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Was plant Putin? Geheimdienste geben düstere Prognose

dpa, Ansgar Haase

Aktualisiert am 04.02.2022Lesedauer: 4 Min.
Russlands Präsident Wladimir Putin: "Er will die Ukraine zurück", lautet die Analyse der westlichen Geheimdienste.
Russlands Präsident Wladimir Putin: "Er will die Ukraine zurück", lautet die Analyse der westlichen Geheimdienste. (Quelle: Pavel Golovkin/Pool/Reuters-bilder)
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Ein großer Krieg oder nur ein großer Bluff? Russland beteuert zumindest, dass es in Osteuropa keinen Krieg will. Doch die Informationen von westlichen Geheimdiensten sind alles andere als beruhigend.

Niemand im Westen weiß, was Russlands Präsident Wladimir Putin mit den Soldaten und Waffen vorhat, die er in Richtung Westen verlegen lässt. Moskau dementiert, dass es einen Einmarsch in die Ukraine plant. Dank Spionagesatelliten und anderen Aufklärungsmethoden haben die Geheimdienste allerdings einen sehr guten Überblick über die aktuelle Lage. Und diese wirkt düster – vor allem, wenn sie mit den Analysen kombiniert wird, die über Putin selbst erstellt wurden. Ein Überblick:


Ukraine-Krieg: Die Chronologie des Konflikts

Dezember 2013: Hunderttausende Ukrainer protestieren in der Hauptstadt Kiew gegen den prorussischen Präsidenten Viktor Janukowitsch, weil seine Regierung das Partnerschaftsabkommen mit der EU kippte. Der Unabhängigkeitsplatz (Maidan) wird zum Symbol.
Februar 2014: Viktor Janukowitsch flieht nach Russland. Moskau besetzt militärisch die ukrainische Schwarzmeerhalbinsel Krim.
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Der Aufmarsch

Die Nachrichtendienste aus den USA und anderen Nato-Staaten gehen davon aus, dass mittlerweile zwischen 112.000 bis 120.000 russische Soldaten in Gebieten unweit der Ukraine stationiert sind. Mit den Truppen wurden schwere Waffen, Panzer und zuletzt auch Landungsschiffe sowie Einheiten des Sanitätsdienstes mit Blutreserven verlegt, wie aus Gesprächen mit westlichen Geheimdienstlern hervorgeht.

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Weitere russische Soldaten werden zu einem in Kürze beginnenden Militärmanöver im nördlich der Ukraine gelegenen Belarus erwartet. Mit ihnen erfolgt auch eine Verlegung von Luftabwehrsystemen vom Typ S-400 und Panzern sowie von Kampfflugzeugen vom Typ Suchoi Su-35.

Hinweise auf ein Ende des Aufmarsches gebe es nicht, sagte ein ranghoher westlicher Geheimdienstvertreter der Deutschen Presse-Agentur. Konkret wird es demnach für wahrscheinlich gehalten, dass die derzeit auf rund 60 geschätzte Zahl der taktischen Bataillonsgruppen (BTG) bis Mitte Februar auf mehr als 100 erhöht werden könnte. Die BTG sind schnelle und hochflexible Kampfeinheiten mit 600 bis 1.000 Soldaten.

Unterstützt werden könnten die BTG im Fall eines russischen Angriffs von den geschätzt rund 35.000 bewaffneten Kräfte der kremlnahen Separatisten im Donbass. Sie sind in den mehr als 100.000 russischen Soldaten nicht eingerechnet.

Russischer Soldat während einer Militärübung: Russland hat bereits erste Militärtechnik ins Nachbarland Belarus verlegt.
Russischer Soldat während einer Militärübung: Russland hat bereits erste Militärtechnik ins Nachbarland Belarus verlegt. (Quelle: Uncredited/Russian Defense Ministry Press Service/AP/dpa-bilder)

Die militärischen Optionen

Wenn der Aufmarsch wie befürchtet fortgesetzt wird, könnte Russland nach Einschätzung von Militärexperten schon in zwei Wochen in der Lage sein, eine umfassende Invasion mit anschließender Besatzung zu starten. Für möglich wird aber auch gehalten, dass nur die Hälfte des Landes eingenommen wird, oder dass lediglich ein Korridor von der bereits annektierten ukrainischen Halbinsel Krim Richtung Moldau und Rumänien geschaffen werden soll.

Als weitere Optionen gelten ein offizieller Einzug in den bereits von den Separatisten kontrollierten Donbass, wo russische Soldaten sich dann als eine Art Friedenstruppe sehen würden – möglicherweise auch nach einer Erweiterung der Separatistengebiete. Ein möglicher Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew könnte nach Einschätzung der Analysten über Belarus, aber auch über den Nordosten der Ukraine erfolgen.

Ob Putin eine dieser Optionen wählt – und wenn ja, welche – dürfte nach Einschätzung der Analysten zum einen von der Risikobereitschaft abhängen, zum anderen aber auch davon, welches Ziel er eigentlich erreichen will. Jeglicher Angriff dürfte von umfangreichen Cyberattacken auf das Energieversorgungssystem, staatliche Führungsstellen sowie auf das Telekommunikationssystem, TV- und Radio-Stationen begleitet werden. "Ziel wäre es, das Land schnell zu isolieren und bei möglichst vielen Menschen viel Chaos und Beunruhigung hervorzurufen", erklärt ein Geheimdienstler.

Die möglichen Beweggründe

Warum könnte Putin das Risiko eines Angriffs auf die Ukraine eingehen? Aus Sicht der westlichen Dienste ist das ganz klar. "Er will die Ukraine zurück", lautet die Analyse. Aus Putins Sicht seien die Russen und die Ukrainer ein Volk, die Ukraine existiere gar nicht, ebenso wenig ein eigenständiges ukrainisches Volk. Deshalb setze sich Putin für die Rückkehr der Ukraine nach Russland oder zumindest in seine Einflusssphäre ein.

Hoffnungsschimmer ist dabei, dass Putin genau wegen dieser Denkweise vermutlich kein Interesse daran haben dürfte, das Land bei einem Angriff zu stark zu zerstören. Als eine durchaus wahrscheinliche Option wird deswegen auch gesehen, dass Russland eine nur wenige Tage oder Wochen dauernde Offensive startet und sich dann an den Verhandlungstisch begibt.

Dort könnte es dann die anderen Verhandler vor die Wahl stellen: Entweder es gibt eine Kapitulation oder die Offensive geht weiter. Möglicherweise gehe es Putin vor allem darum, den prowestlichen ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu entfernen. Der Kremlchef scheine persönlich ziemlich auf Selenskyj fixiert zu sein, heißt es.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj: Putin scheine persönlich ziemlich auf Selenskyj fixiert zu sein, heißt es.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj: Putin scheine persönlich ziemlich auf Selenskyj fixiert zu sein, heißt es. (Quelle: Uncredited/Ukrainian Presidential Press Off/AP/dpa-bilder)

Als Vorwand für eine begrenzte Militäroperation im Osten der Ukraine könnte Putin laut den Diensten die Behauptung dienen, dass er die russische Minderheit vor einem drohenden "Völkermord" durch "wahnsinnige ukrainische Faschisten" schützen müsse. Putins Erzählung wäre dann: Er habe keine andere Wahl gehabt.

Die regelmäßigen russischen Beteuerungen, keinerlei Angriffsplanungen zu haben, werden von den Geheimdiensten nicht ernst genommen – zumal Putin selbst kurz vor Weihnachten drohte: "Im Fall einer Fortsetzung der ziemlich aggressiven Linie unserer westlichen Kollegen werden wir mit adäquaten militärisch-technischen Maßnahmen antworten."

Das Wetter und die Olympischen Spiele

Einige Experten zeigten sich zuletzt überzeugt, dass sich das geeignete Zeitfenster für einen großangelegten russischen Angriff Ende Februar vorerst schließen dürfte. Danach weicht mit der Schneeschmelze der Boden auf und Panzer und andere schwere Fahrzeuge hätten es sehr schwer, voranzukommen.

Andere Experten warnen allerdings davor, so zu denken. Sie verweisen darauf, dass die russischen Streitkräfte über große Mengen moderner Lenkflugkörper verfügen und eine große Zahl von Truppen per Fallschirm an ihren Zielort bringen könnten. "Sie würden einen Weg finden, mit der Schneeschmelze umzugehen", heißt es.

Für möglich wird es hingegen gehalten, dass die am kommenden Freitag beginnenden Olympischen Winterspiele in Peking eine Rolle bei anstehenden Entscheidungen spielen. Die Überlegung: Ein Angriff während dieser Zeit dürfte dem Image Putins noch einmal mehr schaden und neben dem kompletten Westen auch den chinesischen Präsidenten Xi Jinping gegen ihn aufbringen.

Russland hat eine UN-Resolution unterstützt, nach der während der Olympischen Spiele (4. bis 20. Februar) und den Paralympics (4. bis 13. März) in Peking eine olympische Waffenruhe gelten soll. "Im Rahmen der olympischen Waffenruhe sind alle Seiten aufgefordert, Feindseligkeiten während der gesamten Dauer der Spiele einzustellen", erklärte jüngst UN-Generalsekretär António Guterres.

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Von Sonja Eichert
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