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Vier-Tage-Woche? Eine verrückte Debatte zur falschen Zeit

MEINUNGWeniger arbeiten  

Vier-Tage-Woche? Eine verrückte Debatte zur falschen Zeit

Von Ursula Weidenfeld

30.07.2020, 14:01 Uhr
Vier-Tage-Woche? Eine verrückte Debatte zur falschen Zeit. Mehr Freizeit bei gleichem Lohn: Diese Idee ist in der Corona-Krise besonders falsch, findet Kolumnistin Ursula Weidenfeld. (Quelle: imago images/Cavan Images)

Mehr Freizeit bei gleichem Lohn: Diese Idee ist in der Corona-Krise besonders falsch, findet Kolumnistin Ursula Weidenfeld. (Quelle: Cavan Images/imago images)

Linke und Sozialdemokraten schwärmen von der Vier-Tage-Woche, erst kürzlich wollte Linke-Chefin Katja Kipping diese am liebsten gleich einführen. Doch die Idee muss ein Traum bleiben. 

Manchmal machen die merkwürdigsten Gedanken eine erstaunliche Karriere: Im Moment ist es der, mit allgemeinen Kürzungen der Arbeitszeit gegen die Wucht der Wirtschaftskrise anzukämpfen. Eine Vier-Tage-Woche für alle wäre doch eine feine Sache, schwärmt beispielsweise Linke-Chefin Katja Kipping. In Österreich verlangen die Sozialdemokraten den flächendeckenden Einstieg in die verkürzte Arbeitswoche und in Finnland ist die Regierungschefin schon lange dafür.

Doch die Idee ist so frisch, wie sie falsch ist. Flächendeckende Arbeitszeitverkürzungen bei ordentlichem Lohnausgleich werden, jedenfalls in Deutschland, nicht aus der Krise helfen.

Branchen in der Krise werden Stellen abbauen

Klar: Auf betrieblicher oder individueller Ebene kann es sehr vernünftig sein, vorübergehend weniger zu arbeiten. Es ist klug, übervolle Arbeitszeitkonten abzubauen, wenn die Auftragslage mau ist. Smart klingt es auch, mit Betriebsräten und Gewerkschaften über eine gerechtere Verteilung der Arbeitszeit zu reden, wenn eine Branche besonders tief in der Krise steckt.

Doch auch dann ist es nicht immer gut, Arbeitnehmer auf jeden Fall an den Betrieb zu binden. Wenn eine Branche wie die Autoindustrie in einem strukturellen Wandel steckt, bringt es nichts, möglichst viele Arbeitnehmer mit weniger Arbeitsstunden an Bord zu halten.

Irgendwann wird ein Teil von ihnen gehen müssen. Ihnen den Eindruck zu vermitteln, dass bald wieder bessere Zeiten kommen, wäre nicht fair. Es würde Beschäftigte davon abhalten, sich rechtzeitig neu zu orientieren.

Jeder kann weniger arbeiten – zu weniger Lohn

Individuell kann es ebenfalls gute Gründe geben, weniger zu arbeiten. Familiengründung, die Pflege von Angehörigen oder eine Weiterbildung lässt sich nicht immer mit einer Vollzeitstelle vereinbaren. Nur: Solche Überlegungen sind längst Routineangelegenheiten für die Personalabteilungen der Firmen. Wer seine Arbeitszeit verändern will, hat einen Anspruch – wenn er die entsprechenden Abschläge beim Lohn in Kauf nimmt.

Doch volkswirtschaftlich betrachtet gilt das nicht. In der derzeitigen Debatte geht es ja nicht darum, einzelne Arbeitnehmer zu ermutigen, über Arbeitszeit und Gehalt zu verhandeln. Die Vertreter der Vier-Tage-Woche möchten das Modell für alle durchsetzen. Alle Beschäftigten sollen weniger arbeiten und dafür möglichst denselben Lohn bekommen wie zuvor.

Weil sie viel motivierter arbeiten würden und weniger Pausen bräuchten, würde die Arbeit produktiver. Am Ende würden auch die Unternehmen prima aus der Sache herauskommen.

In einigen Berufen kann die Arbeitszeit nicht verkürzt werden

Das ist eine verlockende Aussicht, die aber aus verschiedenen Gründen nicht funktionieren kann. Erstens sind Arbeitszeitverkürzungen nur in der Krise sinnvoll. Im Aufschwung würden die Arbeitskräfte bald fehlen.

Zweitens kann man nicht die Berufe von einer allgemeinen gesetzlichen Arbeitszeitverkürzung ausnehmen, die man gerade dringend braucht: in diesen Zeiten etwa Kranken- und Altenpfleger. Verschärft würde diese Entwicklung drittens durch den demografischen Wandel, der in den kommenden Jahren zu einer dramatischen Lücke auf dem Arbeitsmarkt führen wird.

Jüngere und Ältere werden mehr und länger arbeiten müssen, um diese Lücke auszugleichen. Tun sie es nicht, wird das Wirtschaftswachstum immer schwächer, die Corona-bedingten Milliardenlasten können nicht abgelöst werden.

Nach einer Wirtschaftskrise sollte mehr gearbeitet werden

Denn viertens muss eine Volkswirtschaft nach einem wirtschaftlichen Einbruch wie der Corona-Krise alle Wachstumskräfte mobilisieren. Sie muss produktiver werden, mehr arbeiten, keine mögliche Überstunde auslassen.

Denn Deutschland ist in den vergangenen Monaten nicht reicher, sondern sehr viel ärmer geworden. Diesen Einbruch müssen die Unternehmen und ihre Beschäftigten in den nächsten Jahren aufholen und ausgleichen, wenn der Lebensstandard gesichert werden, die sozialen Leistungen weiter bezahlt, die Infrastruktur ausgebaut werden soll.

Weniger zu arbeiten als möglich, ist in einer solchen Lage verrückt. Eine Luxusdebatte wie die einer Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich zu führen, ist noch verrückter.

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Gemeinsam mit t-online.de und der Leibniz-Gemeinschaft produziert sie den Podcast "Tonspur Wissen".

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