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Warum wir pandemiemĂŒde werden, aber wach bleiben sollten

Von dpa
Aktualisiert am 25.01.2022Lesedauer: 4 Min.
Es ist Licht am Ende des Tunnels, und dennoch: Die Pandemie ist ein Marathon und das Ziel noch nicht erreicht.
Es ist Licht am Ende des Tunnels, und dennoch: Die Pandemie ist ein Marathon und das Ziel noch nicht erreicht. (Quelle: Sebastian Gollnow/dpa/dpa-tmn./dpa)
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Heidelberg/Ulm (dpa/tmn) - Selten war die Lage der Corona-Pandemie fĂŒr den einzelnen schwerer zu fassen.

Auf der einen Seite sind da die immens hohen Infektionszahlen und die Warnungen, dass wichtige kritische Infrastruktur vor der Überlastung steht oder stehen könnte - KrankenhĂ€user, aber etwa auch Feuerwehr, Wasserversorger oder Verkehrsunternehmen.

Auf der anderen Seite ist oft davon zu lesen, dass Omikron sich zwar sehr schnell verbreitet, aber auch viel hÀufiger mild verlÀuft. Zudem machen Fachleute zarte Hoffnungen auf ein absehbares Pandemieende.

Und als wĂ€re es in dieser GegensĂ€tzlichkeit - Omikron-Welle, Warnungen, milde VerlĂ€ufe, Pandemie vielleicht bald vorbei - nicht schon schwer genug fĂŒr den Einzelnen, alles fĂŒr sich einzuordnen und daraus ein adĂ€quates Verhalten abzuleiten. Hinzu kommen noch die sich immer wieder Ă€ndernden Regeln: 2G, 3G, wie lang ist die QuarantĂ€ne, gelte ich noch als genesen? Die Liste ließe sich verlĂ€ngern.

Virologe sieht MĂŒdigkeit auf zwei Ebenen

Den Durchblick zu behalten, fĂ€llt schwer. Und es macht viele mĂŒde, nach zwei Jahren Pandemie. Das beobachtet auch der Virologe Ralf Bartenschlager: "Diese MĂŒdigkeit besteht auf zwei Ebenen", sagt er. Das eine sei das stetige informiert bleiben ĂŒber die Regeln. "Das andere ist der Wille, die SolidaritĂ€t, um bei Maßnahmen und Vorgaben mitzumachen", sagt der PrĂ€sident der Gesellschaft fĂŒr Virologie.

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Nun ist es tatsĂ€chlich so, dass Omikron hĂ€ufiger mild verlĂ€uft - gerade die Impfungen schĂŒtzen gut vor schweren VerlĂ€ufen, wie die Daten zeigen. Aber fĂŒr eine Entwarnung ist es viel zu frĂŒh, mahnen Wissenschaft und Medizin. Dass im Vergleich weniger Menschen schwerer erkranken, wird durch die hohen Infektionszahlen aufgewogen. Es kann folglich dennoch zur Überlastung des Gesundheitssystems kommen.

Gerade Ă€ltere Menschen ohne Impfschutz - SchĂ€tzungen gehen bei der Gruppe der ĂŒber 60-JĂ€hrigen noch von ĂŒber drei Millionen aus - sind weiterhin gefĂ€hrdet fĂŒr schwere VerlĂ€ufe. "Aktuell ballen sich die Infektionen bei den JĂŒngeren, aber die tragen es wieder zu den Älteren", sagt Virologe Bartenschlager. Dazu kommt: Das Risiko von Langzeitfolgen - Long Covid - auch bei milden VerlĂ€ufen lĂ€sst sich fĂŒr Omikron noch nicht beziffern.

Zusammengefasst bleibt es dabei: "Es gilt weiter, sich und andere zu schĂŒtzen", sagt Bartenschlager.

Omikron-Wand, milder Verlauf - was Wörter auslösen

Die Lage, sie ist also noch immer alles andere als entspannt. Doch da ist ein diffuses GefĂŒhl der Ungewissheit, das bei manchen in GleichgĂŒltigkeit mĂŒndet. DafĂŒr sorgen maßgeblich auch bestimmte Wörter, sagt die Psychologin Cornelia Herbert von der UniversitĂ€t Ulm. So wird oft von der Omikron-Wand gesprochen, statt von der Welle. Eine Wand kommt auf uns zu. Auf der anderen Seite liest man milde VerlĂ€ufe und denkt: Wird schon nicht so schlimm sein.

"Das sind Botschaften, die lösen Emotionen aus", sagt Herbert. Auf der einen Seite verarbeiten wir: Alarmstufe Rot. Auf der anderen Seite: Mir passiert schon nichts. Das sorgt fĂŒr Konflikte im Kopf, die man fĂŒr sich auflösen muss. Das kann schwierig sein. Der Rat der Expertin: Man muss sich klar machen, was hinter den Wörtern steckt.

Der "milde Verlauf" etwa. Ein milder Verlauf kann eben auch drei Tage Fieber und SchĂŒttelfrost bedeuten, sagt Ralf Bartenschlager. Und gerade bei Ungeimpften bestehe da noch das nicht genau zu beziffernde Long-Covid-Risiko, wĂ€hrend etwa neue Studien aus Israel andeuteten, dass Zweifach-Geimpfte wahrscheinlich kein Long Covid mehr hĂ€tten. "Long Covid kann heißen, dass man vielleicht Monate dauerhaft mĂŒde ist, bei kleinster Anstrengung Schnappatmung bekommt, nicht mehr richtig konzentriert sein kann, Probleme mit dem Herzen bekommt."

ZurĂŒcktreten und ihn Ruhe bewerten

Doch es ist nicht nur die grassierende Virusvariante Omikron, die uns eine klare EinschĂ€tzung schwer macht. Es sind auch die Regeln und Vorgaben, die sich oft Ă€ndern und je nach Bundesland auch noch unterschiedlich sein können. Wie behĂ€lt man fĂŒr sich den Überblick?

Wenn wir neue Nachrichten lesen, im Radio hören oder im Fernsehen sehen, bewerten wir sie automatisch: Betrifft es mich, ist dies eine Bedrohung fĂŒr mich? Dabei sollte man "einen Schritt zurĂŒckgehen und objektivieren, was das genau fĂŒr einen persönlich bedeutet und was man tun könnte, ohne vorschnell emotional zu reagieren", sagt Psychologin Herbert. "Das hilft, um den Überblick zu bewahren."

Sie rĂ€t auch, sich zwei, drei verlĂ€ssliche Informationsquellen zu suchen, an denen man sich orientiert. Permanent durch Facebook oder Twitter zu scrollen, trĂ€gt hingegen eher nicht zu einer gelassenen Informiertheit bei. Wer sich von allen Seiten, auch aus seinem persönlichen Umfeld, mit Info-HĂ€ppchen zuschĂŒtten lĂ€sst, verliert fast zwangslĂ€ufig die Orientierung.

Gut sei es auch, eine Vertrauensperson zu haben, die einen bei offenen Fragen aufklÀrt, sagt Herbert. Die HausÀrztin oder der Hausarzt wÀren hier naheliegend.

Der Pandemie-Marathon zehrt an uns

Zwei Jahre dauert die Pandemie schon an. Anfangs gab es die diffuse Bedrohung dieses mysteriösen Virus, dann sahen wir die Bilder aus Bergamo, wo die MilitÀrlaster die SÀrge abtransportieren mussten. "Das Bedrohliche hat geeint", sagt Psychologin Herbert.

Was damals auch einte: Die Hoffnung, nach einigen harten Monaten spĂ€testens im Sommer die Pandemie hinter sich zu lassen. Wer weiß, wie die Akzeptanz fĂŒr die Maßnahmen ausgefallen wĂ€re, wenn damals schon klar gewesen wĂ€re, was da fĂŒr ein Marathon bevorsteht. Und er ist noch immer nicht vorbei.

"Auch wenn jemand das Thema nicht mehr hören und sehen will, möchte ich doch hoffen, dass wir uns zumindest noch in dieser Wintersaison soweit zusammenreißen, dass wir die Welle gut ĂŒberstehen", sagt Virologe Bartenschlager. "Danach haben wir hoffentlich ein Niveau an ImmunitĂ€t in der Bevölkerung erreicht, das es uns erlaubt, langsam wieder in die NormalitĂ€t zurĂŒck zu kehren und entspannter in den nĂ€chsten Winter blicken zu können."

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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