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Warum Besserwisserei schadet – und was dagegen hilft

Eine Kolumne von Ulrike Scheuermann

Aktualisiert am 20.05.2020Lesedauer: 4 Min.
Meckern mit und ĂŒber Masken: StĂ€ndiges Beklagen ĂŒber die Coronavirus-EinschrĂ€nkungen ist emotional belastend.
Meckern mit und ĂŒber Masken: StĂ€ndiges Beklagen ĂŒber die Coronavirus-EinschrĂ€nkungen ist emotional belastend. (Quelle: yulkapopkova/getty-images-bilder)
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"Die Regierung hÀtte anders mit dem Virus umgehen sollen", wissen es viele besser. Es wird viel gemeckert, geschimpft und aufgetrumpft in diesen Zeiten. Das belastet emotional. Aber es gibt einen Weg, ruhiger und gelassener zu werden.

Diese "HĂ€tte"-Gedanken rund um den Umgang mit dem Coronavirus sind zweierlei: belastend und nicht erleichternd. Sie mĂŒnden in Besserwisserei und VorwĂŒrfen gegen die EntscheidungstrĂ€ger – was ebenfalls keinem hilft. Mein Sohn hat frĂŒher immer gesagt: HĂ€tte, hĂ€tte, Fahrradkette!

Manche grĂŒbeln und meckern

Manche grĂŒbeln und stellen sich vor, wie ohne Lockdown die Wirtschaft weiter florieren wĂŒrde, andere hadern mit der laschen Durchsetzung der KontaktbeschrĂ€nkungen. Viele Menschen meckern gerade – besonders ĂŒber Merkel, Söder, Laschet.

Aber: Das ist anstrengend und emotional belastend – fĂŒr den Meckernden selbst, fĂŒr die anderen, die sich das anhören mĂŒssen, und fĂŒr die ganze Stimmung im Land. Es gibt weitaus bessere Wege, um mit dem, was aus eigener Sicht falsch gelaufen ist, umzugehen.

Gerade jetzt mit den vielen UnwÀgbarkeiten, der unklaren Zukunft und der weiterhin krisenhaften Entwicklung ist es enorm wichtig, ja existenziell, dass wir emotional möglichst stabil und gelassen bleiben. Wir brauchen alle unsere Energie, um uns auf die neuen Situationen einzustellen und das Leben neu zu organisieren.

Wie können wir ruhiger, friedlicher und gelassener werden hinsichtlich dessen, wie es jetzt nun mal gelaufen ist? Dazu sollte man erst einmal verstehen, was da in uns passiert. Man meint, es sei leichter, sich ĂŒber andere aufzuregen, als sich den eigenen GefĂŒhlen und Auslösern zu stellen, die dahinterstecken. Man kann sich als Meckerer ja auch schlauer fĂŒhlen als andere, das gibt kurzfristig ein erhebendes GefĂŒhl.

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Doch egal, ob man nun recht hat oder nicht: Nur wenn wir unsere tieferliegenden Emotionen und BeweggrĂŒnde finden, werden wir ruhiger, und erst aus einem solchen "Bei-sich-Sein" können wir uns neu auf- und auf das einstellen, was jetzt kommt. Wir mĂŒssen wohl oder ĂŒbel durch die eigenen schwierigen GefĂŒhle hindurch, um weiterzukommen. Das gilt nicht nur fĂŒr die aktuelle Krise, sondern generell fĂŒr die persönliche Entwicklung und das eigene Wachstum.

Verstehen, was dahintersteckt

Mein Klient am Bildschirm ist sauer, beschreibt mir haarklein, warum er das alles so "unmöglich" findet. Ich frage ihn, wie er sich fĂŒhlt. "Ja, empört eben." Ich: "Und wodurch kommt das?" – "Durch die viel zu strengen KontaktbeschrĂ€nkungen." Ich frage weiter: "Und was denkst du weiter?" – "Ich stelle mir vor, dass unsere Wirtschaft sich nicht wieder erholt. Ich werde verarmen. Das war’s."

Jetzt wird er traurig: "Alles, was ich mir seit 15 Jahren mĂŒhsam aufgebaut habe, geht den Bach runter. Ich habe alles gegeben fĂŒr mein GeschĂ€ft, jetzt habe ich das GefĂŒhl, ich kann nicht mehr." Ich sage: "Das ist traurig!" Und genau das ist der Punkt: Wenn er traurig sein kann, hĂ€lt er nicht mehr fest an dem, was aus seiner Sicht falsch gelaufen ist. Darum geht es fĂŒr ihn nicht. Durch das Zulassen seines GefĂŒhls der Trauer kommt ein psychischer Verarbeitungsprozess in Gang. Er beruhigt sich.

Aus dieser so langsam entstehenden Ruhe beginnt er, seine pessimistischen Zukunftsvisionen zu relativieren, in einzelne Aspekte zu zerlegen und herauszufinden, wo es andere Möglichkeiten gibt und auch, was sich fĂŒr ihn neu ergeben kann.

"HĂ€tte es keine KontaktbeschrĂ€nkungen, mehr Virustests, frĂŒher eine Maskenpflicht gegeben 
" Diese oder andere Alternativen wĂ€ren besser gewesen? Das ist aber unabĂ€nderliche Vergangenheit und es ist definitiv zu spĂ€t, sich solche Gedanken zu machen. Es hat so nicht stattgefunden und wird auch nicht mehr stattfinden. "HĂ€tte"-Überlegungen sind sinnlos und lösen negative GefĂŒhle aus, die Energie kosten. Wer sich von solchen Vorstellungen, Bildern, Ideen, wie es hĂ€tte laufen können und sollen, verabschieden kann, wird ruhiger und kraftvoller.

Meckern schadet

Wir brauchen kein Draufhauen, Besserwissen, Klugreden oder Meckern. Das bringt Unfrieden und ist der NĂ€hrboden fĂŒr eine fehleranprangernde Kultur. Wenn wir sehen, was mit denen passiert, die entscheiden mĂŒssen, und dann von allen Seiten den Ärger abbekommen, gibt es nur einen Schluss: Entscheiden und vielleicht einen Fehler dabei machen, ist nicht gut.

Wir brauchen jedoch genau das Gegenteil: eine fehlerverzeihende Kultur. Denn man lernt am besten aus Fehlern, und im Moment lernen wir alle sehr viel. Das soziale Klima in unserem Umfeld wird ein besseres und wir bewahren eine gute Stimmung, in der wir neue Entwicklungen kreieren können.

Nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden

Im Moment entscheiden Politiker auf der Basis der aktuellen Informationen, die in einem Monat schon zu anderen Schlussfolgerungen fĂŒhren können. Wir wissen alle nicht sicher, welcher der richtige Weg ist. Die EntscheidungstrĂ€ger handeln nach bestem Wissen und Gewissen, mehr geht gerade nicht. Öffentliches AbwĂ€gen, EinwĂ€nde-Erheben, Fragen und auch Kritisieren gehören in einer Demokratie natĂŒrlich dazu. Aber lassen wir das Meckern und Besserwissen. Es passt nicht zu dem, womit wir es hier zu tun haben.

Ulrike Scheuermann ist Diplom-Psychologin und Bestsellerautorin. Seit 25 Jahren hilft sie Menschen dabei, gut für sich zu sorgen. Ihre Self-Care-Programme finden in ihrer Akademie in Berlin statt.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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