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Robert Habeck kann in der Krise punkten: Dahinter steckt ein simples Kalkül


Ohne Mist


Aktualisiert am 01.04.2022Lesedauer: 4 Min.
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Robert Habeck in Abu Dhabi: Eine andere Art von Kommunikation – die ihm nützt.Vergrößern des Bildes
Robert Habeck in Abu Dhabi: Eine andere Art von Kommunikation – die ihm nützt. (Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa-bilder)

Ist er der wahre Kanzler – oder vor allem ein gewiefter Redner? Robert Habeck kann in der Krise mit seiner Art der Kommunikation punkten. Dahinter steckt ein simples Kalkül.

Der Mittwoch war wieder so ein Tag: Er beginnt mit Robert Habeck und endet mit ihm.

Morgens, pünktlichst um 8.30 Uhr, verkündet der Wirtschaftsminister, dass er die Frühwarnstufe des Notfallplans Gas ausruft. Eigentlich ein eher abstrakt-bürokratischer Vorgang im undurchsichtigen Gezerre um die russischen Gasimporte. Habeck sagt, dass das Gas weiter fließe, aber dass man jetzt Energie sparen müsse. Er formuliert es so: "Wir sind in einer Situation, in der jede eingesparte Kilowattstunde hilft."

Abends erklärt er das weiter, im ZDF "heute-journal" und in den ARD-"Tagesthemen" einem Millionenpublikum daheim. Er macht es so, dass man auch nach einem langen Tag leicht dösend auf der Couch versteht, dass es nun hart auf hart kommt. Zu den teuren Preisen sagt der Vizekanzler zerknirscht: "Wir sind quasi Kriegspartei, Wirtschaftskriegspartei, wir zahlen einen hohen Preis." Und er geht noch weiter: "Das muss man so klar sagen: Wir werden ärmer werden."

Kurz darauf, in der ARD, formuliert Habeck seinen Appell vom Morgen etwas bildlicher: "Jeder Kubikmeter Gas, der nicht verfeuert wird, hilft." Die Politiker selbst müssten aber auch richtig loslegen, die nötigen Flüssiggasterminals schnell bauen, oder in den Worten des Vizekanzlers: "Mal richtig Geschichte schreiben und nicht deutsche Bräsigkeit walten lassen."

Kriegspartei, ärmer werden, deutsche Bräsigkeit – das sind Begriffe, die man in der Bundesregierung in diesen unsicheren Zeiten eigentlich tunlichst vermeidet. Doch nicht Habeck. Er ist in diesen Tagen, in denen sich Entsetzen über den Krieg mit Angst vor den Folgen der Krise daheim mischt, ein allgegenwärtiger Erklärer der Krise. Und er tut dies auf eine Art, die sich absetzt von den üblichen Worthülsen der deutschen Politik.

Politik für die Generation Instagram

Habecks Art kommt in einer Zeit der großen Unsicherheit gut an. Auf Twitter feiert man ihn schon als den wahren Kanzler, als Meister der Kommunikation. Das ist kein Zufall.

Anders als Olaf Scholz, der sich immer dann zu "Anne Will" zu setzen scheint, wenn der Druck auf ihn mal wieder zu groß wird, kommuniziert Habeck stetig, systematisch – und viel. Es gibt keine Reise, keine große Entscheidung ohne Auftritte in den großen Nachrichtensendungen, Talkshows und auf Instagram.

Besonders dort, im Internet, gehört es zu Habecks Systematik, alles möglichst unsystematisch wirken zu lassen. Sondern locker flockig, so wie das Video des Kumpels aus dem Urlaub. Nur eben mit ein bisschen Politik. Und lieben Grüßen vom Vizekanzler.

"Ich bin jetzt hier in Doha am zweiten Tag einer Reise, die irgendwie total merkwürdig ist", spricht Habeck Mitte März in Katar in eine Kamera. "In der Ukraine sterben die Menschen, und hier seht ihr ja, wie die Skyline ist." Doch es sei genau die Ukraine-Krise, die ihn hierhergeführt habe. Das Ziel sei, möglichst schnell von russischem Gas wegzukommen.

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Und schon scheinen die Widersprüche irgendwie aufgelöst zu sein. Politik für die Generation Instagram.

Mit Gefühlen

Ähnlich wie Angela Merkel ist auch Robert Habeck ein Mensch, dem man seine Gefühle mitunter ansieht. Niemand kann in ihn hineingucken, deshalb ist es schwer zu sagen, ob er das auch bewusst einsetzt. Man kann ihm aber auch glauben, nicht nur zu schauspielern, und trotzdem feststellen, dass er dem Bild des mitfühlenden Mannes nicht aktiv entgegenarbeitet. Denn auch dieses Bild nutzt ihm gerade, weil er nahbar wirkt, authentisch.

Habeck hadert öffentlich – mit sich selbst, mit der Politik, mit der ganzen Welt. Ende Februar, wenige Tage vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine, sitzt er im Fernsehstudio Sandra Maischberger gegenüber. Er spricht über Wirtschaftssanktionen und die Kosten, die auch Deutschland bereit sein müsse zu zahlen.

Habeck stoppt oft, sucht die richtigen Worte, seine Augen sind etwas wässrig. "Sie wirken wirklich angefasst. Sie haben Angst vor diesem Krieg", stellt Maischberger mehr fest als dass sie ihn danach fragt. "Ich muss da nicht kämpfen und ich werde auch nicht sterben in diesem Krieg", sagt Habeck. "Aber wenn es passiert, werden viele Menschen sterben." Wenn man in dieser Situation "nicht angespannt oder zumindest konzentriert ist", dann verstehe man die Lage nicht.

Keinen Mist erzählen

Für Habeck ist Kommunikation ein ganz entscheidender Teil von Politik. Das betont er selbst immer wieder. Und zwar eine andere Art von Kommunikation, als sie in der Politik üblich ist. Er hat das mit Annalena Baerbock in ihrer Zeit an der Grünen-Spitze zum wichtigen Prinzip gemacht. Fehler wirklich Fehler zu nennen, sich nicht allwissend zu geben.

"Viel unserer Arbeit bestand darin, den Menschen keinen Scheiß zu erzählen." So hat Habeck das mal erklärt. Kein Bullshit, kein Kokolores. Das ist ein hehres Prinzip und schwer durchzuhalten.

Doch selbst wenn das Prinzip in der Realität längst nicht immer durchscheint, reicht es für Habeck aus, um sich von den Sprechautomaten der Politik positiv abzusetzen.

Das tut er natürlich nicht allein aus reiner Herzensgüte oder um der Wahrheit willen. Er tut es auch, weil es für ihn funktioniert, ganz persönlich. Habeck, der Quereinsteiger, ist auf diese Weise groß geworden. Als Antipolitiker, zumindest was seine Sprache und sein Auftreten angeht.

Jeans und leicht zerknuddeltes Hemd tauscht er zwar als Minister nun meist gegen Anzug und Krawatte aus. Seinen Seesack trägt er trotzdem noch selbst zum Regierungsflieger. Und den Kasten Bier in den späten Stunden auf Parteitagen auch.

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Einer der Beliebtesten

Habeck merkt jetzt, dass seine Art auch als Bundesminister ankommt. In den Umfragen war er zuletzt immer einer der Beliebtesten aus der Ampel. Das ist nicht selbstverständlich, weil Wirtschaftsminister normalerweise in diesen Rankings nicht sonderlich gut abschneiden. Habeck schon.

Und das hilft ihm enorm. Denn Politiker müssen Wahlen gewinnen, um weiterarbeiten zu können. Habeck will weiterarbeiten, daran hat niemand Zweifel. Genauso wenig Zweifel gibt es daran, in welchem Amt er das am liebsten würde. Denn eigentlich gibt es nur noch ein Ziel für ihn: das Kanzleramt.

Der Eindruck, dass er gerade präsenter ist als Olaf Scholz, dass der Vizekanzler die Politik der Bundesregierung besser erklärt als der Kanzler selbst – dieser Eindruck kann Robert Habeck also nur allzu recht sein.

Verwendete Quellen
  • Eigene Recherchen
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