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Corona-Katastrophe in Brasilien: Wo politischer Unwille Tausende Leben kostet

Corona-Katastrophe in Brasilien  

Wo politischer Unwille Tausende das Leben kostet

Von Sonja Eichert

13.04.2021, 17:35 Uhr
Corona-Katastrophe in Brasilien: Wo politischer Unwille Tausende Leben kostet. Angehörige trauern um einen Corona-Verstorbenen: Brasilien vermeldete in den letzten Wochen immer neue Rekordzahlen bei den Todesfällen nach einer Covid-Infektion. (Quelle: Reuters/Pilar Olivares)

Angehörige trauern um einen Corona-Verstorbenen: Brasilien vermeldete in den letzten Wochen immer neue Rekordzahlen bei den Todesfällen nach einer Covid-Infektion. (Quelle: Pilar Olivares/Reuters)

Überfüllte Krankenhäuser, Sauerstoffmangel und ein Präsident, der Corona nicht ernst nimmt: Medizinische Katastrophe und politisches Versagen gehen in Brasilien Hand in Hand.

Krankenhäuser ohne Sauerstoff, kein Platz mehr auf den Friedhöfen, über 4.000 Corona-Tote an einem Tag: In Brasilien jagt eine Schreckensmeldung die nächste. Das Gesundheitssystem ist in weiten Teilen des Landes längst kollabiert. Der Präsident kämpft weniger gegen die Pandemie als gegen diejenigen, die die Pandemie bekämpfen. In dem südamerikanischen Land kann das Coronavirus so wüten wie in keinem anderen Land auf der Welt.

Am Mittwoch letzter Woche wurde der traurige Rekord vermeldet: 4.195 Corona-Tote an einem Tag, so viele wie noch nie zuvor in Brasilien. Zuletzt kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums 1.480 weitere innerhalb von 24 Stunden dazu. Bei insgesamt fast 13,5 Millionen Fällen kostete die Pandemie über 354.000 Menschen in dem Land am Amazonas das Leben. In absoluten Zahlen liegt Brasilien damit weltweit auf Platz 2, hinter den USA. Doch umgerechnet auf die Bevölkerungszahl zeigt sich: Brasilien hat die USA längst überholt.


Ansteckendere Virusvariante ließ das Gesundheitssystem kollabieren

Als Hauptgründe sind die mangelnde Krisenpolitik von Präsident Jair Bolsonaro und die Verbreitung der Variante P1 auszumachen. Diese wurde Anfang Januar in Japan bei einem Reisenden aus dem Amazonasgebiet entdeckt. Seitdem verbreitet sie sich rasant schnell, längst ist nicht mehr nur die abgelegene Amazonasregion mit der Hauptstadt Manaus betroffen. Die Variante ist nicht tödlicher als das ursprüngliche Coronavirus, aber deutlich ansteckender: Die Mutationen sorgen dafür, dass das Virus leichter in die menschlichen Zellen eindringen und sich dort vermehren kann. Zudem können sich auch Menschen, die schon mit anderen Virusvarianten infiziert waren, mit der P1-Variante anstecken.

Dadurch sind die Krankenhäuser voll, vielerorts können die Patienten kaum noch versorgt werden. In 18 der 27 Bundesstaaten sind laut Gesundheitsinstitut Fiocruz die Intensivstationen zu mehr als 90 Prozent belegt, in fast allen anderen liegt die Auslastung bei mehr als 80 Prozent. Hunderte Infizierte warten auf ein Bett. Sauerstoff zur Beatmung und Medikamente, zum Beispiel zur Ruhigstellung bei Intubationen, fehlen, berichtet "BBC Brasil" unter Berufung auf den Rat der Gesundheitssekretäre.

Dicht an dicht stehen die Liegen: Die Patienten in dieser Klinik in São João de Meriti warten noch auf ihr Testergebnis – wahrscheinlich haben sie Covid-19. (Quelle: dpa)Dicht an dicht stehen die Liegen: Die Patienten in dieser Klinik in São João de Meriti warten noch auf ihr Testergebnis – wahrscheinlich haben sie Covid-19. (Quelle: dpa)

Aus der inzwischen besonders betroffenen Metropole São Paulo machte Mitte März der Fall eines Mannes Schlagzeilen, der während der Wartezeit auf ein freies Intensivbett verstarb. Dort leert man mittlerweile schneller als üblich alte Gräber, um auf den Friedhöfen Platz für die vielen neuen Covid-Toten zu schaffen.

Bolsonaro schließt einen Lockdown kategorisch aus

Und Präsident Bolsonaro? Zuletzt stellte er umgerechnet etwa 788 Millionen Euro zusätzlich für das Gesundheitswesen bereit. Doch einen Lockdown schließt er weiterhin kategorisch aus: "Wir werden nach Alternativen suchen. Wir werden die Politik des Zuhausebleibens, des Abriegelns, des Lockdowns nicht hinnehmen", sagte er am Mittwoch. Seit Beginn der Pandemie stemmt er sich mit Verweis auf die wirtschaftlichen Folgen gegen harte Maßnahmen.

Jair Bolsonaro: Der brasilianische Präsident lehnt harte Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie ab. (Quelle: Reuters/Adriano Machado)Jair Bolsonaro: Der brasilianische Präsident lehnt harte Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie ab. (Quelle: Adriano Machado/Reuters)

Erst Ende März hatte er überraschend große Teile seines Kabinetts umgebaut. Sechs seiner Minister tauschte er aus, nachdem Verteidigungsminister Fernando Azevedo e Silva und Außenminister Ernesto Araújo zurückgetreten waren. Letzterem wird erhebliche Mitschuld an der Lage seines Landes gegeben. Der Vorwurf: Er habe Brasilien auf der internationalen Bühne isoliert und so um eine gute Position beim Impfstoffhandel gebracht. Tatsächlich war Araújo maßgeblich am Konflikt zum Beispiel mit dem wichtigen Handelspartner China beteiligt – von dort importiert Brasilien wichtigen Grundstoff für die Impfstoffproduktion.

Hinter dem Austausch des Verteidigungsministers hingegen steckt wohl Bolsonaros ausgeprägte Lockdown-Abneigung: Der abgelöste Verteidigungsminister Azevedo hatte sich Stimmen aus Brasília zufolge geweigert, die Politik des Präsidenten zu unterstützen. Bolsonaro wollte sich wohl die Unterstützung des Militärs sichern, um Notstandsmaßnahmen wegen der Lockdowns zu verhängen, die von Regionalregierungen gegen seinen Willen angeordnet worden waren.

Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Rio de Janeiro: Die Stadt hatte vor Ostern eigenmächtig einen Lockdown verhängt. (Quelle: Reuters/Ricardo Moraes)Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Rio de Janeiro: Die Stadt hatte vor Ostern eigenmächtig einen Lockdown verhängt. (Quelle: Ricardo Moraes/Reuters)

Der neue Verteidigungsminister Walter Souza Braga Netto sorgte dann jedoch gleich für die nächste Überraschung: Er besetzte die Spitzen von Armee, Marine und Luftwaffe neu. Zum Armeechef machte er dabei General Paulo Sérgio Nogueira de Oliveira – vormals Leiter des Bereichs Heeresgesundheit und damit verantwortlich für die Anti-Corona-Strategie der Armee, inklusive Homeoffice und Kampagnen zum Maskentragen und Händewaschen. Favorit Bolsonaros soll er dementsprechend nicht gewesen sein.  

Senat muss Bolsonaros Nicht-Handeln untersuchen

Das Nicht-Handeln des Präsidenten hat mittlerweile die brasilianische Justiz auf den Plan gerufen: Nachdem sich Senatspräsident Rodrigo Pacheco zunächst geweigert hatte, ordnete der oberste Verfassungsrichter Luís Roberto Barroso am Donnerstag die Einsetzung eines Sonderausschusses im Senat an. Dieser solle "mögliche Versäumnisse von Bolsonaro im Corona-Krisenmanagement" untersuchen.

Bolsonaros Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Richter Barroso leide an einem "Mangel an moralischem Mut und einem Überschuss an juristischem Aktionismus", dessen Opfer er nun sei, erklärte Bolsonaro am Freitag vor Anhängern in Brasília. Der oberste Richter spiele "gemeinsam mit dem Senat Politik".

CNN berichtet zudem, dass Bolsonaro in einem Telefonat einen Senator gebeten haben soll, die Untersuchung auf Gouverneure und Bürgermeister auszuweiten. Ansonsten würde die Untersuchung nur darauf abzielen, einen "dreckigen Report" über die Regierung zu ergeben, so der Präsident.

"Der größte Genozid unserer Geschichte"

Doch der Druck auf Bolsonaro wächst, und tat dies schon vor der Anordnung zum Untersuchungsausschuss. Mehrere Ex-Präsidenten warfen ihm in Interviews einen Genozid am eigenen Volk vor. "Es ist der größte Genozid unserer Geschichte", sagte Luiz Inácio Lula da Silva dem "Spiegel". Er war von 2003 bis 2011 an der Spitze des Landes und gilt als einer der größten Widersacher Bolsonaros, ebenso wie Dilma Rousseff. Die Präsidentin von 2011 bis 2016 erklärte im britischen "Guardian": "Es ist nicht das Wort, das mich interessiert – es ist das Konzept. Und das Konzept ist Folgendes: die Verantwortlichkeit für Tode, die hätten verhindert werden können".

Protestbanner in Rio de Janeiro: "Bolsonaro, deine Regierung ist völkermörderisch". (Quelle: Reuters/Ricardo Moraes)Protestbanner in Rio de Janeiro: "Bolsonaro, deine Regierung ist völkermörderisch". (Quelle: Ricardo Moraes/Reuters)

Der Präsident schüttelt die Kritik ab: "Sie haben mich homophob, rassistisch, faschistisch, einen Folterer genannt, und jetzt? Was ist jetzt? Jetzt bin ich jemand, der eine Menge Leute tötet? Völkermörderisch. Jetzt bin ich völkermörderisch", soll er CNN zufolge in der vergangenen Woche in Brasília gesagt haben. "Wofür werde ich nicht beschuldigt, hier in Brasilien?"

Das Elend in den Favelas

Es zeichnet sich ab, dass das ganze Ausmaß der brasilianischen Corona-Katastrophe noch größer ist als bekannt. In den Favelas der Großstädte dürften die Infektionsraten noch deutlich höher liegen als in der Durchschnittsbevölkerung Brasiliens. Dafür sorgen nicht nur die Lebensumstände in den Elendsvierteln, die Pandemie verschlimmert dort ein weiteres Problem: den Hunger.

Viele der Bewohner melden Corona-Symptome und Todesfälle nicht, weil sie fürchten, durch die Quarantäneanordnung nicht arbeiten gehen zu können. Durch die Pandemie wurden Lebensmittel durchschnittlich 15 Prozent teurer, Grundnahrungsmittel wie Getreide um mehr als das Doppelte, berichten lokale Medien. Nachdem Bolsonaro die Pandemie Ende 2020 zwischenzeitlich für beendet erklärt hatte, wurden auch die Unterstützungsmaßnahmen der Regierung eingestellt, so "RioOnWatch". Viele Menschen würden mittlerweile aus dem Müll essen.

Impft Brasilien zu langsam?

Doch Erleichterung ist vorerst kaum in Sicht: Zwar wirken die Impfstoffe von Astrazeneca und Biontech/Pfizer einer Studie zufolge besser als zunächst angenommen gegen die P1-Variante. Doch die Impfungen in Brasilien schreiten nur langsam voran: 9,7 Prozent der Bevölkerung haben bisher mindestens eine Impfdosis erhalten, in Deutschland sind es mittlerweile 15,8 Prozent.


Dabei wurde in Brasilien bereits im letzten Jahr gegen das Coronavirus geimpft: Die Überwachungsbehörde Anvisa genehmigte fast ein halbes Dutzend Testreihen im Rahmen von Studien noch vor Zulassung der Impfstoffe. Unter den beteiligten Herstellern waren unter anderen Johnson & Johnson, Astrazeneca, Biontech/Pfizer und der chinesische Pharmakonzern Sinovac. Mit Sinovac startete dann im Januar auch die Impfkampagne der Regierung, auch wenn sich Bolsonaro immer wieder verächtlich über den chinesischen Impfstoff geäußert hatte. Zuletzt hatte der chinesische Staat zudem eingestehen müssen, dass die in dem Land entwickelten Vakzine weniger wirksam sind als angestrebt.

Impfaktion in Rio: Hier wird der Wirkstoff des chinesischen Herstellers Sinovac verimpft. (Quelle: Reuters/Ricardo Moraes)Impfaktion in Rio: Hier wird der Wirkstoff des chinesischen Herstellers Sinovac verimpft. (Quelle: Ricardo Moraes/Reuters)

Mittlerweile verspricht der brasilianische Präsident: "2021 wird das Jahr der Impfung der Brasilianer". Im Norden des Landes produziert eine Fabrik inzwischen großangelegt den Astrazeneca-Impfstoff.

Doch die Sorge ist groß, dass die Impfungen zu spät kommen könnten. Der Epidemiologe Diego Xavier vom Gesundheitsinstitut Fiocruz warnte noch im März gegenüber der Nachrichtenagentur dpa: "Wenn der Präsident so weitermacht und die Ansteckung weitergeht, dann kann noch eine neue Variante kommen, die nicht auf einen Impfstoff reagiert."

Er könnte recht behalten: Am ersten April wurde bei einer Brasilianerin in der Nähe von São Paulo eine neue, zuvor unbekannte Variante festgestellt. Diese wird derzeit noch untersucht, soll aber der südafrikanischen ähneln. Für diese war am Wochenende bekannt geworden, dass sie wohl den Schutz des Biontech/Pfizer-Impfstoffs durchbrechen kann. Auch der Wirkstoff von Astrazeneca soll weniger effektiv sein. Sollte dies auch bei der neu gefundenen Variante der Fall sein, und diese sich weiter in Brasilien ausbreiten, würde die Corona-Katastrophe sich wohl noch einmal erheblich verschärfen.

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