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Die verhĂ€ngnisvolle Liebe der Deutschen zur FrĂŒhrente

Kristina Antonia SchÀfer, WirtschaftsWoche

23.10.2019Lesedauer: 5 Min.
Rentensystem in Deutschland: Wie es derzeit noch funktioniert und warum es ein akutes Problem gibt. (Quelle: t-online)
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Das offizielle Rentenalter steigt auf bis zu 67 Jahre. Doch kaum jemand arbeitet tatsÀchlich so lange. Der Hang zum vorzeitigen Ruhestand hat gravierende Folgen.

Das deutsche Rentensystem fußt auf einer einfachen Gleichung: Damit Rentner Geld bekommen, mĂŒssen gleichzeitig möglichst viele jĂŒngere Arbeitnehmer in die Rentenkasse einzahlen. FĂŒr dieses Umlagesystem – wenn auch nicht fĂŒr den persönlichen Rentenanspruch – ist also egal, wie viel ein heutiger Rentner frĂŒher einmal an BeitrĂ€gen eingezahlt hat. Bedeutend ist allein die Zahl der aktuellen Beitragszahler.

Da es immer mehr alte Deutsche gibt, die auch noch immer Ă€lter werden, muss die Zahl der Beitragszahler also möglichst gesteigert werden – oder darf zumindest nicht zu tief sinken. Schon bald werden aus den drei Arbeitnehmern, die aktuell noch einen Rentner schultern, nur noch zwei werden. Daher rĂŒhrt die Forderung aller Rentenexperten, das Rentenalter anzuheben. Die Hoffnung: Die Menschen arbeiten lĂ€nger und zahlen somit lĂ€nger ein, statt auf die EmpfĂ€ngerseite zu wechseln.

Großteil der Babyboomer will möglichst schnell raus aus dem Arbeitsleben

Allein: Das KalkĂŒl geht nicht auf. Selbst wenn das offizielle Renteneintrittsalter immer weiter angehoben wĂŒrde, wĂŒrde wohl kaum jemand so lange arbeiten. Das legt zumindest eine Studie der UniversitĂ€t Wuppertal nahe.

Die Forscher rund um den Arbeitswissenschaftler Hans Martin Hasselhorn haben sich in einer sogenannten Kohortenstudie der Generation der Babyboomer gewidmet, jenen geburtenstarken JahrgĂ€ngen der 1950er- und 1960er-Jahre. Unter dem Titel "Leben in der Arbeit" untersuchten sie, wie die Babyboomer zu Arbeit, Alter und Gesundheit stehen. DafĂŒr befragten sie 6.585 Menschen der JahrgĂ€nge 1959 und 1964 insgesamt dreimal.

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Das – zumindest fĂŒr Rentenexperten – erschreckende Ergebnis: Über die HĂ€lfte der Babyboomer möchte möglichst frĂŒh aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Nur jeder zehnte von ihnen wĂŒrde freiwillig bis zum gesetzlichen Rentenalter arbeiten.

Wann die Babyboomer in Rente gehen wollen

Dabei fallen die meisten Babyboomer in eine Übergangsphase und mĂŒssen noch gar nicht bis 67 Jahre arbeiten. Das mĂŒssen nur nach 1964 Geborene. "Es gibt hierzulande offenbar eine 'Kultur des FrĂŒhausstiegs'", konstatiert Hasselhorn. "Das passt nicht mit dem gesellschaftspolitischen Anliegen einer allgemeinen VerlĂ€ngerung des Erwerbslebens zusammen."

Fast jeder dritte Befragte wĂŒnscht sich, mit 60 Jahren in Rente gehen zu können. Eine mit 26 Prozent Ă€hnlich große Gruppe strebt die Rente mit 63 Jahren an, 15 Prozent die Rente mit 65 Jahren. "Typische Wunschzeitpunkte fĂŒr den Erwerbsaustritt orientieren sich an Altersnormen", bilanziert die Studie. Bei 60 Jahren lag lange Zeit die Altersgrenze fĂŒr Frauen. 63 Jahre entspricht der "Rente mit 63", von der vor allem die JahrgĂ€nge vor den Babyboomern profitiert haben. Und bei 65 Jahren lag wiederum lange Zeit das regulĂ€re Renteneintrittsalter.

Wunsch nach Rente ist eine Lifestyle-Entscheidung

Überraschenderweise spielen die Faktoren Gesundheit und ArbeitsfĂ€higkeit beim Rentenwunsch kaum eine Rolle. Selbst jene Befragte, die sich sowohl als gesund als auch als arbeitsfĂ€hig einstufen, wollen zu ĂŒber zwei Dritteln vor ihrem 65. Geburtstagaufhören zu arbeiten. "Selbst unter den vielen, bei denen 'alles stimmt‘, wollen die meisten vorzeitig in Rente gehen", sagt Hasselhorn. Der Wunsch nach der FrĂŒhrente entspringt also nicht persönlichen Problemen oder Gebrechen, wie sie etwa immer wieder beim Beispiel des Maurermeisters in Feld gefĂŒhrt werden, der ja nicht bis 70 auf der Baustelle schuften könne.

Stattdessen ist der Wunsch nach der Rente eine Lifestyle-Entscheidung. Viele wollen noch etwas von ihrem Leben haben, bevor es zu spĂ€t ist. Und so hat denn der geplante "Ruhestand" fĂŒr die meisten Befragten auch weniger mit Ruhe zu tun: Zwei Drittel wollen als Rentner stĂ€rker als zuvor PlĂ€ne machen, 60 Prozent noch mehr eigene Ideen verwirklichen. Lediglich zwölf Prozent erwarten, dass sie sich ohne Arbeit mehr langweilen könnten als mit Arbeit.

Deutschlands Sozialkassen stehen vor einem doppelten Problem

FĂŒr den Einzelnen mag es nachvollziehbar sein, dass er im Alter noch einmal in vollen ZĂŒgen das Leben genießen will, doch die Gesellschaft als Ganzes stellt diese Liebe zur FrĂŒhrente vor Probleme. Umso mehr, als sie ausgerechnet von den Babyboomern geĂ€ußert wird. Jener Generation also, die mit ihrer hohen Zahl und hohen ErwerbstĂ€tigenquote seit Jahren den Löwenanteil der Steuern und Sozialabgaben stemmt.

Setzen die Babyboomer den Wunsch nach FrĂŒhrente um, den sie in der Studie so breit Ă€ußern, so stellt das Deutschlands Sozialkassen gleich vor ein doppeltes Problem. Seit Jahren warnt etwa der ehemalige Ifo-Chef Hans-Werner Sinn vor der großen Rentenwelle der Babyboomer. Er erwartet die große Rentenwelle um das Jahr 2030. Dann werde es 7,5 Millionen mehr Rentner geben als heute.

Warum mehr Rentner komplexe Probleme mit sich bringen

Sollten die Babyboomer nun tatsĂ€chlich in Scharen in den Vorruhestand gehen, dĂŒrfte dieser Tag noch deutlich eher kommen als der Ökonom prognostiziert. Und die Konsequenz ist nicht nur, dass es dann immer mehr Rentner gibt mit RentenansprĂŒchen, die irgendwie finanziert werden mĂŒssen. Der zweite Teil des Problems liegt darin, dass die Babyboomer dann auf der Einzahler-Seite fehlen.

Hierzu ein kleines Zahlenspiel: Unter den Befragten der Studie der Uni-Wuppertal sind 92 Prozent beschĂ€ftigt, 62 Prozent mit einer Vollzeitstelle. In den sechs Jahren von 1959 bis 1964, die in der Studie untersucht wurden, wurden knapp acht Millionen Menschen geboren. ÜbertrĂ€gt man die BeschĂ€ftigungsquote von 62 Prozent auf diese acht Millionen Menschen, kann man den Effekt des kollektiven Vorruhestandes sehr einfach sehen.

Wenn, um des Beispiels willen, jeder der Vollzeitarbeitenden den Durchschnittslohn verdiente, wĂŒrden er und sein Arbeitgeber zusammen jedes Jahr gut 7.000 Euro in die Rentenversicherung einzahlen. Rechnet man das auf acht Millionen Menschen hoch, kommt man auf 56 Milliarden Euro. Diese Summe ginge der deutschen Rentenversicherung durch die Lappen, wenn die genannten sechs Babyboomer-JahrgĂ€nge vorzeitig in Rente gingen – und das jedes Jahr.

Kollektive FrĂŒhrente stellt Rentenkassen vor existenzielle Probleme

NatĂŒrlich werden nicht wirklich acht Millionen Menschen auf einen Schlag von Beitragszahlern zu EmpfĂ€ngern. Ein Teil von ihnen ist selbststĂ€ndig und zahlt nicht in die Rentenversicherung ein, ein Teil wird lĂ€nger arbeiten, ein Teil ist bereits gestorben. Das wĂŒrde die Summe schmĂ€lern. Auf der anderen Seite zahlen auch die TeilzeitkrĂ€fte ein, die hier unerwĂ€hnt bleiben, und viele der Top-ausgebildeten Babyboomer verdienen deutlich mehr als den Durchschnittslohn.

Wie hoch die konkrete Summe auch immer tatsÀchlich wÀre, klar ist: Ein kollektiver Vorruhestand der Babyboomer wird die Rentenkasse vor existenzielle Probleme stellen, von Kranken- und Pflegeversicherung ganz zu schweigen. Und das wird nicht erst 2030 geschehen, sondern es beginnt jetzt: Der Àlteste Jahrgang der Befragten wird bereits dieses Jahr 60 Jahre alt.

Wie der Rentenkollaps abgewendet werden kann

Was also mĂŒsste geschehen, um den Rentenkollaps abzuwenden? Die Deutschen mĂŒssten, und hier kommen wir auf den Anfang zurĂŒck, lĂ€nger arbeiten. Und zwar nicht nur auf dem Papier, sondern in RealitĂ€t. Dazu mĂŒsste ihnen die Lust auf die FrĂŒhrente genommen werden.

Wie das funktionieren könnte, hat sich auch der Wuppertaler Studienleiter Hasselhorn ĂŒberlegt. Das Zauberwort heißt fĂŒr ihn Motivation. Der Forscher verweist auf die skandinavischen LĂ€nder, wo die Menschen schon heute deutlich lĂ€nger arbeiteten als in Deutschland. Dort gebe es eine "positive Arbeitskultur". In den meisten Berufen arbeiteten die Menschen dort, weil sie es wollten, nicht weil sie es mĂŒssten.

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Dieser Text erscheint in Kooperation mit der WirtschaftsWoche www.wiwo.de und wurde erstmals am 6. Oktober 2019 veröffentlicht.

Auch in Deutschland könnte die Lust an der FrĂŒhrente gebrochen werden, glaubt Hasselhorn, auch wenn es dafĂŒr ein bisschen UnterstĂŒtzung brauche: "Unserem Land könnte ein aktives politisches Marketing guttun, dass gute Arbeit in aller Regel gut ist, auch fĂŒr die Ă€lteren BeschĂ€ftigten." Die Menschen mĂŒssten lernen umzudenken und den Begriff Arbeit in ihrem Kopf gleichsam von einem Fach ins andere rĂ€umen: "LĂ€nger arbeiten kann man auch als Gewinn und Chance sehen statt als MĂŒhsal oder Muss."

WeiterfĂŒhrender Link auf wiwo.de:

WĂ€hrend die Bundesbank die Rente mit 70 vorschlĂ€gt, setzen viele deutsche Konzerne noch immer Altersgrenzen fĂŒr ihre VorstĂ€nde. Das soll ZukunftsfĂ€higkeit demonstrieren und Talente anlocken. Ist das wirklich sinnvoll? Weiterlesen auf wiwo.de (Bezahlangebot)

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