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Interview
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Der Gespr├Ąchspartner muss auf jede unserer Fragen antworten. Anschlie├čend bekommt er seine Antworten vorgelegt und kann sie autorisieren.

"St├Ąndig musste Trump seinen Schlendrian unterbrechen"

  • Marc von L├╝bke-Schwarz
  • Florian Harms
Von Marc von L├╝pke und Florian Harms

Aktualisiert am 02.12.2020Lesedauer: 12 Min.
Donald Trump: Im Wei├čen Haus ist der US-Pr├Ąsident nie gl├╝cklich gewesen, so Christopher Clark.
Donald Trump: Im Wei├čen Haus ist der US-Pr├Ąsident nie gl├╝cklich gewesen, so Christopher Clark. (Quelle: Chris Kleponis/imago-images-bilder)
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Im kommenden Jahr endet Donald Trumps Amtszeit und das Coronavirus wird besiegt. Warum wir durch die Krise leider trotzdem nicht kl├╝ger werden, erkl├Ąrt Europas f├╝hrender Historiker Christopher Clark im t-online-Interview.

Donald Trump hat Schaden in seiner Amtszeit angerichtet, au├čerordentlich viel Schaden. Historisch betrachtet schneidet der US-Pr├Ąsident sogar im Vergleich zu einer der ber├╝chtigsten Figuren, die wir Deutschen jemals an der Staatspitze hatten, schlecht ab. Die Rede ist von Wilhelm II., dem letzten deutschen Kaiser. Dies sagt mit Christopher Clark einer der weltweit f├╝hrenden Historiker im Gespr├Ąch mit t-online.

├ťberhaupt gibt der historische Vergleich zwischen unserer Gegenwart und der Zeit vor 1914 gro├čen Anlass zur Sorge, so Clark. Derart instabil wie es derzeit der Fall ist, sei das internationale System zuletzt vor dem verheerenden Ersten Weltkrieg gewesen. Warum wir Europ├Ąer die "Zukunft" verloren haben, die Menschheit nach Corona nicht unbedingt kl├╝ger sein wird und doch Hoffnung f├╝r unsere Spezies besteht, all dies erkl├Ąrt der Historiker in unserem Gespr├Ąch:

t-online: Professor Clark, Donald Trump ist abgew├Ąhlt, auch wenn er es selbst nicht ganz einsehen will. Welche historische Pers├Ânlichkeit kommt Ihnen in den Sinn, die einen ├Ąhnlichen Sinn f├╝r Realit├Ątsverweigerung bewies wie der noch amtierende US-Pr├Ąsident?

Christopher Clark: Wenn ich mir Donald Trump anschaue, muss ich schnell an Wilhelm II. denken. Den letzten und unf├Ąhigsten deutschen Kaiser.

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Jetzt sind wir doch etwas ├╝berrascht.

Es steckt erstaunlich viel von Wilhelm II. in Donald Trump: Wie Wilhelm II. plappert Trump ungez├╝gelt drauflos und verf├╝gt bei wichtigen Angelegenheiten nur ├╝ber eine bemerkenswert kurze Aufmerksamkeitsspanne. Er ist genauso leicht reizbar und prahlt gern. Trump und Wilhelm II. eint auch die Neigung zu absoluten Schnapsideen. Denken Sie daran, wie der US-Pr├Ąsident den Amerikanern vor nicht allzu langer Zeit v├Âllig unerprobte, gef├Ąhrliche Therapien gegen das Coronavirus empfohlen hat.

"Ihr alle wisst gar nichts", hat Wilhelm II. einmal seine Berater belehrt.

Diesen Satz w├╝rde man ohne Weiteres auch Trump zutrauen. Bei beiden Pers├Ânlichkeiten sehen wir zudem eine starke Gef├╝hlsk├Ąlte. Trump hat keinerlei Verst├Ąndnis f├╝r das Leid, das er mit seiner Politik verursacht hat. Trotzdem ist selbst der unf├Ąhige Kaiser Wilhelm II. besser gewesen als Trump.

Sir Christopher Clark, geboren 1960, lehrt Neuere Europ├Ąische Geschichte am St. Catharine's College in Cambridge. Clark ist einer der f├╝hrenden Historiker, sein 2013 erschienenes Buch "Die Schlafwandler" ├╝ber den Ausbruch des Ersten Weltkriegs war ein internationaler Bestseller. Zudem hat Clark Standardwerke zur Geschichte Preu├čens wie zu Wilhelm II. verfasst. 2015 schlug Queen Elizabeth II. den Historiker zum Ritter. K├╝rzlich erschien Clarks neuestes Buch "Gefangene der Zeit. Geschichte und Zeitlichkeit von Nebukadnezar bis Donald Trump".

Das ist nach Ihrer bisherigen Charakterisierung schwer zu glauben.

Trump ist die fleischgewordene Verrohung der Sitten. Im Jahr 2015 hat er sich in einer TV-Debatte im Rahmen der republikanischen Vorwahlen f├╝r die US-Pr├Ąsidentschaft von einer Journalistin unfair behandelt gef├╝hlt. Deshalb warf er ihr vor, sie sei aufgrund ihres Menstruationszyklus besonders aggressiv gewesen. Und das in den USA, einem Land, in dem H├Âflichkeit und Respekt gerade im Umgang mit Frauen so wichtig sind. Noch vor 15 Jahren w├Ąre Trump deshalb sofort den politischen Tod gestorben. Oder nehmen Sie seine Beleidigungen in Richtung Nordkorea.

Er bezeichnete Diktator Kim Jong-un als "krankes H├╝ndchen".

ÔÇŽ und der Diktator hat es ihm auf demselben Niveau heimgezahlt. Wenn wir ├╝berhaupt von Niveau sprechen k├Ânnen. Zu Zeiten von Wilhelm II. war ein solches Benehmen undenkbar, der Kaiser h├Ątte sich in der ├ľffentlichkeit niemals derart ├╝ber einen ausl├Ąndischen Politiker ge├Ąu├čert. Im Gegensatz zu Donald Trump hatte Wilhelm II. auch Interessen, die ├╝ber den geistigen Horizont von "Fox News" hinausgehen. Er interessierte sich zum Beispiel f├╝r die Kultur der alten Hethiter in Kleinasien und f├╝r die Radiotelegrafie. In solche Themen hat sich Wilhelm II. mehrere Monate lang vertieft und dann seine Umgebung mit seinem Wissen erstaunt. Donald Trump interessiert sich ausschlie├člich f├╝r sich selbst. Mental ist er unglaublich eingeschr├Ąnkt.

Trotzdem bleibt es Fakt, dass er bei der Wahl im November sogar noch Stimmen hinzugewonnen hat. Wie erkl├Ąren Sie diesen Erfolg?

Beim Ph├Ąnomen Trump bleibt manches schwer begreiflich. Und voller Paradoxien. So geh├Âren die Evangelikalen zu Trumps treuesten Unterst├╝tzern. Stellen Sie sich das bitte vor: Strenggl├Ąubige Christen wollen Donald Trump im Wei├čen Haus sehen, einen Mann, der geschieden ist, der es mit der Wahrheit nicht genau nimmt und sich alles andere als h├Âflich benimmt.

Christopher Clark: Der geb├╝rtiger Australier ist einer der weltweit f├╝hrenden Historiker.
Christopher Clark: Der geb├╝rtige Australier ist einer der weltweit f├╝hrenden Historiker. (Quelle: Alexander Hein/Random House)

Er ist in den Augen dieser Leute wohl das kleinere ├ťbel.

Richtig. Um Abtreibungen unm├Âglich zu machen, w├╝rden diese Leute sogar Beelzebub w├Ąhlen. F├╝r manche Amerikaner ist Trump das Instrument Gottes, um ihre "christlich" gef├Ąrbten politischen Ziele durchzusetzen.


Wenn man Trumps Tiraden gegen Minderheiten h├Ârt, dr├Ąngt sich der Eindruck auf, dass sich die Gewaltt├Ątigkeit der amerikanischen Geschichte in ihm personifiziert.

Das ist ein sehr treffendes Bild. Trump ist geradezu ein "Revenant", ein Wiederg├Ąnger. Also die Personifikation verdr├Ąngter Aspekte aus der Geschichte der USA, die sehr konfliktreich und gewaltt├Ątig gewesen sind. Der daraus resultierende Hass ist bis heute nicht g├Ąnzlich ├╝berwunden ÔÇô etwa in Bezug auf die Sklaverei, den B├╝rgerkrieg und die Zeit der Rekonstruktion der Union danach. Tats├Ąchlich k├Ânnten die Amerikaner in dieser Hinsicht von Deutschland etwas lernen.

Das m├╝ssen Sie erkl├Ąren.

Nach zwei verheerenden Weltkriegen haben die Deutschen seit den Sechzigerjahren einen historisch einmaligen Prozess der Aufarbeitung und des Umgangs mit der eigenen Vergangenheit geleistet. Eine vergleichbare selbstkritische Aufarbeitung hat es vor allem im S├╝den der USA niemals gegeben. Bei Trumps Wahl im Jahr 2016 konnten wir sehen, welch einen Unterschied so etwas ausmachen kann.

Ihr neues Buch tr├Ągt den bemerkenswerten Titel "Gefangene der Zeit". Wie "gefangen" sind wir denn innerhalb der Zeitl├Ąufte, wie viel der Krisenhaftigkeit des Jahres 1914 findet sich im ├╝bertragenen Sinne in unserer Gegenwart wieder?

Erschreckend viel. Nat├╝rlich wiederholt sich Geschichte nicht, aber Vergleiche sind legitim. Wir leben heute erneut in einer Epoche der Multipolarit├Ąt, wie es sie seit 1918 nicht mehr gegeben hat. So instabil und chaotisch wie das internationale System jetzt ist, war die Welt das letzte Mal vor 1914. Vor allem in Bezug auf das Vertrauen zwischen den internationalen B├╝ndnissen, aber auch innerhalb der B├╝ndnisse selbst.

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Sie spielen auf die Nato an, in der Trump f├╝r viel Irritation gesorgt hat. Das Vertrauen in die USA als westliche F├╝hrungsmacht ist ersch├╝ttert.

Das Schlimmste an Trumps Au├čenpolitik ist weniger, dass er die Russen hofiert und die Chinesen provoziert. Die eigentliche Katastrophe besteht darin, dass durch Trumps Gepolter das gegenseitige Vertrauen im westlichen B├╝ndnis so stark ins Schwinden kam. Denn in diesem Punkt ist die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegs in der Tat lehrreich: Das schwindende Vertrauen innerhalb der jeweiligen B├╝ndnisse erzeugte viel mehr Risiken, als es das schwindende Vertrauen zwischen den B├╝ndnisbl├Âcken untereinander getan hat.

Bitte erkl├Ąren Sie das genauer.

Staaten, die nicht wissen, wie ihre Verb├╝ndeten im Fall einer Krise reagieren werden, handeln sehr schnell panisch. Und wenn dieser Fall eintritt, wird das gesamte System binnen k├╝rzester Zeit instabil. In unserer krisenhaften Gegenwart kann das niemand gebrauchen.

August 1914: Im Glauben, dass der Krieg kurz werden w├╝rde, zogen viele Soldaten in den Kampf.
August 1914: Im Glauben, dass der Krieg kurz werden w├╝rde, zogen viele Soldaten in den Kampf. (Quelle: ullstein-bild)

Tats├Ąchlich jagt heute in der Wahrnehmung vieler Menschen eine Krise die n├Ąchste. "Normalit├Ąt" scheint nicht erst seit Corona in weite Ferne ger├╝ckt.

Viel von dem Unbehagen, das die Menschen derzeit versp├╝ren, r├╝hrt daher, dass sie wissen, dass die R├╝ckkehr in eine "Normalit├Ąt" nicht m├Âglich ist. Oder auch gar nicht w├╝nschenswert. Nehmen wir das Beispiel Tourismus und Fliegen. In beiden Bereichen wissen wir nicht, ob die Welt nach den Einschr├Ąnkungen durch die Corona-Pandemie in dieser Hinsicht wieder dieselbe sein wird. Denn weit oberhalb der Corona-Krise lauert noch der Klimawandel, der aller Voraussicht nach in seinen Auswirkungen deutlich dramatischer sein wird.

Haben wir den Glauben an eine bessere ÔÇô und vor allem halbwegs berechenbare ÔÇô Zukunft verloren?

Ja, das ist das eigentliche Problem. Wir k├Ânnen die Zukunft angesichts der vielen Krisen und des technologischen Wandels nicht mehr erkennen. Anders gesagt: Wir Menschen haben eigentlich gar keine Ahnung mehr, in welche Richtung die Fahrt geht. Was verst├Ąndlicherweise sehr verunsichernd ist. Vor allem f├╝hlen wir uns nicht mehr getragen durch eine Geschichte, die unsere Vergangenheit mit unserer Gegenwart und diese wiederum mit unserer Zukunft verbindet. Das war die tiefere Bedeutung der Rede, die Frankreichs Pr├Ąsident Emmanuel Macron 2017 an der Sorbonne zur Zukunft Europas gehalten hat.

Macron hat daf├╝r pl├Ądiert, dass wir f├╝r ein starkes Europa einstehen und dieses aktiv gestalten m├╝ssen.

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Das in Berlin aber keinen Widerhall fand.

Ich finde das sehr bedauerlich. Denn die Angelegenheit ist doch sehr einfach: Wenn wir selbst keine Vorstellung haben, in welche Richtung wir in Zukunft fahren wollen, dann treffen uns alle Krisen und Unw├Ągbarkeiten der Gegenwart ungleich h├Ąrter. Wir m├╝ssen also die Zukunft neu kartieren, wie ich es in meinem Buch auch schreibe ÔÇô und diese Zukunft und die Mittel, sie zu gestalten, m├╝ssen "gr├╝n" und sozial sein.

Das Interview mit Christopher Clark fand wegen der Corona-Beschr├Ąnkungen per Video statt.
Das Interview mit Christopher Clark fand wegen der Corona-Beschr├Ąnkungen per Video statt. (Quelle: t-online.de)

Wenn wir Richtung China blicken, sollten wir Europ├Ąer uns doch sehr beeilen: Die chinesische F├╝hrung wei├č sehr genau, wohin sie will. Und welcher Mittel sie sich dazu bedienen m├Âchte.

Viele Aspekte an Chinas Entwicklung der letzten Jahrzehnte sind beeindruckend. Die alten M├Ąnner, die dieses riesige Land f├╝hren, haben eine ungeheure Zuk├╝nftigkeit entwickelt. Also eine Vorstellung davon, was China in Zukunft sein soll. Aber das chinesische Gesellschaftsmodell ist das exakte Gegenteil dessen, was unsere liberalen Demokratien anstreben, und daher f├╝r uns im Westen nicht tragbar. China ist ein ├ťberwachungsstaat, in dem die B├╝rger f├╝r sozial und politisch "erw├╝nschtes" Verhalten belohnt werden. Das kann niemals unser Ziel sein. Schauen Sie sich an, was in Hongkong passiert: Dort m├╝ssen die Menschen um Rede- und Meinungsfreiheit bangen und k├Ąmpfen.

Was kann Europa China entgegensetzen?

In den F├╝nfziger- und Sechzigerjahren gab es im Westen ein Narrativ, eine Geschichte, mit der sich die Menschen identifizieren konnten. Es ging um Modernisierung und Wachstum, wie die langsame, aber kontinuierliche Verteilung von Reichtum in der Gesellschaft. Und dies unter den Bedingungen einer freiheitlichen Demokratie. Diesen Glauben, dass es uns in der Zukunft besser gehen wird, haben wir irgendwann eingeb├╝├čt.

Sind wir zu satt geworden?

Ja, wir sind zu satt geworden. Was alles andere als gut ist. Ich lese gerade ein Buch ├╝ber die Revolution von 1848 in Europa. Was im fr├╝hen 19. Jahrhundert alles an Ideen ├╝ber die M├Âglichkeiten menschlicher Entwicklung ersonnen wurde, ist sehr beeindruckend. Sei es von linker, liberaler oder konservativer Seite. Dieses offene Denken ist uns abhandengekommen.

Rechte und linke Parteien offerieren heute durchaus M├Âglichkeiten, die allerdings oft mehr als fragw├╝rdig sind.

Die Menschheit hat es im 20. Jahrhundert mit extremen rechten und linken Ideologien probiert. Beides ging sehr schlecht aus. Eine gute und ausgeglichene Politik kann nur aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Aber diese Mitte ÔÇô und das ist wichtig ÔÇô muss sehr breit aufgestellt sein und stets einen Blick auf die R├Ąnder haben. Nat├╝rlich kommt von rechter und linker Seite viel Unsinn, aber dort k├╝ndigen sich oft Probleme an, die zun├Ąchst nicht gleich erkannt werden. Das muss sich ├Ąndern, die Regierenden sollten genauer zuh├Âren. Nur dann kann die Politik der Mitte rechtzeitig reagieren.

Nun hat unser Gespr├Ąch einen recht d├╝steren Verlauf genommen. Sehen Sie denn einen Hoffnungsschimmer in unserer Gegenwart?

Aber nat├╝rlich! Im kommenden Jahr wird Donald Trumps Amtszeit Geschichte sein, Impfstoffe werden bei der Bek├Ąmpfung der Corona-Pandemie helfen. Joe Biden wird als US-Pr├Ąsident eine bessere Politik gestalten, mit Kamala Harris als erster Frau in diesem Amt an seiner Seite. Und ich bin sicher, dass Harris eine sehr zupackende Vizepr├Ąsidentin sein wird. Das alles zusammengenommen k├Ânnte sich als Z├Ąsur erweisen, dass sich die Dinge zum Besseren wenden. Ich selbst blicke dank dieser Entwicklungen optimistischer in die Zukunft.

Sie haben Donald Trump selbst als "Wiederg├Ąnger" bezeichnet. Halten Sie es f├╝r m├Âglich, dass er in vier Jahren erneut antreten wird?

Eine erneute Kandidatur Trumps halte ich f├╝r sehr unwahrscheinlich. Das Wei├če Haus war doch im Grunde ein Abstieg f├╝r Donald Trump, als Pr├Ąsident war er alles andere als gl├╝cklich. Er passte nicht zum Amt, und das Amt nicht zu ihm. St├Ąndig musste Trump seinen Schlendrian unterbrechen, nicht einmal die Bezahlung war anst├Ąndig. Im Vergleich zum "strahlenden" Trump-Tower oder Mar-a-Lago war das Wei├če Haus in Trumps Weltsicht auch eher eine Absteige.

Wird ihm der Abschied von der Macht nicht doch schwerfallen?

Donald Trump hat kein besonders komplexes Innenleben, er ist eine leere H├╝lle und wird sich irgendwie seine Legende stricken. Interessanter als Trumps Zukunft ist die Entwicklung seiner Anh├Ąngerschaft, die sich um ihn geschart hat. Ich glaube, dass sie langsam, aber stetig auseinanderfallen wird.

Aus welchen Gr├╝nden?

Trumps W├Ąhlerschaft ist nicht f├╝r die Ewigkeit gebaut. Sie besteht aus Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen. Darunter die Evangelikalen, ├╝ber die wir schon gesprochen haben. Diese werden sich ├╝ber kurz oder lang in ihre Milieus zur├╝ckziehen.

Donald Trump (l.): Der US-Pr├Ąsident ist ein gro├čer Freund des Golfsports.
Donald Trump (l.): Der US-Pr├Ąsident ist ein gro├čer Freund des Golfsports. (Quelle: AP/Patrick Semansky/ullstein-bild)

Nicht nur in den USA hat der Populismus gro├če Erfolge gefeiert, sondern auch in europ├Ąischen Staaten wie Ungarn und Polen. Wie konnte das geschehen? Oder anders gefragt: Haben wir Europ├Ąer unsere Hausaufgaben nicht gemacht?

Mein Kollege Adam Tooze hat ein sehr interessantes Buch ├╝ber die Finanzkrise von 2008 geschrieben. Darin zeigt er eine wichtige Tatsache auf; und zwar, dass es damals zumindest in seiner europ├Ąischen Dimension keineswegs eine Art Cowboy-Krise gewesen ist, die aus den USA nach Europa her├╝berschwappte. In Europa haben viele Finanzinstitute gnadenlos gezockt, das Chaos der Krise war die Quittung. Befeuert von den strukturellen Defiziten der Eurozone. Tragischerweise haben dann die Ereignisse von 2008 daf├╝r gesorgt, dass in manchen europ├Ąischen L├Ąndern die Demokratie eine derartige Delegitimierung erfahren hat, wie Adam Tooze es beschreibt. Deren Folgen haben wir heute zu tragen.

Aber was ist die Lehre daraus?

Die praktische Lehre besteht in der Einrichtung einer Art finanzpolitischer Feuerwehr, die in solchen Krisen schnell und effektiv hilft. Die andere ist eher grunds├Ątzlicher Art: Transparenz und Verantwortlichkeit m├╝ssen sichergestellt werden. Ich will nicht zur Hexenjagd auf Bankmanager blasen, aber diese Menschen m├╝ssen wissen, dass sie juristisch belangt werden, wenn sie gegen die Gesetze versto├čen. Denn ich glaube, viele B├╝rger haben das Gef├╝hl, dass die Finanzinstitute nach eigenen Regeln handeln und die Verantwortlichen niemals die Konsequenzen f├╝r Fehlverhalten werden tragen m├╝ssen. Das ist gef├Ąhrlich, das untergr├Ąbt die gesellschaftliche Stabilit├Ąt.

In Ihrem neuen Buch kommen Sie auch auf den Kapitalismus an sich zu sprechen. Ist er "todgeweiht", wie es der deutsche Politikwissenschaftler Wolfgang Streeck schreibt?

Ich bezweifle das. Zurzeit ist das Vertrauen nat├╝rlich ersch├╝ttert. Der Kapitalismus hat aber doch nur deswegen eine solche Karriere gemacht, weil viele Menschen glaubten, dass irgendwann alle davon profitieren w├╝rden. Gegenw├Ąrtig konzentriert sich aber immer mehr Geld in den H├Ąnden immer weniger Leute. Die vielen B├╝cher, die in letzter Zeit erschienen sind und das Wort "Ende" im Titel f├╝hren, sind ein Symptom der tiefen Verunsicherung. Die Demokratie, so wird es verk├╝ndet, w├Ąre etwa am "Ende", der Liberalismus ebenso und nat├╝rlich der Kapitalismus.

Und, ist das "Ende" wirklich nahe?

Da kann ich Sie beruhigen. Der Reformator Martin Luther hielt schon vor knapp f├╝nfhundert Jahren das Ende der Welt f├╝r nahe. Als es ausblieb, verschob er es einfach in die Zukunft.

Wladimir Putin und Donald Trump: Der US-Pr├Ąsident lie├č es sehr an Kritik gegen├╝ber Russland missen.
Wladimir Putin und Donald Trump: Der US-Pr├Ąsident lie├č es sehr an Kritik gegen├╝ber Russland missen. (Quelle: White House/imago-images-bilder)

Dank der Impfstoffe r├╝ckt immerhin das Ende der Corona-Pandemie n├Ąher. Wird dann alles wie zuvor sein oder hat das Virus unsere Welt nachhaltig ver├Ąndert?

Die Menschen werden sich gierig in ihren Alltag st├╝rzen. Und sich so schnell wie m├Âglich wieder in die "Normalit├Ąt" einf├╝gen.

Werden wir also keine Lehren f├╝r die Zukunft aus der Pandemie ziehen?

Die Geschichte lehrt uns nicht viel, aber die historische Betrachtung von Epidemien der Vergangenheit macht eine Tatsache deutlich: Die Menschheit besitzt eine erstaunliche F├Ąhigkeit, unangenehme Ereignisse zu vergessen. Wir vergessen die Angst und die Ersch├╝tterungen und machen einfach weiter.

Das ist aber ern├╝chternd.

Na ja, eher scheint es ein notwendiger Mechanismus f├╝r die ├ťberlebenden zu sein, wieder in ihr gewohntes Leben zu finden. Wir sollten also besser nicht davon ausgehen, dass die Lehren aus Corona den Menschen lange im Ged├Ąchtnis bleiben werden. Nach Corona wird die Menschheit so dumm sein wie zuvor. Mir w├╝rde es schon reichen, wenn wir als soziale Lektion aus der Corona-Pandemie die Erkenntnis ziehen, dass wir dem Pflegepersonal in Krankenh├Ąusern, den Angestellten in Superm├Ąrkten oder auch Lieferwagenfahrern viel mehr Respekt entgegenbringen m├╝ssen. Diese Menschen sollten auch weit besser bezahlt werden.

Ihre N├╝chternheit l├Ąsst wenig Gutes f├╝r die Bek├Ąmpfung der Klimakrise erahnen. Diese Herausforderung ist ja noch gr├Â├čer als Corona.

Auch bei diesem Thema w├╝rde ich die Flinte nicht ins Korn werfen. Der Homo sapiens ist auf lange Sicht eine durchaus lernf├Ąhige Spezies. Langsam, wahrscheinlich zu langsam, werden wir lernen, mit unserer Umwelt vern├╝nftiger umzugehen.

Kaiser Wilhelm II. hat, wie Sie sagten, nie aus seinen Fehlern gelernt. Nach dem verlorenen Weltkrieg zeigte er keine Reue und vertrieb sich stattdessen die Zeit in seinem Exil in den Niederlanden damit, Tausende B├Ąume zu f├Ąllen.

Das waren die besten Jahre seines Lebens. Aber wir sollten es anders machen als er und die B├Ąume lieber stehen lassen.

Professor Clark, wir danken Ihnen f├╝r das Gespr├Ąch.

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