftwerke sollen nach und nach abgeschaltet werden. Dazu sollen Autos nach Möglichkeit künftig elektrisch fahren, auch die heutigen Gas- und Ölheizungen sollen bis 2030 mehrheitlich durch Fernwärme und Strom ersetzt werden. Es wird also viel mehr erneuerbarer Strom benötigt als heute – und der muss viel stabiler zur Verfügung stehen als heute.

Wenn Strom da ist, müssen Verbraucher belohnt werden

Zur Zeit sind in Deutschland rund 200 Gigawatt elektrische Leistung installiert. Die Hälfte der Kapazität ist erneuerbar, die andere Hälfte sind Atom-, Kohle-, Öl- und Gaskraftwerke. Diese Doppelstruktur ist notwendig, weil die Erneuerbaren nur dann liefern, wenn die Sonne scheint und der Wind weht. In den anderen Zeiten müssen die konventionellen Kraftwerke angeworfen werden. Wenn die nun nach und nach eingemottet werden, muss der erneuerbare Strom gespeichert werden, damit er auch dann zur Verfügung steht, wenn es dunkel, kalt und windstill ist.

Große Energiespeicher nahe einer Windkraftanlage in Schleswig-Holstein: Experten glauben, dass solche Speichersysteme für Ökostrom in Zukunft gar nicht nötig sind. Stattdessen sollen etwa Autobatterien oder Kühlschränke die überschüssige Energie speichern.  (Quelle: dpa/Sebastian Iwersen)Große Energiespeicher nahe einer Windkraftanlage in Schleswig-Holstein: Experten glauben, dass solche Speichersysteme für Ökostrom in Zukunft gar nicht nötig sind. Stattdessen sollen etwa Autobatterien oder Kühlschränke die überschüssige Energie speichern. (Quelle: Sebastian Iwersen/dpa)

Solche Speicher gibt es heute noch nicht. Doch mehr und mehr Experten sagen, dass am Ende wahrscheinlich gar keine riesigen Batterien nötig sind. Tausende kleine Stromspeicher täten es auch, Tausende Autobatterien, Hunderttausende Gefriertruhen oder Warmwasserspeicher, Industrieanlagen.

Wenn zu viel Strom da ist, müssen Verbraucher belohnt werden, wenn sie ihn verbrauchen oder speichern. Wenn zu wenig Energie zur Verfügung steht, müssen die Konsumenten profitieren, die ihren Bedarf herunterfahren, oder sogar Energie liefern können. Wer ganz dringend Strom braucht, sollte mehr dafür bezahlen müssen, wenn die Produktion gerade Flaute hat. Bisher aber wird Flexibilität nur sehr eingeschränkt bei großen Industrieunternehmen belohnt.

Eine Biogasanlage in Brandenburg. Am ersten Mai wurde der Strom aus diesen Anlagen eigentlich nicht gebraucht – produziert wurde er trotzdem.  (Quelle: dpa/Maurizio Gambarini)Eine Biogasanlage in Brandenburg. Am 1. Mai wurde der Strom aus diesen Anlagen eigentlich nicht gebraucht – produziert wurde er trotzdem. (Quelle: Maurizio Gambarini/dpa)

Dasselbe gilt für die Erzeuger: Als am ersten Mai Sonne und Wind lieferten, was das Zeug hielt, hätten die Betreiber von Biogasanlagen eigentlich die Produktion einstellen müssen. Ihr Strom wurde nicht gebraucht. Sie hätten ihr Gas einfach in den Abendstunden oder am nächsten Tag in Strom verwandeln können. Haben sie aber nicht. Sie haben einfach zusätzlich geliefert. Denn auch die Erzeuger erneuerbarer Energien haben keine Anreize, flexibel zu werden. Ihre Einspeisevergütung bekommen sie immer.

Am Gesetz werkeln statt jubeln

In Zukunft muss ein Preisschema genau anders herum funktionieren: Je starrer der Verbrauch, desto teurer der Strom. Dafür aber sind die heutigen Systeme noch nicht gemacht. Anstatt also in Jubel auszubrechen, wenn die erneuerbaren Energien an Pfingsten wieder einmal den gesamten Strombedarf Deutschlands decken, sollte sich der Wirtschaftsminister lieber zügig mit einem Gesetzeswerk namens EEG (Erneuerbare-Energien-Gesetz) beschäftigen. Das muss ohnehin in Kürze neu gefasst werden. Spätestens dann sollte es auch intelligent werden.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. In ihrem Buch "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert." schreibt sie über die Regierungszeit Angela Merkels.

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