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Jelena Kostjutschenko: Wie der Kreml versucht hat, mich umzubringen


"Wie sie versucht haben, mich umzubringen"

Ein Gastbeitrag von Jelena Kostjutschenko

23.09.2023Lesedauer: 16 Min.
Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung übernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Jelena Kostjutschenko: Die Investigativjournalistin hat Russland aus Angst um ihr Leben verlassen.Vergrößern des Bildes
Jelena Kostjutschenko: Die Investigativjournalistin hat Russland aus Angst um ihr Leben verlassen. (Quelle: Sergey Ponomarev)

Jelena Kostjutschenko ist russische Journalistin, Putin-Kritikerin und lebt im deutschen Exil. Im Herbst 2022 erkrankte sie dort schwer. Ihre Befürchtung: Der Kreml wollte ihren Tod. Ein Gastbeitrag.

Schon lange haben Wladimir Putin und sein Regime die Pressefreiheit in Russland demontiert, seit der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 nahm die Repression weiter zu. Aus dem Exil heraus versuchen verschiedene russische Journalistinnen und Journalisten, weiterhin objektiv zu berichten. Eine von ihnen ist Jelena Kostjutschenko, die mittlerweile in Deutschland lebt. Als sie im Herbst 2022 schwere gesundheitliche Probleme bekam, dachte Kostjutschenko zunächst an eine Corona-Erkrankung. Dann reifte ein anderer Verdacht: Hatte das russische Regime einen Giftanschlag auf sie verübt? Im Gastbeitrag schildert Kostjuschenko die Geschehnisse. Am kommenden 18. Oktober erscheint ihr Buch "Das Land, das ich liebe. Wie es wirklich ist, in Russland zu leben".

Aus dem Russischen übersetzt von Maria Rajer.

Lange wollte ich diesen Text nicht schreiben. Es fühlt sich eklig, unheimlich und peinlich an. Ich kann hier nicht alles schreiben, was ich weiß, denn ich will diejenigen nicht gefährden, die mir das Leben gerettet haben. Am 24. Februar 2022 griff mein Land die Ukraine an. Am 24. fuhr ich im Auftrag meiner Zeitung, der "Nowaja Gaseta", für die ich seit 17 Jahren arbeitete, in die Ukraine.

In der Nacht vom 25. zum 26. Februar 2022 überquerte ich die polnisch-ukrainische Grenze. Dank der unglaublichen Hilfe von Ukrainerinnen und Ukrainern konnte ich in vier Wochen vier Reportagen fertigstellen: von der Grenze, aus Odessa, Mykolajiw und Cherson. Cherson war unter russischer Besatzung. Um dorthin zu gelangen, musste ich zweimal die Frontlinie überqueren. In Cherson entführten und folterten russische Soldaten Menschen. Ich fand die Folteropfer.

Auf dem Weg nach Mariupol

Durch den Abgleich ihrer Berichte gelang es mir, auch den Ort zu finden, an dem sie festgehalten worden waren: ein ehemaliges Gefängnis in der Teploenergetikow 3. Ich fand auch die Namen der 44 entführten Menschen heraus. Ich veröffentlichte den Text und gab die Daten der Entführten an die ukrainische Staatsanwaltschaft weiter. Die nächste Stadt, in die ich fahren sollte, war Mariupol. Mariupol leistete noch Widerstand. Es wurde gekämpft. Lange gab es keine Fluchtkorridore. Die einzige Straße, die ab und zu passierbar war, führte über Saporischschja.

Sie wurde regelmäßig beschossen, in der Nähe von Mariupol gab es immer mehr russische Kontrollpunkte. Trotzdem nutzten Menschen diese Straße beinahe täglich, um ihre Angehörigen aus der Stadt zu bringen, die die Russen offenbar vernichten wollten. Freiwillige organisierten Kolonnen. Ich beschloss, mit so einer Kolonne mitzufahren. Am 28. März 2022 kam ich nach Saporischschja. Ich wartete gerade an einem Kontrollpunkt (Soldaten der Terrorabwehr prüften meine Dokumente und Akkreditierung), als immer mehr Nachrichten von Freunden bei mir eingingen: "Diese Wichser", "Kopf hoch", "Melde dich, wenn du Hilfe brauchst".

Jelena Kostjutschenko, Jahrgang 1987, ist russische Investigativjournalistin. 17 Jahre lang arbeitete sie für die kremlkritische "Nowaja Gaseta", später für das Nachrichtenportal "Meduza" mit Sitz im lettischen Riga. Am 18. Oktober 2023 erscheint ihr Buch "Das Land, das ich liebe. Wie es wirklich ist, in Russland zu leben" (übersetzt von Maria Rajer).

So habe ich erfahren, dass die "Nowaja Gaseta" ihre Arbeit eingestellt hatte. Zum zweiten Mal in dem Jahr hatte sie eine Warnung vom Föderalen Dienst für die Aufsicht im Bereich der Informationstechnologie und Massenkommunikation bekommen, also der russischen Medienaufsicht, es drohte der Entzug der Lizenz. Ich hatte seit dem Überfall auf die Ukraine damit gerechnet, aber ich hatte nicht erwartet, dass es so wehtun würde. Ich beschloss, trotzdem nach Mariupol zu fahren. Ich würde den Text irgendwo anders veröffentlichen.

Am 29. März 2022 traf ich mich mit Freiwilligen und Privatpersonen, die nach Mariupol wollten, um ihre Angehörigen herauszuholen. Ich fand einen Mann, der sich bereit erklärte, mich in seinem Auto mitzunehmen, obwohl ich einen russischen Pass habe. Wir wollten am 31. März fahren. Den Tag vor der Abfahrt verbrachte ich im Hotel und versuchte, Kraft zu tanken. Da rief mich eine Kollegin von der "Nowaja" an. Sie fragte, ob ich nach Mariupol fahren würde. Ich war überrascht – davon, dass ich nach Mariupol wollte, wussten nur zwei Menschen in der Redaktion: der Chefredakteur Dmitri Muratow und meine Redakteurin Olga Bobrowa.

"Ermordung einer Journalistin vorbereitet wird"

Ich sagte: "Ja. Ich fahre morgen." Sie erwiderte: "Mich haben Informanten kontaktiert. Man weiß, dass du nach Mariupol fährst. Sie sagen, dass die Kadyrowzy den Befehl haben, dich zu finden." Die Kadyrowzy, eine tschetschenische Untereinheit der russischen Nationalgarde, waren aktiv an den Kämpfen um Mariupol beteiligt. Das wusste ich. Meine Kollegin sagte: "Sie werden dich nicht gefangen nehmen, sie werden dich umbringen. Das steht bereits fest." Es war, als wäre ich gegen eine Wand gerast. Es rauschte in den Ohren, und alles wurde weiß.

Ich sagte: "Das glaube ich nicht." Sie erwiderte: "Das habe ich denen auch gesagt. Sie haben mir eine Tonaufnahme vorgespielt, in der du mit jemandem über Mariupol sprichst und ihr die Fahrt plant. Ich habe deine Stimme wiedererkannt." Ich legte auf und setzte mich aufs Bett. Ich dachte gar nichts, ich saß nur da. 40 Minuten später rief mich ein Informant vom ukrainischen Militärischen Nachrichtendienst an. Er sagte: "Uns liegen Informationen vor, dass in der Ukraine die Ermordung einer Journalistin der 'Nowaja Gaseta' vorbereitet wird. Dein Steckbrief ist an jedem russischen Kontrollpunkt."

Eine Stunde später rief mein Chefredakteur Muratow an: "Du kannst nicht mehr nach Mariupol. Du musst die Ukraine sofort verlassen." Aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, die Ukraine zu verlassen. Am nächsten Morgen weckte mich die Nachricht eines Redakteurs der "Nowaja": Die Staatsanwaltschaft und die russische Medienaufsicht hatten von der "Nowaja" gefordert, meine Reportagen aus der Ukraine von der Webseite zu nehmen – sonst würden sie die ganze Seite sperren.

Die "Nowaja" gab der Forderung nach. Komischerweise gab mir das den Rest. Ich konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Später wurden die Tränen von Zorn abgelöst, der vollständig von mir Besitz ergriff. Ich suchte einen anderen Weg nach Mariupol, um die russischen Kontrollpunkte zu umgehen. Aber es gab keinen. Der einzige Weg führte über Saporischschja, und dort warteten sie auf mich. Ich konnte mir meine Ohnmacht nicht eingestehen. Rationale Argumente nützten nichts. Das Einzige, was mich schließlich aufhielt, war der Gedanke daran, was mit dem Menschen passiert, der zustimmt, mich in seinem Auto mitzunehmen.

"Natürlich nervt sie das"

Wenn ich ermordet werde, wird auch er nicht verschont. In der Nacht vom 1. zum 2. April 2022 verließ ich die Ukraine. Ich verließ das Land in einem sehr schlechten Zustand: Ich hatte Läuse, Mumps, eine posttraumatische Belastungsstörung. Freunde nahmen mich abwechselnd bei sich auf. Meine Partnerin Jana kam und kümmerte sich um mich, sie passte auf, dass ich aß und schlief. Ich wollte wieder zu Kräften kommen, die Arbeit an meinem Buch beenden und dann nach Hause zurückkehren, nach Russland. Meine Arbeit, mein ganzes Leben, meine Mutter und Schwester waren dort.

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Je unheimlicher die Nachrichten aus der Heimat waren, desto eindringlicher fühlte ich: Mein Platz ist dort. Ich dachte darüber nach, dass man mich umbringen wollte. Aber je länger ich darüber nachdachte, desto ruhiger wurde ich. Heute erscheint es mir lächerlich und peinlich, was mir damals durch den Kopf ging. Ich wusste nicht, wer den Mord in Auftrag gegeben hatte, deswegen nannte ich die Mörder in Gedanken einfach "sie". Ich dachte: Wahrscheinlich war es eine emotionale Entscheidung. Der Krieg läuft nicht so, wie sie es wollten, die Nerven liegen blank. Und ich bin gerade aus Cherson zurück, ich bin direkt vor ihrer Nase vorbeigefahren, natürlich nervt sie das.

Dann haben sie Nachforschungen angestellt und herausbekommen, dass ich nach Mariupol unterwegs war – die Stadt, die ein einziges Kriegsverbrechen ist – und wollten verhindern, dass ich es dorthin schaffe. Zwischen dem letzten ukrainischen und dem ersten russischen Kontrollpunkt liegen mehrere Kilometer, die niemand kontrolliert. Die russischen Soldaten könnten behaupten, ich sei nie bei ihnen angekommen. Im Krieg verschwinden ständig Menschen. Vielleicht haben mich ja ukrainische Soldaten umgebracht? Immerhin bin ich eine russische Journalistin, und die Ukrainer hassen bekanntlich alle Russinnen und Russen.

Ich dachte: Ich habe überlebt und gut. Am Abend des 28. April rief mich Muratow an. Er sprach sehr sanft mit mir. Er sagte: "Ich weiß, du willst nach Hause, aber du darfst nicht nach Russland zurück. Hier bringen sie dich um." Ich legte auf und brüllte. Brüllend stand ich mitten auf der Straße. Einen Monat später konnten wir uns treffen. Muratow erklärte mir, sie würden es wie ein Hassverbrechen aussehen lassen. "Die Rechten hassen Lesben, und du bist lesbisch." Ich schrieb an meinem Buch. Ich schrieb und dachte an nichts sonst.

Folgen eines Hackerangriffs

In meinem Kopf war kein Platz für etwas anderes als den Text, und das waren die besten Tage. Ende September sprach ich wieder mit Muratow. Ich bat ihn, herauszufinden, ob ich nach Russland zurückkehren könne. Ein paar Tage später sagte er: "Nein, nein, nein." Ich fand eine Wohnung in Berlin und zog dorthin. Am 29. September 2022 nahm ich einen Job beim russischen Exilmedium "Meduza" an. Wir entschieden, dass meine erste Recherchereise in den Iran gehen sollte. Ich war bereits im Iran gewesen und wusste, wie ich dort arbeiten muss. Ich fand Menschen, die mir helfen würden, ließ mir ein Visum ausstellen, kaufte Kleidung.

Die darauffolgende Recherchereise sollte in die Ukraine gehen. "Meduza" bat mich, vor meiner Abreise in den Iran ein ukrainisches Visum zu beantragen. Die Webseite, auf der man das Antragsformular ausfüllen und einen Termin bei der Botschaft vereinbaren konnte, funktionierte nicht. Bei der Hotline des ukrainischen Außenministeriums hieß es, dass die Webseite gehackt worden war und der Schaden bisher nicht behoben werden konnte, eine Terminvereinbarung sei nicht möglich. Ich suchte nach Kontakten bei der Botschaft. Es gelang mir, einen Termin im Konsulat in München auszumachen.

Es gibt keine Entschuldigung dafür, aber ich muss gestehen, dass ich meine Reise nach München über den Facebook-Messenger besprach. Er ist nicht sicher, das wusste ich natürlich. Aber ich war nicht in Russland, ich war in Deutschland. Ich dachte gar nicht an die elementaren Sicherheitsvorkehrungen, die ich jahrelang befolgt hatte. Am Abend des 17. Oktober 2022 fuhr ich nach München. Es war eine lange Zugreise im Großraumwagen. Ich zog meine Schuhe aus, legte mich auf den Sitz und schlief ein. Menschen gingen an mir vorbei, streiften meine Beine, ich wachte auf, zog die Beine ein, schlief weiter.

Am Morgen des 18. Oktober 2022 kam ich in München an. Ich fuhr zu einer Freundin und versuchte noch etwas zu schlafen, danach fuhr ich ins Konsulat. Die Konsulatsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter nahmen meine Dokumente entgegen und fragten, was ich in der Ukraine vorhätte. Aber sie konnten mir kein Visum ausstellen, weil auch ihr System von dem Hackerangriff betroffen war. Wir einigten uns darauf, dass ich wiederkommen würde. Meine Freundin holte mich beim Konsulat ab, und wir gingen essen.

"Brach ich in Tränen aus"

Wir saßen draußen in einem Restaurant. Während wir aßen, kamen zweimal Bekannte von ihr an unseren Tisch – ein Mann und zwei Frauen. Ich dachte noch, wie klein München doch ist, alle kennen sich. Ich ging auf die Toilette, kam zurück und dachte immerzu ans Visum. Die Chancen, ein Visum zu bekommen, standen schlecht, aber vielleicht würde es ja klappen. Später brachte meine Freundin mich zum Bahnhof und fragte mich: "Weißt du, dass du nicht gut riechst? Ich besorge mal ein Deo." Sie fand keines. Ich weiß noch, wie sehr mich ihre Worte wunderten. Sie ist ein sehr taktvoller Mensch und hätte das nie gesagt, wenn ich nicht wirklich furchtbar gestunken hätte.

Im Zug fand ich meinen Platz und ging sofort auf die Toilette. Ich versuchte, mich mit nassen Papiertüchern zu waschen. Offensichtlich hatte ich stark geschwitzt. Der Schweiß roch merkwürdig und streng – nach verfaultem Obst. Ich ging zurück zu meinem Sitz und machte mich daran, mein Manuskript zu redigieren. Kurze Zeit später wurde mir bewusst, dass ich einen Absatz wieder und wieder las. Ich horchte in mich hinein. Ich hatte Kopfschmerzen. Vor drei Wochen hatte ich Corona gehabt, und ich fragte mich, ob ich mich noch einmal angesteckt haben könnte. Ich rief Jana an und erzählte, dass ich mich nicht gut fühlte.

Ich sagte noch: "Hoffentlich ist es kein Corona, wie soll ich sonst in den Iran." Ich versuchte, weiter an dem Buch zu arbeiten, aber es ging mir immer schlechter. Die Kopfschmerzen wurden so stark, dass mir das Sehen wehtat. Ich schwitzte wieder, ich ging auf die Toilette, um mich abzutrocknen. Als ich am Bahnhof ausstieg, wurde mir klar, dass ich nicht wusste, wie ich nach Hause kommen sollte. Ich wollte hinausgehen und mir ein Taxi rufen, aber allein der Gedanke, die App zu öffnen und mich auf der Karte orientieren zu müssen, versetzte mich in Panik. Lange suchte ich den Übergang vom Bahnsteig zur U-Bahn.

Dann brach ich in Tränen aus, weil ich nicht wusste, in welche Richtung ich fahren musste. Andere Fahrgäste halfen mir. Von der U-Bahnstation bis zu mir nach Hause läuft man fünf Minuten. Ich brauchte sehr lange. Alle paar Schritte musste ich meine Tasche abstellen, sie kam mir unwahrscheinlich schwer vor, ich musste mich zwischendurch erholen. Auf der Treppe rang ich nach Luft. Ich dachte, wie übel mich Corona doch zugerichtet hatte. Zu Hause legte ich mich gleich schlafen. Ich hoffte, dass es mir danach besser gehen würde. Es ging mir nicht besser. Es ging mir schlechter. Ich wachte von Bauchschmerzen auf.

Ärzte unschlüssig

Es war ein seltsamer Schmerz – stark, aber nicht scharf, es war, als würde er an- und ausgeschaltet. Ich versuchte mich aufzusetzen und legte mich sofort wieder hin. Mir war so schwindlig, dass sich der ganze Raum zu drehen schien. Mit jeder Umdrehung wurde mir übler. Ich schaffte es noch bis zur Toilette und musste mich übergeben. Ich schrieb weiter mit den Leuten im Iran. Ich weinte. Meine erste Recherchereise am neuen Arbeitsplatz und dann so was! Die Bauchschmerzen wurden immer schlimmer. Selbst die Haut zu berühren, tat weh. Diese und die darauffolgende Nacht konnte ich nicht schlafen – kaum war ich eingeschlafen, wachte ich von den Schmerzen wieder auf.

Mir wurde schwindlig, sobald ich aufstand oder mich aufsetzte. Am dritten Tag war klar, dass ich nicht in den Iran reisen würde und dass es kein Corona war. In Berlin ist es nicht einfach, schnell zu einem Arzt zu kommen. Ich bekam erst für den 28. Oktober 2022 einen Termin, zehn Tage später. Es war eine einfache allgemeinmedizinische Praxis in meinem Bezirk. Die Ärzte – sie waren zu zweit – sagten gleich, ich hätte Post-Covid-Symptome. "Das kann bis zu einem halben Jahr dauern. Wenn es in einem halben Jahr nicht besser wird, kommen Sie wieder." Sie machten einen Ultraschall, es war alles in Ordnung, und klopften meinen Bauch ab.

Ich überredete sie noch, Blut abzunehmen. Danach verließ ich beruhigt die Praxis, offenbar war es nichts Schlimmes und würde bald weggehen. Die Blutwerte, vor allem die Leberwerte, waren schlecht. Die Enzyme GOT (ASP) und GPT (ALT) waren fünfmal so hoch, wie sie sein sollten. Man nahm noch eine Urinprobe. Im Urin war Blut. Nun war den Ärzten nicht mehr zum Lachen zumute. Sie überwiesen mich an eine erfahrenere Kollegin. Ihre Diagnose lautete, dass es vermutlich ein Hepatitis-Virus sei, das ich mir im Krieg eingefangen hätte. "Wir bestimmen es und beginnen mit der Therapie", sagte sie.

Alle Hepatitis-Tests waren negativ. Meine Symptome veränderten sich. Meine Bauchschmerzen nahmen etwas ab, mir war nicht mehr ganz so schwindelig. Aber ich hatte keine Kraft. Mein Gesicht schwoll an. Dann folgten Schwellungen an den Händen. Meine Finger wurden dick wie Würstchen. Mit Mühe bekam ich meine Ringe ab und konnte sie nicht wieder aufziehen. Auch meine Füße schwollen an. Die Schwellungen wurden immer schlimmer, meine Kinnlinie verschwand, mein Gesicht war nicht mehr meins. Vor dem Spiegel brauchte ich geraume Zeit, um mich wiederzuerkennen.

"Ich musste lachen"

Manchmal bekam ich Herzrasen wie bei einem Sprint. Manchmal brannten meine Handflächen und Fußsohlen, wurden knallrot und glänzten. Ich war sofort erschöpft von allem. Es fiel mir schwer, die Treppe hinunterzugehen. Manchmal gingen wir spazieren, aber nach 15 Minuten oder einer halben Stunde war ich so erschöpft, dass wir umkehren mussten. Ich schlief nicht mehr. Nun nicht mehr wegen der Schmerzen. Es war, als hätte mein Gehirn vergessen, wie man es macht: einschlafen. Stundenlang lag ich da, versuchte, Jana nicht zu wecken, starrte an die Decke und überlegte, was mit mir los sein könnte.

Meine Leberwerte wurden immer schlechter. Im Urin war immer noch Blut. Ich ging weiterhin von Arzt zu Arzt. Sie stellten Hypothesen auf, machten Untersuchungen, stellten neue Hypothesen auf. Autoimmunerkrankungen, schwere Nierenbeckenentzündung, Systemerkrankungen. "Meduza" schaltete auch noch einen Arzt ein. Er ließ die Hepatitis-Tests wiederholen – negativ. Auf dem Heimweg aus dem Krankenhaus bekam ich eine Nachricht von ihm: "Könnte es sein, dass Sie vergiftet wurden?" Ich schrieb zurück: "So gefährlich bin ich nicht."

Ich erzählte Jana davon und wir lachten: Na klar, wenn eine russische Journalistin etwas hat, kann sie nur vergiftet worden sein. Die einfachste Erklärung überhaupt. Am 12. Dezember 2022 war ich wieder bei der Allgemeinmedizinerin, es folgte noch eine Runde Tests: Die Werte hatten sich wieder verschlechtert, das GPT (ALT) war siebenmal zu hoch. Wir saßen im Empfangszimmer, sie blätterte durch meine Akte. Dann sagte sie: "Jelena, es gibt nur zwei Möglichkeiten. Die erste ist, dass die Antidepressiva, die Sie nehmen, plötzlich anders wirken. Die zweite ist – versuchen Sie sich nicht aufzuregen –, dass Sie vielleicht vergiftet wurden."

Ich musste lachen. Die Ärztin schwieg. Ich sagte: "Das ist unmöglich." Sie sagte: "Wir haben alles andere ausgeschlossen. Es tut mir leid. Sie müssen in die Toxikologie der Charité." Die nächsten drei Tage lag ich da und dachte nach. Worüber, weiß ich heute nicht mehr. Jana sagt, am ersten Tag hätte ich nur erklärt, das sei alles Unsinn, die Ärzte hätten sich geirrt, sie könnten einfach keine richtige Diagnose stellen und hätten keine Lust weiterzusuchen. Danach hätte ich geschwiegen. Dann hätte ich "Meduza" angerufen und besprochen, was nun zu tun sei. Um sich auf Giftstoffe untersuchen zu lassen, muss man sich erst an die Polizei wenden.

Besuch von der Polizei

Ich wandte mich also an die Polizei. Bei der Polizeiwache schickte man mich gleich ins Krankenhaus. Dorthin kamen dann Polizeibeamtinnen und -beamte und befragten mich und die Ärztinnen und Ärzte. Das erste Verhör war bei der Berliner Kriminalpolizei und dauerte neun Stunden. Die Polizisten interessierte alles: Woran ich gearbeitet hatte, woran ich vorhatte zu arbeiten, mit wem ich in der Ukraine Kontakt hatte, zu welchen Kolleginnen und Kollegen ich jetzt Kontakt habe. Ich sollte mich an jede Minute des 17. und 18. Oktober 2022 erinnern. Meine Wohnung wurde auf Radioaktivität untersucht. Auch ich wurde auf Radioaktivität untersucht.

Die Kleidung, die ich in München getragen hatte, wurde mitgenommen. Die Polizeibeamten überprüften meine Wohnung auf "Sicherheit". Der Beamte fragte: "Warum haben Sie die Vorhänge offen? Man kann Sie vom Balkon gegenüber erschießen." Die Polizeibeamten sagten, ich müsste Sicherheitsvorkehrungen beachten. Welche? "Wechseln Sie die Wohnung, wählen Sie immer einen anderen Weg nach Hause. Tragen Sie draußen eine Sonnenbrille." "Und das reicht?", fragte ich. "Das erhöht Ihre Chancen." Die Polizisten waren sauer auf mich. Zunächst ließen sie es sich nicht anmerken, aber nach dem dritten Verhör wurden sie gesprächiger.

Der Chefermittler war für die Aufdeckung des Tiergartenmordes an dem tschetschenischen Kommandeur Selimchan Changoschwili zuständig gewesen, das war 2019. Der Mörder wurde dank Zeugen und Videokameras schnell gefasst. Er hatte einen Pass auf den Namen Wadim Sokolow, aber Polizisten und Journalistinnen fanden heraus, dass sein wirklicher Name Wadim Krassikow lautet und er Verbindungen zum FSB hat. In Deutschland wurde er zu lebenslanger Haft wegen "Mordes im Auftrag des russischen Staates" verurteilt. Der Richter sprach von "Staatsterrorismus". 2022 versuchte Russland im Zuge eines Gefangenenaustauschs zweimal, Krassikow auf die Listen zu setzen, Deutschland lehnte ab.

Ein Jahr zuvor hatte derselbe Ermittler den Fall Pjotr Wersilows bearbeitet, Mitglied von Pussy Riot und Mitbegründer von Mediazona. Wersilow war im Delirium und mit Krämpfen mit einem Privatjet aus Moskau in die Charité eingeliefert worden. Erst in Berlin merkten Wersilows Freunde, dass die Charité observiert wird. Die Berliner Polizei stellte Wersilow unter Personenschutz und nahm Ermittlungen auf.

Ermittlungen wieder aufgenommen

"Bei den Untersuchungen konnte nichts festgestellt werden, nicht einmal eine Substanz", sagte mir der Ermittler. "Warum?" "Weil man ein Labor nicht fragen kann, ob eine Person vergiftet wurde. Nur, ob eine bestimmte Substanz im Organismus nachweisbar ist. Und es gibt Tausende solcher Substanzen. Deswegen sind Giftanschläge auch so ein beliebtes Mordmittel. Ich verstehe nicht, warum Sie so spät zu uns gekommen sind. Sie hätten sofort, sobald Ihnen im Zug schlecht wurde, die Polizei rufen müssen. Wir hätten Sie vom Bahnhof abgeholt", sagte er.

"Ich dachte nicht, dass es eine Vergiftung ist." "Warum nicht?" "Der Gedanke kam mir absurd vor, ich bin doch in Europa." "Und?" "Ich dachte, ich wäre in Sicherheit." "Genau damit macht ihr uns wahnsinnig", sagte der Ermittler. "Ihr kommt hierher und denkt, ihr seid im Urlaub. Als wäre hier das Paradies. Keiner denkt daran, dass man aufpassen muss. Bei uns passieren politische Morde. Bei uns sind russische Geheimdienste aktiv. Eure Sorglosigkeit – Ihre und Ihrer Kollegen – kennt keine Grenzen."

Über den Stand der Ermittlungen wurde ich nicht informiert. Am 2. April war ich auf einer Journalistenkonferenz, wo mich Roman Dobrochotow, der Chefredakteur von "The Insider", ansprach. Er nahm mich ein paar Schritte zur Seite und sagte: "Lena, ich habe eine sehr persönliche Frage, aber zuerst möchte ich dir etwas sagen. Christo Grosew von Bellingcat [Anmerkung der Redaktion: ein nicht-staatliches investigatives Recherchenetzwerk] und ich recherchieren gerade eine Serie von Giftanschlägen in Europa. Die Opfer sind russische Journalistinnen. Ich wollte dich fragen: Hat die Tatsache, dass du länger nichts veröffentlicht hast, etwas mit deinem Gesundheitszustand zu tun?" Und ich erzählte ihm alles, was ich Ihnen gerade erzählt habe.

Am 2. Mai 2023 bekam ich ein Schreiben von der Berliner Staatsanwaltschaft, dass die Ermittlungen eingestellt worden seien. Es konnte kein Mordversuch festgestellt werden. "Anhand der vorliegenden Blutproben konnte eine Vergiftung nicht eindeutig nachgewiesen werden", hieß es. Die Ärzte, die "The Insider" und Bellingcat berieten, teilten mir mit, dass die wahrscheinlichste Erklärung für das, was mit mir passiert war, eine Vergiftung mit Chlorkohlenwasserstoffen sei. Ich gab diese Information an die Berliner Polizei weiter. Am 21. Juli nahm die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder auf.

"Seid vorsichtig!"

Wie geht es mir heute? Die Schmerzen, die Übelkeit und die Schwellungen sind verschwunden. Aber meine Kräfte sind nicht wiedergekehrt. Ich habe meine Stelle bei "Meduza" aufgegeben – Recherchereisen sind in absehbarer Zeit undenkbar. Momentan kann ich drei Stunden täglich arbeiten. Es werden mehr, aber sehr langsam. Es gibt Tage, an denen ich gar nichts machen kann. Dann liege ich da und versuche, mich nicht zu hassen. Beim Schreiben dieses Textes habe ich mich bemüht, mich chronologisch an alle wichtigen Details zu erinnern.

Aber welche Details sind wichtig? Während meiner Zeit bei der "Nowaja Gaseta" wurden vier meiner Kolleginnen und Kollegen ermordet. Ich war bei der Beerdigung des Journalisten Michail Beketow, er war mein Freund gewesen. Ich wusste, dass Journalistinnen und Journalisten ermordet werden. Aber ich wollte nicht daran denken, dass ich ermordet werden könnte. Vor diesen Gedanken schützten mich Ekel, Scham und Erschöpfung. Ich fand den Gedanken widerwärtig, dass Menschen meinen Tod wünschen könnten. Es war mir peinlich, so etwas zu sagen – sogar zu Freunden, von Polizisten ganz zu schweigen.

Und ich fühlte, wie erschöpft ich war und dass ich nicht noch einmal fliehen konnte. In ein paar Wochen erscheint mein Buch, in dem ich beschreibe, wie sich der Faschismus in Russland entwickelt hat. Das Buch erscheint in vielen Sprachen. Die Polizeibeamten finden, dass die Publikation zu einem Trigger werden könnte. Dass die Menschen, die mich in der Ukraine ermorden wollten, und die es vielleicht auch in Deutschland versucht haben, es wieder versuchen werden. Ich möchte leben. Deswegen schreibe ich diesen Text.

Außerdem möchte ich, dass meine Freundinnen und Freunde, Aktivistinnen und politische Flüchtlinge, die sich momentan im Ausland befinden, vorsichtig sind. Dass sie vorsichtiger sind, als ich es war. Wir sind nicht in Sicherheit und werden nicht in Sicherheit sein, solange sich das politische Regime in Russland nicht ändert. Durch unsere Arbeit rückt sein Ende näher, aber es wehrt sich. Wenn es euch plötzlich schlecht geht, schließt die Möglichkeit einer Vergiftung bitte nicht sofort aus, sagt es euren Ärztinnen und Ärzten. Kämpft für euch. Sollte euch so etwas bereits zugestoßen sein, wendet euch bitte an "The Insider" oder Bellingcat, sie suchen nach den Leuten, die euch umbringen wollen.

Die in Gastbeiträgen geäußerten Ansichten geben die Meinung der Autorinnen und Autoren wieder und entsprechen nicht notwendigerweise denen der t-online-Redaktion.

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