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Milliarden-Betrug: Was wussten die Mitarbeiter der Krypto-Königin?


Prozess hat begonnen  

Wo steckt die Milliarden-Betrügerin, die sich Krypto-Königin nennt?

20.09.2021, 15:18 Uhr
Milliarden-Betrug: Was wussten die Mitarbeiter der Krypto-Königin?. Ruja Ignatova: Die Frau hinter der vermeintlichen Krypto-Währung Onecoin bleibt verschwunden. Andere sitzen nun für ihr Geschäftsmodell vor Gericht. (Quelle: Foto: PR Onecoin)

Ruja Ignatova: Die Frau hinter der vermeintlichen Krypto-Währung Onecoin bleibt verschwunden. Andere sitzen nun für ihr Geschäftsmodell vor Gericht. (Quelle: Foto: PR Onecoin)

Ruja Ignatova soll mit einer Pseudo-Kryptowährung Anleger um mehrere Milliarden Euro betrogen haben. Seit Freitag läuft in Münster der Prozess. Doch die einst schillernde "Krypto-Königin" ist seit 2017 untergetaucht.

Am Ende sollen andere den Kopf für ihre dubiosen Geschäfte hinhalten: Schon vor Jahren beschrieb die Erfinderin der vermeintlichen Kryptowährung Onecoin, Ruja Ignatova, ihre Ausstiegsstrategie. "Nimm das Geld und lauf und gib jemand anderem die Schuld", zitiert die "Süddeutsche Zeitung" einen Briefverkehr der Juristin, die im Schwarzwald aufgewachsen ist und deren Betrugsmasche sich mittlerweile um die ganze Welt spannt. 

In Münster beginnt nun der Prozess: Er versucht, die Luftschlösser, die Ignatova mit Onecoin aufgebaut hat, zu entschlüsseln und sie strafrechtlich fassbar zu machen. Denn Ignatova und ihre Komplizen verkauften Tausenden von Menschen eine Währung, die offensichtlich nicht einmal die technischen Mindeststandards einer Kryptowährung erfüllte, und nahmen Anlegern insgesamt mehr als drei Milliarden Euro ab. Verantworten müssen sich seit Freitag, 17. September, nun aber andere vor dem Münsteraner Landgericht: Ignatova ist seit 2017 untergetaucht – sie nahm das Geld und ist gelaufen.

Stattdessen müssen sich nun ein Ehepaar aus Greven und ein Münchner Rechtsanwalt der Justiz stellen. Die Eheleute Frank R. und Manon H. sollen zwischen Dezember 2015 und Dezember 2016 fast 90.000 Zahlungen von Anlegern, die in Onecoin investieren, entgegengenommen haben. Dabei soll es sich um Summen von insgesamt bis zu 320 Millionen Euro von deutschen Investoren gehandelt haben. Für ein Prozent Provision soll das Ehepaar das Geld anschließend an einen Fonds auf Cayman Island überwiesen haben. 

Anwalt beruhigte kritische Bankmitarbeiter

Von hier aus gelangte das Geld über ein komplexes Konstrukt an Firmen und Mittelsleuten offensichtlich in weitere Steueroasen. An diesem Punkt soll der dritte Angeklagte beteiligt gewesen sein: Der Münchener Anwalt soll kritische Bankmitarbeiter beruhigt und die Herkunft des Geldes verschleiert haben.

Hierbei soll es sich um eine Summe von etwa 75 Millionen Euro handeln. Das Landgericht wirft ihm daher vorsätzliche Geldwäsche in zwei Fällen vor. Außerdem soll er für Ignatova zwei Eigentumswohnungen in London in Wert von 20 Millionen Euro gekauft haben. Auch das Geld soll aus Verkäufen der Onecoin-Pakete stammen.

Dem Ehepaar könnte dagegen zum Verhängnis werden, dass ihm die Erlaubnis für die Finanzgeschäfte fehlte, die es für den Onecoin-Kosmos gegen eine Provision übernahm. Außerdem könnten sich Frank R. und Manon H. nach Auffassung eines Richters auch der Beihilfe zur Geldwäsche und des Betrugs strafbar gemacht haben.

Was wussten die Angeklagten vom Betrug?

Doch dafür muss das Gericht erst einmal nachweisen, dass die Angeklagten wussten, dass es sich bei der Kryptowährung um eine Betrugsmasche handelt – und nicht, dass sie – wie Tausende Anleger – selbst von Ignatova geblendet wurden. Dagegen spricht allerdings, dass zumindest Frank R. auch bewusst für die Währung auf den opulenten, öffentlichen Veranstaltungen geworben hat.

Ignatova hat es vermocht, mit einer aggressiven Marketing-Strategie einen regelrechten Kult aufzubauen. 2016 lud sie ihre Anleger sogar zu einer Show im Londoner Wembley-Stadion ein. Hier sprach sie über die Revolution der Finanzwelt – durch Onecoin. Sie nannte sich selbst die "Crypto-Queen", die "Krypto-Königin", und ihre Währung sei der "Bitcoin-Killer".

Zudem war der Coin als Multi-Level-Marketing (MLM) aufgebaut – Kunden waren also Vertriebspartner und profitierten umso mehr, desto mehr Menschen sie in das System einspannten. Tiefgehende technische Erklärungen zu der Währung? Damit hielt sich Ignatova kaum auf. 

Emotionen statt Technik

Während seriöse Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum oder Cardano White Papers mit bis zu 44 Seiten haben, in denen die Gründer die technischen Hintergründe und Mechanismen der Währung darlegen, konzentrierte sich Onecoin auf eine emotionale Bindung der Anleger.

Eine Forschungsgruppe um Michaela Hönig an der Frankfurt University of Applied Sciences analysierte die Strukturen der Onecoin-Aktivitäten auf sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram oder Telegram. Der Kult um die Kryptowährung gleiche den Strukturen von Verschwörungstheoretiker-Kreisen und Extremisten. Wer die Währung kritisierte, galt als Lügner – auch noch kurz vor dem Zusammenbruch des Systems.

Hinter der Kryptowährung soll nach aktuellen Kenntnissen nicht einmal eine Blockchain – das technische Herz einer Kryptowährung – existiert haben. Stattdessen sollen die Gründer die Coins nach einer willkürlichen Logik simuliert haben.

Onecoins waren faktisch wertlos

Anleger konnten zudem ihre Onecoins auch nicht wie eine Währung nutzen. Immer weiter verschob sich der Termin laut Management, an dem der Coin öffentlich an Börsen handelbar sein sollte – so wie es auch bei seriösen Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether möglich ist. Lediglich in einem eigenen, speziellen Shop namens Dealshaker konnten Kunden ihre Onecoins gegen Waren tauschen – Markenartikel suchen die Nutzer hier allerdings umsonst. Ein Großteil der Produktbeschreibungen ist auf Chinesisch oder Russisch. Kunden, die dagegen ihr Geld von dem Management auszahlen lassen wollten, liefen gegen eine Wand des Schweigens. Die sogenannte Währung war faktisch wertlos.

Die entscheidende Frage dürfte für die Richter lauten: Wussten die Angeklagten, was sie taten? Mehr als die Hälfte der Anklageschrift des Prozesses in Münster bezieht sich auf das Geschäftsmodell der Krypto-Königin – auch ohne ihre Anwesenheit. Ihr Verhältnis zu den Angeklagten dürfte wegweisend für eine mögliche Strafe sein. 

Dafür will das Gericht an 50 angesetzten Prozesstagen Gutachter und Geschädigte hören sowie Beweise sichten. Das Verfahren dürfte sich so bis Mai 2022 hinziehen. Ein Schlüsselzeuge könnte dabei der Bruder der Gründerin sein: Konstantin Ignatov. Er übernahm nach der Flucht von Ruja Ignatova die Führung von Onecoin. Die US-Behörden verhafteten den Bruder im März 2019 – er legte ein Geständnis ab. Seine Schwester, die Krypto-Königin, bleibt dagegen verschollen.

Verwendete Quellen:


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