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Diese Jahre der Schande waren ein Armutszeugnis f├╝r Europa

Von Sophia Maier

Aktualisiert am 11.09.2020Lesedauer: 10 Min.
Lesbos: Im Fl├╝chtlingslager Moria auf der griechischen Insel sind mehrere Br├Ąnde ausgebrochen.
Lesbos: Im Fl├╝chtlingslager Moria auf der griechischen Insel sind mehrere Br├Ąnde ausgebrochen. (Quelle: /dpa-bilder)
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Nicht erst seit dem Brand in Moria ist das Leid f├╝r Fl├╝chtlinge in Griechenland unfassbar gro├č. Reporterin Sophia Maier hat in den letzten Jahren das Schrecken in den Lagern miterlebt und ihren Glauben an Europa verloren.

In den vergangenen f├╝nf Jahren war ich viele Male in europ├Ąischen Fl├╝chtlingslagern. Idomeni, Samos, Grenzgebiet zur T├╝rkei, und auch auf Lesbos. Nun ist dort das Lager Moria abgebrannt. 13.000 Verzweifelte, die jetzt auch ihr letztes Hab und Gut verloren haben, die Hoffnung auf Menschsein. Mit dieser Trag├Âdie habe Europa seine Humanit├Ąt und W├╝rde verloren, lese ich in den sozialen Netzen und Kommentarspalten. Das ist falsch.


Feuer in Moria: Flammenh├Âlle im Fl├╝chtlingslager

Gro├če Teile des griechischen Fl├╝chtlingslagers Moria auf der Insel Lesbos standen in Flammen. Noch ist nicht sicher, wie es zu dem Ungl├╝ck kommen konnte.
Fire burns at the Moria camp for refugees and migrants on the island of Lesbos
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Europa, Tr├Ąger des Friedensnobelpreises f├╝r den Einsatz f├╝r Menschenrechte, hat mit jedem Ertrunkenen im Meer und jedem Gefl├╝chteten in den Elendslagern bereits vor vielen Jahren alle Werte vor seinen eigenen Toren abgegeben.

Ein pers├Ânliches Protokoll:

Lesbos (Griechenland), 2016:

Ich reise das erste Mal nach Lesbos, habe meinen Job an den Nagel geh├Ąngt und will hier f├╝r eine Hilfsorganisation arbeiten. Ich stehe an der K├╝ste der griechischen Insel, blicke zur t├╝rkischen Grenze. Ein sch├Âner, tr├╝gerischer Ausblick, denke ich mir. W├Ąhrend die W├Ąrmedecken der letzten Nacht hinfort wehen, ertrinken in diesem Moment f├╝nf Menschen in dem Meer vor mir. Es ist das Ende ihrer Reise.

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Auf Lesbos stapeln sich die Schwimmwesten der Gefl├╝chteten, die ├╝ber das Mittelmeer kamen: Immer noch ertrinken viele Menschen auf der gef├Ąhrlichen ├ťberfahrt.
Auf Lesbos stapeln sich die Schwimmwesten der Gefl├╝chteten, die ├╝ber das Mittelmeer kamen: Immer noch ertrinken viele Menschen auf der gef├Ąhrlichen ├ťberfahrt. (Quelle: /imago-images-bilder)

Das Ende der Reise in ein menschenw├╝rdiges Leben, hinein in einen unw├╝rdigen Tod. Auch die eines sechs Monate alten Babys. Das Meer, es ist ein Friedhof, ein Massengrab f├╝r die Vergessenen. Zur gleichen Zeit: Der gro├če Durchbruch, die Geburtsstunde des EU-T├╝rkei-Deal. Das Lager Moria wird zu einem sogenannten EU-Hotspot. Der Plan: Innerhalb von wenigen Wochen sollen Asylantr├Ąge hier gepr├╝ft und Gefl├╝chtete innerhalb der EU verteilt werden, w├Ąhrend diejenigen ohne Schutzanspruch zur├╝ck in die T├╝rkei sollen.

Sophia Maier (33) ist eine deutsche Journalistin und Fotografin. Seit 2016 ist sie freie Reporterin f├╝r das Format "stern TV".

Es sollte ein Masterplan sein, eine Antwort auf die vielen Gefl├╝chteten, die nach Europa wollen, aber vor allem Antwort auf die Sorgen der besorgten B├╝rger. Aber nichts davon erf├╝llt sich, der Deal scheitert in der Praxis. Die Gefl├╝chteten stecken bis zu mehreren Jahren in den Lagern auf den griechischen Inseln fest, im Dreck und Schlamm, teilweise ohne flie├čend Wasser und Elektrizit├Ąt. Ja, es ist zwar ein Leben in Europa, aber einem Europa unw├╝rdig, denke ich mir damals zum ersten Mal.

Idomeni (Griechenland), 2016:

Die Bilder der Menschen mit Willkommensplakaten an deutschen Bahnh├Âfen scheinen eine Ewigkeit her, tausende Gefl├╝chtete versuchen ├╝ber die Balkan-Route nach Westeuropa zu kommen. 2015 darf sich nicht wiederholen, mahnen Politiker. Die Grenzen in Europa werden dicht gemacht. Im griechischen Dorf Idomeni, nahe Mazedonien, stranden ├╝ber mehrere Monate 10.000 Gefl├╝chtete, meine Hilfsorganisation verlagert die Projekte hierher.

W├Ąhrend viele von uns gem├╝tlich daheim im Warmen sitzen, harren sie unter erb├Ąrmlichen Bedingungen hinter einem riesigen Stacheldrahtzaun aus. Ein Zaun, den wir f├╝r viel, viel Geld gebaut haben. Die Menschen aber leben in undichten Zelten, im Dreck, in der K├Ąlte, sie haben weder genug Wasser und Essen, noch genug Kleidung. Es sind Menschen mit Verletzungen, alte Menschen im Rollstuhl, Schwache, Kranke. Und es sind 5.000 Kinder. Unsere Zukunft. Die Verwundbarsten. Ich erlebe immer wieder gewaltsame Aufst├Ąnden im Lager, Beamte reagieren mit Blendgranaten und Tr├Ąnengas, die inmitten von Zelten von Familien einschlagen. Es sind Bilder, die schwer zu ertragen sind. Der damalige Innenminister Thomas de Maizi├Ęre sagt: "Wir m├╝ssen diese harten Bilder aushalten."

Norbert Bl├╝m will diese Bilder nicht nur aushalten, er will ein Zeichen setzen, Anteil nehmen. Er reist nach Idomeni. Der damals 80-J├Ąhrige steht im Regen und Matsch vor dem Stacheldrahtzaun, an dem Kinderkleidung zum Trocknen h├Ąngt, und sagt: "Europa, sch├Ąm dich!" Eine Szene, die mir bis heute G├Ąnsehaut macht. Ich arbeite zu dieser Zeit f├╝r die Hilfsorganisation im Lager, wir verteilen Wasser, Essen und Kleidung. Ich treffe Norbert Bl├╝m, zeige ihm unsere Arbeit, habe ehrliche Hoffnung, dass Europa bald zur Besinnung kommt, dass es diesen Menschen helfen wird. Ich glaubte damals noch fest daran, dass Europa nicht nur auf dem Papier f├╝r Menschenrechte und Menschenw├╝rde steht. Sondern, dass diese europ├Ąische Idee wahrhaftig ist. Doch ich werde in den kommenden Jahren eines Besseren belehrt.

In Idomeni kursieren in dieser Zeit immer wieder Ger├╝chte, dass die Grenze aufgeht. Weil die Menschen leben wollen, halten sie an der Hoffnung fest. Dass sie doch noch die Chance auf ein Leben bekommen, ohne Bomben, Verfolgung und Krieg. Ein w├╝rdiges Leben, wie wir es f├╝hren d├╝rfen. Offensichtlich ein Privileg im Europa des 21. Jahrhunderts.

Das Fl├╝chtlingslager in Idomeni im November 2016: Auch im Winter m├╝ssen die Gefl├╝chteten in Zelten ausharren.
Das Fl├╝chtlingslager in Idomeni im November 2016: Auch im Winter m├╝ssen die Gefl├╝chteten in Zelten ausharren. (Quelle: /imago-images-bilder)

Ich begleite mit der Kamera hunderte Menschen beim Versuch, nach Mazedonien gelangen. Unmenschliche, besch├Ąmende Momente. Kinder, die verzweifelt versuchten, einen rei├čenden Flu├č zu ├╝berqueren, in dem kurz zuvor erst drei Menschen bei ihrem Fluchtversuch ertrunken sind. Alte, kranke Menschen, am Ende ihrer Kr├Ąfte, die sich durch den Schlamm k├Ąmpfen und immer wieder st├╝rzen. Familienv├Ąter, die mit ihrer Familie einfach nur dem Ort entkommen wollen, an dem Europa seine Menschlichkeit aufgegeben hat.

Endlich angekommen werden sie von der mazedonischen Polizei verhaftet, geschlagen. Andere Familien stecken tagelang in den Bergen fest, festgehalten von Milit├Ąr und Polizei. In der K├Ąlte. Mit ihren Kindern. Ohne nichts. Es war hoffnungslos, die Grenze ging nie auf. Nach wenigen Monaten werden die Menschen mit Bussen in andere Lager gekarrt, wo sie unter den gleichen menschenunw├╝rdigen Bedingungen ausharren m├╝ssen. Nichts ├Ąndert sich, niemand hilft, alles wird nur schlimmer.

Camp Moria (Lesbos), 2018:

Zwei Jahre sp├Ąter. Die Zahl der Asylantr├Ąge in Deutschland sinkt weiter, w├Ąhrend immer noch fast t├Ąglich Boote auf den griechischen Inseln mit Gefl├╝chteten ankommen. Manche ertrinken und sterben, andere ├╝berleben die gef├Ąhrliche ├ťberfahrt. Sie sind erleichtert und hoffnungsvoll, dass jetzt ein besseres Leben beginnt, ohne Krieg und Bomben. Aber sie wissen nicht, dass im Lager das n├Ąchste Trauma auf sie wartet.

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Sophia Maier (links) mit einer Gruppe Gefl├╝chteter in Moria im Jahr 2018.
Sophia Maier (links) mit einer Gruppe Gefl├╝chteter in Moria im Jahr 2018. (Quelle: Facebook / Sophia Maier)

Zu dieser Zeit warnt "├ärzte ohne Grenzen" immer wieder vor selbstmordgef├Ąhrdeten Kindern im Lager, es sind Appelle, die schon l├Ąngst nicht mehr geh├Ârt werden. Ich bin wieder zur├╝ck, m├Âchte eine Reportage ├╝ber die Kinder vor Ort machen. Zu diesem Zeitpunkt habe ich schon viele Lager auf der Welt sehen k├Ânnen: Im Irak, in Jordanien, im Libanon. Ich habe aber nie etwas Schlimmeres als auf Lesbos gesehen und erlebt. Die Menschen vegetieren in Zelten vor sich hin, inmitten von M├╝ll und Ratten, sie haben zu wenig Essen und Trinken. Unter ihnen: Kranke, traumatisierte Menschen, Folteropfer. Und die EU? Es ist still geworden. Hauptsache, die Menschen bleiben, wo sie sind.

Ich treffe hier das M├Ądchen Paria aus Afghanistan. Sie erz├Ąhlt mir, wie unfassbar kalt das Leben im Zelt ist, sagt, dass das hier kein Ort f├╝r Menschen ist, sondern f├╝r Tiere. Ich frage sie nach Spielsachen, sie l├Ąchelt, kramt in ihrer Jacke und holt stolz ihr einziges Spielzeug raus: Steine. Stinknormale, dreckige Steine. Sie sagt: "Ich bin alleine hier, ich muss mich besch├Ąftigen, was soll ich sonst tun? Ich bin einsam und versuch mir mit diesen Steinen die Zeit zu vertreiben." Es ist eine ber├╝hrende Begegnung von etlichen, und doch pr├Ągt sie sich tief in mir ein. Diese kleine M├Ądchen, das alles verloren hat, und sich ├╝ber ein paar Steine freut, es macht mich fertig. Es ist mein pers├Ânlicher Wendepunkt, weil ich immer mehr verstehe, dass das hier alles nicht aus Versehen passiert, sondern dass es gewollte Abschreckung ist, dass sich nichts ├Ąndern wird, dass die europ├Ąischen Werte in der Praxis keinen Bestand haben.

Samos, Griechenland (2019):

W├Ąhrend in Moria gerade wieder zwei Menschen bei einem Feuer ums Leben gekommen sind, fahre ich in das Lager der Insel Samos. Hier gibt es Platz f├╝r knapp 700 Menschen, tats├Ąchlich leben hier aber ├╝ber 4.000 Gefl├╝chtete. Ein Leben ist es nicht, sie vegetieren in Zelten vor sich hin, sind verzweifelt, apathisch, hoffnungslos. Pro Person gibt es gerade mal eine Wasserflasche pro Tag, f├╝r ein wenig Essen m├╝ssen sie sich stundenlang anstellen.

Das Fl├╝chtlingslager Samos im Jahr 2019: Eine Gruppe muslimischer Gefl├╝chteter betet in einem Container.
Das Fl├╝chtlingslager Samos im Jahr 2019: Eine Gruppe muslimischer Gefl├╝chteter betet in einem Container. (Quelle: /imago-images-bilder)

Die hygienischen Zust├Ąnde sind katastrophal, das Lager ist voller Insekten, Schlangen und Ratten. Es gibt kaum Toiletten oder Duschen, und die wenigen sind v├Âllig verdreckt, kaputt und unbenutzbar. Ich habe eine junge Frau getroffen, deren Toilette ein kleiner Eimer in ihrem Zelt ist. Sie hat Angst, nachts rauszugehen, es gibt Berichte von Missbrauch. Frauen erz├Ąhlen, dass sie aus Verzweiflung von irgendjemanden schwanger werden, nur damit sie die Chance haben, die H├Âlle von Samos verlassen zu d├╝rfen. Eigentlich sollten die Gefl├╝chteten maximal drei Monate auf ihren Asylentscheid warten, inzwischen sind es mehrere Jahre. Mehrere Jahre in absoluter Perspektivlosigkeit, Leere und ohne zu wissen, wie das eigene Leben weitergeht, ob es denn ├╝berhaupt weitergeht.

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Das Lager l├Ąsst mich so nachdenklich wie schon lange nichts mehr zur├╝ck. Was sagt man einer schwangeren Frau, die wissen will, wo sie ihr Baby auf die Welt bringen kann? Was sagt man einem kleinen Kind, dessen Finger nachts von einer Ratte abgefressen wurde? Wie sagt man all den hier gestrandeten Menschen, dass dieses Elend, diese Menschenverachtung nun das sichere Europa ist, von dem sie getr├Ąumt haben? Das ist kein Ort zum Leben, es ist ein Ort zum Sterben. Jeden Tag kommen immer neue Boote an der K├╝ste an, auf ihnen schwangere Frauen, etliche Kinder, traumatisierte Menschen. Wie k├Ânnen wir zulassen, dass Menschen, die vor Terror, Verfolgung und Krieg geflohen sind, unter solchen inhumanen, menschenunw├╝rdigen Bedingungen leben m├╝ssen? Ich verstehe: All das wird nicht enden. Europa wird weiter wegschauen. Europa interessiert sich nicht f├╝r diese Menschen. Es gibt keine europ├Ąische Idee. Es war alles eine gro├če, verdammte L├╝ge.

T├╝rkisch-griechische Grenze, 2020:

Die t├╝rkische Regierung hat verk├╝ndet, dass sie ab sofort niemanden mehr davon abh├Ąlt, die Grenze zu Griechenland zu ├╝berqueren. Tausende Menschen machen sich in Bussen auf den Weg. Griechenland reagiert mit H├Ąrte, versucht die Menschen mit Gewalt zu stoppen: Bilder zeigen, dass griechische Beamte Tr├Ąnengas und Blendgranaten einsetzen. Ich sitze vor meinem Smartphone in meiner Wohnung in Beirut, schaue die Bilder und Videos an, erinnern mich an alles, was ich damals in Idomeni gesehen und erlebt habe. 2015 kann sich wiederholen. Europa hat nichts gelernt. Ich nehme den n├Ąchsten Flieger in die T├╝rkei.

An der griechisch-t├╝rkischen Grenze gehen im Jahr 2020 griechische Sicherheitskr├Ąfte mit Tr├Ąnengas gegen Gefl├╝chtete vor: Zuvor hatte Erdogan angek├╝ndigt die Ausreise von Schutzsuchenden nach Europa zugelassen.
An der griechisch-t├╝rkischen Grenze gehen im Jahr 2020 griechische Sicherheitskr├Ąfte mit Tr├Ąnengas gegen Gefl├╝chtete vor: Zuvor hatte Erdogan angek├╝ndigt die Ausreise von Schutzsuchenden nach Europa zugelassen. (Quelle: /imago-images-bilder)

Ich treffe die junge Mutter Asma, sie sitzt auf dem Gras im Nirgendwo zwischen der T├╝rkei und Griechenland. Ihr kleiner Sohn will einfach nicht aufh├Âren zu schreien, sie gibt ihm die Brust, singt arabische Kinderlieder, schaukelt, streichelt ihm langsam ├╝ber den Kopf. Der Wind pfeift h├Âllisch, hier am Grenzfluss Evros. "Ich kann nicht ertragen, dass mein Kind hier so friert und es ihm so schlecht geht. Das bricht einem das Herz", sagt sie. In ihren Augen sehe ich viel Wut, aber noch mehr Verzweiflung. Doch sie will nicht aufh├Âren zu hoffen, dass sich bald die Grenze nach Europa ├Âffnet. Dass sie und ihre Familie endlich leben d├╝rfen, leben wie wir auf der anderen Seite des Flusses. Ihre Hoffnung ist das letzte bisschen W├╝rde, das ihr auf ihren vielen Jahren der Flucht geblieben ist.

Wenige Tage sp├Ąter werden die Menschen wieder von der Grenze in Bussen abtransportiert. Sie waren nicht mehr als Spielfiguren, einer Verhandlungsmasse der Politik. Wieder einmal. Monate sp├Ąter recherchiert der Spiegel, dass griechische Beamte einen Gefl├╝chteten beim Versuch des Grenz├╝bertritts erschossen haben. T├Âdliche Sch├╝sse aus der EU auf Menschen, die auf der Flucht sind. Ich m├Âchte kotzen.

Heute:

Ich habe in den vergangenen Jahren viele Gefl├╝chtete in Europa getroffen. Eines verbindet sie alle: Sie glauben bis heute an Europa. Ein Europa der Menschenrechte und der Menschenw├╝rde. "Europe, good!" Diesen Satz habe ich immer wieder geh├Ârt. Ich habe auch einmal an dieses Europa geglaubt.

Ich erinnere mich, ich sa├č im Unterricht, 11. Klasse, Sozialkundeunterricht. Gr├╝ndung der EU, Europ├Ąischer Rat, Europ├Ąisches Parlament, viel Theorie und Auswendiglernen, also nichts, worauf ich als Sch├╝lerin besonders Lust hatte. Auf eines hat unser Lehrer besonders viel Wert gelegt: Die Charta der Grundrechte der EU. Der zweite Satz lautet: "In dem Bewusstsein ihres geistig-religi├Âsen und sittlichen Erbes gr├╝ndet sich die Union auf die unteilbaren und universellen Werte der W├╝rde des Menschen, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarit├Ąt." Immer wieder wurde mir als Sch├╝lerin eingebl├Ąut, wie fortschrittlich, anders, besonders Europa ist.

Lesbos: Ein Junge f├Ąhrt mit einem besch├Ądigten Fahrrad neben den verbrannten Tr├╝mmern im Fl├╝chtlingslager Moria auf der nord├Âstlichen ├äg├Ąisinsel Lesbos.
Lesbos: Ein Junge f├Ąhrt mit einem besch├Ądigten Fahrrad neben den verbrannten Tr├╝mmern im Fl├╝chtlingslager Moria auf der nord├Âstlichen ├äg├Ąisinsel Lesbos. (Quelle: /dpa-bilder)

Heute bin ich 33, Sozialkunde liegt viele Jahre zur├╝ck, nicht so lange, aber der tiefe Stolz in mir, ein Teil von diesem Europa der Menschenrechte und Menschenw├╝rde zu sein. Ja, ich war stolz. Stolz, dass ich in einem Europa gro├čgeworden bin, das Menschen w├╝rdevoll behandelt. Das demokratisch ist. Das Recht einh├Ąlt. Nicht wie viele andere Staaten, durchtr├Ąnkt von korrupten Strukturen, dokumentierten Menschenrechtsverletzungen und mit Diktatoren an ihrer Spitze.

Wenn ich heute an Europa denke, bin ich nicht mehr stolz. Ich begreife, dass wir nicht besser als die anderen sind, nur auf dem Papier die Guten sind. Ich sch├Ąme mich zutiefst. Denn was seit vielen Jahren an den europ├Ąischen Au├čengrenzen und in Europa passiert, ist ÔÇô nicht erst mit dem Brand von Moria ÔÇô die finale Komplettaufgabe von allen humanistischen Werten.

Die einzige Antwort auf das Flehen von Verzweifelten sind Armeen, Mauern und Stacheldraht. Wir feuern Tr├Ąnengas und Gummigeschosse auf Gefl├╝chtete, auf Menschen, die Schutz bei uns suchen. Anstatt Ihnen zu helfen, setzen wir das Asylrecht aus, lassen sie jahrelang in Elendslagern auf europ├Ąischen Boden vor sich hinvegetieren, verletzten sie, t├Âten sie. Inzwischen sind es zehntausende Ertrunkene auf dem Meer, vor unseren Toren. Es ist uns egal, wir haben uns an die Verzweifelten in den Lagern und Toten auf dem Meeresgrund gew├Âhnt. Ein Armutszeugnis f├╝r diesen angeblichen Kontinent der Menschenrechte und Menschenw├╝rde.

Moria: Asylsuchende schlafen am Stra├čenrand in der N├Ąhe des ausgebrannten Fl├╝chtlingslagers.
Moria: Asylsuchende schlafen am Stra├čenrand in der N├Ąhe des ausgebrannten Fl├╝chtlingslagers. (Quelle: /dpa-bilder)

Sch├Ątzungsweise 50.000 Gefl├╝chtete leben in Griechenland. Das w├╝rde bei einer gerechten Verteilung f├╝r jedes einzelne EU-Land die Aufnahme von 1.851 Menschen bedeuten. 1.851. Das ist l├Ącherlich wenig, aber zu viel f├╝r uns. Uns, die alles haben, nur keine Empathie und Mitmenschlichkeit. Irgendwo auf dem Weg haben wir vergessen, dass die Menschen vor unseren Grenzen und in den Lagern tats├Ąchliche Menschen sind, Menschen wie du und ich. Wir vergessen, dass wir diese Menschen sein k├Ânnten, dass auch von unserem Himmel Bomben fallen k├Ânnten, wir in diesem makaberen Spiel nicht die Besseren, sondern einfach nur die Gl├╝cklicheren sind. Ich w├╝nsche mir, dass sie alle eines Tages zu den Gl├╝cklichen geh├Âren.

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