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Urlaubszeit in Deutschland: Warum Flugscham nicht das Klima rettet

MEINUNGMoralische Debatte  

Warum Flugscham das Klima nicht rettet

Eine Kolumne von Ursula Weidenfeld

23.07.2019, 19:24 Uhr
Urlaubszeit in Deutschland: Warum Flugscham nicht das Klima rettet. Passagiere stehen im Flugzeug: In einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zählten Grünen-Wähler zu denen, die am meisten fliegen. (Quelle: imago images/Frank Sorge)

Passagiere stehen im Flugzeug: In einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zählten Grünen-Wähler zu denen, die am meisten fliegen. (Quelle: Frank Sorge/imago images)

Großstädtern ist es peinlich, wenn sie mit dem Flugzeug unterwegs sind. Besser wäre, sie würden sich weniger schämen, seltener fliegen und mehr bezahlen.

Mehr als 1.740 mal sind Mitarbeiter des Bundesumweltministeriums in diesem Jahr schon zwischen den beiden Dienstsitzen Bonn und Berlin hin- und hergeflogen. Die Mitarbeiter der obersten Klimaschutzbehörde machen es wie alle: Sie reden zwar gern über das Klima und stehen zerknirscht zum eigenen Fehlverhalten. Doch weniger oder anders reisen, zum Beispiel mit der klimafreundlichen Bahn? Lieber nicht.

Die Scham kommt nach der Landung

Die Flugscham gibt es zum Nulltarif. Man bekennt sich nicht zu seinen Sünden, um am Ende  tatsächlich weniger zu fliegen. Stattdessen will man die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen, ökologisch orientierten, politisch aufgeklärten Schicht unterstreichen.

Man schämt sich, weil man die Normen und Erwartungen des eigenen Umfelds verfehlt. So wie alle anderen auch. Deshalb grassiert die kollektive Verlegenheit zur Zeit vor allem bei den ultramobilen Fridays-for-Future-Großstadtbürgern. Hier wird sich gern geschämt – nach der Landung.

Was man für Geld nicht kaufen kann

Im Jahr 2012 schrieb der amerikanische Rechtsprofessor Michael Sandel ein Buch mit dem Titel: "Was man für Geld nicht kaufen kann". Wenn man an alles ein Preisschild hänge, raube man Tugenden wie Geduld, Nächstenliebe, Toleranz, oder Verantwortungsbewusstsein ihre Würde.

Bezahle man beispielsweise Blutspender, mache man die Bereitschaft, anderen Menschen das Leben zu retten, zu einem einfachen Geldgeschäft. Kaufe man einen Platz in der VIP-Warteschlange am Flughafen, erkläre man die Wartenden vor dem Economy-Schalter zu armen Trotteln. Würden Rechte zur Umweltverschmutzung gehandelt, müssten reiche Schmutzfinken kein schlechtes Gewissen mehr haben. Sie könnten sich freikaufen. Sandel warb dafür, bestimmte Dinge nicht zu handeln.

Soll für Klimasünden bezahlt werden? 

Genau dieser Konflikt wird zur Zeit auch in Deutschland ausgetragen. Soll man für die Klimagase bezahlen müssen, die man verursacht? Es sieht so aus, als würde sich dafür eine politische Mehrheit bilden.

Den Grünen, den Umweltverbänden und den Kirchen reicht das aber nicht. Sie stehen eigentlich auf der Seite Sandels. Sie wollen verhindern, dass der Klimaschutz seine moralische Dimension verliert. Denn dann müsste der Einzelne sich nicht mehr auf eine Verzichtsdebatte um das Reisen, das Fleischessen oder das Autofahren einlassen. Die Debatte um Ge- und Verbote für ein klimafreundliches Leben verlöre ihren Sinn.

Die Grünen fliegen am meisten

Es müsste nur jeder den festgesetzten Preis für sein problematisches Verhalten bezahlen und schon wäre die Sache erledigt. Das wäre ganz schlecht, argumentieren die Verbände. Denn ohne die Einsicht und das Besserungsversprechen des Einzelnen lasse sich die Welt nicht retten. "Die Menschen mitnehmen" lautet das Mantra.

Nur: Weder die Scham noch die Beteiligungsaktionen haben den CO2-Ausstoß bisher reduziert. Im Gegenteil: In einer Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen zählten ausgerechnet die Grünen-Wähler zu denen, die am meisten fliegen. Sie sind sich zwar auch am deutlichsten bewusst, dass dieses Verhalten neuerdings rechtfertigungspflichtig ist. Doch hier endet die Durchschlagkraft der moralischen Debatten. Größere Verhaltensänderungen sind nicht sichtbar und offensichtlich auch nicht geplant: Der Flugverkehr in Deutschland wächst rasant, das Kreuzfahrtwesen boomt, die Autos werden immer größer.



Im Sinne des Weltklimas wäre es deshalb keine schlechte, sondern eine gute Nachricht, wenn die Flugscham schnell verschwände und durch ein einfaches und schnödes Preisschild ersetzt würde. Denn Schämen rettet das Klima nicht. Ein deutliches Preissignal vielleicht schon. 

Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr neuestes Buch heißt: "Regierung ohne Volk. Warum unser politisches System nicht mehr funktioniert."

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