• Home
  • Politik
  • Ausland
  • Corona-Katastrophe in Brasilien: Wo politischer Unwille Tausende Leben kostet


Schlagzeilen
AlleAlle anzeigen

Symbolbild fĂŒr einen TextCorona-Inzidenz steigt erneutSymbolbild fĂŒr einen Text"KegelbrĂŒder": Richter fĂŒhlt sich "verhöhnt"Symbolbild fĂŒr einen TextBiden verliert wichtige MitarbeiterinSymbolbild fĂŒr einen TextReisechaos: Scholz kritisiert FlughĂ€fenSymbolbild fĂŒr einen TextFrau bei Politikertreffen getötetSymbolbild fĂŒr einen TextTV-Star ĂŒberfuhr Sohn mit RasenmĂ€herSymbolbild fĂŒr einen TextUkraine fahndet nach AbgeordnetemSymbolbild fĂŒr ein VideoWirbel um Bikini-Clip von US-SenatorinSymbolbild fĂŒr einen TextZugtĂŒr schließt – Mann fĂ€hrt auf Puffer mitSymbolbild fĂŒr einen TextSpears grĂŒĂŸt oben ohne aus FlitterwochenSymbolbild fĂŒr einen TextAnsturm auf Johnny Depp in HessenSymbolbild fĂŒr einen Watson TeaserRTL-Star wĂŒtet gegen Lindner-HochzeitSymbolbild fĂŒr einen TextSpielen Sie das Spiel der Könige

Wo politischer Unwille Tausende das Leben kostet

  • Sonja Eichert
Von Sonja Eichert

Aktualisiert am 13.04.2021Lesedauer: 6 Min.
Angehörige trauern um einen Corona-Verstorbenen: Brasilien vermeldete in den letzten Wochen immer neue Rekordzahlen bei den TodesfÀllen nach einer Covid-Infektion.
Angehörige trauern um einen Corona-Verstorbenen: Brasilien vermeldete in den letzten Wochen immer neue Rekordzahlen bei den TodesfÀllen nach einer Covid-Infektion. (Quelle: Pilar Olivares/Reuters-bilder)
Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo

ÜberfĂŒllte KrankenhĂ€user, Sauerstoffmangel und ein PrĂ€sident, der Corona nicht ernst nimmt: Medizinische Katastrophe und politisches Versagen gehen in Brasilien Hand in Hand.

KrankenhĂ€user ohne Sauerstoff, kein Platz mehr auf den Friedhöfen, ĂŒber 4.000 Corona-Tote an einem Tag: In Brasilien jagt eine Schreckensmeldung die nĂ€chste. Das Gesundheitssystem ist in weiten Teilen des Landes lĂ€ngst kollabiert. Der PrĂ€sident kĂ€mpft weniger gegen die Pandemie als gegen diejenigen, die die Pandemie bekĂ€mpfen. In dem sĂŒdamerikanischen Land kann das Coronavirus so wĂŒten wie in keinem anderen Land auf der Welt.

Am Mittwoch letzter Woche wurde der traurige Rekord vermeldet: 4.195 Corona-Tote an einem Tag, so viele wie noch nie zuvor in Brasilien. Zuletzt kamen nach Angaben des Gesundheitsministeriums 1.480 weitere innerhalb von 24 Stunden dazu. Bei insgesamt fast 13,5 Millionen FĂ€llen kostete die Pandemie ĂŒber 354.000 Menschen in dem Land am Amazonas das Leben. In absoluten Zahlen liegt Brasilien damit weltweit auf Platz 2, hinter den USA. Doch umgerechnet auf die Bevölkerungszahl zeigt sich: Brasilien hat die USA lĂ€ngst ĂŒberholt.

ANZEIGEN
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Meistgelesen
Spektakel auf Sylt – und eine kleine Kirche in Aufruhr
Kirche St. Severin auf Sylt: Hier geben sich Christian Lindner und Franca Lehfeldt am Samstag das Jawort.


Ansteckendere Virusvariante ließ das Gesundheitssystem kollabieren

Als HauptgrĂŒnde sind die mangelnde Krisenpolitik von PrĂ€sident Jair Bolsonaro und die Verbreitung der Variante P1 auszumachen. Diese wurde Anfang Januar in Japan bei einem Reisenden aus dem Amazonasgebiet entdeckt. Seitdem verbreitet sie sich rasant schnell, lĂ€ngst ist nicht mehr nur die abgelegene Amazonasregion mit der Hauptstadt Manaus betroffen. Die Variante ist nicht tödlicher als das ursprĂŒngliche Coronavirus, aber deutlich ansteckender: Die Mutationen sorgen dafĂŒr, dass das Virus leichter in die menschlichen Zellen eindringen und sich dort vermehren kann. Zudem können sich auch Menschen, die schon mit anderen Virusvarianten infiziert waren, mit der P1-Variante anstecken.

Dadurch sind die KrankenhÀuser voll, vielerorts können die Patienten kaum noch versorgt werden. In 18 der 27 Bundesstaaten sind laut Gesundheitsinstitut Fiocruz die Intensivstationen zu mehr als 90 Prozent belegt, in fast allen anderen liegt die Auslastung bei mehr als 80 Prozent. Hunderte Infizierte warten auf ein Bett. Sauerstoff zur Beatmung und Medikamente, zum Beispiel zur Ruhigstellung bei Intubationen, fehlen, berichtet "BBC Brasil" unter Berufung auf den Rat der GesundheitssekretÀre.

Dicht an dicht stehen die Liegen: Die Patienten in dieser Klinik in São João de Meriti warten noch auf ihr Testergebnis – wahrscheinlich haben sie Covid-19.
Dicht an dicht stehen die Liegen: Die Patienten in dieser Klinik in São João de Meriti warten noch auf ihr Testergebnis – wahrscheinlich haben sie Covid-19. (Quelle: dpa-bilder)

Aus der inzwischen besonders betroffenen Metropole SĂŁo Paulo machte Mitte MĂ€rz der Fall eines Mannes Schlagzeilen, der wĂ€hrend der Wartezeit auf ein freies Intensivbett verstarb. Dort leert man mittlerweile schneller als ĂŒblich alte GrĂ€ber, um auf den Friedhöfen Platz fĂŒr die vielen neuen Covid-Toten zu schaffen.

Bolsonaro schließt einen Lockdown kategorisch aus

Und PrĂ€sident Bolsonaro? Zuletzt stellte er umgerechnet etwa 788 Millionen Euro zusĂ€tzlich fĂŒr das Gesundheitswesen bereit. Doch einen Lockdown schließt er weiterhin kategorisch aus: "Wir werden nach Alternativen suchen. Wir werden die Politik des Zuhausebleibens, des Abriegelns, des Lockdowns nicht hinnehmen", sagte er am Mittwoch. Seit Beginn der Pandemie stemmt er sich mit Verweis auf die wirtschaftlichen Folgen gegen harte Maßnahmen.

Jair Bolsonaro: Der brasilianische PrĂ€sident lehnt harte Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie ab.
Jair Bolsonaro: Der brasilianische PrĂ€sident lehnt harte Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie ab. (Quelle: Adriano Machado/Reuters-bilder)

Erst Ende MĂ€rz hatte er ĂŒberraschend große Teile seines Kabinetts umgebaut. Sechs seiner Minister tauschte er aus, nachdem Verteidigungsminister Fernando Azevedo e Silva und Außenminister Ernesto AraĂșjo zurĂŒckgetreten waren. Letzterem wird erhebliche Mitschuld an der Lage seines Landes gegeben. Der Vorwurf: Er habe Brasilien auf der internationalen BĂŒhne isoliert und so um eine gute Position beim Impfstoffhandel gebracht. TatsĂ€chlich war AraĂșjo maßgeblich am Konflikt zum Beispiel mit dem wichtigen Handelspartner China beteiligt – von dort importiert Brasilien wichtigen Grundstoff fĂŒr die Impfstoffproduktion.

Hinter dem Austausch des Verteidigungsministers hingegen steckt wohl Bolsonaros ausgeprĂ€gte Lockdown-Abneigung: Der abgelöste Verteidigungsminister Azevedo hatte sich Stimmen aus BrasĂ­lia zufolge geweigert, die Politik des PrĂ€sidenten zu unterstĂŒtzen. Bolsonaro wollte sich wohl die UnterstĂŒtzung des MilitĂ€rs sichern, um Notstandsmaßnahmen wegen der Lockdowns zu verhĂ€ngen, die von Regionalregierungen gegen seinen Willen angeordnet worden waren.

Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Rio de Janeiro: Die Stadt hatte vor Ostern eigenmĂ€chtig einen Lockdown verhĂ€ngt.
Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Rio de Janeiro: Die Stadt hatte vor Ostern eigenmĂ€chtig einen Lockdown verhĂ€ngt. (Quelle: Ricardo Moraes/Reuters-bilder)

Der neue Verteidigungsminister Walter Souza Braga Netto sorgte dann jedoch gleich fĂŒr die nĂ€chste Überraschung: Er besetzte die Spitzen von Armee, Marine und Luftwaffe neu. Zum Armeechef machte er dabei General Paulo SĂ©rgio Nogueira de Oliveira – vormals Leiter des Bereichs Heeresgesundheit und damit verantwortlich fĂŒr die Anti-Corona-Strategie der Armee, inklusive Homeoffice und Kampagnen zum Maskentragen und HĂ€ndewaschen. Favorit Bolsonaros soll er dementsprechend nicht gewesen sein.

Senat muss Bolsonaros Nicht-Handeln untersuchen

Das Nicht-Handeln des PrÀsidenten hat mittlerweile die brasilianische Justiz auf den Plan gerufen: Nachdem sich SenatsprÀsident Rodrigo Pacheco zunÀchst geweigert hatte, ordnete der oberste Verfassungsrichter Luís Roberto Barroso am Donnerstag die Einsetzung eines Sonderausschusses im Senat an. Dieser solle "mögliche VersÀumnisse von Bolsonaro im Corona-Krisenmanagement" untersuchen.

Bolsonaros Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Richter Barroso leide an einem "Mangel an moralischem Mut und einem Überschuss an juristischem Aktionismus", dessen Opfer er nun sei, erklĂ€rte Bolsonaro am Freitag vor AnhĂ€ngern in BrasĂ­lia. Der oberste Richter spiele "gemeinsam mit dem Senat Politik".

Loading...
Symbolbild fĂŒr eingebettete Inhalte

Embed

CNN berichtet zudem, dass Bolsonaro in einem Telefonat einen Senator gebeten haben soll, die Untersuchung auf Gouverneure und BĂŒrgermeister auszuweiten. Ansonsten wĂŒrde die Untersuchung nur darauf abzielen, einen "dreckigen Report" ĂŒber die Regierung zu ergeben, so der PrĂ€sident.

"Der grĂ¶ĂŸte Genozid unserer Geschichte"

Doch der Druck auf Bolsonaro wĂ€chst, und tat dies schon vor der Anordnung zum Untersuchungsausschuss. Mehrere Ex-PrĂ€sidenten warfen ihm in Interviews einen Genozid am eigenen Volk vor. "Es ist der grĂ¶ĂŸte Genozid unserer Geschichte", sagte Luiz InĂĄcio Lula da Silva dem "Spiegel". Er war von 2003 bis 2011 an der Spitze des Landes und gilt als einer der grĂ¶ĂŸten Widersacher Bolsonaros, ebenso wie Dilma Rousseff. Die PrĂ€sidentin von 2011 bis 2016 erklĂ€rte im britischen "Guardian": "Es ist nicht das Wort, das mich interessiert – es ist das Konzept. Und das Konzept ist Folgendes: die Verantwortlichkeit fĂŒr Tode, die hĂ€tten verhindert werden können".

Loading...
Loading...
Loading...
Protestbanner in Rio de Janeiro: "Bolsonaro, deine Regierung ist völkermörderisch".
Protestbanner in Rio de Janeiro: "Bolsonaro, deine Regierung ist völkermörderisch". (Quelle: Ricardo Moraes/Reuters-bilder)

Der PrĂ€sident schĂŒttelt die Kritik ab: "Sie haben mich homophob, rassistisch, faschistisch, einen Folterer genannt, und jetzt? Was ist jetzt? Jetzt bin ich jemand, der eine Menge Leute tötet? Völkermörderisch. Jetzt bin ich völkermörderisch", soll er CNN zufolge in der vergangenen Woche in BrasĂ­lia gesagt haben. "WofĂŒr werde ich nicht beschuldigt, hier in Brasilien?"

Das Elend in den Favelas

Es zeichnet sich ab, dass das ganze Ausmaß der brasilianischen Corona-Katastrophe noch grĂ¶ĂŸer ist als bekannt. In den Favelas der GroßstĂ€dte dĂŒrften die Infektionsraten noch deutlich höher liegen als in der Durchschnittsbevölkerung Brasiliens. DafĂŒr sorgen nicht nur die LebensumstĂ€nde in den Elendsvierteln, die Pandemie verschlimmert dort ein weiteres Problem: den Hunger.

Viele der Bewohner melden Corona-Symptome und TodesfĂ€lle nicht, weil sie fĂŒrchten, durch die QuarantĂ€neanordnung nicht arbeiten gehen zu können. Durch die Pandemie wurden Lebensmittel durchschnittlich 15 Prozent teurer, Grundnahrungsmittel wie Getreide um mehr als das Doppelte, berichten lokale Medien. Nachdem Bolsonaro die Pandemie Ende 2020 zwischenzeitlich fĂŒr beendet erklĂ€rt hatte, wurden auch die UnterstĂŒtzungsmaßnahmen der Regierung eingestellt, so "RioOnWatch". Viele Menschen wĂŒrden mittlerweile aus dem MĂŒll essen.

Impft Brasilien zu langsam?

Doch Erleichterung ist vorerst kaum in Sicht: Zwar wirken die Impfstoffe von Astrazeneca und Biontech/Pfizer einer Studie zufolge besser als zunÀchst angenommen gegen die P1-Variante. Doch die Impfungen in Brasilien schreiten nur langsam voran: 9,7 Prozent der Bevölkerung haben bisher mindestens eine Impfdosis erhalten, in Deutschland sind es mittlerweile 15,8 Prozent.

Dabei wurde in Brasilien bereits im letzten Jahr gegen das Coronavirus geimpft: Die Überwachungsbehörde Anvisa genehmigte fast ein halbes Dutzend Testreihen im Rahmen von Studien noch vor Zulassung der Impfstoffe. Unter den beteiligten Herstellern waren unter anderen Johnson & Johnson, Astrazeneca, Biontech/Pfizer und der chinesische Pharmakonzern Sinovac. Mit Sinovac startete dann im Januar auch die Impfkampagne der Regierung, auch wenn sich Bolsonaro immer wieder verĂ€chtlich ĂŒber den chinesischen Impfstoff geĂ€ußert hatte. Zuletzt hatte der chinesische Staat zudem eingestehen mĂŒssen, dass die in dem Land entwickelten Vakzine weniger wirksam sind als angestrebt.

Beliebteste Videos
1
TschetschenenfĂŒhrer droht mit Durchmarsch bis Berlin
Symbolbild fĂŒr ein Video

Alle VideosPfeil nach rechts
Impfaktion in Rio: Hier wird der Wirkstoff des chinesischen Herstellers Sinovac verimpft.
Impfaktion in Rio: Hier wird der Wirkstoff des chinesischen Herstellers Sinovac verimpft. (Quelle: Ricardo Moraes/Reuters-bilder)

Mittlerweile verspricht der brasilianische PrĂ€sident: "2021 wird das Jahr der Impfung der Brasilianer". Im Norden des Landes produziert eine Fabrik inzwischen großangelegt den Astrazeneca-Impfstoff.

Doch die Sorge ist groß, dass die Impfungen zu spĂ€t kommen könnten. Der Epidemiologe Diego Xavier vom Gesundheitsinstitut Fiocruz warnte noch im MĂ€rz gegenĂŒber der Nachrichtenagentur dpa: "Wenn der PrĂ€sident so weitermacht und die Ansteckung weitergeht, dann kann noch eine neue Variante kommen, die nicht auf einen Impfstoff reagiert."

Er könnte recht behalten: Am ersten April wurde bei einer Brasilianerin in der NĂ€he von SĂŁo Paulo eine neue, zuvor unbekannte Variante festgestellt. Diese wird derzeit noch untersucht, soll aber der sĂŒdafrikanischen Ă€hneln. FĂŒr diese war am Wochenende bekannt geworden, dass sie wohl den Schutz des Biontech/Pfizer-Impfstoffs durchbrechen kann. Auch der Wirkstoff von Astrazeneca soll weniger effektiv sein. Sollte dies auch bei der neu gefundenen Variante der Fall sein, und diese sich weiter in Brasilien ausbreiten, wĂŒrde die Corona-Katastrophe sich wohl noch einmal erheblich verschĂ€rfen.

Facebook LogoTwitter LogoPinterest LogoWhatsApp Logo
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...

ShoppingANZEIGEN

Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
Loading...
BrasilienCNNCOVID-19CoronavirusJair BolsonaroLockdownRio de JaneiroTodesfallUSA
Aktuelles zu den Parteien

Politik international




t-online - Nachrichten fĂŒr Deutschland
t-online folgen
FacebookTwitterInstagram

Das Unternehmen
Ströer Digital PublishingJobs & KarrierePresseWerbenKontaktImpressumDatenschutzhinweiseDatenschutzhinweise (PUR)Jugendschutz



Telekom
Telekom Produkte & Services
KundencenterFreemailSicherheitspaketVertragsverlÀngerung FestnetzVertragsverlÀngerung MobilfunkHilfeFrag Magenta


TelekomCo2 Neutrale Website