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Klimakonferenz in Bonn: Wenn die nicht, dann wir auch nicht

MEINUNGKlimakonferenz in Bonn  

Wenn die nicht, dann wir auch nicht

Von Gerhard Spörl

17.06.2019, 09:59 Uhr
Klimakonferenz in Bonn: Wenn die nicht, dann wir auch nicht. Donald Trump, Angela Merkel und Emmanuel Macron: Auf dem Kongress in Bonn soll die nächste Klimakonferenz vorbereitet werden – durch die Haltung der USA könnte das schwierig werden.  (Quelle: Reuters/Kay Nietfeld)

Donald Trump, Angela Merkel und Emmanuel Macron: Auf dem Kongress in Bonn soll die nächste Klimakonferenz vorbereitet werden – durch die Haltung der USA könnte das schwierig werden. (Quelle: Kay Nietfeld/Reuters)

Vier Grad oder drei oder zwei: Bei einer Konferenz in Bonn geht es ab heute um die Erderhitzung und wie sie sich begrenzen lässt. Nur die Rechte leugnet noch, dass es sich um Menschenwerk handelt.

Ich bin in einer kleinen Stadt in Oberfranken aufgewachsen, einer Gegend, die meine Eltern halb im Ernst und halb im Spaß "Bayerisch Sibirien" nannten. Der erste Schnee fiel spätestens Ende Oktober und erst nach Ostern schmolzen die letzten Reste weg. Ich fegte mit meinem Bobschlitten die Abhänge hinunter und lernte mitten in der Stadt das Skifahren. Kälte macht mir bis heute nichts aus, was meine Frau völlig unverständlich findet.

Als mich "Die Zeit" in Hamburg anheuerte, war ich verblüfft darüber, dass die Außenalster zufror, mehr als ein kleines Gewässer mitten in der Innenstadt. Morgens trabte ich mit den Schlittschuhen in Eppendorf los, fuhr quer hinüber bis zum Jungfernstieg und ging beschwingt die wenigen Meter ins Büro. Großartig. Ich glaube, es ist acht oder neun Jahre her, dass die Alster zuletzt vereiste. Auch so ein Phänomen, von dem man den Nachgeborenen erzählen muss.

Der Jungfernstieg in Hamburg: Richtig zugefroren ist die Alster schon länger nicht mehr.  (Quelle: imago images/Westend61)Der Jungfernstieg in Hamburg: Richtig zugefroren ist die Alster schon länger nicht mehr. (Quelle: Westend61/imago images)

Manchmal hilft ja die Lebenserfahrung, um Unterschiede festzustellen. Meine Kindheit ist nicht nur meine persönliche Geschichte, sondern auch ein klimatisches Phänomen, das sich in meiner Geburtsstadt Hof in diesem Ausmaß schon lange nicht mehr wiederholt. Ich wette, dass Alexander Gauland aus seiner Heimatstadt Chemnitz, nicht weit entfernt von Hof, ähnliche Geschichten erzählen könnte. Vielleicht leugnet er deshalb nicht so dummerhaft wie andere Rechte in Europa oder Amerika, dass sich das Klima verändert. Allerdings sagt er, derartige Temperaturschwankungen habe es in der Erdgeschichte immer wieder gegeben. Sie seien Natur-, nicht Menschenwerk.

Klima-Experten diskutieren in Bonn – für höhere Ziele

Heute startet mal wieder eine Klimakonferenz – und zwar in Bonn. Die Erde erhitzt sich, kein Zweifel, wahrscheinlich um bis zu vier Grad, es sei denn, die reichen Staaten und Ländergruppen wie die Europäische Union bemühen sich stärker um den Schutz unserer Lebensgrundlagen. Das Ziel ist anderthalb Grad.

Zudem wird es in der kleinen Stadt am Rhein um einen Fortschritt bei den Finanzen gehen: Für klimabedingte Schäden und Verluste soll die Staatengemeinschaft einen Fonds zur Verfügung stellen. Zudem werden sie darüber verhandeln, auf welche Weise einzelne Länder anderen Ländern Emissionszertifikate abkaufen können, anstatt selber Treibhausgase zu mindern. Ziemlich kompliziert, diese Anwendung der Marktwirtschaft auf Klimaziele.

Bonn ist nur eine Zwischenstation. Vor etwas mehr als einem halben Jahr fand die Klimakonferenz in Kattowitz statt. Im September steigt der UN-Klimagipfel und im nächsten Jahr steht die nächste große Klimakonferenz in Santiago de Chile an. Sie tragen komplizierte Namen, diese weltweiten Zusammenkünfte, die sich vom Großereignis ableiten, dem Pariser Übereinkommen vom Dezember 2015, in dem 197 Vertragsparteien beschlossen, die globale Erwärmung auf mindestens zwei Grad zu beschränken. Ein großes Ereignis mit großen Absichten.

Beim Weltklimagipfel in Paris begrüßen sich Kanzlerin Merkel und der damalige US-Präsident Barack Obama: Die Ziele der Konferenz sind mittlerweile in weite Ferne gerückt.  (Quelle: imago images)Beim Weltklimagipfel in Paris begrüßen sich Kanzlerin Merkel und der damalige US-Präsident Barack Obama: Die Ziele der Konferenz sind mittlerweile in weite Ferne gerückt. (Quelle: imago images)

USA will nicht – und liefert damit eine gute Ausrede

Amerika will damit nichts mehr zu tun haben. Ohne Amerika ist nicht alles umsonst, aber mit seinem Einfluss wäre mehr möglich und andere Unwillige haben jetzt eine prächtige Ausrede: Wenn die nicht, dann wir auch nicht.

Konferenzen sollen Beschlüsse fassen. Sie sollen Druck ausüben auf die Unwilligen. Sie können sie zu nichts zwingen, sie müssen sie vielmehr überzeugen, dass es in ihrem Interesse liegt, fossile Energien zu reduzieren und zwar subito. Anstrengend. Undankbar. Ein typisches Geschäft für die Vereinten Nationen.

Konferenzen sind bürokratische Monster. Auf ihnen treffen sich Abgesandte der Regierungen und internationaler Organisationen und handeln Kompromisse aus, woraus Politik nun einmal besteht. Angetrieben werden sie von Wissenschaftlern und Wissenschaftsorganisationen daheim, die ihnen die Dringlichkeit des Problems vor Augen führen und Konsequenzen einfordern.

Eine "Fridays for Future"-Demo in Berlin: Seit sechs Monaten gehen Schüler in Europa auf die Straßen.   (Quelle: imago images/Müller-Stauffenberg)Eine "Fridays for Future"-Demo in Berlin: Seit sechs Monaten gehen Schüler in Europa auf die Straßen. (Quelle: Müller-Stauffenberg/imago images)

Ohne Alarmismus geht es nicht – ohne Faktenlieferanten auch nicht

Mehr Schlagkraft entfalten heutzutage gesellschaftliche Selbstorganisationen wie "Fridays for Future". Die Jungen gehen auf die Straße, in Massen und überall. Ihnen vererben wir die Welt, für die sie jetzt schon Verantwortung übernehmen wollen. Gut so. Dass die Bundesregierung plötzlich ernsthaft über eine Kohlendioxid-Steuer nachdenkt, haben wir Greta Thunberg und den anderen Halbwüchsigen zu verdanken.
 

 
Demonstrationen sind in einer Demokratie unerlässlich, damit die Dinge vorangetrieben werden. Ohne Alarmismus geht es nicht, er gehört systemimmanent dazu. Lange genug ist wenig genug passiert. Wo die einen untertreiben, dürfen die anderen übertreiben.

Faktenlieferanten sind die Wissenschaftler. Autorität bekommen sie, wenn sie Ordnung bringen in die Kaskaden aus Argumenten und Gegenargumenten, in die Orgien aus Einwänden und Einreden. Wer es genau wissen will, sucht ihren Rat.

Erdgeschichtlich gab es große klimatische Veränderungen, an denen der Mensch keine Schuld trug, das versteht sich von selbst. Er war das Objekt, nicht das Subjekt des Wandels. Er profitierte davon und wahrscheinlich kam er deshalb auf die Idee, dass ein Gott sein Geschick lenkte.

In der Industrialisierung wird der Mensch zum Subjekt

Die letzte Kaltzeit endete vor etwa 16.000 Jahren und ging über in eine Phase der Erwärmung. Das zog sich hin, es gab Rückschläge und ging schließlich voran. Die neuen Temperaturen hatten Konsequenzen. Fauna und Flora veränderten sich, die großen Säugetiere der Eiszeit verschwanden, ein Massensterben setzte ein. Das Weideland dehnte sich aus, eine Tundra aus Büschen und Wäldern entstand. Jäger und Sammler begannen damit, Getreide und Pflanzen anzubauen und domestizierten Ziegen und Schafe. Die Eismassen schmolzen, um 6.800 v. Chr. war Skandinavien eisfrei und die Ostsee verwandelte sich allmählich in die Badewanne, die sie heute ist.

Die Menschen hatten es jetzt leichter. Auf ihren Schultern stehen wir.

Das Erdzeitalter, in dem der Mensch vom Objekt zum Subjekt wurde, begann mit der Industrialisierung. Zuerst wurden oben die Wälder abgeholzt, dann die Rohstoffe von unter Tage heraufgeholt. Der Gehalt an Kohlendioxid in der Atmosphäre nahm fortan beständig zu. So hoch wie heute lag die Konzentration niemals zuvor. Deshalb reden die Wissenschaftler vom Anthropozän, vom Menschenwerk der Veränderungen in der Atmosphäre, da natürliche Klimafaktoren wie etwa die Schwankung der Sonnenaktivität kaum Einfluss ausübten und ausüben.

Ein Blick auf das ThyssenKrupp Hüttenwerk in Duisburg: Seit der Industrialisierung stieg die Temperatur im weltweiten Durchschnitt um 0,8 Grad. (Quelle: imago images/Rupert Oberhäuser)Ein Blick auf das ThyssenKrupp Hüttenwerk in Duisburg: Seit der Industrialisierung stieg die Temperatur im weltweiten Durchschnitt um 0,8 Grad. (Quelle: Rupert Oberhäuser/imago images)

Beschleunigung des Wandels lässt sich nicht wegreden

Seit 1850, dem Durchbruch der Industrialisierung in Deutschland, stieg die Temperatur im weltweiten Durchschnitt um 0,8 Grad – geografisch nicht gleichmäßig verteilt und auch nicht linear, aber nichts in der Geschichte vollzieht sich linear. Gesichert ist jedoch zum Beispiel durch einfache Messungen, dass jedes Jahrzehnt seit 1970 wärmer war als das Jahrzehnt zuvor. Gletscher verlieren an Masse. Meeresspiegel steigen. Tage mit Hitzerekorden nehmen zu, Tage mit Kälterekorden nehmen ab. Niederschläge im Norden nehmen zu, in den Subtropen nehmen sie ab.

Das ist nur eine kleine Auswahl an unübersehbaren Veränderungen, die wir erleben. Die Beschleunigung des Wandels lässt sich schwerlich wegreden, um es ganz vorsichtig zu sagen. Den Klimawandel für eine Erfindung linker Ideologen zu erklären, ist ziemlich abwegig, und deshalb rechten Ideologen wie Donald Trump und seinen Freunden aus der Erdöl- und Schiefergasindustrie vorbehalten. Seine Anhänger in der europäischen Rechten sind vorsichtiger in ihrer Bewertung, meinen aber im Grunde dasselbe: Alles halb so schlimm, war doch immer so, geht auch wieder vorbei, lasst euch nicht ins Bockshorn jagen, höhöhö.

Ist das noch Wetter oder schon Klima?

Unumstößliche Wahrheiten gibt es weder in der Philosophie noch in der Naturwissenschaft. Kluge Forscher fragen nach, verifizieren, falsifizieren, verfeinern ihre Kenntnisse. Die Klimageschichte unseres Planeten ist ja glücklicherweise konserviert: in den Ringen der Bäume, im Meeresgrund, in Korallenriffen und Eisschilden. So lässt sich chemisch analysieren, wann wie viel Kohlendioxid in der Luft lag und wie viel Sauerstoff, wie warm oder kalt oder feucht oder trocken es war. An Erkenntnisinteresse mangelt es nicht, weder bei den Wissenschaftlern noch bei uns.

Einer meiner Chefredakteure beim "Spiegel" stellte bei extremen Wetterlagen mit extremen Wirbelstürmen oder gewaltigen Gewittern immer die tückisch gemeinte Frage: Ist das nun noch Wetter oder schon Klima?
 

 
Ich fand, die Antwort liegt auf der Hand, denn die eigene Lebenserfahrung gibt sie: Was sich so gehörig über so wenige Jahrzehnte so gewaltig veränderte, ist das Klima, was sonst.

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