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Meinung
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Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung ├╝bernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Bis es kracht

  • Florian Harms
Von Florian Harms

Aktualisiert am 23.03.2022Lesedauer: 6 Min.
Habeck, Baerbock, Scholz: Die Spitzen der Ampelkoalition sind mit drei Gro├čkrisen konfrontiert.
Habeck, Baerbock, Scholz: Die Spitzen der Ampelkoalition sind mit drei Gro├čkrisen konfrontiert. (Quelle: Michael Kappeler/dpa-bilder)
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Guten Morgen, liebe Leserin, lieber Leser,

Realit├Ątsverweigerung ist eine Disziplin, die man in Deutschland exzellent beherrscht. Risiken so lange durch die rosarote Brille zu betrachten, bis sie zur akuten Gefahr werden, das k├Ânnen wir hierzulande richtig gut. Wie gut, zeigt sich in den drei gro├čen Krisen unserer Zeit: Ukraine, Corona, Klima.

Im Umgang mit dem Ukraine-Krieg h├Ąlt im Politikbetrieb eine merkw├╝rdige Apathie Einzug. Nachdem Putins Angriff alle Welt aufgeschreckt und der Kanzler eine "Zeitenwende" ausgerufen hatte, wurden eilig Sanktionspakete geschn├╝rt und die milliardenschwere Wiederbelebung der Bundeswehr angek├╝ndigt. Doch vier Wochen nach Beginn der K├Ąmpfe scheint das Engagement vieler Politiker zu erlahmen. Versprochene Waffen werden nicht geliefert, sind irgendwie nicht verf├╝gbar oder m├╝ssen erst noch produziert werden, irgendwo von irgendwem. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht irrlichtert durch die Szenerie, Innenministerin Nancy Faeser schiebt die Verteilung der Fl├╝chtlinge auf St├Ądte und Kommunen ab, Au├čenministerin Annalena Baerbock muss einr├Ąumen, dass die Sanktionen zwar Putin treffen, ihn aber keine Sekunde lang vom Weiterbomben abhalten.

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Im Gegenteil: Der Kremlchef schl├Ągt immer brutaler zu, l├Ąsst Krankenh├Ąuser, Einkaufszentren und Demonstranten beschie├čen, nimmt keinerlei R├╝cksicht auf Zivilisten. Milit├Ąranalysten raunen unisono: Putin geht es um alles oder nichts. Entweder er kann die gesamte Ukraine unter seine Knute zwingen. Oder er zerst├Ârt das Land, macht die St├Ądte dem Erdboden gleich, so wie schon Mariupol, l├Ąsst Regierungspolitiker ermorden, treibt Millionen Menschen in die Flucht. Am Ende bliebe ein riesiger Friedhof zur├╝ck, so wie in Tschetschenien, so wie in Syrien. Den kann er dann ungest├Ârt beherrschen und auf seinem faschistoiden Raubzug weitere Staaten attackieren: Moldawien, Georgien, wom├Âglich auch die ├Âstlichen EU-L├Ąnder. Angesichts dieser Szenarien wirkt es seltsam, dass die Bundesregierung sich so schwertut, ihre Waffenversprechen einzul├Âsen und den Kauf von russischem Erdgas schneller zu drosseln, obwohl das einer Studie zufolge m├Âglich w├Ąre. Man kann dieses Verhalten als Realpolitik bezeichnen: Mehr geht halt leider nicht! Oder als W├╝nsch-dir-was-Politik: Wird schon alles nicht so schlimm werden! In einem Wort: Realit├Ątsverweigerung.

Einwohner der zerschossenen Stadt Mariupol heben ein Grab aus.
Einwohner der zerschossenen Stadt Mariupol heben ein Grab aus. (Quelle: Alexander Ermochenko/Reuters-bilder)

Dasselbe Muster ist beim Corona-Management zu beobachten: Obgleich die Infektionszahlen h├Âher sind als je zuvor, obwohl die Zahl der Covid-Patienten in Krankenh├Ąusern wieder steigt, obgleich drei Viertel der Kliniken wegen erkranktem Personal nicht mehr im Normalbetrieb arbeiten, obwohl jede Woche mehr als 1.000 Menschen sterben, hat die Ampelkoalition die Aufhebung der meisten Sicherheitsregeln durchgesetzt. Noch gilt eine ├ťbergangsfrist, doch ab dem ├╝bern├Ąchsten Wochenende fallen bundesweit die Schranken. Dann kann sich der Erreger noch schneller verbreiten.

Das Virus wirkt bei jedem Betroffenen anders. Viele merken gar nicht, dass sie infiziert sind oder haben allenfalls ein bisschen Schnupfen. Andere trifft es h├Ąrter, trotz Impfungen, trotz Booster. So eine Covid-Infektion kann eine surreale Erfahrung sein: Eben noch ist man topfit durchs Leben gesprungen ÔÇô pl├Âtzlich Kratzen im Hals, Dr├Âhnen im Kopf, Druck auf der Lunge. Und f├╝nf Stunden sp├Ąter liegt man st├Âhnend auf dem Sofa, mag sich kaum noch regen, hustet sich die Seele aus dem Leib. Auch so einen Infekt ├╝berstehen die meisten nach einigen Tagen ohne Nachwirkungen, aber angenehm ist das nicht. W├╝nscht man niemandem. Warum also d├╝rfen sich bald vielerorts wieder Menschen ohne Masken und Abstand tummeln, w├Ąhrend das Infektionsrisiko so hoch ist wie nie zuvor?

Auch hier liegt die Antwort in der W├╝nsch-dir-was-Politik: Vor allem die FDP-Leute in der Bundesregierung h├Ątten halt so gern, dass der Corona-Mist endlich endet, sie wollen den Leuten unbedingt alle Freiheiten zur├╝ckgeben, also machen sie das jetzt einfach mal und gucken, was passiert. Das kann man mutig nennen. Oder Realit├Ątsverweigerung.

Auch Bundespr├Ąsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke B├╝denbender haben sich mit dem Coronavirus infiziert.
Auch Bundespr├Ąsident Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke B├╝denbender haben sich mit dem Coronavirus infiziert. (Quelle: Britta Pedersen/dpa-bilder)

Auch in der dritten und gr├Â├čten Krise unserer Zeit ist dasselbe Muster zu erkennen: Seit Jahren ist bekannt, dass die Menschheit den Planeten ├╝berstrapaziert. Die Erdtemperatur steigt rasant, Gletscher schmelzen, ├ťberschwemmungen, St├╝rme und D├╝rren nehmen zu, Arten sterben aus. Der schockierende Bericht des Weltklimarats vor drei Wochen sollte eigentlich den Letzten die Augen ge├Âffnet haben. "Wir haben nur ein Jahrzehnt, um die CO2-Wende zu schaffen und die Menschen noch vor den gr├Â├čten Risiken des Klimawandels zu sch├╝tzen", warnt Johan Rockstr├Âm, der designierte Chef des Potsdam-Instituts f├╝r Klimafolgenforschung. Im Klartext: Politik und Wirtschaft m├╝ssten jetzt sofort alle Weichen stellen, um die Klimaziele noch zu erreichen. Stattdessen hat das Ukraine-Krisenmanagement die Aufmerksamkeit f├╝r den Klimaschutz verdr├Ąngt, und Wirtschaftsminister Robert Habeck t├╝tet mit den Scheichs zweifelhafte Erdgas-Deals ein. Realpolitik? Vielleicht. Oder Augen-zu-und-durch-Politik.

Minister Habeck erweist Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani in Katar die Ehre.
Minister Habeck erweist Scheich Mohammed bin Hamad bin Kasim al-Abdullah Al Thani in Katar die Ehre. (Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa-bilder)

Dieser Tage ist viel vom Bestseller "Deutschland 2050" die Rede. Die Autoren Toralf Staud und Nick Reimer beschreiben darin, wie die Erderhitzung unser Land ver├Ąndern wird. Am Ende ihres Buches f├╝hren sie ein Gespr├Ąch mit dem Soziologen Ortwin Renn und fragen ihn, warum Politik und Gesellschaft so gleichg├╝ltig auf die Klimakrise reagieren, obwohl sie die gr├Â├čte Bedrohung f├╝r die Menschheit darstellt. Er nennt vier Gr├╝nde: Erstens vollziehen sich die Ver├Ąnderungen des Klimas scheinbar langsam, weshalb sie viel zu lange untersch├Ątzt werden. Zweitens wird ├╝bersehen, dass die Erhitzung nicht linear verl├Ąuft, sondern irgendwann Kipppunkte erreicht, an denen die Lage pl├Âtzlich in eine Katastrophe umschl├Ągt. Erst dann wachen alle auf und sind alarmiert. Drittens str├Ąuben sich Menschen, liebgewonnene Gewohnheiten aufzugeben. Stattdessen leugnen sie lieber das Problem oder reden es klein: Was soll es denn bringen, wenn ich das Auto stehen lasse, aber die Chinesen weiter Kohle verbrennen? Viertens gibt es f├╝r das Klimaproblem keine einfachen L├Âsungen ÔÇô im Gegenteil: Es erfordert weltweit koordinierte Anstrengungen.

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Vier Gr├╝nde, die dazu f├╝hren, dass Politik, Wirtschaft und ÔÇô Hand aufs Herz ÔÇô in Wahrheit wir alle viel zu sp├Ąt, zu langsam und zu lasch handeln. Genau besehen ist das aber nicht nur beim Klima so, sondern auch im Umgang mit Diktatoren wie in Russland oder China und nat├╝rlich auch beim Corona-Management. Die Probleme sind bekannt ÔÇô entschlossen angepackt werden sie aber erst, wenn es richtig kracht. Das muss sich ├Ąndern, wir brauchen dringend einen anderen Umgang mit Gro├čkrisen. Denn wenn es beim Klima erst mal richtig kracht, dann gnade uns Gott.

Vom Klimawandel gesch├Ądigtes Waldgebiet in Westfalen.
Vom Klimawandel gesch├Ądigtes Waldgebiet in Westfalen. (Quelle: imago-images-bilder)

Selenskyj wirbt weiter

Der ukrainische Pr├Ąsident Wolodymyr Selenskyj ist nicht nur ein Kriegsheld, sondern auch ein begnadeter Kommunikator. Einem Parlament nach dem anderen h├Ąlt er Standpauken per Video; nach der EU, den USA, Deutschland und Israel ist heute die franz├Âsische Nationalversammlung an der Reihe. Seine Appelle sind klar, eindringlich und immer mit historischen Anleihen des jeweiligen Landes gespickt: Selenskyj packt die Parlamentarier bei ihrer Ehre ÔÇô und niemand kann sich ihm entziehen. Auch nicht Marine Le Pen, Pr├Ąsidentschaftskandidatin des rechtsextremen Rassemblement National und bislang als Putin-Bewunderin bekannt: Eigentlich wollte sie sich vor Selenskyjs Rede dr├╝cken. Doch als sie ein verheerendes Medienecho erntete, beeilte sie sich zu versichern: Non, non, alles ein Missverst├Ąndnis, nat├╝rlich werde sie teilnehmen! So entlarvt der Krieg auch die Heuchler.


Green Deal in Gefahr

Der Ukraine-Krieg hat globale Folgen: Bisher haben die Ukraine und Russland fast 30 Prozent der weltweiten Weizenexporte produziert, bei Mais und Raps sind es knapp 20 Prozent. Wegen der K├Ąmpfe bleiben die Lieferungen aus, nun drohen viele arabische und afrikanische Staaten in Hungerkrisen zu st├╝rzen. Heute will die EU-Kommission Vorschl├Ąge machen, wie sich die Lebensmittelkrise mildern l├Ąsst. Dabei wird sie auch empfehlen, Bauern die Nutzung von Fl├Ąchen zu erlauben, die eigentlich stillgelegt werden sollten, um die Artenvielfalt zu sch├╝tzen. Allein in Deutschland geht es um bis zu 250.000 Hektar. Umweltsch├╝tzer schlagen deshalb Alarm und sehen den mit gro├čem Tamtam beschlossenen Green Deal der EU in Gefahr. Nicht von ungef├Ąhr: EU-Klimakommissar Frans Timmermans will auf die heute geplante Vorstellung neuer Gesetze gegen Pestizide verzichten. "Terminprobleme", hei├čt es aus Br├╝ssel. Aha.


Der Lichtblick

900 Sch├╝ler bilden das Friedenszeichen.
900 Sch├╝ler bilden das Friedenszeichen. (Quelle: Martin-Buber-Oberschule/T-Online-bilder)
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Dieser Wutausbruch tat richtig gut, lieber Bernhard Brink
Bernhard Brink: Der Schlagerstar wetterte bei seinem Auftritt in der Berliner Waldb├╝hne unter anderem gegen Putin und Lauterbach.


Auch in Berlin engagieren sich viele Menschen f├╝r den Frieden. Mein Kollege Matthias Hartmann zeigt Ihnen eine besondere Aktion.


Was lesen?

In Gr├╝nheide sollen jedes Jahr 500.000 Tesla-Modelle zusammengeschraubt werden.
In Gr├╝nheide sollen jedes Jahr 500.000 Tesla-Modelle zusammengeschraubt werden. (Quelle: Christian Thiel/imago-images-bilder)

Kein Bundesland leidet so sehr unter Wasserknappheit wie Brandenburg. Trotzdem flie├čen riesige Mengen in Teslas neue Fabrik nahe Berlin. Meine Kollegin Theresa Crysmann berichtet ├╝ber den Streit um die wichtigste Ressource der Welt. Und unser Reporter Florian Schmidt war gestern bei der Er├Âffnung des Werks dabei: Hier sind seine Eindr├╝cke.


Russland ist der Ukraine milit├Ąrisch ├╝berlegen ÔÇô warum kommt Putins Armee trotzdem nur so langsam voran? Die Kollegen des Deutschlandfunk nennen sechs Gr├╝nde.


(Quelle: AP/ullstein-bild)

Nein, es war kein Meteorit, der hier vor neun Jahren vergl├╝hte. Es war ein von Menschenhand geschaffenes Objekt. Schauen Sie mal.


Was am├╝siert mich?

Wenn ├╝berall Krise herrscht, liegen die Nerven blank.

Ich w├╝nsche Ihnen einen entspannten Tag.

Herzliche Gr├╝├če

Ihr

Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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