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Neues Jahr 2019: Merkel sagt Tschüss und Trump spuckt Feuer

MEINUNGDie Welt im Jahr 2019  

Merkel sagt Tschüss und Trump spuckt Feuer

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

31.12.2018, 14:53 Uhr
Neues Jahr 2019: Merkel sagt Tschüss und Trump spuckt Feuer. Angela Merkel und Donald Trump beim G20-Gipfel in Buenos Aires: 2019 werden sich die weltpolitischen Trends von 2018 verschärft fortsetzen, meint unser Kolumnist. (Quelle: Reuters/Archivbild/Luisa Gonzalez)

Angela Merkel und Donald Trump beim G20-Gipfel in Buenos Aires: 2019 werden sich die weltpolitischen Trends von 2018 verschärft fortsetzen, meint unser Kolumnist. (Quelle: Archivbild/Luisa Gonzalez/Reuters)

2019 wird sich in der Welt verschärft fortsetzen, was 2018 begann. Was wir verlieren, wissen wir, nicht aber, was an seine Stelle tritt: Wer folgt als Kanzler(in), was wird ohne Amerika aus Syrien und wer bietet China Paroli?

In meinem Notizbuch halte ich Sätze fest, die mir beim Lesen auffallen. Als ich neulich darin blätterte, stolperte ich über diesen Sinnspruch: Das Glück ist flüchtig, sei bereit für das Unglück. Mir ist er eigentlich zu düster, aber er passt auf das vergangene Jahr und womöglich auch für das kommende.

Mich beunruhigt die Gleichgültigkeit, welche die Supermacht Amerika gegenüber der Welt einnimmt, in die sie sich seit dem 11. September 2001 einmischte. Dass der Präsident Afghanistan drein gibt, verstehe ich noch. Der Fehler bestand im Glauben, dass Amerika die Demokratie in einem Land einführen kann, das aus rivalisierenden Stämmen mit unterschiedlichen Ethnien und Religionen besteht und in dessen Geschichte Gemeinsamkeit lediglich in der Abwehr ausländischer Invasionen herrschte.

Afghanistan: Von außen lässt sich nichts regeln

Von außen lässt sich hier nichts regeln. Von innen vielleicht auch nicht, aber dann gibt es jedenfalls nicht mehr den Vorwand der Fremdherrschaft, die alles verdirbt. An Nachbarn, die in Afghanistan destruktive Interessen haben, mangelt es ohnehin nicht: Pakistan, Indien, die zentralasiatischen Staaten, China, auch Saudi-Arabien.

Syrien ist historisch ungleich weiter, sozial wie politisch und kulturell. Dank der Ambivalenz Amerikas entstand schon vor Jahren ein Vakuum, in das zuerst der IS, dann die Türkei und Russland stießen, wobei die iranischen Milizen plus der libanesischen Hisbollah ohnehin jede Chance zur Ausdehnung ihres Einflusses nutzen. Dazu kommen Saudi-Arabien und Israel, die nach Belieben ihr eigenes Spiel spielen.

Die Kurden verlieren ihre Schutzmacht

Der Rückzug Amerikas bedeutet, dass die Kurden ihre Schutzmacht verlieren und die Türkei militärisch gegen sie vorgehen kann und das heißt: mit allen Mitteln. Er bedeutetet auch, dass Israel und Saudi-Arabien von jetzt an die regionale Hegemonie Irans ohne Amerika eindämmen sollen.

US-Spezialkräfte 2017 in Syrien: Präsident Trump hat befohlen, die Truppen aus dem Kampf gegen den IS abzuziehen. (Quelle: Reuters/Archivbild/Rodi Said)US-Spezialkräfte 2017 in Syrien: Präsident Trump hat befohlen, die Truppen aus dem Kampf gegen den IS abzuziehen. (Quelle: Archivbild/Rodi Said/Reuters)

Und es bedeutet natürlich, dass Baschar al-Assad zum beispiellosen Überlebenskünstler werden darf, dem der Bürgerkrieg und der Krieg und die Invasionen und sämtliche Blutbäder der letzten Jahre, die er anrichten ließ, nichts anhaben konnten. Milošević und Saddam und Mubarak müssen vor Neid erblassen.

In Syrien ist das Unglück stetig und das Glück flüchtig.

The Donald, der Feuerspucker

Kommen wir zu The Donald, den Feuerspucker, der keinen einzigen Erwachsenen in seiner Umgebung mehr duldet. Folglich wird er uns noch öfter und tiefer in Verwirrung und Verzweiflung stürzen als bisher schon immer. Momentan spuckt er Feuer, weil der Kongress seine mexikanische Mauer nicht baut und die Notenbank anders handelt, als er es will. Unerhört! Ich bin der Präsident und auf mich kommt es an, immer und überall!

Meine Wette, dass Trump die Hälfte seiner Amtszeit nicht erreicht, gewinne ich nicht mehr. Aber trotzdem steigen die Chancen, dass sich The Donald um Kopf und Kragen redet, und ihm der Sonderermittler Lügen und die systematische Verquickung von Politik und Geschäft nachweisen kann.

Auf Unglück kann Glück ja auch mal rasch folgen.

Wie denkt Chinas Machtzirkel über die USA?

Ich wüsste zu gerne, wie sie im Zirkel von Xi Jinping über Amerika und die Ereignisse im Nahen Osten denken und reden. Ungefähr so stelle ich mir es vor: "Amerika bekommt nichts mehr hin, rennt aus dem Nahen Osten davon, schwächt sich damit selber und verliert seine Einflusssphären. Das kommt davon, wenn man sich überall einmischt und nichts davon hat, außer Ärger und Konflikten und Kriegen, die man sich auch noch freiwillig aufhalst. Für uns sind diese Nachrichten gut, denn Amerika besitzt unter Trump noch weniger Autorität als unter Obama und muss es sich gut überlegen, wie es auf unseren verdienten Aufstieg zur Weltmacht reagieren will. Hindern kann es uns daran nämlich sowieso nicht, keine Sorge, wir können Amerika sich überlassen, es erledigt sich gerade von selber. Nur weiter so, brennt euer Haus ruhig nieder."

Unser Unglück mit Trump ist Xis Glück.

Wandern wir weiter nach Europa, das brav stagniert, anstatt sein Projekt voran zu treiben. Theresa May ist die Unglücklichste am Rande des Kontinents, geschlagen mit der geballten Verantwortungslosigkeit eines Parlaments, das nach mehr Unglück schreit. D-Day ist der 29. März und falls die Premierministerin dann noch Premierministerin sein sollte, hat sie Erstaunliches vollbracht: Clowns und Egozentriker neutralisiert und ihr Land halbwegs in der Europäischen Union gehalten. Mehr geht nicht, auch nicht mehr Ungerechtigkeit ihr gegenüber. Vielleicht behandelt die Geschichte sie dereinst gnädiger als die Gegenwart.

Macron wollte vielleicht zu viel

Meine Anteilnahme gilt besonders Emmanuel Macron, der vielleicht zu viel zu schnell wollte, aber Präsidenten, die zu wenig wollten, gab es dort im Übermaß. Anders als seine pompösen Vorgänger aber legte er sich mit dem reformunwilligen Frankreich an, das jetzt scharf zurückschlägt. Denn die vielen Gewerkschaften haben ihre eigene anarcho-syndikalistische Tradition und sehen kein Problem darin, Autos anzuzünden und Straßen zu blockieren und wüst zu streiken. In Deutschland hingegen fühlen sich die Gewerkschaften eher fürs Ganze verantwortlich und streiken mit schlechtem Gewissen nicht allzu lange. Bei uns hätte es Macron erheblich leichter.

Aufruhr in Frankreich: In Paris trafen zuletzt "Gelbwesten" und Polizei aufeinander, Bilder von brennenden Autos und Tränengas gingen um die Welt. (Quelle: Reuters)

In Frankreich hat es die Rechte am weitesten gebracht. Die Familie Le Pen beherrscht den Front National, der je nach Bedarf antisemitisch und xenophob oder nur autoritär und antieuropäisch eingestellt ist. Gewinnt Macron an Popularität und wird er wiedergewählt, hält er den Front in Schach. Schafft er weder das eine noch das andere, könnte Marine Le Pen zur ersten Präsidentin aufsteigen.

Macron muss das Unglück zum zweiten Mal von Frankreich abhalten.

Deutschland: hohe Steuerüberschüsse, geringe Arbeitslosigkeit, solides Wirtschaftswachstum: alles fein! Oder? Nicht so fein, wie es sein könnte. Lange schon richten die Deutschen ihre Prioritäten nicht mehr rein ökonomisch aus, sonst wäre die AfD als Ansammlung vom Modernitätsverlierern und bürgerlich Konservativen und enttäuschten Renegaten von links nicht annähernd so erfolgreich, wie sie es ist. Das Kulturelle überlagert das Politische und dazu gehört die Verachtung für die Eliten und die Wut über Fremde im Land. Was in Frankreich etabliert ist, könnte sich 2019 in Deutschland etablieren.

Eine Kanzlerin ohne Pomp und Trallala

2019 wird das Jahr sein, in dem Angela Merkel Tschüss sagt und öfter in ihrer Datsche auftaucht, nur noch mit einem Restbestand an Leibwache. Wir wollen es ihr gönnen und ihrer angemessen gedenken, als der Kanzlerin, die uns ohne Pomp und Trallala 14 Jahre lang regierte, ebenso lange wie Konrad Adenauer. Erst noch wickelt sie die drei ostdeutschen Landtagswahlen ab, übernimmt die Verantwortung für die Sinkflüge der CDU und das war’s dann. Geht es nach ihr, bekommen wir es im Herbst 2019 mit Annegret Kramp-Karrenbauer zu tun, was weder in der Sache noch im Stil größere Veränderungen nach sich ziehen dürfte. Geht es nicht nach ihr, kommt Armin Laschet zum Zuge, was sowohl in der Sache als auch im Stil auch wenig anderes verheißt.

Daneben gibt es noch den Schattenmann, der nicht weichen will. Ich meine Friedrich Merz, von dem ich gedacht hätte, dass er wieder seiner Geschäfte nachgeht, nach dem Motto: Die CDU verdient mich nicht, also strafe ich sie künftig mit Missachtung und überlasse Deutschland dem Matriarchat, selber schuld, es hätte ja mich haben können, aber bitte, dann eben nicht. Wäre verständlich gewesen, macht er aber nicht. Statt dessen liefert er im Nachhinein viele Argumente, weshalb er zu recht nicht geworden ist, was er unbedingt werden wollte, weil er unentwegt hechelt, damit er nicht vergessen wird und doch noch irgendwo im Kabinett unterkommt.

Kontinuität kann Glück oder Unglück bringen, aber alles ist besser als der große Friedrich, groß nur an Länge.


2019 vollzieht sich, was 2018 anfing. In Amerika sitzt ein Präsident, der mit der Abrissbirne Politik betreibt und der Rest der Welt schaut entweder entgeistert oder belustigt zu. Wir leben in einer Zeit des wilden, manchmal brutalen Übergangs, siehe Frankreich, siehe England. Was wir verlieren, wissen wir. Was daraus entsteht, stimmt nicht gerade hoffnungsvoll.

Aber der Sinnspruch in meinem Notizbuch kann ja auch rückwärts gelesen werden: Das Unglück dauert seine Zeit, halte dich fürs Glück bereit. 

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