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Die Renten steigen ‚Äď Wo bitte ist das Problem?

Ein Kommentar von Juliane Wellisch

Aktualisiert am 28.05.2018Lesedauer: 4 Min.
Passanten in Braunschweig: Der demografische Wandel betrifft nicht nur die heutigen Rentner.
Passanten in Braunschweig: Der demografische Wandel betrifft nicht nur die heutigen Rentner. (Quelle: Schoening / picture alliance / Arco Images GmbH)
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Wer √ľber die Rente diskutiert, kommt um den Begriff "demografischer Wandel" nicht herum. Denn dass unsere Rente mittel- und langfristig in Gefahr ist, liegt nicht etwa an einer schw√§chelnden Wirtschaft oder hohen Arbeitslosenquote. Deutschland geht es gut. Die Rentenversicherung basiert allerdings auf einer Annahme, die inzwischen v√∂llig √ľberholt ist.

In der letzten Legislaturperiode gab es eine Reihe von Rentengeschenken und auch die jetzige Regierung suggeriert, dass unsere Rente stabile Rentenbeitr√§ge bei gleichbleibendem Rentenniveau auf Dauer verkraften kann. Dabei befinden wir uns an der Schwelle zu einem drohenden Rentenkollaps. Halbherzige Ratschl√§ge, die Bundesb√ľrger sollen doch bitte auch ein wenig privat vorsorgen, werden dem Problem nicht gerecht.

Doch Moment ‚Äď ist unser Rentensystem nicht aktuell gut aufgestellt? Tats√§chlich geht die aktuellste Prognose der Deutschen Rentenversicherung von einem stabilen Rentenversicherungsbeitrag in H√∂he von 18,6 Prozent bis zum Jahr 2022 aus. Auch das Rentenniveau √§ndert sich nicht, kann zwischenzeitlich sogar um 0,1 Prozentpunkte zulegen.

Gleichzeitig werden sich Rentner voraussichtlich √ľber satte Rentenerh√∂hungen freuen k√∂nnen. Die Rentenanpassung wird in den n√§chsten Jahren jeweils zwischen 2,64 Prozent und 3,72 Prozent liegen. Dabei werden die Renten der ostdeutschen Senioren durch die schrittweise Rentenangleichung st√§rker angepasst.

Die Rente ist sicher?!

Rundum gute Nachrichten also f√ľr die deutsche Rente in den n√§chsten vier Jahren. Allerdings gibt es einen Wert, der in der Prognose stutzig machen sollte: die Nachhaltigkeitsr√ľcklage. Diese wird laut der Berechnung von derzeit rund 33 Milliarden Euro auf etwa 19,4 Milliarden Euro sinken. Die Reserven der Rentenversicherung schrumpfen.

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Die Nachhaltigkeitsr√ľcklage dient dazu, Beitragsschwankungen abzufangen, die beispielsweise entstehen k√∂nnen, wenn die Besch√§ftigung saisonbedingt zur√ľckgeht oder die Konjunktur schw√§chelt. Sie muss mindestens 0,2 Monatsausgaben der Rentenversicherung abdecken k√∂nnen. Drohen die Reserven unter diesen Wert zu fallen, muss beispielsweise mit h√∂heren Rentenversicherungsbeitr√§gen oder Rentenk√ľrzungen gegengesteuert werden. Steigen die Reserven hingegen √ľber 1,5 Monatsausgaben, k√∂nnen Beitragszahler durch niedrigere Rentenversicherungsbeitr√§ge entlastet werden.

Die Nachhaltigkeitsr√ľcklage wird bis 2022 auf 0,77 Monatsausgaben schrumpfen, w√§hrend sie 2014 noch bei 1,9 lag. Zwar sind die Reserven auch bis 2022 voraussichtlich nicht soweit aufgebraucht, dass der Rentenversicherungsbeitrag zwingend angehoben werden muss. Allerdings sollten die Reserven angesichts der demografischen Ver√§nderungen stabilisiert und nicht weiter angezapft werden.

Warum unser Rentenversicherungssystem veraltet ist

Unser Rentenversicherungssystem basiert auf dem sogenannten Generationenvertrag. Das hei√üt, dass die berufst√§tigen Beitragszahler in die Rentenkasse einzahlen, damit aber nicht ihre eigene sp√§tere Rente finanzieren, sondern die Rentenleistungen der jetzigen Senioren. Im Gegenzug sollen zuk√ľnftige Generationen von Beitragszahlern dann f√ľr ihren Ruhestand einzahlen. Dieses Umlageverfahren wurde in Deutschland 1957 eingef√ľhrt und hat bis zum Jahr 1968 die kapitalgedeckte Finanzierung vollst√§ndig abgel√∂st. Sie besteht in dieser Form bis heute. Das Problem: In den 50er- und 60er-Jahren war die Altersstruktur der Bev√∂lkerung noch grundlegend anders.

(Quelle: /T-Online-bilder)

Die Geburtenrate war h√∂her und weniger junge Menschen studierten, standen also dem Arbeitsmarkt fr√ľher zur Verf√ľgung. Dar√ľber hinaus gab es weniger √§ltere Menschen und die Lebenserwartung war niedriger. Das hei√üt: Mehr Menschen zahlten in die Rentenkasse ein, w√§hrend weniger Menschen Rentenleistungen beanspruchten und das im Schnitt auch wesentlich k√ľrzer als heutzutage. Dieses Verh√§ltnis hat sich in den letzten Jahren jedoch deutlich verschoben. Medizinische Fortschritte und Friedenszeiten haben die Lebenserwartung erh√∂ht. Die Zahl der Studenten hat sich in den letzten 50 Jahren etwa versiebenfacht. Und die Geburtenrate ist zwischen 1965 und 2015 von 2,5 auf 1,5 Kinder pro Frau gesunken.

Warum der demografische Wandel jetzt wichtig wird

Viele Menschen der geburtenstarken Jahrgänge werden in den nächsten Jahren in Rente gehen, während die aktuelle Generation der Auszubildenden und Studierenden aus den besonders geburtenschwachen Jahren der Nachwendezeit stammen. Das Umlageverfahren kann bei dieser Entwicklung auf Dauer nicht mehr ohne Weiteres funktionieren.

Bevölkerungsentwicklung: In den nächsten vierzig Jahren wird das Verhältnis von alten und jungen Menschen in Deutschland kippen.
Bevölkerungsentwicklung: In den nächsten vierzig Jahren wird das Verhältnis von alten und jungen Menschen in Deutschland kippen. (Quelle: Statista)

Zwar strebt die jetzige Regierung die sogenannte doppelte Haltelinie an, bei der bis 2025 sowohl der Rentenversicherungsbeitrag stabil bleiben als auch das Rentenniveau bei 48 Prozent gehalten werden soll.

Gleichzeitig blicken Rentenexperten besorgt auf die Zeit danach. Das Bundesarbeitsministerium ging schon im Rentenversicherungsbericht 2016 davon aus, dass der Beitragssatz bis 2030 auf 21,8 Prozent steigen und das Rentenniveau unter 43 Prozent absinken k√∂nnte. Damit die Rentenkasse Konjunkturschwankungen dennoch abfedern kann, pl√§dieren Experten daher immer wieder f√ľr eine h√∂here Untergrenze der Nachhaltigkeitsr√ľcklage in H√∂he von 0,4 Monatsausgaben.

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Warum wir alle betroffen sind

Wer heute jung ist, wird als Arbeitnehmer in Zukunft noch st√§rker durch den Rentenversicherungsbeitrag belastet werden. Das betrifft ebenso die Arbeitgeber, die die Einzahlungen in die Rentenkasse zur H√§lfte tragen. Denn der Beitrag muss steigen, um die zuk√ľnftige Rentnergeneration zu finanzieren. Auch Selbstst√§ndige und Beamte, die bisher nicht in die Rentenversicherung einzahlen, k√∂nnten zuk√ľnftig st√§rker herangezogen werden ‚Äď entweder indem sie in die gesetzliche Rentenversicherung √ľberf√ľhrt werden oder die Rente vermehrt auch √ľber Steuermittel unterst√ľtzt wird. F√ľr Rentner k√∂nnte es im Gegenzug bei schrumpfenden Reserven und fehlenden Einnahmen zu Nullrunden oder gar Rentenk√ľrzungen kommen. Noch sind wir weit davon entfernt. Allerdings haben die Rentenreformen der letzten Jahre nicht dazu beigetragen, die Rentenversicherung zu entlasten.

Doch was kann die Politik unternehmen, um die Entwicklung zu stoppen? Durch die Umlagefinanzierung wird unser Rentensystem √ľber kurz oder lang strapaziert, wenn die Bev√∂lkerung in Deutschland weiter altert. Ein sp√§terer Einstieg in die Rente, h√∂here Beitr√§ge und geringere Rentenanpassungen k√∂nnen die Finanzierungsprobleme dauerhaft allenfalls abbremsen. Dabei gibt es aber durchaus einen Hoffnungsschimmer.

Das Beste, was der Rentenkasse in den letzten Jahren passiert ist, waren nicht etwa politische Reformen, sondern die verst√§rkte Zuwanderung. Denn w√§hrend der demografische Wandel daf√ľr sorgt, dass die Zahl der Beitragszahler im Vergleich zu den Leistungsempf√§ngern sinkt, wirkt die Zuwanderung dem entgegen. Zwischen 2006 und 2016 ist die Zahl der Rentenversicherten mit ausl√§ndischem Pass von 3,16 Millionen auf 5,46 Millionen gestiegen. Ein nachhaltiger Plan f√ľr das deutsche Rentenversicherungssystem kommt daher ohne eine funktionsf√§hige Integration von Zuwanderern nicht aus.

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