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HomeSportFußballKolumne - Stefan Effenberg

FC Bayern in der Krise: Stefan Effenberg über Tuchel – "Brisante Situation"


Tuchel-Aus beim FC Bayern
Der Fall Alaba sollte Bayern eine Warnung sein

MeinungEine Kolumne von Stefan Effenberg

Aktualisiert am 22.02.2024Lesedauer: 7 Min.
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Thomas Tuchel: Er hat erneut verloren.Vergrößern des Bildes
Thomas Tuchel: Er kann sich im Sommmer einen neuen Klub suchen. (Quelle: IMAGO/Alfredo Falcone/LaPresse)

Ab dem kommenden Sommer gehen der FC Bayern und Thomas Tuchel getrennte Wege. Ein Abschied mit Fragezeichen – und mit eventuell nicht vorhersehbaren Konsequenzen.

Der FC Bayern und Cheftrainer Thomas Tuchel werden nach dieser Saison getrennte Wege gehen. Damit ist das eingetreten, was mir mein Gefühl schon nach dem 2:3 in Bochum gesagt hatte: Dass es auf eine Trennung im Sommer hinauslaufen wird. Das ist auch der richtige Schritt.

Man kann darüber diskutieren, ob man den nicht sofort hätte vollziehen müssen. Grundsätzlich sind Tuchel und sein Team nach wie vor motiviert, jetzt noch das Maximale aus dieser Saison rauszuholen. Danach wird es dann einen sauberen Schnitt und eine komplette Neuausrichtung geben, wie auch Vorstandsboss Jan-Christian Dreesen schon erklärt hat.

Die beschlossene Trennung belegt, dass man mit der Entwicklung, die die Mannschaft seit knapp einem Jahr unter Tuchel genommen hat, nicht zufrieden ist. Die verlief nicht so, wie erhofft. Da muss man aber auch die Mannschaft mit in die Verantwortung nehmen. Auch auf sie muss jetzt der Fokus gerichtet werden. Es ist nicht einfach damit getan, jetzt den Trainer zu wechseln, sondern jetzt geht es vor allem darum, wie sich Bayern auch mit der Mannschaft neu ausrichten wird.

Es muss einen Umbruch geben, frisches Blut und neues Leben in die Mannschaft. Denn man sieht in den vergangenen Wochen ganz deutlich, dass ihr genau das abhandengekommen ist.

Seit dem Abschied von Pep Guardiola 2016 hatte Bayern mit Carlo Ancelotti, Willy Sagnol, Jupp Heynckes, Niko Kovač, Hansi Flick, Julian Nagelsmann und Tuchel nun sieben Trainer in siebeneinhalb Jahren. Das ist eine extrem hohe, deutlich zu hohe Zahl. Und für einen Verein wie Bayern München total untypisch.

Auf dieser wichtigen Position wieder Konstanz hereinzubringen, ist etwas, woran der Klub in Zukunft zwingend arbeiten muss. Damit man sich, wie bei einem Topklub absolut notwendig, auf das Wesentliche konzentrieren kann. Die vielen Trainerwechsel haben nicht dazu beigetragen, auch wenn sie zwischendurch mit Flick und dem Sextuple 2020 durchaus große Erfolge feiern konnten.

Trotzdem hat Bayern jetzt erkannt, etwas verändern zu müssen. Man kann darüber diskutieren, ob eine direkte Trennung nicht besser gewesen wäre. Jetzt einen geeigneten Übergangstrainer zu finden, wäre aber auch nicht gerade einfach gewesen. Tuchel hat den inneren Ehrgeiz, die Saison jetzt noch so positiv wie möglich abzuschließen, mit dem größtmöglichen Erfolg. Dafür ist jetzt aber in erster Linie die Mannschaft zuständig. Die Spieler stehen in der Verantwortung und der Pflicht. Sie wissen klipp und klar, woran sie sind. Sie haben jetzt keine Ausrede mehr und müssen Antworten auf dem Platz geben.

Schließlich steht auch die Heim-EM vor der Tür. Da dürfen wir bei Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Manuel Neuer, Thomas Müller, Leroy Sané und Co. nicht nur vom Verein reden. Nein, sie müssen jetzt auch performen, um bei der EM im eigenen Land dabei zu sein. Dafür müssen sie schnellstmöglich wieder auf 100 Prozent kommen. Und das sind sie im Moment ganz offensichtlich nicht.

Sich so zu präsentieren wie bei den Niederlagen in Bochum, Rom, Leverkusen oder auch gegen Bremen – das kann nicht der Anspruch des FC Bayern sein. Das geht gar nicht.

Für Tuchel ist sein Jahr bei Bayern nicht so gelaufen, wie er sich das vorgestellt hat. Es ist aber auch eine Erfahrung für ihn, aus der er lernen wird. Er hat sich mit Sicherheit deutlich mehr erhofft, als er damals den Vertrag unterschrieben hat. Man darf aber auch die Umstände nicht vergessen, unter denen er kam: in einer extrem schwierigen Phase.

Es gab im Sommer einen großen Umbruch in der Führungsetage, Hasan Salihamidžić und Oliver Kahn waren plötzlich nicht mehr da. Dann musste er mit einem sehr dünnen Kader die Hinrunde spielen. Da hat Tuchel sehr wohl immer wieder den Finger gehoben und gesagt, dass das zu wenig ist und er noch mehr Verstärkungen braucht. Und da müssen sich auch die Bosse um Dreesen hinterfragen.

So richtig stabil sah die Mannschaft unter Tuchel nie aus. Ich würde aber trotzdem nicht sagen, dass er bei Bayern gescheitert ist. Mit diesem Wort kann ich ohnehin nicht viel anfangen. Die Voraussetzungen waren nicht einfach. Fehler hat er trotzdem gemacht. Er war oft dünnhäutig und hat sich sicher auch keinen Gefallen damit getan, in der Öffentlichkeit immer wieder eine Holding Six zu fordern.

Damit hat er Kimmich und Goretzka schon gezeigt, dass er nicht unbedingt großes Vertrauen zu ihnen hat. Und das wirkt sich dann auch auf die Leistung aus. Auch Mathys Tel zählte Tuchel zuletzt öffentlich an. Damit tut er sich keinen Gefallen. Im Gegenteil: Er nimmt seinen Spielern so ihr Selbstvertrauen. In meiner Zeit bei Bayern waren die Führungsspieler für Ottmar Hitzfeld unantastbar und wurden dementsprechend immer von ihm geschützt. Genauso musst du das auch machen.

Bayern ist alles andere als stabil

Am Samstag kommt nun RB Leipzig nach München. Ich muss ganz ehrlich sagen: Ich habe mittlerweile überhaupt kein Gefühl mehr dafür, wie sich Bayern da präsentieren wird. Leipzig hat zuletzt auch nicht gut performt. Trotzdem kommt da ein total unangenehmer Gegner, der in der Lage ist, in München zu gewinnen. Wir erinnern uns alle noch ihren 3:0-Sieg im Supercup oder das 3:1 am vorletzten Spieltag der vergangenen Saison.

Bayern ist alles andere als stabil. Die Frage ist, ob sie jetzt überhaupt die Überzeugung in sich haben, noch mal zu versuchen, an die Spitze ranzukommen und Leverkusen zu jagen. Das Spiel gegen Leipzig wird jetzt ganz entscheidend für den restlichen Saisonverlauf. Speziell nach der Niederlage in Bochum, die noch mal ein richtig herber Schlag war.

Die Frage ist: Nehmen die Spieler den Fight noch mal an? Das Leipzig-Spiel wird da Antworten liefern. Allein schon mit der Aufstellung. Eigentlich gab es bei Bayern immer neun oder zehn gesetzte Stammspieler. Mittlerweile weiß man gar nicht mehr, wer spielen wird und in welchem System. So funktioniert Bayern München normalerweise nicht. Das verunsichert die Spieler. Und das sieht man dann auf dem Platz. Tuchel wird seinen Weg trotzdem weitergehen. In der Bundesliga kann ich mir das aber nicht mehr vorstellen. Wahrscheinlich wird ihn seine nächste Reise wieder ins Ausland führen.

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Pl.MannschaftSp.SUNToreDiff.Pkt.Form
1
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Leverkusen
29254074:19+5579
2
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Bayern
29203682:36+4663
3
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Stuttgart
29203667:34+3363
4
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Leipzig
29175767:33+3456
5
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Dortmund
29168557:34+2356
6
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Frankfurt
291012743:39+442

Jetzt ist es wichtig, dass er die Mannschaft noch mal wach- und aufrüttelt. Die große Frage ist aber, ob das funktionieren kann, wenn das Team jetzt weiß, dass der Trainer im Sommer gehen muss. Das ist ein großer und entscheidender Unterschied und etwas völlig anderes im Vergleich zu Jürgen Klopp und dem FC Liverpool. Er hat nämlich klipp und klar gesagt, dass er geht – aber selbsterwählt, weil er aussteigen und seine Energie wieder aufladen will. Das gibt der Mannschaft und dem ganzen Klub noch mal einen emotionalen, mentalen Schub, um noch mal wirklich alles rauszuholen. Ich glaube, dass Liverpool das auch noch mit Klopp zu dem ein oder anderen Titel verhelfen wird.

Die Trennung von Tuchel ist dagegen etwas komplett anderes. Das kann auch noch sehr gefährlich für Bayern werden, wenn es darum geht, wie diese Saison ausgehen wird. Bei Klopp mache ich mir keine Sorgen – im Gegenteil. Bei Tuchel ist es jetzt aber eine wirklich brisante Situation, die eine große Gefahr birgt. Es kann natürlich auch so ausgehen, dass sie am Ende vielleicht wirklich doch noch mal in den Kampf um Meisterschaft eingreifen und in der Champions League weit kommen. Das würde ich mir für Bayern zwar wünschen. Aber mir fehlt die Stabilität in der Mannschaft und der Glaube daran, dass das tatsächlich so ausgehen wird.

Die Verantwortlichen haben jetzt aber die Entscheidung getroffen, mit Tuchel die Saison zu beenden. Und für die müssen sie geradestehen und sie jetzt auch durchziehen. Da geht es am Ende dann für die Klubbosse auch um ihre Glaubwürdigkeit. Es kann nicht sein, dass man dann im April doch noch mal etwas verändert, ansonsten kann ich jetzt nicht so ein Statement setzen. Es ist also eine sehr spannende Frage, was passiert, wenn mit Tuchel jetzt nicht der erhoffte Effekt eintritt.

Dass bei Bayern gerade in der entscheidenden Phase der Saison eine derartige Unruhe herrscht und es solche großen Probleme zu lösen gilt, das kenne ich so nicht von dem Verein. Deshalb wird es in den kommenden Wochen in München megaspannend, so spannend wie nie.

Jetzt reden schon alle über Max Eberl als neuen starken Mann bei Bayern. Diese Personalie muss aber erst mal noch offiziell verkündet werden. Und da sind noch mehr Leute in der Verantwortung. Da ist zum Beispiel ein gewisser Christoph Freund, der mit viel Vertrauen und hohen Ambitionen als Sportdirektor geholt wurde. Auch ein CEO hat da mit Sicherheit ein Wörtchen mitzureden. Bayern braucht absolute sportliche Fachkompetenz, das hat den Klub immer stark gemacht in der Vergangenheit mit Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge oder Franz Beckenbauer. Diese Leute wurden gehört.

Natürlich kann Eberl die Rolle als Nachfolger für diese Persönlichkeiten und neues Gesicht des Vereins ausfüllen. Das ist mit Sicherheit auch sein Anspruch. Er hat bei Gladbach gute Arbeit geleistet. Bei Leipzig war die gesamte Situation und Konstellation allerdings insgesamt ein bisschen komisch. Man sollte aber nicht sagen, dass nur Max Eberl derjenige ist, der da jetzt aufräumt und das Schiff wieder auf Kurs bringt. Da gehören schon noch andere Verantwortliche dazu.

"Genau auf die Verträge schauen"

Auch mit Blick auf das Champions-League-Finale 2025 in München wird der notwendige Umbruch im Sommer eine große Herausforderung. Da ist es nicht damit getan, 100 Millionen in die Hand zu nehmen und ein, zwei neue Spieler zu holen. Du musst auch ganz genau auf die Verträge schauen, die 2025 auslaufen: Sané, Kimmich, Neuer, Alphonso Davies, Sven Ulreich. Und was passiert mit Goretzka, Jamal Musiala, Dayot Upamecano, Serge Gnabry?

Was denken auch die Spieler über die Entwicklung des Klubs? Vielleicht wollen einige ihren Vertrag lieber auslaufen lassen. Und erst mal schauen, was im Sommer passiert. Wenn der ein oder andere jetzt nicht unterschreiben möchte, muss er dann fast schon im Sommer verkauft werden. Das ist eine Riesenbaustelle. In den vergangenen Jahren sind einige wichtige Spieler am Ende ablösefrei gegangen. Der Fall David Alaba sollte Bayern eine Warnung sein.

Es ist ja nicht so, dass man sagt, der Kader wird in den nächsten fünf, sechs, sieben Jahren so zusammenbleiben. Nein, es wird schon einen Umbruch geben. Die Frage wird sein, wie Bayern sich neu aufstellt, was die Philosophie sein wird, welcher neue Trainer kommt? Das sind alles sehr spannende Dinge. Und ich bin selbst sehr gespannt, wer das Schiff Bayern München wieder auf Vordermann und zurück auf Kurs bringen soll.

Transparenzhinweis
  • Stefan Effenberg ist Botschafter des FC Bayern München und sagt dazu: „Ich repräsentiere den FC Bayern, insbesondere im Ausland. Mein Engagement hat keinen Einfluss auf meine Kolumnen bei t-online. Hier setze ich mich weiterhin kritisch und unabhängig mit dem Fußball auseinander — auch und insbesondere mit dem FC Bayern.“
Verwendete Quellen
  • Eigene Beobachtungen
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