Habecks Renten-Erkenntnis kommt in letzter Sekunde
Die subjektive Sicht des Autors auf das Thema. Niemand muss diese Meinung รผbernehmen, aber sie kann zum Nachdenken anregen.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck will das Rentenalter flexibler gestalten. Doch die bisherigen Regelungen dazu funktionieren nicht. Was es nun braucht.
Es hat keine hundert Tage gedauert, da macht sich bei der Bundesregierung eine Erkenntnis breit, die nicht neu, aber wichtig ist: Die Renten sind nicht so sicher, wie man im Wahlkampf glauben machen wollte. Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck ist der Erste, der die vorsichtige Kehrtwende einleitet.
Ein flexibles Renteneintrittsalter sei doch eine schรถne Sache, sagte er am Wochenende dem "Handelsblatt". Er hat recht.
Das Problem ist nur: Die Flexirente gibt es schon seit 2017. Sie ist nur nicht attraktiv genug, um die Rentenfinanzen zu stabilisieren und die Fachkrรคftelรผcke zu schlieรen.
Fachkrรคftemangel wird zur Wachstumsbremse
Beide Probleme aber muss die Bundesregierung rasch in den Griff bekommen, wenn sie ihre anderen Ziele โ den Kampf gegen den Klimawandel, den Umbau der Industrie, die Energiewende โ erreichen will. Denn wenn ab 2025 die Babyboomer zu Hunderttausenden in Rente gehen, wird die Facharbeiterlรผcke zu einer echten Wachstumsbremse.
- Rentenalter: Wann Sie in Rente gehen kรถnnen und was Sie bekommen
Die Einnahmen der Sozialversicherungen werden noch weniger als heute ausreichen, um die Ansprรผche der Ruhestรคndler zu befriedigen. Die Zusatzkosten mรผsste Finanzminister Lindner aus dem Bundeshaushalt finanzieren โ mit Geld, das die Bundesregierung eigentlich dem Kampf gegen den Klimawandel widmen will.
Pro Jahr eine halbe Million Arbeitskrรคfte weniger
Es ist also richtig und nรถtig, dass Habeck jetzt aktiv werden will. Das Kรถlner Institut der deutschen Wirtschaft (IW) rechnet vor, dass sich von der Mitte des Jahrzehnts an pro Jahr eine halbe Million mehr Arbeitskrรคfte aus dem Erwerbsleben verabschieden, als neue nachkommen.
Doch schon heute gibt es รผppige Rentenzuschlรคge fรผr diejenigen, die noch ein oder zwei Jahre dranhรคngen, wenn sie das Rentenalter eigentlich schon erreicht haben. Selbst Frรผhrentner kรถnnen inzwischen groรzรผgig hinzuverdienen, wenn sie zusรคtzlich zur Rente eine Stelle antreten wollen.
Viele Rentner begnรผgen sich mit Minijob
Dennoch ist der Zuspruch รผberschaubar. 80 Prozent der "arbeitenden" Rentner begnรผgen sich mit einem Minijob, fรผr den sie eigentlich รผberqualifiziert sind. Nur etwa acht Prozent der Erwerbspersonen sind jenseits des Alters von 65 Jahren erwerbstรคtig โ die meisten von ihnen sind Selbststรคndige und Freiberufler. Hochqualifizierte arbeiten hรคufiger bis in ein hรถheres Lebensalter als Mittel- und Geringqualifizierte.
Es wรคre schon viel erreicht, wenn die meisten tatsรคchlich bis zum gesetzlichen Rentenalter berufstรคtig blieben. Denn heute verabschieden sich die Deutschen mit durchschnittlich 64 Jahren in den Ruhestand, arbeiten mรผssten sie eigentlich noch gut zwei Jahre lรคnger.
Vorruhestand ist oftmals Mittel der Wahl
Die Grรผnde dafรผr sind bekannt: Viele รคltere Arbeitnehmer sind mรผde, wollen oder kรถnnen nicht lรคnger arbeiten. Auf der anderen Seite aber haben auch gesunde und motivierte รltere immer noch groรe Probleme, eine neue Stelle zu finden, wenn sie arbeitslos werden.
Immer noch sind Vorruhestandsprogramme das Mittel der Wahl, wenn sozialvertrรคgliche Lรถsungen fรผr einen Personalabbau gefunden werden mรผssen. Und: Bei betrieblichen Weiterbildungen werden รคltere Arbeitnehmer immer noch benachteiligt.
Da ist es kein Wunder, dass viele รltere vorzeitig gehen wollen. Zumal sie von der Bundesregierung bisher dazu ermutigt wurden. Dass รltere lรคnger Arbeitslosengeld bekommen als Jรผngere, war eine Idee der Sozialdemokraten โ vor allem, um den betroffenen Arbeitnehmerinnen einen geschmeidigen รbergang in den Vorruhestand zu ermรถglichen.
Habeck muss die SPD รผberzeugen
Auรerdem paukte die frรผhere SPD-Arbeitsministerin Andrea Nahles die Rente mit 63 fรผr besonders langjรคhrige Versicherte durch und setzte damit das Signal, dass man den Ruhestand besser frรผher als spรคter anstreben sollte.
Bevor der grรผne Wirtschaftsminister also jetzt seine Operation "Zweite Luft" starten kann, muss er erst einmal seinen groรen Regierungspartner รผberzeugen. Das dรผrfte fast noch schwerer werden, als die รคlteren Beschรคftigten zu ein paar Monaten Mehrarbeit zu รผberreden.
Ursula Weidenfeld ist Wirtschaftsjournalistin in Berlin. Ihr neues Buch heiรt: