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Russland wirft Kiew Angriffspläne auf Diplomaten vor

Von dpa
Aktualisiert am 19.03.2022Lesedauer: 5 Min.
Aussichtspunkt in der westukrainischen Stadt Lwiw.
Aussichtspunkt in der westukrainischen Stadt Lwiw. Russland wirft der Ukraine vor, Angriffe auf Diplomaten in Lwiw vorzubereiten. (Quelle: Bernat Armangue/AP/dpa./dpa)
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Kiew (dpa) - Zum ersten Mal seit Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine berichtet Moskau vom Einsatz der Hyperschall-Rakete "Kinschal". Mit der Rakete habe die russische Luftwaffe ein ukrainisches Raketenarsenal zerstört.

Die Ukraine meldete mehrere Tote und Verletzte bei erneuten russischen Angriffen. Russland beschuldigt die Ukraine, unter falscher Flagge Angriffe auf Einrichtungen westlicher Diplomaten in der westukrainischen Stadt Lwiw (Lemberg) vorzubereiten, um Druck auf die Nato zu erzeugen.

Russland: Kiew plant Angriffe auf Diplomaten

Das Verteidungsministerium in Moskau warf der Ukraine vor, Angriffe auf westliche Diplomaten in Lwiw vorzubereiten und dann Russland zu beschuldigen. "Das nationalistische Kiewer Regime plant, Angriffe auf diplomatische Objekte der USA und westlicher Länder als angeblichen "gezielten Angriff der russischen Streitkräfte" darzustellen", sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, am Samstagabend. Zudem hieß es aus Moskau, Kiew plane in den Regionen Sumy und Mykolajiw Angriffe auf Zivilisten mit Chemikalien. Belege für diese Aussagen gab es nicht.

Die Ukraine wirft ihrerseits Russland immer wieder vor, Unwahrheiten über angeblich geplante Provokationen zu verbreiten, um dann wiederum selbst unter falscher Flagge angreifen zu können. Die USA hatten zuletzt unter anderem die Sorge geäußert, dass Russland mit Vorwürfen über einen drohenden Einsatz chemischer Waffen einen Vorwand für eine potenzielle Aktion unter falscher Flagge schaffen könnte.

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Beide Seiten machen sich zudem für Seeminen im Schwarzen Meer vor der ukrainischen Küste verantwortlich.

Russland setzt Hyperschall-Rakete ein

Durch den Einsatz der "Kinschal"-Rakete sei das unterirdische Munitionsdepot der ukrainischen Luftwaffe in Deljatyn im Südwesten der Ukraine am Freitag vernichtet worden, teilte die russische Seite am Samstag mit. Es sei der erste Einsatz im Kampf überhaupt, hieß es. Im Gebiet Odessa am Schwarzen Meer seien zwei Stützpunkte der militärischen Aufklärung zerstört worden. Überprüfbar waren die Angaben nicht.

Bisher kamen die "Kinschal"-Raketen vor allem bei Manövern zum Einsatz - zuletzt wenige Tage vor der Invasion in die Ukraine, die am 24. Februar begann. Abgefeuert werden sie von Kampfflugzeugen des Typs MiG-31. Sie können nach russischen Angaben Ziele unter Umgehung aller Luftabwehrsysteme in bis zu 2000 Kilometer Entfernung treffen und übertreffen die Schallgeschwindigkeit um ein Mehrfaches.

Die Nato reagierte am Samstagabend ausweichend auf die Frage, ob sie den Einsatz einer "Kinschal" bestätigen kann. Eine Sprecherin sagte, dem Bündnis seien die Berichte über den Einsatz von Hyperschall-Raketen bekannt.

Ukraine meldet weitere Tote

Die Ukraine berichtete über mehrere Tote und Verletzte bei erneuten russischen Angriffen. Im Ort Butscha nordwestlich der Hauptstadt Kiew seien durch Beschuss am Freitag sieben Zivilisten ums Leben gekommen, teilte die Polizei der Region Kiew mit. In der ostukrainischen Region Donezk sprach die regionale Polizeibehörde von Dutzenden Toten und Verletzten ebenfalls bei Angriffen am Freitag.

Nach einem Raketenangriff russischer Truppen auf eine Kaserne in Mykolajiw im Süden der Ukraine haben Helfer mindestens 50 Tote aus den Trümmern geborgen. Insgesamt hatten rund 200 Soldaten in dem Gebäude geschlafen, als die Raketen einschlugen, wie die "Ukrajinska Prawda" berichtete. Knapp 60 Verletzte wurden in umliegende Krankenhäuser gebracht. Nach den Worten von Bürgermeister Olexander Senkewitsch sei der Überfall am Freitag aus unmittelbarer Nähe von Mykolajiw erfolgt, so dass es nicht möglich gewesen sei, rechtzeitig Alarm zu schlagen. Die Angaben ließen sich nicht unabhängig überprüfen.

Kiew und Moskau haben jeweils über die Evakuierung Tausender weiterer Zivilisten aus besonders umkämpften Gebieten in der Ukraine berichtet. Aus der belagerten Hafenstadt Mariupol seien am Samstag mehr als 4100 Menschen geflohen, schrieb der stellvertretende Leiter des ukrainischen Präsidialamtes, Kyrylo Tymoschenko, auf Telegram. Knapp 2500 weitere Zivilisten seien aus den Regionen Kiew und Luhansk über so genannte Fluchtkorridore in Sicherheit gebracht worden. Die russische Seite berichtete über die Evakuierung von knapp 16 400 Menschen aus Donezk und Luhansk und anderen Teilen der Ukraine nach Russland. Der Stadtrat von Mariupol warf Moskau vor, Tausende Zivilisten gegen ihren Willen nach Russland gebracht zu haben.

In Saporischschja wurde eine anderthalbtägige Ausgangssperre verhängt. Bis Montagmorgen um 6.00 Uhr (5.00 Uhr MEZ) stellt auch der Bahnhof der Stadt seinen Betrieb ein.

Putin telefoniert mit Luxemburgs Premier

Russlands Präsident Wladimir Putin telefonierte mit Luxemburgs Premierminister Xavier Bettel. Putin habe auf die "unaufhörlichen Raketenangriffe ukrainischer Kräfte auf Donezk und andere Städte in der Donezker Volksrepublik und der Luhansker Volksrepublik, die zu vielen zivilen Opfern führten" hingewiesen, hieß es vom Kreml. Bettel sagte nach einer Mitteilung des luxemburgischen Staatsministeriums, es sei ihm darum gegangen, zur Deeskalation beizutragen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte in einer Liveschalte nach Bern die Schweizer Regierung auf, die Konten aller russischen Oligarchen zu sperren. "Auch das ist ein Kampf gegen das Böse", sagte Selenskyj nach Angaben des Übersetzers vor tausenden Antikriegsdemonstranten vor dem Schweizer Parlament.

Die letzten Diplomaten aus der autoritär geführten Republik Belarus haben Angaben aus Minsk zufolge die Ukraine verlassen. Hintergrund seien "unerträgliche Zustände" für die Belarussen in der Ukraine gewesen, sagte Igor Sokol, der als Botschafter in Kiew war, am Samstag im belarussischen Staatsfernsehen. Er verwies etwa auf gesperrte Bankkonten.

USA schicken Militärkontingent nach Bulgarien

Zur Stärkung der Nato-Ostflanke wollen die USA ein Truppenkontingent nach Bulgarien entsenden. Das sagte der bulgarische Ministerpräsident Kiril Petkow nach Gesprächen mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin am Samstag in Sofia. Dieses Kontingent soll unter dem Kommando des Nato-Oberbefehlshabers in Europa stehen.

Der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki forderte eine Handelsblockade der EU gegen Russland. Diese müsse ein Einfahrverbot russischer Schiffe mit russischen Waren in europäische Seehäfen sowie ein Verbot des Handels auf dem Landweg umfassen, sagte er laut Agentur PAP.

Mehr als 200.000 Flüchtlinge in Deutschland

In Deutschland registrierte die Bundespolizei seit Beginn des russischen Angriffs nach Angaben des Bundesinnenministeriums vom Samstag 207 742 Kriegsflüchtlinge. Die Zahl der tatsächlich Angekommenen dürfte deutlich höher sein. Nach UN-Angaben sind mehr als 3,1 Millionen Menschen aus der Ukraine ins Ausland geflohen. Allein in Polen kamen bisher rund zwei Millionen Menschen an.

Bildungspolitiker in den Ländern schätzen, dass etwa die Hälfte der in Deutschland ankommenden Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine Kinder und Jugendliche sind, die früher oder später in Schulen oder Kitas unterkommen. Der Deutsche Lehrerverband forderte gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland rasche Hilfen für die Schulen, um den geflüchteten Kindern gerecht zu werden.

Am Wochenende waren in vielen deutschen Städten Demonstrationen und Konzerte für den Frieden in der Ukraine angekündigt. Am Sonntag war unter anderem am Brandenburger Tor in Berlin eine große Kundgebung mit dem Titel "Sound of Peace" mit zahlreichen Musikern geplant.

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