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Hier liegen 250 Fl├╝chtlinge in einem Massengrab

Von chrismon-Autorin Andrea Jeska

Aktualisiert am 07.03.2020Lesedauer: 10 Min.
Gefl├╝chtete versuchen, Griechenland in einem Boot ├╝ber den Fluss Mariza (Fluss Evros in Griechenland) von der T├╝rkei aus zu erreichen.
Gefl├╝chtete versuchen, Griechenland in einem Boot ├╝ber den Fluss Mariza (Fluss Evros in Griechenland) von der T├╝rkei aus zu erreichen. (Quelle: /dpa-bilder)
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Man kann auch schwimmen, ├╝ber den Evros von der T├╝rkei nach Griechenland. Aber der Fluss ist schnell, manche ertrinken darin. Die Toten kommen zu Doktor Pavlos Pavlidis. Er hebt ihre Habseligkeiten auf ÔÇô und ihre DNA.

In den vergangenen Tagen kam es an der Grenze zwischen Griechenland und der T├╝rkei zu dramatischen Szenen. Nachdem der t├╝rkische Pr├Ąsident Recep Tayyip Erdogan die Grenze einseitig f├╝r Fl├╝chtlinge ge├Âffnet hatte, str├Âmten Tausende Menschen an den Grenzfluss Evros in der Hoffnung, es in die Europ├Ąische Region zu schaffen. Griechische Grenzsch├╝tzer dr├Ąngten die Schutzsuchenden auch mit Gewalt zur├╝ck. Es gab Verletzte.

Das evangelische Magazin "chrismon" besuchte den Evros, noch bevor es zu dieser Zuspitzung kam. Doch ein Brennpunkt der Krise an Europas Au├čengrenzen ist der Fluss schon l├Ąnger. Hunderte Menschen haben in den vergangenen Jahren ihr Leben bei dem Versuch verloren, durch den Evros an das griechische Ufer zu schwimmen. Ihre Leichen landen in der Gerichtsmedizin von Pavlos Pavlidis.

Der Moment, den Pavlos Pavlidis am meisten f├╝rchtet? Wenn er den Angeh├Ârigen in Syrien, im Irak oder in Afghanistan mitteilen muss, dass der bis dahin unbekannte Tote im K├╝hlfach der Gerichtsmedizin mit der achtstelligen Nummer tats├Ąchlich ihr Sohn, Bruder, Vater ist; und dass er in fremder Erde begraben wurde. Dieses kurze schmerzhafte Schweigen, das dann folgt, bis die Endg├╝ltigkeit des Todes erfasst ist und Wehklagen einsetzt. Immer, wenn Pavlidis solche Telefonate beendet, h├Ârt er dieses Schweigen noch f├╝r Stunden in seinem B├╝ro. Dann steckt er sich die x-te Zigarette des Tages an, ruft das Foto des Toten auf seinem Bildschirm auf und markiert es mit einem I: identified.

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Der Fluss Evros entspringt in Bulgarien, dort hei├čt er Mariza, in der T├╝rkei nennt man ihn Meri├ž Nehri.
Der Fluss Evros entspringt in Bulgarien, dort hei├čt er Mariza, in der T├╝rkei nennt man ihn Meri├ž Nehri. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Pavlos Pavlidis ist Gerichtsmediziner am Universit├Ątskrankenhaus der griechischen Stadt Alexandroupolis. Ein baumlanger Mann im bl├╝tenwei├čen Hemd mit melancholischen Augen und tiefen Lebensfalten im Gesicht. Einer, der zu diesem Beruf kam, weil er die Wissenschaft, die Klarheit der Fakten dahinter mag. Auch die Toten erz├Ąhlen noch Geschichten. Diese zu entschl├╝sseln, daraus R├╝ckschl├╝sse nicht allein auf ihr Sterben, sondern auch auf ihr Leben zu ziehen, ist f├╝r Pavlidis so etwas wie eine Leidenschaft. Auch wenn er dieses Wort nicht gebrauchen w├╝rde, weil es ihm zu emotional w├Ąre.

Der Gerichtsmediziner Pavlos Pavlidis verwahrt die letzten Dinge der Evros-Toten. Solange sie nicht identifiziert sind, ruhen viele in den K├╝hlschr├Ąnken seines Instituts.
Der Gerichtsmediziner Pavlos Pavlidis verwahrt die letzten Dinge der Evros-Toten. Solange sie nicht identifiziert sind, ruhen viele in den K├╝hlschr├Ąnken seines Instituts. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Fr├╝her waren Pavlidis' Tote ermordet worden oder ihre Todesursache ungekl├Ąrt. Seit dem Jahr 2000 obduziert Pavlidis im Untergeschoss des Krankenhauses jene, die auf der Flucht im Evros ertranken, dem Grenzfluss zwischen der T├╝rkei und Griechenland. 36 starben im Jahr 2019, 430 insgesamt; 177 durch Ertrinken, 80 an Unterk├╝hlung, bei dem Rest wei├č man es nicht so genau. Im vergangenen November hatte Pavlidis sechs Leichen auf dem Tisch: die einer Familie, die es geschafft hatte, ├╝ber den Fluss zu kommen, am griechischen Ufer vor Ersch├Âpfung in der nassen Kleidung einschlief ÔÇô und erfror. Dar├╝ber, wie viele auf der t├╝rkischen Seite angesp├╝lt wurden, gibt es keine offizielle Zahl. Man habe, sagt Pavlidis, keinen Austausch mit den Forensikern dort. "Das ist ein politisches Problem."

An manchen Stellen nur zw├Âlf Schwimmz├╝ge von Ufer zu Ufer

Der Fluss entspringt in Bulgarien, dort hei├čt er Mariza, in der T├╝rkei nennt man ihn Meri├ž Nehri. In Griechenland ist der Evros 180 Kilometer lang, an keiner Stelle mehr als 50 Meter breit, nirgends tiefer als f├╝nf Meter. Es gibt Stellen, da sind es zw├Âlf Schwimmz├╝ge von Ufer zu Ufer. Doch der Fluss ist schnell, eilt mit gro├čer Geschwindigkeit dem Delta entgegen, wird erst dort wieder langsamer, legt die Toten in den Schilfg├╝rteln und auf den Sandb├Ąnken ab, bevor er sich ins Thrakische Meer ergie├čt. Es sind Fischer, die in den Nebenfl├╝ssen fischen, J├Ąger, die im Schilfland nach Enten jagen, die die Toten finden. Oder das, was von ihnen ├╝brig ist.

14.900 Migranten haben im vergangenen Jahr laut einer Sch├Ątzung des UN-Fl├╝chtlingshilfswerks den Evros ├╝berquert. Damit ist der Fluss eine der Haupteintrittsrouten in die Europ├Ąische Union. Nur ├╝ber das Mittelmeer kommen noch mehr Menschen, rund 112.600 waren es im Jahr 2019. Ende des letzten Jahres zeigte das Magazin "Der Spiegel" von Fl├╝chtlingen gedrehte Videos, die offenbar bewiesen, dass das griechische Milit├Ąr Menschen mit Booten zur├╝ck auf die t├╝rkische Seite bringt. Dazu werden ehemalige Soldaten und Sicherheitsbeamte zitiert, die diese sogenannten Pushbacks best├Ątigen.

Pushbacks sind illegal und versto├čen gegen internationales und EU-Recht sowie gegen die Genfer Konvention. Erz├Ąhlt hatten Fl├╝chtlinge schon lange von solchen Vorkommen, doch die griechische Regierung hatte dies stets zur├╝ckgewiesen. Dem h├Ąlt der t├╝rkische Innenminister entgegen, von November 2018 bis November 2019 seien knapp 60.000 Fl├╝chtlinge gesetzeswidrig und unter Zwang von Griechenland in die T├╝rkei zur├╝ckgebracht worden.

Die allermeisten Fl├╝chtlinge schaffen es lebend her├╝ber. Sie ruhen sich an Stellen wie dieser aus ÔÇô mit einem alten Schlauchboot als Dach.
Die allermeisten Fl├╝chtlinge schaffen es lebend her├╝ber. Sie ruhen sich an Stellen wie dieser aus ÔÇô mit einem alten Schlauchboot als Dach. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Europa ist in der Asylpolitik zerstritten

Mit den politischen R├Ąnkespielen, die die jeweiligen Regierungen um die Fl├╝chtlinge betreiben, will Pavlidis nichts zu tun haben. Nicht weil er dazu keine Meinung h├Ątte. Eher weil seine Meinung die Toten auch nicht wieder zur├╝ck ins Leben bringt. Dass sich etwas ├Ąndern muss in der griechischen, in der europ├Ąischen Asylpolitik, steht f├╝r Pavlidis au├čer Zweifel. Aber da nicht er, sondern andere diese ├änderung hervorbringen m├╝ssen, gibt sich Pavlidis professionell: "Ich bin nur eine Art Empf├Ąnger politischer Entscheidungen. Diese zu kommentieren, liegt au├čerhalb meiner wissenschaftlichen T├Ątigkeit."

Wenn der Evros die wieder freigibt, die in ihm ertranken und auf den morastigen Grund sanken, bis ein Strudel sie nach Tagen, manchmal nach Wochen ans Ufer sp├╝lte, sind ihre Gesichter und K├Ârper bis zur Unkenntlichkeit aufgedunsen. Sie sind nicht mehr als wei├č oder dunkelh├Ąutig, nicht als Mann oder Frau zu erkennen.

Das Kellergeschoss des Krankenhauses, durch das Pavlidis die Toten auf ihren Bahren schiebt, um sie auf dem Obduziertisch zu platzieren und schlie├člich in die K├╝hlf├Ącher zu legen, scheint wie eine Vorstufe zum Hades. In Flure und R├Ąume f├Ąllt kaum Tageslicht, klamme K├Ąlte str├Âmt von den W├Ąnden. Pavlos Pavlidis bewegt sich so still durch die Flure und R├Ąume, als k├Ânne ein Ger├Ąusch die Toten wecken, schattengleich beugt er sich ├╝ber die Toten.

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Fl├╝chtlinge, die gerade ein Auffanglager verlassen. In den vergangenen Monaten versuchten zunehmend mehr Menschen, den Fluss nach Griechenland zu queren.
Fl├╝chtlinge, die gerade ein Auffanglager verlassen. In den vergangenen Monaten versuchten zunehmend mehr Menschen, den Fluss nach Griechenland zu queren. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Von jedem hat er ein Foto gemacht, die Bilder in einem Ordner auf seinem Computer gespeichert. Von jedem hat er eine DNA-Probe genommen, diese an die zentrale Polizeistelle geschickt, wo sie gelagert wird. Auch verwahrt er jede Habseligkeit der Toten. Es ist wenig, was der Fluss ihnen l├Ąsst. Alles, was weich ist, l├Âst sich im Morast auf, nur die harten Gegenst├Ąnde bleiben: Uhren, die im Augenblick des Versinkens stehen blieben. Kreuze und Gebetsketten, Ringe, Feuerzeuge, ein Plastikarmband mit dem Satz: I believe. All dieses verstaut Pavlidis in einer Plastikt├╝te mit Rei├čverschluss, versieht es mit derselben Registrierungsnummer, die auch der Tote hat, und packt es in einen Schrank in seinem B├╝ro.

Dem Tod mit Respekt begegnen

Man k├Ânnte all diese Handlungen f├╝r B├╝rokratie halten, das Aufbewahren von Spuren und Indizien f├╝r einen blo├čen Akt der Katalogisierung, um die Toten eines Tages zu identifizieren. Doch f├╝r Pavlidis ist es der Versuch, die Tragik des Schicksals zu mildern, nicht nur den Toten, sondern auch dem Tod mit Respekt zu begegnen. Die letzten Dinge des Lebens, die genetischen Beweise eines Menschen zu verwahren, hei├čt auch, die Seele zu ehren. "Ich kann den Toten keinen Namen geben, nur eine Nummer. Aber ich kann mit den Dingen, die ihnen geh├Ârten, etwas von ihnen zeigen. Und sei es nur ihr Hiersein."

Was dem Menschen Pavlidis hilft, sich von den Toten zu distanzieren? "Wenn ich nach Hause gehe, rede ich nicht ├╝ber das, was am Tag geschah. Um abzuschalten, spiele ich mit meinen Hunden."

Nicht erst seit im Evros Fl├╝chtlinge ertrinken, ist er ein Todesfluss. In der griechischen Mythologie wird erz├Ąhlt, der Kopf des S├Ąngers Orpheus, den ihm Anh├Ąngerinnen des Dionysos-Kults abschlugen, sei auf dem Evros singend bis zur Insel Lesbos getrieben. Viele Jahrhunderte sp├Ąter traf am Evros das Osmanische auf das Byzantinische Reich, fanden sich Ost und West und trennten sich dort auch wieder. Die Toten der Schlachten um Macht und Raum haben an manchen Tagen das Wasser rot gef├Ąrbt.

Der zw├Âlf Kilometer lange Grenzzaun auf griechischer Seite h├Ąlt Fl├╝chtlinge nicht ab.
Der zw├Âlf Kilometer lange Grenzzaun auf griechischer Seite h├Ąlt Fl├╝chtlinge nicht ab. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Um die illegalen Grenz├╝berg├Ąnge aus der T├╝rkei zu beenden, errichtete die griechische Regierung 2012 dort einen zw├Âlf Kilometer langen Zaun, wo der Evros nur auf t├╝rkischem Gebiet und die Grenze ├╝ber Land verl├Ąuft. Es war der erste Grenzzaun in Europa nach dem Kalten Krieg zur Fluchtverhinderung. Es blieb nicht der letzte. Vorbild war der Zaun zwischen Mexiko und den USA. Tats├Ąchlich gingen die Grenz├╝berschreitungen damals f├╝r eine Weile auf fast null zur├╝ck: bis Menschenh├Ąndler das Gesch├Ąftsmodell Evros-├ťberquerung f├╝r sich entdeckten. 500 Euro kostet ein Platz in einem der Schlauchboote, 1.000 Euro der Transport vom Ufer in die n├Ąchstgr├Â├čere Stadt.

Zwar ist heute fast die gesamte Uferzone Sperrgebiet, sowohl auf griechischer als auch auf t├╝rkischer Seite, kontrolliert von Polizei und Milit├Ąr, doch zuletzt stieg die Zahl derjenigen, die diese Route w├Ąhlen, wieder an. Ende Februar kam es dann zur Eskalation. T├╝rkische Grenzsch├╝tzer hielten Fl├╝chtlinge nicht mehr vom Grenz├╝bertritt ab. Den Tausenden die kamen, stellten sich griechische Beamte in den Weg, die Pfefferspray und Tr├Ąnengas einsetzten.

Das schnelle Wasser rei├čt einem die Beine weg

Wer am Fluss nach den Orten sucht, an denen es gelingt, die griechische Seite zu erreichen, muss durch das Unterholz kriechen, durch Dornenb├╝sche, unter fedrigen Tamarindenb├Ąumen hindurch. Trampelpfade, die die Fl├╝chtlinge anlegten, weisen den Weg zum Ufer. Dort, wo die Menschen lagerten, bevor sie im ersten Morgengrauen weiterzogen, h├Ąngen luftleere Schlauchboote als Dach ├╝ber ├ästen. Nasse Kleidung liegt herum, Trinkflaschen und Verpackungen von Keksen, Windeln, Medikamente, Zahnb├╝rsten, Notizb├╝cher, Miniaturausgaben des Korans.

Dr. Pavlidis nimmt von jedem Toten eine DNA-Probe. Er hofft, ihnen ihre Identit├Ąt zur├╝ckgeben zu k├Ânnen.
Dr. Pavlidis nimmt von jedem Toten eine DNA-Probe. Er hofft, ihnen ihre Identit├Ąt zur├╝ckgeben zu k├Ânnen. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Die Pfade enden an einer Sandaufsp├╝lung, auf dem Wasser glitzert die Sonne, Ziegen suchen k├╝hlen Schatten. Am Ufer treibt ein Schlauchboot, wie ein Kinderboot sieht es aus, bietet vielleicht Platz f├╝r zwei, doch die noch frischen Fu├čstapfen im Sand stammen von mindestens einem halben Dutzend Menschen. Jemand hat starke ├äste in den Fluss gesteckt und ein Seil daran gespannt. H├Ąlt man sich daran fest, hat man f├╝r einige Schritte noch Boden unter den F├╝├čen, dann wird es pl├Âtzlich tief, die F├╝├če sinken in den Untergrund ein, die Balance ist fort, das schnelle Wasser rei├čt einem die Beine weg ÔÇô so ertrinkt man dort also. Das t├╝rkische Ufer ist h├Âchstens 20 Meter entfernt.

Jeder stirbt, so gut er kann, schrieb einmal der Schriftsteller Stendhal, und der Satz mag seine Berechtigung f├╝r viele Tote haben. Doch der Tod, der jene ereilt, die das sichere Europa erreichen wollen, ist kein Sterben nach Bef├Ąhigung, keine Ars Moriendi, sondern ein vermeidbares Dahinraffen von zumeist blutjungem Leben. Je mehr Mauern, Z├Ąune und W├Ąlle dieses Europa errichtet, desto gef├Ąhrlicher werden die Wege derer, die sich auf der Suche nach Frieden, Sicherheit und vielleicht einer neuen Heimat dennoch nicht abbringen lassen.

250 Tote in einem Massengrab

Auf einem eingez├Ąunten Acker in der N├Ąhe des Dorfes Sidiro, gut eine Stunde von Alexandroupolis entfernt, wachsen ├╝ppige Brombeerb├╝sche aus dem Boden, dazwischen Hafer, Schafgarbe und duftender Thymian. Es ist der Friedhof, auf dem bis 2017 die Fl├╝chtlinge beerdigt wurden, wenn die K├╝hlf├Ącher von Doktor Pavlidis keine weiteren Leichen mehr aufnehmen konnten. 250 Tote liegen dort in einem Massengrab.

Auf diesem Friedhof wurden bis 2017 Fl├╝chtlinge beerdigt, wenn die K├╝hlf├Ącher von Doktor Pavlidis keine weiteren Leichen mehr aufnehmen konnten. 250 Tote liegen dort in einem Massengrab.
Auf diesem Friedhof wurden bis 2017 Fl├╝chtlinge beerdigt, wenn die K├╝hlf├Ącher von Doktor Pavlidis keine weiteren Leichen mehr aufnehmen konnten. 250 Tote liegen dort in einem Massengrab. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Vier Marmorsteine ragen aus dem Brombeerdickicht hervor, darauf ein Name, ein Land, Geburts- und ein Sterbedatum. Drei Syrer, ein Afghane. Bezahlt wurden die Steine von den Angeh├Ârigen, die kein Geld besa├čen, um die Toten in ihre Heimat zu ├╝berf├╝hren, sie aber nicht namenlos in der Fremde lassen wollten. Davon abgesehen gibt es keine Gedenktafeln, keinen Hinweis darauf, dass hier Menschen begraben wurden. Wenn die Totenehre, die man auch einem Fremden zukommen l├Ąsst, etwas ├╝ber den moralischen Zustand einer Gesellschaft aussagt, ist dieser Ort das Ende der Kultur, f├╝r die Europa stehen m├Âchte.

Sidiro ist eines der muslimischen D├Ârfer in der Region Evros. Es liegt in der Landschaft zwischen Sonnenblumenfeldern, ├äckern mit Weinreben und Tabakpflanzen. Der August ist hier unertr├Ąglich hei├č, die Felder sind zu trocken, um ein Auskommen zu garantieren. ├ärmlich sind die H├Ąuser des Dorfes, verlassen die Stra├čen.

Die Geschichte dieser D├Ârfer, deren Bewohner vor vielen Generationen aus der T├╝rkei kamen und deren Hiersein in Griechenland noch immer ohne Selbstverst├Ąndnis ist, die oft kein Griechisch sprechen und abgeh├Ąngt sind vom Lauf der Moderne, erkl├Ąrt das geballte Misstrauen, das allem Fremden entgegenschl├Ągt. Daran, dass Fl├╝chtlinge in dieses Dorf kommen, musste man sich gew├Âhnen, und manchem, so erz├Ąhlt es der Mufti, f├Ąllt die Brudersolidarit├Ąt nicht leicht.

Das Delta. Hier ergie├čt sich der Evros ins Thrakische Meer.
Das Delta. Hier ergie├čt sich der Evros ins Thrakische Meer. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

Die Dorfbev├Âlkerung ist ├╝beraltert, gerade mal 300 Bewohner sind geblieben. Nur mit M├╝he gelingt es ihm, Geld einzusammeln, um die zu versorgen, die im G├Ąstehaus der Moschee Zuflucht suchen. Und wenn schon keiner Empathie mit den Lebenden hat, wie denn erst mit den Toten? Die Friedhofspflege jedenfalls ├╝bernehme niemand freiwillig. "Und um jemanden zu bezahlen, haben wir kein Geld."

Gr├Ąber unter M├╝ll

Verwahrloste Gr├Ąber, Andenken, das keiner ehrt, auch in Orestiada, der Provinzhauptstadt. Dort, auf dem Zentralfriedhof, sind die beerdigt, die man f├╝r Christen h├Ąlt. 30 sind es. Ihre Gr├Ąber liegen am ├Ąu├čersten Rand des Kirchengrundst├╝cks, und unter Kriechpflanzen, M├╝ll und Grassoden kommen einbetonierte Rechtecke zum Vorschein, darauf ein Stein mit jenem Zahlencode, den Pavlidis seinen Toten gibt.

Der Fischer arbeitet auch als Soldat und bewacht die Grenze.
Der Fischer arbeitet auch als Soldat und bewacht die Grenze. (Quelle: Antonios Pasvantis/chrismon)

450 Euro zahlt die griechische Regierung denjenigen, die die Toten unter die Erde bringen. Das Geld stammt aus EU-T├Âpfen, Hilfe zur Bew├Ąltigung der Krise. Ein Beerdigungsunternehmer in Orestiada sagt, er k├Ânne die Toten nicht anst├Ąndig begraben, weil die Imame und Priester f├╝r ihre Segnungen am Grab die H├Ąlfte des Geldes verlangten. Der Imam von Orestiada will nicht sprechen. Und der Vizeb├╝rgermeister der Stadt fragt, wer einem erlaubt h├Ątte, die Gr├Ąber zu sehen. Nat├╝rlich, sagt er schlie├člich, bezahle die Stadt jemanden f├╝r die Grabpflege, allerdings k├Ânne man dessen Arbeit aus Zeitgr├╝nden nicht ├╝berpr├╝fen.


Wenn es nach Pavlos Pavlidis ginge, sollten die Toten gar nicht begraben werden, sondern in den K├╝hlf├Ąchern seines Instituts liegen, bis man ihre Familien findet. So wie im Fall eines Algeriers, dessen Familie an Pavlidis schrieb und ihm das Foto eines Rings schickte, den ihr Sohn trug. Pavlidis erkannte den Ring, die griechische Polizei bat die Verwandten um eine DNA-Probe und so konnte die Verwandtschaft bewiesen werden. "Der ganze Prozess hat fast zwei Jahre gedauert", sagt Pavlidis. So furchtbar die Mitteilung des Todes war, es lag auch Segen in der Gewissheit. "Lieber Doktor Pavlos Pavlidis", schrieb ihm die Familie, "wir haben heute, am 8. Juni, den lange vermissten Hicham M. begraben. Hunderte von Familienmitgliedern, Freunde und Nachbarn nahmen teil. Auch wenn der Schmerz gro├č ist, so finden wir doch Trost darin, dass er sein Grab in der Heimat fand. Sie waren sehr mitf├╝hlend und hilfsbereit."

F├╝r den gl├Ąubigen Christen Pavlidis ist dieser Brief wie ein Ablass f├╝r eine S├╝nde, die nicht er beging, aber f├╝r die er sich mitverantwortlich f├╝hlt. Als Teil einer Menschheit, der die Menschlichkeit abhandenkam.

Die Recherchen wurden unterst├╝tzt mit dem Kartographen-Stipendium des Vereins Flei├č und Mut e. V. und der Mercator-Stiftung.

Diese Geschichte erscheint in Kooperation mit dem Magazin "chrismon". Die Zeitschrift der evangelischen Kirche liegt jeden Monat mit 1,6 Millionen Exemplaren in gro├čen Tages- und Wochenzeitungen bei ÔÇô unter anderem "S├╝ddeutsche Zeitung", "Die Zeit", "Die Welt", "Welt kompakt", "Welt am Sonntag" (Norddeutschland), "FAZ" (Frankfurt, Rhein-Main), "Leipziger Volkszeitung" und "Dresdner Neueste Nachrichten". Die erweiterte Ausgabe "chrismon plus" ist im Abonnement sowie im Bahnhofs- und Flughafenbuchhandel erh├Ąltlich. Mehr auf: www.chrismon.de

Weiterlesen auf chrismon.de:

Tausende Fl├╝chtlinge harren auf der griechischen Insel Lesbos in M├╝ll und Schlamm aus. Mahmoud war einer von ihnen. Sein Traum: Breakdance-Weltmeister werden.

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