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Streit um die Erinnerung an Auschwitz: Frank-Walter Steinmeier in Israel

Bundespräsident Steinmeier in Israel  

Streit um die Erinnerung an Auschwitz

23.01.2020, 18:35 Uhr
Steinmeier äußert sich in Israel zu Antisemitismus in Deutschland

Bei einer Zeremonie zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Jerusalem zur Schuld der Deutschen und ihrer andauernden Verpflichtung zum Kampf gegen den Antisemitismus bekannt. (Quelle: Reuters)

Schwierige Reise: Bundespräsident Steinmeier gedachte in Israel der Opfer des Holocaust und äußerte sich zu Antisemitismus in Deutschland. (Quelle: Reuters)


Für Frank-Walter Steinmeier war es eine schwierige Reise: In Israel traf der Bundespräsident Holocaust-Überlebende. Dazu auf Wladimir Putin, der das Gedenken an Auschwitz instrumentalisiert. 

In dem Moment, als jedes Wort von ihm wie das Ausschlagen der Nadel eines Seismographen registriert wurde, da schwieg Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Über eine halbe Stunde lang am gestrigen Mittwoch. Steinmeier saß im Kreis mit knapp zwei Dutzend Holocaust-Überlebenden – in Jerusalem bei einer Veranstaltung der Erinnerungsstätte "Amcha".

Hinter ihm: Diverse Pressevertreter, die ihn beobachteten. Doch Steinmeier achtete nur auf Giselle Cycowicz, und hörte genau zu, als die 92-jährige ihre Geschichte erzählte. Wie sie 1944 nach Auschwitz kam und zunächst glaubte, sie würde die Arbeit an der Drehbank im Konzentrationslager nicht überleben. Wie sich ihr Vater von ihnen verabschiedete mit den Worten "Morgen gehe ich ins Gas."

"Ihr seid frei"

Sie sah ihn nie wieder. Und wie dann, gegen Kriegsende 1945, jemand pfiff, sie und die anderen Häftlinge auf den Appellplatz gingen und hörten: "Ihr müsst euch heute nicht in Reih und Glied aufstellen. Ihr seid frei."
Anschließend erzählten auch andere Überlebende ihre Geschichte. Der Bundespräsident fasste sich kurz und erklärte respektvoll: "Sie alle haben ein schweres Schicksal hinter sich. (…) Um heute die Verantwortung, die nicht endet, an weitere Generationen weiterzugeben, brauchen wir das Reden über die Einzelschicksale."

Frank-Walter Steinmeier war an diesem Mittwoch mit seiner Frau Elke Büdenbender für eine zweitägige Reise nach Israel geflogen und traf dort unter anderem Holocaust-Überlebende wie Giselle Cycowicz. Anlass der Reise war das fünfte "World-Holocaust-Forum" mit dem Motto: "An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen". Im Zentrum stand vor allem das Gedenken an den 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz.

Giselle Cycowicz sprach mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. (Quelle: dpa/Bernd von Jutrczenka)Giselle Cycowicz sprach mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. (Quelle: Bernd von Jutrczenka/dpa)

Steinmeier war nicht allein, Staatsgäste aus knapp 50 Ländern waren nach Israel gekommen, auch Vertreter der vier Siegermächte des Zweiten Weltkriegs: Russlands Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron, der britische Prinz Charles und US-Vizepräsident Mike Pence. Bei dem Treffen wurde deutlich, dass das Gedenken an den Holocaust eine aktuelle, politische Dimension bekommen hat, in die diverse internationale Interessen hineinspielen.

"Mit Dankbarkeit und Demut"

Fast die gesamte Stadt Jerusalem stand in diesen Tagen unter Polizeischutz, Tag und Nacht heulten die Polizeisirenen, wenn die internationalen Delegationen mit ihren jeweiligen ranghohen Politikern die Straße entlangfuhren. Auf Drängen des israelischen Präsidenten Reuven Rivlin sollte beim "World Holocaust Forum" aber nicht nur Auschwitz' gedacht, sondern auch Strategien im Kampf gegen den Antisemitismus gefunden werden. Allein in Berlin gab es 2018 über 1.000 antisemitische Vorfälle, in verschiedenen Arbeitskreisen beratschlagten in Israel deshalb dutzende Delegationen, wie der Hass auf Juden weltweit bekämpft werden kann.

Steinmeiers Israel-Besuch begann mit einem Eintrag ins Gästebuch: "Mit Dankbarkeit und Demut ergreife ich die Hand, die meinem Land und mir mit der Einladung zum World Holocaust Forum als Zeichen der Versöhnung gereicht wird." Damit war die Tonlage für diese zwei Tage gesetzt: Das Auftreten des Bundespräsidenten in Israel war geprägt von Demut. Zu keinem Zeitpunkt redete er die historische Verantwortung Deutschlands klein. Und wirkte gerade deshalb würdevoll.

Es war vielleicht die letzte Gedenkveranstaltung dieses Ausmaßes mit Zeitzeugen, ihre Zahl wird immer geringer. Auch deshalb hatten der israelische Staatspräsident Reuven Rivlin und Steinmeier schon vor über einem Jahr den Besuch geplant, der mehr sein soll als ein Symbol. Es geht um die große Frage: Wie hält man die Erinnerung an die grausamen Verbrechen der Nationalsozialisten wach, auch dann, wenn die Überlebenden nicht mehr von ihnen berichten können?

Streit um die Erinnerung

Doch diese Frage wurde überschattet: Ein internationaler Streit um die Deutungshoheit über den Holocaust ist ausgebrochen, dabei geht es um die Interpretation der Vergangenheit – und um die nationalen Befindlichkeiten der drei Länder Russland, Polen und Israel. Streitpunkt ist die Frage, welches Land wie vom Holocaust betroffen war und welches Selbstverständnis sich daraus für heute ableiten lässt.

Der deutsche Bundespräsident Steinmeier steht dabei zwischen den Parteien, ihm ist es wichtig, zur historischen Verantwortung Deutschlands zu stehen und konsequent jede Form von heutigem Antisemitismus anzuprangern.

Frank-Walter Steinmeier: Der Bundespräsident hielt eine Rede beim "World Holocaust Forum". (Quelle: dpa/Oded Karni/Israel GPO)Frank-Walter Steinmeier: Der Bundespräsident hielt eine Rede beim "World Holocaust Forum". (Quelle: Oded Karni/Israel GPO/dpa)

Die Interessen von Russland, Polen und Israel sind jeweils anders gelagert: Ausrichter der Gedenkveranstaltung in Israel war Wjatscheslaw Mosche Kantor, der Vorsitzende des europäisch-jüdischen Kongresses – der als Putin-naher Oligarch gilt. Die israelische Regierung kann es sich im Moment nicht leisten, Putin zu verärgern: Denn Russland stützt den syrischen Diktator Baschar al-Assad, die israelischen Nachbarn und Israel selbst sind auf Zusammenarbeit mit Putin angewiesen: Wollen sie die Macht des Irans in der Region eindämmen und ihre eigene Position sichern.

Spannungen zwischen Polen und Israel

Die ohnehin unruhige Situation in Iran sorgt für Anspannung in Israel. Wohl auch deshalb lässt das Land zu, dass die Veranstaltung von einem kremltreuen Oligarchen ausgerichtet wird. Hinzu kommt: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu ist innenpolitisch und juristisch unter Druck, Anfang März finden Parlamentswahlen statt. Unruhe ist da unerwünscht.

Gleichzeitig herrscht bei der israelischen Bevölkerung die Sorge, dass von polnischer Seite eine Umdeutung des Holocaust eintritt. Und so die Tatsache in den Hintergrund tritt, dass es größtenteils jüdische Menschen waren, die während des Holocaust insbesondere in Auschwitz ermordet wurden. Polen wolle die Mentalität der Erinnerung ändern, und vor allem die polnischen Opfer in den Vordergrund rücken, so sehen das viele in Israel.

Die populistische PIS-Partei, die in Polen an der Regierung ist, hat ein eigenes Interesse daran, die Geschichte Polens in einem für die Nationalkonservativen genehmen Sinn zu interpretieren. 2018 verabschiedete die Regierung ein Gesetz, das es verbietet, Polen für die Verbrechen der Nationalsozialisten mitverantwortlich zu machen.

"Sein ganzer Körper weinte"

Genau das hatte der russische Präsident Putin vor kurzem behauptet: Polen habe im Zweiten Weltkrieg mit den Nazis kooperiert. Zudem stellte er den Pakt, bei dem Hitler und Stalin Polen unter sich praktisch aufteilten als alternativlos dar, was an Geschichtsklitterung grenzt: Polen war damals ein Opfer dieser Abmachung. Das erboste die polnische Regierung.

Schließlich sagte der polnische Präsident Andrzej Duda seine Teilnahme am "World Holocaust Forum" ab. Die Veranstaltung wird in Warschau auch als direkte Konkurrenz gesehen zur Gedenkfeier in Auschwitz. Bundespräsident Steinmeier ist Besucher beider Veranstaltungen und könnte so möglicherweise noch eine vermittelnde Rolle in dem Konflikt einnehmen.

Das "World Holocaust Forum" selbst begann mit der Rede des israelischen Staatspräsidenten Reuven Rivlin, der an das unmenschliche Leid erinnerte: "Am 27. Januar 1945 wurden die Tore der Hölle geöffnet." Dann zitiert er einen sowjetischen Soldaten, der damals schrieb, dass "sein ganzer Körper weinte", als Auschwitz endlich befreit wurde. Er mahnte, Demokratie sei nichts Selbstverständliches.

Anschließend folgte der Auftritt des israelischen Premiers Benjamin Netanjahu: "Die Angehörigen sind dankbar für den Tag der Befreiung", er erklärte, man werde "keinen weiteren Holocaust zulassen." Israel müsse Herr des eigenen Schicksals sein. Und Netanjahu kam auch auf den Iran zu sprechen, die "Tyrannen, die das eigene Volk unterdrücken und die Menschen im Nahen Osten bedrohen."

Putins großer Auftritt

Der russische Präsident nutzte daraufhin die Bühne, die sich ihm bot, für einen beachtlichen Auftritt. Schon vor der eigentlichen Rede, bei einer Einweihung des Denkmals für die Opfer der Blockade von Leningrad, die am Donnerstag stattfand, erzählte Wladimir Putin davon, wie sein Vater die Heimatstadt verteidigte und sein eigener Bruder verstarb.

Dann, bei der Rede folgte der zweite Teil von Putins Auftritt: Er betonte zunächst das Leid in Auschwitz, die systematischen Morde der Nationalsozialisten. Anschließend verwies er aber auf die "Kollaborateure", Angehörige anderer Nationen hätten mitgeholfen, die Juden zu ermorden. Es war kein direkter, aber immerhin ein indirekter Seitenhieb gegen Polen. Zudem verwies der russische Präsident darauf, dass der Holocaust heute politisiert werde und nannte das "unmöglich".

Es war Teil von Putins sorgfältiger Inszenierung, die er schon vor einigen Wochen begonnen hat. So wie die polnische Regierung versucht, in ihrem Sinne die Geschichte des Holocaust zu erzählen, versucht Putin dasselbe für Russland zu tun.

Deutsche als Vermittler?

Frank-Walter Steinmeier sprach als letzter Staatschef, und er hielt seine Rede auf Englisch. Er ist das erste deutsche Staatsoberhaupt, das überhaupt in der Gedenkstätte Yad Vashem sprechen durfte. Und Steinmeier Rede ist das Gegenteil eines "Schlussstrichs" wie ihn die AfD im Bezug auf die deutsche Geschichte fordert. Er erklärte: "Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt. Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten. (…) Wenn nur eine schwere Holztür verhindert, dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur in einer Synagoge ein Blutbad anrichtet."

Vor drei Monaten schoss dort ein Rechtsterrorist auf eine Synagoge, die jüdischen Mitbürger darin verdanken ihr Leben lediglich einer Tür, die so schwer war, dass sie den Schüssen nicht nachgab.

Der Bundespräsident wirkte gleichzeitig gefasst und betroffen. Am Schluss der Rede erinnert Steinmeier an die Ermordeten in Auschwitz: "Ihr Leben ging im entfesselten Hass verloren. Aber die Erinnerung an sie besiegt das Nichts. Und das Handeln, unser Handeln, besiegt den Hass." Am Nachmittag folgte dann noch eine Kranzniederlegung der Staatschefs, Steinmeier brach am Abend wieder zurück nach Berlin auf.

Die Erinnerung an den Holocaust steht in diesem Jahr im Schatten des Ringens um die geschichtspolitische Deutungshoheit und der internationalen Krisenlage. Das nächste Treffen von Bundespräsident Steinmeier und dem israelischen Präsidenten Rivlin in Auschwitz am Anfang der kommenden Woche wird zeigen, wie sich die politische Dynamik zwischen den Akteuren weiter entwickelt.

Möglicherweise kommt es gerade auch auf Frank-Walter Steinmeier und die Bundeskanzlerin Angela Merkel an. Die politischen Dimensionen sind enorm und gleichzeitig bieten sie eine Chance: Die Deutschen könnten als Vermittler zwischen den streitenden Parteien auftreten. Seine "Landsleute" haben das "größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte" begangen, betonte Steinmeier in seiner Rede.

Vielleicht bietet sich den Deutschen 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz eine historische Chance. Und zwar durch die Vermittlung zwischen den streitenden Parteien. Denn die Erinnerung an Auschwitz gehört allen Menschen. Eine besondere Verantwortung obliegt allerdings den Deutschen. Die nun beweisen könnten, dass sie aus ihrer Geschichte endgültig gelernt haben.

Verwendete Quellen:
  • Besuch mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in Israel

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