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Nato-Klimaexperte: Warum kämpft die Nato jetzt gegen den Klimawandel?

INTERVIEWKlimaexperte des Bündnisses  

Warum selbst die Nato den Klimawandel fürchtet

Von Bastian Brauns

14.06.2021, 18:17 Uhr
Nato-Klimaexperte: Warum kämpft die Nato jetzt gegen den Klimawandel?. Zunahme von Unwettern durch den Klimawandel: Tornado auf hoher See (Quelle: Getty Images)

Zunahme von Unwettern durch den Klimawandel: Tornado auf hoher See (Quelle: Getty Images)

Auch die Nato sieht ihre Operationen durch den voranschreitenden Klimawandel massiv bedroht. Wie das Militärbündnis auf diese Bedrohungen reagieren will, darüber spricht der Nato-Klimaexperte Rene Heise.

Laut der heutigen Erklärung will das Nato-Militärbündnis erstmals auch  gegen die Auswirkungen des Klimawandels ankämpfen. Rene Heise arbeitet als Klimaexperte im Nato-Hauptquartier in Brüssel und spricht im Interview über die beschlossene Klimastrategie.

t-online: Herr Heise, Sie sind bei der Nato für Klimafragen zuständig. Wie kommt man dort hin und was sind Ihre Schwerpunkte?

Rene Heise: Einerseits war ich über längere Zeiträume in Einsätzen, wie der Nato-Mission in Afghanistan sowie am Horn von Afrika und kenne daher die militärischen Erfordernisse des Bündnisses. Andererseits habe ich Meteorologie, Atmosphärenwissenschaften und Physik studiert. Im Obersten Nato-Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa habe ich vor Jahren die Sektion geleitet, die für die ozeanographische und meteorologische Unterstützung, aber auch für Weltraumwetterthemen bei den Nato-Einsätzen zuständig ist.

Was ist jetzt Ihre Aufgabe?

Prinzipiell werden die deutschen Beiträge und Stellungnahmen über die ständige Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der Nato verfasst. Ich bin im internationalen Stab im Nato-Hauptquartier tätig. Auf Grundlage meiner bisherigen beruflichen Verwendungen sehe ich mich als eine Art fachliche Schnittstelle zwischen den verschiedenen Bereichen innerhalb der Nato an, also der taktischen, operativ- und der militär-strategischen Ebene, also dem eher politisch-diplomatischen Bereich. Primär geht es um die große Frage, die mit der heutigen Erklärung auch erstmals in der Geschichte der Nato beantwortet werden soll: Welchen Herausforderungen in Bezug auf den Klimawandel müssen wir uns in Zukunft stellen? Aber es geht auch um Fragen der Energiesicherheit und die Auswirkungen des Weltraumwetters auf die Infrastruktur.

Nato-Klimaexperte Rene Heise beim Extremwetterkongress in Hamburg, 2014 (Quelle: Extremwetterkongress 2014)Nato-Klimaexperte Rene Heise (Quelle: Extremwetterkongress 2014)

Ist Klima einfach ein schickes Thema oder was kümmert ausgerechnet das Verteidigungsbündnis der Klimawandel?

Die globale klimatische Entwicklung ist mehr als ernst. Zu diesem Schluss muss kommen, wer die Berichte des Weltklimarats (IPCC) und dessen Stellungnahmen liest. Gerade in dieser Woche wurde berichtet, dass trotz Pandemie und des damit einhergehenden Rückgangs von Handel, Wirtschaftswachstum und Verkehr global ein weiterer Anstieg der CO2-Konzentration in der Erdatmosphäre beobachtet wurde. Weder werden wir in absehbarer Zeit das CO2 bei allen Bemühungen einfach so aus der Atmosphäre herausbekommen, noch ist CO2 der einzige Faktor, der betrachtet werden muss. Alle Treibhausgase, insbesondere die 25-mal schädlicheren Methanemissionen, verbunden mit den zahlreichen Auswirkungen des Klimawandels, wie Hitzewellen, Versteppung, Hungersnöte und Migrationsbewegungen verlangen unsere Aufmerksamkeit. Seit 2020 haben wir die sich aus dem Klimawandel neu ergebenden sicherheitspolitischen Herausforderungen nicht nur analysiert, sondern auch einen konkreten Aktionsplan erarbeitet. Der ist am heutigen Tag von den 30 Mitgliedsnationen gebilligt worden.

Welche Folgen fürchtet explizit die Nato?

Die Bewältigung von Naturgefahren wie Hitzewellen, Überschwemmungen, Orkanen oder Waldbränden war bislang primär ein nationales Thema, insbesondere für den Katastrophenschutz. Durch eine Zunahme von Wetterextremen gekoppelt mit den vom Klimawandel möglicherweise verstärkten geopolitischen Spannungen stellt sich nun die Frage: Sind wir in den nächsten Jahrzehnten noch in der Lage, militärisch in bewährter Weise vollumfänglich zu handeln?

Können Sie Beispiele nennen?

Nehmen wir an, in Nordafrika und asiatischen Regionen steigen die Tageshöchsttemperaturen um weitere 10 Grad Celsius: Kann ein Soldat, unter körperphysiologischen Aspekten noch seinen Auftrag erfüllen oder erreichen wir hier in absehbarer Zeit objektive Grenzen? Funktionieren unsere Waffensysteme und unsere Technik unter extremen klimatischen Bedingungen? Was passiert, wenn sich die gefürchteten Umkipp-Punkte einstellen und sich etwa Wetterströmungssysteme abrupt ändern? Momentan wird untersucht, wie sich der Jetstream verändern wird. Bei einer Verstärkung ist mit Zunahme von Windscherungen und Luftturbulenzen zu rechnen.

Wie beeinflusst das die Missionen?

In Einsatzgebieten wird meist taktisch unter Sichtflugbedingungen geflogen. Eine Zunahme von Sand- und Staubstürmen, erhöhte Blitzhäufigkeit und veränderte Verhältnisse bei den Sicht-/Wolkenuntergrenzen insbesondere im Gebirge sind dann für Piloten und Technik eine Herausforderung. Aber auch bei maritimen und Landoperation sowie in der Dimension Weltraum wird es Auswirkungen geben.

Durch den ansteigenden Meeresspiegel sollen auch strategisch wichtige küstennahe Militärstützpunkte bedroht sein. Wovon gehen Sie noch aus?

Beim ISAF-Einsatz in Afghanistan erfolgte der Lufttransport der Bundeswehr hauptsächlich mit dem "Arbeitspferd" Transall. Bei den höher gelegenen Flugplätzen war die Transportkapazität dieses Flugzeugs im Hochsommer bei starker Hitze reduziert, sodass Starts und Landungen mit stark reduzierter Kapazität nur in den frühen Morgen- bzw. späten Abendstunden geplant werden konnten. Bei Transporthubschraubern existieren analoge Probleme bei Einsätzen auf höhergelegenen Landeplätzen. Steigt hier weiter die Lufttemperatur und ändern sich vielleicht auch die Hauptwindrichtungen von den Start- und Landbahnen, wird schnell ersichtlich, welche Herausforderungen auch wegen Hitze, Staub- und Sandbelastungen in Zukunft anstehen.

Wie wollen Sie und die Nato das angehen?

Auf technischer Seite könnte die Nato Innovationstreiber werden. Zum Beispiel bei der Entwicklung neuer Antriebssysteme, die über eine starke Widerstandsfähigkeit und erhöhte Leistung bei den neuen klimatischen Verhältnissen verfügen. Wobei zu beachten ist, dass es auch physikalische Grenzen gibt. Andererseits müssen wir mit Forschung und Entwicklung dafür sorgen, dass Emissionen stark reduziert werden. Wenn die Nato hier vorangeht, profitiert davon auch die zivile Nutzung solcher Technologien.

Ausgerechnet die Nato als Klimaschützerin?

Wenn die Mitgliedsstaaten national die Emissionen bis im Jahr 2050 auf null senken möchten, kann man das Militär nicht davon ausnehmen. Es geht darum, in Kooperation mit der Industrie auch für das Militär spürbare Fortschritte bei der Verringerung von Emissionen zu erzielen.

Nicht nur die Luft wird heißer, auch die Temperatur der Ozeane steigt. Was bedeutet das für Ihre Einsätze?

Nach den aktuellen IPCC-Szenarien ist die Arktis das Epizentrum der globalen Erwärmung. Die Polkappen schmelzen immer weiter ab, es ändert sich der Salzgehalt des Wassers, beziehungsweise die sogenannten Sprungschichten und die für das unser Klima relevante Golfstromzirkulation. Markante starke Temperaturdifferenzen in einer Mission haben immer eine Änderung der Einsatzfähigkeit von Systemen und Munition zur Folge. Auch Anpassungen in der Sensorik müssen beachtet werden. Bei U-Booteinsätzen sind zudem Fragen einer genaueren Unterwassertopografie und der Sprung- beziehungsweise Sperrschichten zu klären.

Warum kommt die Nato erst jetzt zu diesem Klimabeschluss?

Man darf nicht vergessen, dass es noch vor wenigen Jahren Länder auf der Welt gab, die sich die Auswirkungen des Klimawandels nicht so recht vorstellen konnten. Jetzt wird allgemein auf der Grundlage der IPCC-Szenarien akzeptiert, dass es in den nächsten Jahrzehnten Veränderungen und damit verbunden neue sicherheitspolitische Herausforderungen geben wird. Wir haben zudem eine relativ gute Vorstellung davon, was in einzelnen Regionen passiert und wie sich Umweltbedingungen ändern. Jetzt sollte man überlegen, welche Szenarien man verwenden will. Orientiert man sich an Klimaprojektionen, die in enger Verbindung mit dem Pariser Abkommen mit einer Begrenzung von unter 2 Grad Celsius stehen, oder vielleicht sogar an einem "Worst Case Szenario", um hinreichend vorbereitet zu sein?

Und Sie denken eher pessimistisch?

Ich persönlich bin dafür, zunächst mit einem Szenario mit einer globalen Erwärmung von 3-4 Grad Celsius zu arbeiten. Die Erwärmung der Arktis und das damit verbundene Verschwinden eines ganzen Ökosystems haben weitreichende Auswirkungen, auch sicherheitspolitisch. Wir haben in diesem Jahr gesehen, was passiert, wenn etwa der für die Containerschiffe essenzielle Suezkanal ausfällt und wie schnell der ökonomische Druck da ist, andere Schiffsrouten zu wählen. Wenn die Nordostpassage bei der Arktis dann eine Option ist, wird man sie nutzen. Es können weitere Konflikte mit Ländern entstehen, die die neuen Ressourcen, die man dort oben entdeckt, auch intensiv nutzen wollen. Bei neu entstehenden sicherheitspolitischen Herausforderungen müsste die Nato dann unter extremen Umweltbedingungen operieren. Wer die arktischen Regionen kennt, weiß auch, dass elektrische Entladungen dort ständig Probleme erzeugen und die Technik empfindlich stören oder sogar zerstören können. Um uns darauf vorzubereiten, müssen wir unsere Erfahrungen zunächst zusammentragen und eine gemeinsame Risikobewertung durchführen.

Stimmt Sie der heutige Beschluss positiv?

Dass man solche Probleme jetzt mit den 30 Nationen der weltgrößten militärischen Allianz angeht, trotz unterschiedlicher Sichtweisen, ist ein großer Fortschritt. Es wurde ein ehrgeiziger Aktionsplan erarbeitet, der den Schwerpunkt auf ein gestiegenes Bewusstsein über die Auswirkungen des Klimawandels legt, sowie auf die Anpassung der Nato an diese neue Realität. Zugleich enthält der Aktionsplan auch Schritte, um eine Reduzierung von Treibhausgasen zu ermöglichen. Ich bin zuversichtlich, dass wir in all diesen Bereichen schon bald große Fortschritte erzielen werden.

Rene Heise arbeitet derzeit in der Emerging Security Challenges Division im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Im Vorfeld leitete er die Sektion METOC beim Obersten Nato-Hauptquartier der Alliierten Streitkräfte in Europa im belgischen Mons und war als GeoInfo-Stabsoffizier der Luftwaffe bei den Bundeswehreinsätzen in Italien, Usbekistan/Afghanistan und Kenia sowie im OHQ Congo eingesetzt. Herr Heise ist Mitglied im Global Military Advisory Council on Climate Change (GMACCC). Sein Review dazu, wie die Nato Klimafragen angehen will, finden Sie hier.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen
  • Interview mit Rene Heise in Brüssel


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