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"Wir haben l├Ąngst ein Problem mit radikalen Christen"

ckr, t-online.de

Aktualisiert am 02.02.2016Lesedauer: 4 Min.
Rechtspopulismus im Zeichen des Kreuzes: Pegida-Demo in Dresden.
Rechtspopulismus im Zeichen des Kreuzes: Pegida-Demo in Dresden. (Quelle: /dpa-bilder)
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Lange schienen politisierte Christen allein ein Problem der USA. Jetzt jedoch wagen sich auch in Deutschland reaktion├Ąre Gl├Ąubige in die ├ľffentlichkeit und machen gemeinsame Sache mit rechtspopulistischen Gruppen. Sie sind nicht viele, aber sehr laut, sagt die Juristin Liane Bednarz im Gespr├Ąch mit t-online.de.

Frau Bednarz, bekommen wir ein Problem mit radikalen Christen - ├Ąhnlich wie in den USA?

Die Frage ist nicht, ob wir es bekommen. Wir haben es l├Ąngst.

Wie zeigt sich das?

Es gibt ein ultrakonservatives christliches Milieu, das lange am Rand agiert hat und jetzt der AfD zustr├Âmt. Seit Thilo Sarrazins Buch "Deutschland schafft sich ab" wittert dieses Milieu Morgenluft. Es tritt immer offensiver auf - und findet oftmals eine geistige Heimat in der AfD.

Was sind die Feindbilder dieser Christen in der AfD?

In den Internet-Foren finden sich in etwa die gleichen Feindbilder wie bei s├Ąkularen oder atheistischen Rechtspopulisten. Sprich: "Genderwahn" (Protest gegen die gesetzliche F├Ârderung der Frau, Anm. d. Red.), "Homo-Lobby", "GEZ-Medien" oder "Staatsfunk" (angeblich staatlich gelenkte ├Âffentlich-rechtliche Medien), die Islamisierung des Abendlandes, Angela Merkel und so weiter.

Das ├ťblicheÔÇŽ

Genau. In den erzreaktion├Ąren christlichen Milieus hat man auch fr├╝hzeitig mit den Zielen von AfD und Pegida sympathisiert. Prominente Christen wie die Journalisten Matthias Matussek oder Alexander Kissler haben die AfD und die Pegida-Bewegung verteidigt. Kissler breitet auf seinem Twitter-Account mutma├čliche Delikte von Fl├╝chtlingen aus, was auffallend unverh├Ąltnism├Ą├čig zu seinen wenigen Tweets ├╝ber Gewalttaten gegen Fl├╝chtlinge ist.

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Sie sagen, Sarrazin habe den Anfang gemacht? Die Richtung war nicht schon immer da?

Sie war schon immer da, aber sie hat sich nicht ├Âffentlich gezeigt. Seit Sarrazin wagen sich diese Leute st├Ąrker in die ├ľffentlichkeit und versuchen, das Christentum f├╝r ihre ultrakonservativen und gar nicht christlichen Zwecke zu instrumentalisieren. Es gibt eine Kaskade von Ereignissen: Zuerst Sarrazins Buch. Dann kam die Euro-Krise. Da begann auch, was ich den Diktatursprech nenne: Die EU - die "EUdssR" - wird seither mit einer Diktatur gleichgesetzt, ihre Politiker werden als Diktatoren, der Rettungsfonds ESM als "Erm├Ąchtigungsgesetz" denunziert - also mit Ankl├Ąngen an 1933. Dann kam die Gr├╝ndung der AfD. Da konnte man schnell beobachten, wie rechts-evangelikale und rechts-katholische Kreise sich von ihr angezogen f├╝hlten.

(Quelle: Liane Bednarz)

Liane Bednarz, Jahrgang 1974, ist Juristin. Sie hat mehrere B├╝cher ├╝ber die AfD und die Neue Rechte verfasst.

Ist eine Konfession besonders betroffen?

Nein. Im Protestantismus betrifft es die Evangelikalen, wobei es auch dort eine moderate Fraktion gibt, die beispielsweise fordert, dass man mit Homosexuellen fairer umgeht.

Und bei den Katholiken?

Da ist es schlimmer: Innerhalb des dortigen konservativen Teils gibt es - anders als bei den Evangelikalen - kaum Diskussionen. Das ist eine fest gef├╝hrte Wagenburg. Der moderate Teil der konservativen Katholiken ist leider sehr still.

Warum ist das so? Sind die geistig schon ├╝berrannt?

Ganz offen gesagt: Ich wei├č es nicht. Der publizistisch wahrnehmbare Teil ist jedenfalls sehr aktiv. Es gibt eine ganze Blogger-Szene. Sie haben ihre prominenten Gallionsfiguren wie Matussek, Kissler und andere. Das ist bei den Evangelikalen nicht so. Die haben (den ZDF-Journalisten) Peter Hahne, wobei der nicht unbedingt radikal ist. Rechte Katholiken dagegen haben ihre Stars und sind sehr selbstbewusst.

Welche Vorbilder haben diese Leute?

├ťbereinstimmungen zwischen vielen von ihnen und der AfD gibt es bei der Haltung gegen├╝ber autorit├Ąren, sich christlich gebenden Regimen wie Putins Russland, Orbans Ungarn und Kaczynskis Polen.

Und die Kirchen unternehmen nichts?

Erst jetzt fangen sie langsam an, sich abzugrenzen: So wird bei AfD-Demonstrationen in Erfurt der Dom verdunkelt. Moderate Erzbisch├Âfe werden aus dieser Szene mittlerweile extrem angefeindet.

Wenn man in den vergangenen Jahren von den Kirchen geh├Ârt hat, ging es meist um die evangelischen Kirchentage, das ├Âkumenische Netzwerk "Kirche von unten" oder die katholische Initiative "Wir sind Kirche". Rechte Gruppen kamen darin nie vor.

Bei den evangelischen Kirchen wird Religion vielfach f├╝r linksgerichtete Politik instrumentalisiert. Das jetzt ist die Gegenbewegung. Aber nicht nur: Es gibt auch eine klar erkennbare Radikalisierung.

Wie viel Prozent der Christen folgen in etwa solchem Gedankengut?

Dar├╝ber gibt es keine empirischen Erhebungen. Ich w├╝rde sagen: etwa f├╝nf Prozent der aktiven Christen.

Das klingt nach nicht viel.

Ja, aber leider sind sie sehr laut und prominent.

Wer sind ihre Gallionsfiguren innerhalb der AfD?

Vor allem Beatrix von Storch.

Die hat ja gerade dazu aufgerufen, Fl├╝chtlinge mit Waffengewalt aufzuhalten. Wie vertr├Ągt sich das eigentlich mit der Vorstellung von christlicher N├Ąchstenliebe?

Gar nicht. Aber es ist nicht ihre erste Entgleisung. Sie hat vor ein paar Tagen auf Facebook ein Video gepostet, wo sie sagt, Fl├╝chtlinge m├╝ssten nicht integriert werden, das sie ja ohnehin irgendwann zur├╝ckkehren. Sie m├╝ssten sich hier lediglich an die Gesetze halten. Sie sollen also jahrelang herumsitzen. Wie kann man als Christin so etwas sagen? Das ist eiskalt. Ein anderes Beispiel: Sie spricht gern ├╝ber Christenverfolgungen in den muslimischen L├Ąndern - und macht so Stimmung gegen Muslime. Aber ├╝berschreitet ein Mensch auf der Flucht die deutsche Grenze, wird er bei ihr offenbar zum Feindbild.

Wo sehen Sie die AfD in f├╝nf Jahren?

Ich bef├╝rchte, dass sie bei der n├Ąchsten Bundestagswahl ├╝ber 15 Prozent bekommt - wenn nicht noch mehr. Man sieht es ja an anderen L├Ąndern wie der Schweiz, Frankreich oder ├ľsterreich.

Und dann?

Das gr├Â├čte Problem, das ich sehe, ist, dass ├╝berall Gro├če Koalitionen entstehen, weil es f├╝r etwas anderes nicht mehr reicht. Das wiederum befeuert nat├╝rlich den Eindruck, dass die Politik eher bet├Ąubt, dass alles gleich ist. Dann w├╝nschen sich viele die scharf machende Opposition. Im schlimmsten Fall steht die AfD in f├╝nf Jahren bei 30 Prozent.

Die Fragen stellte Christian Kreutzer

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