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Tagesanbruch: Halle-Attentat – Horst Seehofer erntet heftige Kritik für Gamer-Debatte

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Spott und Kritik gegen Seehofer gehen zu weit

14.10.2019, 07:20 Uhr
Tagesanbruch: Halle-Attentat – Horst Seehofer erntet heftige Kritik für Gamer-Debatte. Innenminister Horst Seehofer. (Quelle: dpa/Christoph Assmann/ZDF)

Innenminister Horst Seehofer. (Quelle: Christoph Assmann/ZDF/dpa)

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages, heute von mir als Stellvertreter von Florian Harms:

WAS WAR?

"Das Problem ist sehr hoch. Viele von den Tätern oder den potenziellen Tätern kommen aus der Gamerszene. Manche nehmen sich Simulationen geradezu zum Vorbild. Man muss genau hinschauen, ob es noch ein Computerspiel ist, eine Simulation oder eine verdeckte Planung für einen Anschlag. Und deshalb müssen wir die Gamerszene stärker in den Blick nehmen."

Mit diesen Worten in der ARD-Sendung "Bericht aus Berlin" hat Innenminister Horst Seehofer nicht nur eine neue Debatte ausgelöst, er hat auch Hohn und Spott geerntet und sich zu einer weiteren Einordnung gezwungen gesehen.

Es geht natürlich immer noch um den Anschlag von Halle, bei dem Attentäter Stephan B. am vergangenen Mittwoch, dem 9. Oktober, zwei Menschen getötet und Deutschland erschüttert hat. Er hatte vor der Tat einen Ablaufplan veröffentlicht, der aufgrund der Wortwahl stark an ein Computerspiel erinnerte. Er streamte seine Tat bei der Internetplattform "Twitch" und bediente sich auch hier laufend der Gamer-Sprache. Seine Motive: rechtsextremistisch und antisemitisch. Sein ursprünglicher Plan: ein Massaker in einer Synagoge.

Die Frage, die nun diskutiert wird: Was hat die Tat mit der Gamerszene zu tun?

Felix Falk, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Games-Branche, Game, sagte: "Die Games-Community unter einen Generalverdacht zu stellen, zeugt vor allem von Unkenntnis und Hilflosigkeit und lenkt von den wirklichen gesellschaftlichen und politischen Ursachen für solche Taten ab." Und weiter: "So wenig wie man Filme oder Bücher für Hass und Gewalt verantwortlich machen kann, so wenig sind Games und ihre Community hierfür die Ursache."

Hat er Recht?

FDP-Chef Christian Lindner twitterte: "Mir fallen so viele Maßnahmen ein, die ergriffen werden sollten, um gegen Rechtsextremismus vorzugehen – die Gamerszene unter Generalverdacht zu stellen, ist keine davon." Gamer spotteten über Seehofer. Und Youtuber Rezo, der durch sein Video "Die Zerstörung der CDU" im Europawahlkampf bekannt geworden war, nannte auf Twitter Seehofer "und seine Crew echt so krass inkompetent." 

Ist das so?

Auf der einen Seite haben die Kritiker in einem Punkt sicher Recht: Eines der größten Probleme für unseren Rechtsstaat und die Sicherheit findet man nicht in der Gamerszene begründet, sondern vielmehr im militanten Rechtsextremismus und Antisemitismus. Ein Generalverdacht ist entsprechend nicht angebracht. Zumal "die Gamerszene" keine Randgruppe ist, sondern laut Felix Falk mittlerweile fast 50 Prozent der Bundesbevölkerung umfasst.

Auf der anderen Seite hat Seehofer Rechtsextremismus und Antisemitismus unter der Woche bereits mehrfach und maximal deutlich benannt. Dass der Innenminister darüber hinaus versucht, weitere Ursachen für Gewalttaten zu identifizieren, ist nicht nur legitim. Es ist seine Pflicht. Dass er die Modelleisenbahn in seinem Keller einem Videospiel vorzieht und dementsprechend kein Kenner der Gamerszene ist? Das sollte man Seehofer zugestehen.

Keine Frage: Wer Super Mario spielt, Pokémon oder ein Sport-Spiel, der hat in dieser Thematik ohnehin nichts verloren. 

Aber: Hirnforscher und Psychologen streiten und untersuchen seit Jahren, ob Gewaltspiele zu einer erhöhten Gewaltbereitschaft und verringerter Empathiefähigkeit führen können. Darüber hinaus ist es ein Fakt, dass es bei einigen Spielen Nutzer und Gruppen gibt, die eine menschenverachtende Ideologie an den Tag legen und sich über Spiele vernetzen. Wie Stephan B. beschäftigen die sich eben nicht nur mit Imageboards, die durch dieses Attentat in den Fokus geraten sind. Imageboards sind Internetseiten, die Foren ähneln. Nutzer veröffentlichen hier Bilder, kommentieren und diskutieren.

Auch wenn sich Seehofer in Bezug auf die Gamerszene zunächst ungeschickt ausgedrückt hat: Sollte es neben wichtigen weitreichenden Maßnahmen im Kampf gegen Rechtsextremismus und Antisemitismus sowie zum Schutz jüdischer Einrichtungen auch helfen, einen Teil der Gamerszene genauer unter die Lupe zu nehmen, dann ist es das wert. Seehofer hat Probleme wie Lösungsansätze in der vergangenen Woche klar und deutlich benannt. Hohn und Spott für seine Aussagen zu Gamern sind deshalb ganz sicher nicht angebracht. Es geht einzig und allein darum, gemeinsam und mit allen Mitteln zu verhindern, dass sich so ein Attentat wiederholt.

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Ilkay Gündogan nach seinem Tor zum 1:0. (Quelle: dpa/Federico Gambarini)Ilkay Gündogan nach seinem Tor zum 1:0. (Quelle: Federico Gambarini/dpa)

Ein turbulenter Sonntagabend für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft: Schon nach 14 Minuten flog Emre Can im EM-Qualifikationsspiel in Estland vom Platz, zur Halbzeit stand es nur 0:0, ehe Doppeltorschütze Ilkay Gündogan und Timo Werner mit ihren Treffern zum 3:0 eine Blamage verhinderten.

Diskutiert wurde aber vor allem über Gündogan und Can, die im Laufe des Tages einen umstrittenen Post des türkischen Nationalspielers Cenk Tosun geliked hatten. Auf dem Foto salutierten türkische Nationalspieler mit der Hand an der Stirn. Der Militärgruß sei den bei der "Operation Friedensquelle" eingesetzten Soldaten gewidmet, so der türkische Fußballverband. Damit ist der höchst umstrittene türkische Militäreinsatz gegen die Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien gemeint. Heißen die deutschen Nationalspieler diesen Einsatz also gut?

Can und Gündogan nahmen den Like später zurück und distanzierten sich von einer politischen Intention. Es wird kaum zu klären sein, ob das stimmt. Kritik gibt es weiterhin. Und Fakt ist: Clever war es von beiden Spielern nicht. Auch, wenn es sich hier "nur" um ein Like handelt.

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WAS STEHT AN?

Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron haben gestern von der Türkei ein sofortiges Ende der Militäroffensive in Syrien verlangt. (Quelle: Reuters/Ludovic Marin)Bundeskanzlerin Merkel und Frankreichs Präsident Macron haben gestern von der Türkei ein sofortiges Ende der Militäroffensive in Syrien verlangt. (Quelle: Ludovic Marin/Reuters)

Wie reagiert die EU auf die türkische Militärintervention in Nordsyrien?

Auch nach einem rund einstündigen Telefonat mit Kanzlerin Angela Merkel führt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seine Offensive gegen die kurdischen Milizen im Norden Syriens unbeirrt fort. Die Lage spitzt sich zu, die Zahl der zivilen Opfer steigt. Fast 800 Angehörige von Kämpfern der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS) sind nach Angaben der kurdischen Autonomieverwaltung bis gestern Abend aus einem Lager bei Ain Issa geflohen. Und die syrische Armee hat Truppen zur Unterstützung der Kurden entlang der türkischen Grenze entsendet.

Heute ab 8.30 Uhr beraten die Außenminister der EU-Staaten in Luxemburg über mögliche Reaktionen. Ein EU-weites Waffenembargo gegen die Türkei? Wirtschaftssanktionen? Sanktionen gegen Einzelpersonen? Es braucht eine gemeinsame und schnelle Herangehensweise.

Doch es gibt Hürden. Die Türkei ist noch immer Nato-Partei und bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise ein wichtiger Partner. Zudem müssen EU-Sanktionen einstimmig beschlossen werden. Gut möglich also, dass die EU-Staaten vorerst weiterhin selbst entscheiden, wie sie weiter verfahren im Umgang mit der Türkei.

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Premierminister Boris Johnson. (Quelle: AP/dpa/Alastair Grant)Premierminister Boris Johnson. (Quelle: Alastair Grant/AP/dpa)

Wird es diese Woche endlich den Durchbruch im Streit um den Brexit geben? Auf jeden Fall erwartet uns ein Krimi – und zwar schon heute.

Noch immer ist der 31. Oktober das avisierte Datum für den Austritt Großbritanniens aus der EU. Bis dahin sind es nur noch 17 Tage. Die Uhr tickt unaufhaltsam.

Die große Hoffnung: Dass es bis zum EU-Gipfel am Donnerstag eine Einigung zwischen der Europäischen Union und Großbritannien für einen geregelten Austritt gibt. Doch selbst dann hat Großbritanniens Premierminister Boris Johnson nur noch einen Tag, um die Zustimmung des Unterhauses einzuholen. Ansonsten muss er einem Gesetz zufolge eine Verlängerung der Brexit-Frist beantragen. Kommt es am Samstag zum großen Showdown? Legt Johnson da seinen Brexit-Deal vor? Selbst für diesen Fall gilt es als zweifelhaft, ob er eine Mehrheit erringen kann. Der Premier wäre auf Unterstützung aus der Opposition angewiesen.

Bei Gesprächen am vergangenen Wochenende gab es keinen Durchbruch. Die EU-Kommission verkündete gestern Abend: "Es bleibt noch eine Menge Arbeit zu tun." Heute gehen die Gespräche weiter. Laut "Times on Sunday" will Johnson mit EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, Frankreichs Präsidenten Emmanuel Macron und Bundeskanzlerin Angela Merkel sprechen, um auszuloten, ob eine Einigung vor dem EU-Gipfel noch möglich ist. Und nicht nur das. 

Gegen Mittag wird auch das britische Parlament nach der vorübergehenden Suspendierung mit der Verlesung des Regierungsprogramms durch Königin Elisabeth II. wiedereröffnet. Boris Johnson hatte das Parlament am 8. Oktober in eine fünftägige Pause geschickt. Die Queen soll um die Mittagszeit in einer königlichen Prozession mit einer Kutsche vom Buckingham-Palast zum Parlament fahren. Nach ihrer Ankunft hält sie um 12.30 Uhr ihre Eröffnungsrede im britischen Oberhaus. Um 15.30 Uhr nimmt das Unterhaus die Arbeit wieder auf, ab 16.30 Uhr das Oberhaus.

Eine Vorhersage, wie es dann weitergeht? Schwer möglich. Deshalb werden wir sie heute weiter im Newsblog zum Brexit auf dem Laufenden halten. Auch zu einem möglichen zweiten Brexit-Referendum, das laut dem britischen "Observer" wieder Thema werden könnte...

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Ebenfalls in London soll heute das Urteil im Fall der Westminster Auto-Attacke vom 14. August 2018 verkündet werden. Ein Autofahrer war an diesem Tag vor dem britischen Parlamentsgebäude mit seinem Wagen in Fußgänger und Fahrradfahrer gerast und hatte dabei zwei Menschen verletzt. Die Polizei in London war zunächst von einem terroristischen Hintergrund ausgegangen. Der Mann ist wegen versuchten Mordes angeklagt.

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Bei der SPD beginnt heute die Abstimmung über die neue Doppelspitze. Von Anfang September bis zum vergangenen Wochenende haben sich die Kandidatenteams öffentlich vorgestellt. Jetzt hat die Parteibasis das Wort. Sechs Duos sind verblieben. 425.630 SPD-Mitglieder können bis zum 25. Oktober ihre Stimme abgeben.

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DIE GUTE NACHRICHT

Nachwuchsprobleme? Bei der Feuerwehr in München sind die Geschichte. Mit diesem Brief hat sich Elias um eine offene Stelle beworben. Elias ist sieben Jahre jung und geht in die zweite Klasse.

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WAS LESEN ODER ANHÖREN?

Jaroslaw Kaczynski. (Quelle: Reuters/Kacper Pempel)Jaroslaw Kaczynski. (Quelle: Kacper Pempel/Reuters)

Die nationalkonservative Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) hat am gestrigen Sonntag die Parlamentswahl in Polen gewonnen. Alles gut und gerecht also in Polen? Nicht wirklich. Madeleine Janssen hat hier bereits im Vorfeld der Wahlen geschildert, wie die Partei um Ex-Regierungschef Jaroslaw Kaczynski seit Jahren die Demokratie aushöhlt. 

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Sollte der Staat mehr Geld investieren, um die schwächelnde Wirtschaft zu stützen? Deutschlands führende Wirtschaftsforschungsinstitute fordern das von der Politik. Doch die große Koalition will die schwarze Null halten, also keine neuen Schulden machen. Wie denken die Deutschen über die schwarze Null? Die Mehrheit schlägt sich auf eine Seite, wie eine exklusive Umfrage von t-online.de und dem Umfrageinstitut Civey zeigt

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WAS AMÜSIERT MICH?

Anne Haug und Jan Frodeno haben Historisches geschafft. Bei der Ironman-Weltmeisterschaft auf Hawaii gelang ihnen der erste deutsche Doppelsieg – eine unglaubliche Leistung. Und das, obwohl Frodeno mit 38 Jahren schon zu den älteren Athleten gehört.

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen wunderbaren Start in die Woche. Morgen schreibt Peter Schink für Sie.

Ihr

Florian Wichert
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @florianwichert

Mit Material von dpa.

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