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Wenn das Benzin viel billiger ist als Wasser

dpa, Georg Ismar

Aktualisiert am 08.10.2017Lesedauer: 4 Min.
Benzinkanister stehen an einer Stra├čenecke in der Grenzstadt Maicao. ├ťberall wird hier aus Venezuela geschmuggeltes Benzin verkauft.
Benzinkanister stehen an einer Stra├čenecke in der Grenzstadt Maicao. ├ťberall wird hier aus Venezuela geschmuggeltes Benzin verkauft. (Quelle: Georg Ismar/dpa-bilder)
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Ein indigenes Volk lebt im Grenzgebiet zwischen Venezuela und Kolumbien. Die Wayuu profitieren vom Chaos in Caracas und machen Kasse mit Billig-Benzin ÔÇô was die Krise in Venezuela noch versch├Ąrft. Unterwegs auf den Spuren der Benzinschmuggler.

Das Auto erinnert an Kuba. Der rote Chevrolet ist Baujahr 1977, er steuert auf die Grenze Venezuelas mit Kolumbien zu. Nur Fu├čg├Ąnger d├╝rfen sie passieren. "Wir nehmen einen Schleichweg", sagt Alfredo. 300 Meter vor dem Schlagbaum geht es rechts von der Stra├če ab. Was jetzt folgt, ist das wohl engmaschigste Mautnetz der Welt. Zwei Kilometer, ├╝ber zwanzig Mautstellen. Dann biegt der Chevrolet wieder auf die Stra├če. Willkommen in Kolumbien.


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Zwei Dinge sind bemerkenswert. Erstens: Jeder kennt den Schleichweg. Die venezolanische Grenzpolizei schaut weg. Die offizielle Begr├╝ndung ist, dass das Gebiet einem indigenen Volk - den Wayuus - geh├Ârt, die besondere Autonomie genie├čen. Diese wird von den Wayuu-Familien genutzt, um mit Seilen die "trochas" genannten Schleichwege etwa alle hundert Meter zu versperren. Der Fahrer reicht ein paar Scheine aus dem Fenster, weiter geht es. Kurz vor der kolumbianischen Grenze nimmt die Besiedlung zu, also gibt es alle 20 Meter ein Mautseil.

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Korruption beginnt schon an der Grenze

Zweitens: Es gibt regen Verkehr, w├Ąhrend die Grenze in der Mittagssonne vor sich hind├Ąmmert. Hier l├Ąuft einiges anders, als es dem normalen Rechtsverst├Ąndnis entspricht. Schmuggler sagen offen, dass die Polizei geschmiert wird. Pickups fahren hierher, die jeweils tausende Liter Benzin r├╝berschmuggeln. Das meiste gelangt problemlos ├╝ber die Grenze ÔÇô letztens tauchten sogar 4200 Kilogramm Rinderhaut, die aus Venezuela geschmuggelt worden waren, in Kolumbien auf.

Alfredo ist ein Stoiker vorm Herrn. Geldschein um Geldschein wirft er aus dem Fenster, um die gr├╝ne Grenze passieren zu k├Ânnen. Dabei redet er nur das Allern├Âtigste. Am Ende ist Alfredo 6000 Bolivares ├Ąrmer, was angesichts der h├Âchsten Inflation der Welt umgerechnet nur 20 Cent sind. Die Korruption f├Ąngt hier schon an der Grenze an.

Venezuela, 2017: Das Land mit den gr├Â├čten ├ľlreserven wandelt sich nach Meinung von EU und USA immer mehr zur Diktatur, zum "zweiten Kuba". Der sozialistische Pr├Ąsident Nicol├ís Maduro unterstellt US-Pr├Ąsident Donald Trump neuerdings Mordpl├Ąne gegen seine Person. Nach Angaben der Weltern├Ąhrungsorganisation hungern 13 Prozent der Menschen in Venezuela, auch "Saudi-Arabien S├╝damerikas" genannt. Medikamente fehlen, die Kindersterblichkeit ist rasant gestiegen.

Aber w├Ąhrend in Kuba zumindest die staatlichen Kontrollmechanismen funktionieren, herrscht hier eher Anarchie ÔÇô ein Sinnbild der Krise. Denn die Misere hat auch mit diesem Absurdistan in der Karibik zu tun, hier in der Region La Guajira. W├Ąhrend die Gelder fehlen, um zum Beispiel genug Mehl zum Brotbacken einzuf├╝hren, wird das Benzin mit gesch├Ątzt bis zu zehn Milliarden US-Dollar im Jahr subventioniert.

Wasser kostet wesentlich mehr als Benzin

Normalbenzin kostet in Venezuela 9,5 Bolivares pro Liter. Der Schwarzmarktkurs f├╝r einen Euro betr├Ągt derzeit rund 30.000 Bolivares. Das bedeutet, dass man f├╝r einen Euro rund 3000 Liter tanken kann. Wasser ist um einiges teurer. Da das Land aber so daniederliegt, dass es nicht mehr genug Raffineriekapazit├Ąten gibt, muss sogar Benzin aus dem Ausland eingef├╝hrt werden. Das kostet viel Geld. Geld, das f├╝r das Allern├Âtigste der Menschen im Land fehlt.

Und hier am Grenz├╝bergang Paraguach├│n wird das Benzin, das billigste der Welt, r├╝ber nach Kolumbien geschmuggelt. Teuer subventioniertes Benzin, mit dem die Wayuu derzeit gutes Geld machen. Die Volksgruppe lebt in La Guajira seit Jahrhunderten in verstreuten Siedlungen und ist bekannt f├╝r ihr Kunsthandwerk - es gibt aber auch viele Probleme wie Alkoholismus. Bekannte fahren das Benzin von Maracaibo hierher, berichtet der Wayuu Franklin L├│pez (17), der das Benzin hinter der Grenze verkauft. Warum die Polizei nichts macht? "Das ist kulturell bedingt", lacht er - die ganze Region hat etwas anarchisches. L├│pez lebt an der Stra├če in einer H├╝tte, die Schule hat er abgebrochen.

Der alte, klapprige Chevrolet von Alfredo f├Ąhrt in Maicao ein, der ersten gr├Â├čeren Stadt auf kolumbianischer Seite. ├ťberall riecht es nach Benzin, Verk├Ąufer haben Kanisterw├Ąnde errichtet, Autos halten an. Mit dem Mund wird das Benzin angesaugt, dann str├Âmt der goldgelbe Treibstoff aus den Kanistern in die Tanks. Daneben befinden sich Tankstellen, die vor sich hinrosten. Dutzende sind aufgegeben worden, weil keiner mehr dort tankt. An den mobilen Tankstellen der Wayuu gibt es den Liter f├╝r 400 kolumbianische Pesos (11 Cent), den Kanister mit 25 Litern f├╝r 10.000 (2,75 Euro). Immer noch unglaublich billig ÔÇô auch dank der Inflation auf der anderen Seite der Grenze.

Gefl├╝chtete aus Venezuela konkurrieren mit Wayuus im Benzingesch├Ąft

Die Wayuu bekommen Konkurrenz durch die vielen gefl├╝chteten Menschen aus Venezuela, die nun auch in das Benzingesch├Ąft einsteigen. Der Schmuggel boomt, w├Ąhrend aus der nur 120 Kilometer entfernten Stadt Maracaibo im August berichtet wurde, dass im Zoo zwei Pekaris (Nabelschweine) gestohlen worden seien, um sie zu t├Âten und zu essen.

Einer der "neuen" Benzinh├Ąndler ist Ider Villalobos (20), der aus der ├ľlmetropole Maracaibo stammt. "Wir m├╝ssen ja irgendwas essen", sagt er. Bis zu 100.000 Pesos (27,50 Euro) am Tag verdient er. Durch die Krise sei die Benzinmenge massiv gestiegen ÔÇô wegen der Inflation und dem wertlosen Bolivar versucht man damit kolumbianische Pesos zu verdienen. "Eine andere Arbeit finde ich hier nicht", sagt Villalobos und saugt Benzin an. Er will mit dem Benzinhandel auch seine Eltern zu Hause ├╝ber die Runden bringen. Der Schmuggel ist ein lukratives Gesch├Ąft. Millionen Liter sollen t├Ąglich ├╝ber die Grenze wandern.

Der aus Venezuela gefl├╝chtete Ider Villalobos steht in der Grenzstadt Maicao vor Kanistern mit geschmuggeltem Benzin, die er hier verkauft.
Der aus Venezuela gefl├╝chtete Ider Villalobos steht in der Grenzstadt Maicao vor Kanistern mit geschmuggeltem Benzin, die er hier verkauft. (Quelle: Georg Ismar/dpa-bilder)

Je weiter weg von der Grenze, desto teurer wird das Schmuggelbenzin, weil Kolumbiens Polizei au├čerhalb von Maicao mehr kontrolliert. In Maicao landen inzwischen auch viele Medikamente aus Venezuela auf dem Schwarzmarkt ÔÇô w├Ąhrend dr├╝ben M├╝tter verzweifelte Aufrufe im Internet machen, ob jemand noch Epilepsiemedikamente f├╝r die Tochter hat.

Venezuelas Krise mit all ihren Absurdit├Ąten setzt sich hier fort. Aber die ganzen Schmuggelgesch├Ąfte passen sich ein in die Geschichte La Guajiras: Es gibt hier eine gewisse Tradition mit illegalen Aktivit├Ąten. Von 1974 bis 1980 machte die Gegend mit der "Bonanza de Marihuana" Schlagzeilen, rund 19.000 Hektar Anbaufl├Ąche. Statt Geld zu z├Ąhlen, wurde es gewogen, so viel wurde mit dem Marihuana-Anbau verdient. Damals roch es hier ├╝berall nach Gras ÔÇô statt nach Benzin.

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