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Erfand ein syrischer AfD-Mitarbeiter einen Mordanschlag?

  • Lars Wienand
Von Lars Wienand

01.08.2020Lesedauer: 5 Min.
Kevork Almassian und der angebliche Mordanschlag: Mit dem Foto einer √úberwachungskamera rief der Unterst√ľtzer des syrischen Regimes und AfD-Mitarbeiter zur Fahndung auf (Verpixelung durch t-online.de).
Kevork Almassian und der angebliche Mordanschlag: Mit dem Foto einer √úberwachungskamera rief der Unterst√ľtzer des syrischen Regimes und AfD-Mitarbeiter zur Fahndung auf (Verpixelung durch t-online.de). (Quelle: Kontraste/Screenshot Twitter)
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Ein regimetreuer syrischer Aktivist in Diensten der AfD im Bundestag meldet einen Mordanschlag auf sich mitten in Berlin. AfD-nahe Portale empören sich. Doch die Polizei hat Zweifel, und der vermeintliche Angreifer hat seinerseits Anzeige erstattet.

Ein Mordanschlag, der dann doch allenfalls eine Beleidigung war? Recherchen von t-online.de legen die Vermutung nahe, dass ein syrischer Mitarbeiter des AfD-Bundestagsabgeordneten Markus Frohnmaier eine Begegnung dramatisiert und ausschlachtet. Er hat behauptet, mitten in Berlin zehn Minuten lang vor einem Angreifer auf der Flucht gewesen zu sein und trotz Hilferufen keinen Beistand bekommen zu haben.

Es geht um Kevork Almassian, der sich selbst in einem Interview schon als Propagandakrieger f√ľr Syriens Regierung dargestellt* hatte und bei Youtube 30.000 Abonnenten f√ľr seinen regimefreundlichen Kanal "Syriana Analysis" hat. Unstrittig ist, dass er offenbar von einem Landsmann auf seinen Einsatz f√ľr den syrischen Machthaber Bashar Al-Assad und f√ľr die AfD angesprochen wurde. Dann gehen die Schilderungen auseinander.

Almassian-Tweet: "Habe Mordversuch √ľberlebt"

"Ich habe gerade einen Mordversuch durch diesen Mann √ľberlebt", hatte Almassian am 7. Juli getwittert. Dazu postete er ein Foto von Mohammad A., aufgenommen von einer √úberwachungskamera. Almassian schilderte auf Facebook, dass es seiner Erfahrung als Torwart zu verdanken sei, dass er unbeschadet entkommen konnte. AfD-nahe Portale berichteten √ľber den "Mordanschlag", eine Seite titelte etwa "Armenischer Christ in Berlin von Islamisten mit Messer angegriffen", ohne eine Stellungnahme der Polizei zu ver√∂ffentlichen. Auch im Ausland √ľbernahmen rechte Seiten die Darstellung.

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(Quelle: Screenshot Twitter)

Die Anschuldigungen seien aus der Luft gegriffen, erkl√§rt Mohammad A. laut seiner Anw√§ltin Nadija Samour. Er hat demnach seinerseits Almassian angezeigt. Dabei geht es um die unerlaubte Verwendung des Bildes, Verleumdung, Vort√§uschen einer Straftat und falsche Verd√§chtigung. Almassian hat den Tweet mit Foto gel√∂scht, ein rechtes Portal hat seinen rei√üerischen Text vom "Messerangriff" durch "Islamisten" kommentarlos vom Netz genommen. Die Polizei Berlin informierte auf Anfrage von t-online.de, dass der Staatsschutz nach Almassians Anzeige Ermittlungen aufgenommen habe. Dabei gehe es um den Verdacht der Beleidigung. Es gebe keine Anhaltspunkte f√ľr ein versuchtes T√∂tungsdelikt.

Almassians Anwalt Richard Radtke teilte t-online.de hingegen mit: "Nach den Umständen ist das Vorgehen des Beschuldigten als ein Angriff auf Leib und Leben meines Mandanten, jedenfalls aber gegen seine körperliche Unversehrtheit zu deuten, dem dieser nur durch die eilige Flucht entgehen konnte."

Zehn Minuten Verfolgung auf 100 Meter Distanz?

Die angeblich zehn Minuten währende Verfolgung spielte sich vor einem Supermarkt in Charlottenburg zwischen zwei Orten ab, die nur rund 100 Meter auseinanderliegen. Almassian selbst wiederholt auf Anfrage von t-online.de zumindest den Vorwurf des Mordversuchs nicht.

"In sehr aggressiver Weise" habe der Mann ihn angesprochen und etwa gefragt, ob er nicht der Journalist sei, der Assad unterst√ľtze. Almassian √§u√üert sich zur Waffe jetzt auch vorsichtiger: Der Mann habe versucht, ihn an der linken Hand zu greifen und dann aus einem "kleinen Brustbeutel" einen schwarzen Gegenstand geholt, "der ein Messer oder eine Waffe mit Klinge zu sein schien". Als er, Almassian, daraufhin davongelaufen sei, habe der Mann ihn gejagt.

Mohammad A. sagt seiner Anw√§ltin zufolge, er sei zun√§chst "einige Schritte" hinter Almassian hergelaufen. Er habe verstehen wollen, wieso Almassian √ľberraschend losgelaufen sei. Als der Fl√ľchtende "Polizei, Polizei" geschrieen habe, habe auch er gerufen: "Fuck Nazis, er ist von der AfD!" Damit habe er die Szene in Kontext setzen wollen. Umstehende h√§tten aber √ľberhaupt nicht reagiert.

Angeblicher Angreifer: Hatte kein Messer

Ein Messer w√§re eine gef√§hrliche Waffe, auch wenn der vorgebliche Angreifer Mohammad A. viel kleiner und schm√§chtiger ist als Almassian und wegen einer Verletzung aus Syrien nur eine Hand einsetzen kann. Almassian erkl√§rte t-online.de, die Polizei habe den Fall unmittelbar nach dem Eintreffen als "versuchte K√∂rperverletzung" aufgenommen. Er k√ľndigte auch "neue rechtliche Schritte gegen Mohammad A." an. Der angebliche Angreifer bestreitet dagegen der Anw√§ltin zufolge, ein Messer oder √§hnliches gehalten zu haben. Er habe auch nie vorgehabt, Almassian zu verletzen.

Genau das behaupteten Almassian und Medien vom rechten Rand. Diese Berichte gaben t-online.de und dem ARD-Politikmagazin "Kontraste" eine Mitschuld. Aggressionen gegen Almassian seien Folge von Berichterstattung der Medien √ľber den in Aleppo aufgewachsenen Armenier. Tats√§chlich hatten die Berichte in der syrischen Gemeinde international einiges Aufsehen erregt. Almassians Geschichte und seine Positionen stehen auch im Mittelpunkt des aktuellen Vorfalls.

Fl√ľchtling Almassian warnte vor Fl√ľchtlingen

In der AfD hatte Almassian bereits Bekannte: Im syrischen Aleppo, woher Almassian stammt, war er im B√ľrgerkrieg mit Manuel Ochsenreiter unterwegs gewesen, einem fr√ľheren Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Markus Frohnmaier und rechtsextremen pro-russischen Netzwerker. Frohnmaier selbst hatte Almassian im Mai 2015 auf einer Konferenz der pro-russischen Separatisten in Donezk gesehen.

Monate sp√§ter war Almassian aus der Asylunterkunft heraus zu Auftritten bei der AfD gefahren, wo etwa auch Bj√∂rn H√∂cke sprach. Almassian warnte als Redner 2015 und 2016 vor dem Gro√üteil der anderen Fl√ľchtlinge, die nicht integrierbar seien. Er bestritt wiederholt, dass es in Syrien au√üer Islamisten auch eine demokratische Opposition gegen Baschar al-Assad gab. Einen Amnesty-Bericht √ľber Massenhinrichtungen in syrischen Gef√§ngnissen nannte er "armselige voreingenommene Propaganda".

Mit verfremdetem George-Floyd-Foto bei Demo

Solche √Ąu√üerungen machen ihn zu einer Reizfigur f√ľr Syrer, die unter dem Assad-Regime zu leiden hatten oder deshalb das Land verlassen haben. Auch Mohammad A. glaubte, Almassian von einer Demonstration f√ľrs syrische Regime wiedererkannt zu haben. "Bist Du nicht derjenige, der vor dem Brandenburger Tor f√ľr Assad demonstriert hat?", fragte er, wie seine Anw√§ltin erkl√§rt.

(Quelle: Screenshot Twitter)

Es gibt Bilder, die den Frohnmaier-Mitarbeiter bei der Kundgebung am 19. Juni vor der US-Botschaft zeigen. Eines, das Almassian gepostet hatte, zog Kreise: Er breitbeinig vor dem Brandenburger Tor, in den Händen das ikonische Foto des Polizisten, der auf George Floyd kniet. Doch es war bearbeitet, und diese Variante postete er auch einzeln.

√úber die K√∂pfe des Polizisten und Floyds sind in dem Foto die Fahnen der USA und Syriens montiert. Der t√∂dliche Polizeieinsatz gegen den Schwarzen wird gleichgesetzt mit Sanktionen, die die USA kurz vor der Demo auf mehrere Dutzend Unterst√ľtzer aus Assads Umfeld ausgeweitet hatten. Nutzer antworteten auf Almassians Posting mit Bildern aus Syrien: von Opfern von Giftgasangriffen und aus Foltergef√§ngnissen des syrischen Regimes.

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Dort sind Morde und Mordversuche dokumentiert.

*Wir haben an dieser Stelle korrigiert, dass sich Almassian nicht w√∂rtlich als Propagandakrieger bezeichnet, sondern so dargestellt hatte. Er hatte erkl√§rt, der Krieg in Syrien werde auf vielen Ebenen gef√ľhrt, und jeder werde mit seinen Fachkenntnissen an seinem Platz gebraucht. "Jemand m√ľsse auch Gegenpropaganda machen"**.

**Update: 25. November 2020: Das Zitat "Jemand muss auch Gegenpropganda machen" aus einem Interview mit der Zeitschrift "Sezession" wurde dort im Sommer 2020 in der "Sezession" korrigiert. Dort heißt es nun "Jemand muss der Propaganda begegnen, Die vorige Fassung sei durch einen Übersetzungsfehler bei der Übertragung der O-Ton-Aufnahme ins Schriftliche entstanden, so die "Sezession". Almassian stellt es auf Twitter so dar, dass er nur Propaganda entgegen treten wolle.

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