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Arbeitsmarkt in Deutschland: Beginnt jetzt das Zeitalter der Arbeitnehmer?

MEINUNGBeschäftigungshoch  

Beginnt jetzt das Zeitalter der Arbeitnehmer?

Von Ursula Weidenfeld

19.11.2019, 14:36 Uhr
Arbeitsmarkt in Deutschland: Beginnt jetzt das Zeitalter der Arbeitnehmer?. Zwei Arbeiter der Industriebranche: Hier liegt nach einer Studie das größte Potenzial für die Roboterisierung der Arbeit. (Quelle: Getty Images/bearbeitet von t-online.de/industryview)

Zwei Arbeiter der Industriebranche: Hier liegt nach einer Studie das größte Potenzial für die Roboterisierung der Arbeit. (Quelle: bearbeitet von t-online.de/industryview/Getty Images)

Trotz der konjunkturellen Flaute ist die Zahl der Erwerbstätigen auf einem Hoch. Doch bis die Arbeitnehmer die Unternehmer unter Druck setzen können, dauert es noch etwas. 

45,4 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland. Mehr waren es seit der Wiedervereinigung nie. Das ist prima. Es zeigt, wie robust der deutsche Arbeitsmarkt der miesen Wirtschaftsentwicklung in diesem Jahr trotzt. Die Nachricht aus dem Statistischen Bundesamt unterstreicht aber auch, wie stark sich die Arbeitswelt in den vergangenen Jahren verändert hat, wie schnell der Wandel geht, und welche Branchen er besonders betrifft. Der nicht so schöne Teil der Nachricht ist ziemlich einfach: Viele werden nicht profitieren.

Rund 62 Millionen Menschen sind im erwerbsfähigen Alter, also zwischen 15 und 74 Jahren. Zieht man die Schüler und Studenten, die Kranken und die über 70-Jährigen ab, dann erkennt man, wie sehr das Erwerbspotenzial heute schon ausgereizt ist. Viel mehr geht nicht, es sei denn, die Arbeitenden sind bereit, mehr Stunden zu arbeiten. Auch das passiert gerade. Sukzessive verabschieden sich Minijobber in reguläre Teilzeit, Teilzeitarbeitskräfte stocken ihre Stunden auf. Doch auch hier sind die Grenzen des Wachstums erkennbar.

Eigentlich ist es ein paradiesischer Zustand für die Arbeitnehmer. Sie können es sich aussuchen – und in der Theorie könnten sie jetzt sehr ordentliche Lohnerhöhungen durchsetzen. Nur, dass es leider ein paar Ärgernisse gibt, die das verhindern.

Industriebranche: Gut bezahlt trotz Stellenabbau

Das erste und wichtigste Ärgernis ist die Lage der Industriebeschäftigten. Die werden in aller Regel sehr ordentlich bezahlt, und sind meist die ersten, die in Tarifverhandlungen ihre Forderungen durchsetzen können. Aber ausgerechnet in der Industrie läuft es nicht so gut. Die produzierenden Unternehmen bauen zur Zeit Beschäftigung ab oder sie arbeiten kurz. Jedenfalls kommt aus der Industrie derzeit kein Impuls für Lohnrunden, die die Knappheit auf dem Arbeitsmarkt spiegeln würden.

Daran wird sich so bald vermutlich nichts ändern, auch wenn die Konjunktur besser läuft. Denn die Digitalisierung setzt den Berufen im produzierenden Gewerbe am meisten zu. Hier liegt nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung das größte Potenzial für die Roboterisierung der Arbeit. Das reduziert langfristig das Drohpotenzial der Industriearbeitnehmer, wenn es um mehr Lohn geht.

Wirtschaftsminister Altmaier über konjunkturelle Lage

"Silberstreif am Horizont": Das sagte Wirtschaftsminister Peter Altmaier über die konjunkturelle Lage. (Quelle: Reuters)

Dienstleistungsbranche: Minijob mit Minilohn

Die Dienstleistungsbeschäftigten werden diese Lücke nicht füllen. Hier wird zwar Beschäftigung aufgebaut, doch gut bezahlt wird hier schon lange nicht mehr. In Ostdeutschland verdienen die meisten Dienstleistungsbeschäftigten den Mindestlohn von 9,16 Euro, im Westen ist es nur wenig mehr. Der Organisationsgrad der Beschäftigten in Gewerkschaften ist miserabel, die Minijob- und Teilzeitquote ist sehr hoch – kein Wunder, dass es wenig Neigung zu harten Lohnrunden und Arbeitskämpfen gibt. Fast ein Fünftel der Erwerbstätigen arbeitet zudem immer noch in sogenannten atypischen Beschäftigungsverhältnissen, das sind kleine Teilzeitstellen, befristete Jobs, Zeitarbeit und Minijobs. Die Beschäftigten mit solchen Arbeitsverträgen sind normalerweise nicht gerade die aufmüpfigsten.

Lieber unbefristet statt hoch bezahlt

Der Staat als Arbeitgeber zeigt, dass es vielen Beschäftigten ohnehin nicht nur auf das Geld ankommt. Wenn zwei Personen in einem Haushalt erwerbstätig sind, reicht es fast immer bis zum Monatsende – selbst wenn beide im Niedriglohnsektor beschäftigt sind. Wichtiger ist vielen Arbeitnehmern die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes. Deshalb heuern sie immer noch am liebsten im öffentlichen Dienst an, auch wenn es in der privaten Wirtschaft Hunderttausende offene Stellen gibt. Sie nehmen in Kauf, dass der Staat nicht blendend zahlt.

Anders ist das bei den privaten Dienstleistern. Eigentlich sind sie die Hauptstütze des Wandels, den die Statistik abbildet. Am oberen Ende der Einkommensskala arbeiten hier Ingenieure, Ärzte, Rechtsanwältinnen, App-Programmierer und Unternehmensberater. Das große Beschäftigungswachstum dieses Sektors aber findet am unteren Ende statt: bei den Pflegediensten, den Fußpflegern, den Paketbotinnen und den Reinigungskräften.
 

 

Die alles entscheidende Frage der kommenden Jahre lautet: Wohin werden sich die Industriearbeiter orientieren, oder diejenigen, die früher Industriefacharbeiter geworden wären? Werden sie einkommensmäßig eher auf- oder absteigen? Von der Antwort hängt viel ab: Wenn Beschäftigte mit mittleren Qualifikationen fürchten, den Facharbeiterstatus zu verlieren und beim Einkommen Abstriche machen zu müssen, werden sie den Wandel bekämpfen. Ist es eher so, dass sie in die gehobene Dienstleisterklasse aufsteigen können, oder dass viele Berufe materiell und vom Ansehen her aufgewertet werden, werden sie ihn eher akzeptieren. Nur dann wird sich der Arbeitnehmermarkt am Ende tatsächlich auszahlen.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".


 



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