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Streit um Nurhan Soykan: "Habe mit Problemen gerechnet"

INTERVIEWUmstrittene Beraterin Soykan  

"Habe mit Problemen im Auswärtigen Amt als Muslima gerechnet"

Von Fabian Goldmann

10.08.2020, 16:09 Uhr
Streit um Nurhan Soykan: "Habe mit Problemen gerechnet". Nurhan Soykan: Die stellvertretende Vorsitzende des "Zentralrats der Muslime" traf Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015. (Quelle: imago images/Christian Thiel)

Nurhan Soykan: Die stellvertretende Vorsitzende des "Zentralrats der Muslime" traf Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015. (Quelle: Christian Thiel/imago images)

Nurhan Soykan sollte als Muslima das Auswärtige Amt in Religionsfragen beraten. Doch ihr wird die Verharmlosung antisemitischer Proteste vorgeworfen. Mit t-online.de sprach sie über die Anschuldigungen.

Fast wäre mit Nurhan Soykan erstmals eine Muslimin ins Beraterteam der Abteilung "Religion und Außenpolitik" des Auswärtigen Amts aufgenommen worden. Gemeinsam mit dem Rabbiner Max Feldhake und dem evangelischen Pastor Peter Jörgensen sollte die stellvertretende Vorsitzende des Zentralrats der Muslime das Ministerium in religiösen Angelegenheiten beraten.


Doch nur neun Tage nach Bekanntgabe der Personalie machte das Ministerium einen Rückzieher. Man lasse das Projekt erst einmal ruhen, erklärte ein Sprecher am 29. Juli.

Über Parteigrenzen hinweg hatten Politiker Soykan massiv kritisiert. Sie hatten das Auswärtige Amt aufgefordert, die Personalie rückgängig zu machen. Der Vorwurf: Sie habe antisemitische Proteste verharmlost und vertrete mit dem Zentralrat der Muslime einen Verband, der auch Extremisten in den eigenen Reihen dulde.

Nurhan Soykan: Sie ist Vorsitzende des "Zentralrats der Muslime". (Quelle: imago images/Christian Thiel)Nurhan Soykan: Sie ist Vorsitzende des "Zentralrats der Muslime". (Quelle: Christian Thiel/imago images)

Drei Wochen nach Beginn der Debatte meldet sich Nurhan Soykan nun erstmals selbst zu Wort. Im Interview mit t-online berichtet sie, wie es zur Zusammenarbeit mit dem Auswärtigen Amt kam, nimmt Stellung zu den Vorwürfen und erklärt, wie sie die Zukunft islamischer Interessenvertretung in Deutschland sieht.

t-online.de: In den letzten zwei Wochen konnte man sehr viel über Sie lesen. Wie erging es Ihnen in den vergangenen Tagen?

Nurhan Soykan: Ich bin mit großer Begeisterung nach Berlin gekommen und habe mich auf die Arbeit gefreut. Über die vor allem unberechtigte Kritik war ich natürlich enttäuscht. Aber ich bin hart im Nehmen und stecke das ganz gut weg.

Hatten Sie damit gerechnet, dass es Kritik an Ihrer Berufung zum Auswärtigen Amt geben wird?

Ich habe schon damit gerechnet, dass einige ein Problem damit haben werden, dass eine als Muslima erkennbare Frau im Auswärtigen Amt arbeitet. Ich habe nicht damit gerechnet, dass darunter das gesamte Projekt leidet. Dass nun das ganze Projekt zum Ruhen gebracht wird, tut mir sehr leid.

Wie kam es eigentlich zu der Zusammenarbeit?

Ich engagiere mich seit 2007 beim Zentralrat der Muslime (ZMD), war dann schnell auch bei der Deutschen Islamkonferenz und im Koordinationsrat der Muslime tätig. Ich habe häufig interreligiöse Gremien besetzt und mich immer offen für trialogische Zusammenarbeit gezeigt. Bei verschiedenen Veranstaltungen habe ich die Kollegen vom Auswärtigen Amt kennengelernt. So kam es zum Kontakt.

Wie haben Sie davon erfahren, dass das Projekt infolge der massiven Kritik erst einmal auf Eis gelegt wird?

Zunächst vom Auswärtigen Amt. Ich hoffe aber, dass das Projekt noch gerettet werden kann. Meine Person steht da an zweiter Stelle.

Gegenstand der Kritik war unter anderem Ihr Verhältnis zu Israel. In der "Jerusalem Post" hieß es, Sie würden Israels Zerstörung und die israelfeindlichen Al-Quds-Demos unterstützen. Wie stehen sie zum Al-Quds-Tag?

Als Quelle dafür wird mein Interview im Deutschlandfunk vor sechs Jahren angegeben. Wie sie wissen, gab es damals einen schweren Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern, mit über 1.400 toten Zivilisten auf palästinensischer Seite und ich glaube 67 Toten auf israelischer Seite, überwiegend Soldaten. Daraufhin gab es dann auch Demonstrationen in Deutschland. Mir ging es zu keinem Zeitpunkt um den umstrittenen so genannten Al-Quds-Tag, das ist auch in dem Interview ersichtlich. Ohnehin hat der ZMD sich in der Vergangenheit und danach weder aktiv noch passiv daran beteiligt.

An einer Stelle sagen Sie in dem Interview sinngemäß, man müsse jungen Leuten auch mal die Chance geben, ihrem Ärger Luft zu machen. Halten Sie das für eine angemessene Bewertung von Protesten, die vor allem wegen antisemitischen Parolen Schlagzeilen machten?

Meine Aussage war lediglich ein Bekenntnis zur Demonstrationsfreiheit. Dabei antisemitische Parolen zu verbreiten, gehört ausdrücklich nicht dazu. Wir haben stets im Zentralrat nicht nur mit Worten, sondern auch in Taten klar bekannt, dass Antisemitismus, ja jede Form des Rassismus, eine große Sünde im Islam ist.

Das Interview ist nicht der einzige Fall, in dem Ihnen und dem ZMD  eine Nähe zu Extremisten nachgesagt wurde. Auch die Verbindungen des Mitgliedsverbands Deutsche Muslimische Gemeinschaft (DMG) zur Muslimbruderschaft spielten schon eine Rolle. Allgemein gefragt: Sollte der Staat mit Organisationen zusammenarbeiten, deren Vertreter vom Verfassungsschutz beobachtet werden?

Die Frage stellt sich so nicht, da der Staat es ja bereits macht. Im Übrigen hat eine breite Mehrheit im höchsten Organ des ZMD im vergangenen Jahr beschlossen, dass die Mitgliedschaft der DMG ruhen soll. Das ist zwar ein schmerzhafter, aber notwendiger Schritt. Bis zur gerichtlichen Klärung der gegen die DMG öffentlich erhobenen Vorwürfe gilt für uns auch die Unschuldsvermutung.

Die Entscheidung des ZMD, die Mitgliedschaft der DMG ruhen zu lassen, ist also nicht als Distanzierung zu verstehen?

Ein Islam, der auf extremistischen Ideologien gebaut ist, hat im ZMD keinen Platz. Insofern sind diese Schritte notwendige Prozesse der Ausdifferenzierung. Erschwerend kommt aber leider hinzu, dass es im Islam-Diskurs leider einen unausgesprochenen Extremismusvorbehalt gibt. Nicht selten werden dann gerne auch MB oder Salafismus z.B. als Denunziationselemente eingesetzt, die unbewiesen im Raum stehen.

Hat der ZMD ein Extremismusproblem?

Der ZMD nicht, aber manche Muslime. Unsere Aufgabe besteht darin, durch Aufklärung im Islam Muslime und Organisationen gegenüber jeglichem Extremismus zu immunisieren. Hier gibt der Glaube die entscheidenden Grundlagen und den Halt selber, der eben antirassistisch und gegen jede Form der politischen Vereinnahmung ist.

Erst vor kurzem hat der Bundesverfassungsschutz Ihren Mitgliedsverband Atib als Teil der türkisch-nationalistischen "Grauen Wölfe" eingeordnet. Ist da auch nichts dran?

Das hat uns in der Tat sehr betroffen gemacht, zumal Atib seit über 33 Jahren existiert und in keinem Bericht bisher auftrat. Ich finde es aber gut, dass sich Atib der Diskussion stellt und im ersten Schritt die vom Verfassungsschutz unterstellte Verwobenheit mit nationalistischem Gedankengut durch ein unabhängiges wissenschaftliches Gutachten prüfen lassen will. Weitere Gespräche mit Atib und dem Verfassungsschutz stehen an, dann sehen wir mal weiter.

Wie Sie jetzt auch, hat der ZMD bisher nur darauf verwiesen, die Vorwürfe gegen Atib prüfen lassen zu wollen. Warum äußern Sie sich nicht inhaltlich zum Vorwurf des Rechtsextremismus an Ihrem Mitgliedsverband?

Ich kenne einige Atib-Gemeinden. Das sind sehr aufgeschlossene, engagierte Gemeinden, in denen auch der Frauenanteil sehr hoch ist. Aus meiner Erfahrung kann ich das also nicht bestätigen. Aber es ist in erster Linie die Sache von Atib das zu klären. Dem will ich nicht vorgreifen.

Atib hat bereits versucht, dies zu klären, und ist damit vergangenes Jahr vor dem Münchner Verwaltungsgericht gescheitert. Warum sollte das bei einer erneuten Verhandlung anders sein?

Das kann ich nicht beurteilen. Dazu bin ich in dem Thema nicht tief genug drin. Ich hoffe, dass man jetzt das Problem erkannt hat und daran arbeitet. Wenn man die richtigen Argumente bringt, dürfte es möglich sein, da auch wieder herauszukommen.

Sie sagen, die Vorwürfe seien vor allem eine Sache der Atib. Warum sind Sie dann nicht so konsequent und entledigen sich des Problems, indem Sie sich von Atib lösen?

Es ist nicht unsere Absicht, unsere Mitglieder mit ihren Problemen allein zu lassen. Aber inhaltliche Argumente sollten sie schon selbst bringen. Atib kennt die Innenperspektive selbst am besten. Wir unterstützen dabei, soweit wir in der Lage sind. Das ist ein Prozess, der gerade begonnen hat.

Es wurden Vorwürfe laut, die Sie in die Nähe türkischer Nationalisten bringen. Als der Bundestag vor vier Jahren den Genozid an den Armeniern verurteilte, erklärten Sie, die Resolution habe das Vertrauen vieler türkischstämmiger Menschen in die Politik geschwächt. Können Sie nachvollziehen, dass so eine Äußerung das Vertrauen vieler Menschen in den "Zentralrat der Muslime" schwächt?

Es ist ja kein Geheimnis, dass es damals sehr viele unterschiedliche Stimmen in der türkischen Community gab. Mir ging es in diesem Zusammenhang darum, darauf hinzuweisen und nicht um eine persönliche Positionierung.

Wie steht der ZMD zur Armenien-Resolution des Bundestages?

Als ZMD haben wir uns zu dem Thema immer neutral verhalten. Da gab es auch einen entsprechenden Beschluss und so halte ich es auch jetzt. Wir sind eine Religionsgemeinschaft und uns geht es in erster Linie um Religion in Deutschland, nicht um politische Fragen aus dem Ausland. Der ZMD ist ein sehr pluraler Verband mit Mitgliedern aus ganz verschiedenen Herkunftsländern.

Ich würde sagen, die Verurteilung eines Genozids ist keine Positionierung gegenüber einer "politischen Frage aus dem Ausland", sondern ein Bekenntnis zu universellen humanitären Werten.

Jedweder Genozid ist klar zu verurteilen, egal wo, egal von wem. Das ist doch keine Frage. Es ging hierbei lediglich um das Wie. Viele Migranten türkischer Herkunft waren vor den Kopf geschlagen, man hat es versäumt, sie bei dem Prozess mitzunehmen. Ich hätte es besser gefunden, wenn eine wissenschaftliche Kommission sich mit Türken und Armeniern zusammengesetzt hätte, deren Archive genutzt und ein Gutachten erstellt hätte. Das würde der Versöhnung sicherlich dienen.

Beim Zentralrat der Muslime hat man mit viel Unverständnis auf die Kritik an Ihnen reagiert. Die Rede war von einer "rufmordähnlichen Kampagne", die "politisch motiviert" sei. Worin besteht Ihrer Meinung nach dieses politische Motiv?

Leider Gottes haben wir als muslimische Religionsgemeinschaften keinen einfachen Stand. Manche betreiben sogar eine aktive Delegitimation muslimischer Vertretungsstrukturen aus einer politischen oder islamophoben Motivation heraus. Große Verbände werden immer und immer wieder kleingeredet und kleinere Gruppierungen werden politisch und medial gepusht. Da wird eine Kultur des Gegeneinanderausspielens gepflegt. Dazu gehört auch, dass kleinere Gruppierungen, die ihre eigene Vertretungsmacht demonstrieren wollen, andere angreifen.

Sie reden vom Liberalen Islamischen Bund (LIB), der Ihre Berufung zum Auswärtigen Amt ebenfalls vehement kritisiert hat?

Ich greife niemanden persönlich an, aber dies ist ein Beispiel, wie das Bashing stets gut funktioniert.

Die Kritik an Ihnen reicht über das gesamte politische Spektrum: von Politikern der Linkspartei bis zur AfD. Haben die und der LIB sich alle zu einer Kampagne gegen den ZMD zusammengeschlossen?

Das sehe ich nicht so, es gibt ebenso Unterstützer aus allen Parteien, ausgenommen der AfD, die unsere jahrzehntelange Arbeit für den Zusammenhalt der Gesellschaft, für die Versöhnung und den Dialog der Kulturen und Religionen und vor allem für die Stabilisierung unserer Demokratie und Freiheit schätzen und uns den Rücken derzeit stärken. Einigen der Kritiker geht es vermutlich auch darum, dass gute Projekt im Auswärtigen Amt zu diskreditieren.

Wie meinen Sie das?

Es ist ein Novum, dass eine staatliche Behörde mit Religionsgemeinschaften zusammenarbeitet, insbesondere mit einer Vertreterin einer muslimischen Religionsgemeinschaft, die auch noch Kopftuch trägt. Das ist ein sehr mutiger Schritt, der auch viel Widerstand erfährt, weil es ein rotes Tuch für diejenigen ist, die sich auf das Neutralitätsgebot beziehen und eine strikte Trennung von Religion und Staat fordern. Ich verstehe das Neutralitätsgebot so, dass es den Staat verpflichtet jeden Bürger gleich zu behandeln, unabhängig von seiner Herkunft oder Religion. Jede Weltanschauung hat ihren Platz in unserem Land und zwar gleichberechtigt.

Das besondere an der deutschen Verfassung ist, dass der Staat mit allen Weltanschauungen kooperiert. Das wollen einige in unserem Land ändern. Es geht hier darum, Pluralität sichtbar zu machen. Es geht darum, Normalität im Umgang mit Religionsgemeinschaften zu haben – und zwar nicht nur mit den christlichen. Ich denke, dass dieser Schritt, den es so noch nicht gab, viel Kritik eingebracht hat. Das gab es aber auch als damals die deutsche Islamkonferenz eingeführt wurde. Wir dürfen nicht vor denen einknicken, die unsere Lebenswirklichkeit nicht akzeptieren wollen, dass Muslime Teil dieses Landes sind und sich auch einbringen können und dürfen.

Nun ist der ZMD nicht die muslimische Religionsgemeinschaft, sondern eine von vielen islamischen Gruppierungen. Wäre es nicht besser gewesen, eine Person für dieses Projekt auszuwählen, die nicht mit einer bestimmten Organisation verbunden ist, die auch nur einen kleinen Teil der Muslime vertritt?

Ich habe als Nurhan Soykan einen Beratervertrag und nicht als ZMD. Ich möchte dennoch etwas zum ZMD sagen. Wir sind Teil des Koordinationsrates der Muslime, in dem alle großen Dachverbände vertreten sind. Von daher haben wir einen Bezug zur Mehrheit der Muslime, zumindest jenen Teil, der in die Moscheen geht. Unsere theologische Ausrichtung ist auch so, dass sie die Mehrheit der Muslime vertritt. Wir wollen nicht dem Fehler verfallen, dass wir uns kleinreden. Wir haben die islamische Wohlfahrtspflege eingeleitet, wir gehen Themen wie islamischen Religionsunterricht, islamische Theologie und die staatliche Anerkennung an, engagieren uns in der Flüchtlingsarbeit und sind Vorreiter im interreligiösen Dialog.

Bei vielen Themen, die Sie gerade angesprochen haben, geht es in letzter Zeit nicht mehr so richtig voran.

Wir waren schon sehr weit. Es hat nur noch ein Fünkchen gefehlt. Dann ist uns das Problem mit der Türkei und Ditib in die Quere gekommen und wir wurden alle in Sippenhaft genommen. Man hat dann viele Projekte gestoppt, an denen wir gearbeitet haben. Seitdem haben wir Eiszeit und versuchen das wieder in die Wege zu leiten. Für mich hat Priorität, dass wir die Zersplitterung unter den Muslimen auflösen, indem wir uns alle unter einem Dach vereinen und endlich einmal mit einer Stimme sprechen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Indem wir weiterhin die Gespräche suchen und weiter an den Themen dranbleiben. Was bleibt uns anderes übrig.

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