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Corona-Lage: Geduld versus Ungeduld – Deutschland spaltet sich in zwei Lager

Vorsicht versus Ungeduld  

Corona-Streit: "Nicht bei jeder Variante vom Worst Case ausgehen"

09.07.2021, 17:37 Uhr
Corona-Lage: Geduld versus Ungeduld – Deutschland spaltet sich in zwei Lager. Mann und Frau tragen Gesichtsschutz: Über das Ende der Corona-Einschränkungen wird derzeit viel debattiert, in der Bevölkerung gehen die Meinungen über den Zeitpunkt auseinander. (Quelle: imago images/ Westend61)

Mann und Frau tragen Gesichtsschutz: Über das Ende der Corona-Einschränkungen wird derzeit viel debattiert, in der Bevölkerung gehen die Meinungen über den Zeitpunkt auseinander. (Quelle: Westend61/imago images)

Nach eineinhalb Jahren Pandemie wird der Wunsch nach einer Rückkehr zur Normalität immer größer. Zwei Ansätze prallen scheinbar unversöhnlich aufeinander – das lässt sich sogar unter Parteikollegen beobachten.

"Ich habe keine Lust mehr", "Wann ist das endlich alles vorbei?", "Ich will mein altes Leben zurück" – diese Sätze hört derzeit wohl jeder Mensch ständig in seinem sozialen Umfeld. Deutschland ächzt unter der Last der Corona-Einschränkungen. Der Wunsch nach dem Ende der Pandemie wächst mit jeder Woche.

Doch so leicht machen es uns die Pandemie und die neue, ansteckendere Delta-Variante des Virus nicht. Es ist noch nicht vorbei, die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder leicht an. Das sagt das eine Lager und beruft sich auf die Wissenschaft. Das andere kämpft für langersehnte Lockerungen. Wer positioniert sich wie? Und wer hat recht?

Die Ungeduldigen – Freiheit wird aus Mut gemacht?

"Wenn alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot haben, gibt es rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung", hatte Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) erklärt. "Dann beginnt die Normalität, das Leben mit dem Virus – und das ist kein Leben im Lockdown."

Zuvor hatte sich schon der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, ähnlich geäußert. "Spätestens im September wird für jeden Impfwilligen ein Impfangebot verfügbar sein, dann müssen eigentlich nahezu alle Corona-Maßnahmen weg", sagte er der "Bild". "Jeder kann dann immer noch individuell entscheiden, ob er oder sie weiter Maske tragen will – Pflicht sollte es dann aber nicht mehr sein."

Heiko Maas: Der Bundesaußenminister wurde für seinen Vorstoß zum Ende der Maskenpflicht scharf kritisiert. (Quelle: imago images/photothek)Heiko Maas: Der Bundesaußenminister wurde für seinen Vorstoß zum Ende der Maskenpflicht scharf kritisiert. (Quelle: photothek/imago images)

Gespaltenes Deutschland: Eine aktuelle Studie hat gezeigt, dass die Deutschen nach der dritten Welle eine Spaltung erleben. Die Befragten beobachteten eine "Zerrissenheit der Deutschen zwischen den Prinzipien der Selbstbestimmung, Freiheit und des Föderalismus auf der einen, und der Disziplin und Regeltreue auf der anderen Seite". Mehr dazu lesen Sie hier.

Auch in anderen Parteien, vornehmlich Union und FDP, gibt es Unterstützung für diese Position. CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak erklärte, wenn genügend Impfstoff zur Verfügung stehe, müsse man auch wieder "zu einer neuen Normalität zurückkehren". Ungeimpfte könnten dann zunehmend weniger erwarten, dass die Gesellschaft an Maßnahmen festhalte, um auch diejenigen zu schützen, "die sich nicht haben impfen lassen". Ähnlich äußerten sich weitere Unionspolitiker. "Die Aufhebung von Schutzmaßnahmen ist verfassungsrechtlich zwingend", sagte beispielsweise der rechtspolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Jan-Marco Luczak.

Der Vizechef der FDP-Bundestagsfraktion, Michael Theurer, forderte: "Die Bundesregierung muss den Menschen verbindlich sagen, wann und wie sie ihre Freiheitsrechte zurückbekommen. Das ist der beste Turbo gegen Impfmüdigkeit!"

Unterstützung kommt von prominenten Juristen. Der Gießener Staatsrechtler Steffen Augsberg, Mitglied im Deutschen Ethikrat, fordert im "Spiegel" ebenfalls ein Umdenken bei den Corona-Schutzmaßnahmen. "Die bisherigen Begründungen tragen ja nicht mehr", sagte er. Das Gesundheitssystem sei nicht mehr gefährdet, auch Todesfälle seien nun weit weniger zu befürchten. "Wir müssen deshalb insgesamt passgenauer werden", betont Augsberg, "weg vom Versuch, stets möglichst alle Personen gleich zu behandeln, hin zu spezifischen Beschränkungen, dort, wo es nötig, aber auch vertretbar ist."

Vorausgesetzt, dass die derzeitigen Impfungen einen signifikanten Schutz davor bieten, selbst schwer zu erkranken beziehungsweise andere anzustecken, "dürfte es für doppelt Geimpfte kaum noch Beschränkungen geben, noch nicht einmal die Pflicht, eine Maske zu tragen", so der Staatsrechtler. Man sollte "auch nicht bei jeder neuen Variante erst einmal vom Worst Case ausgehen. Wenn wir das machen, bleiben wir bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in dieser Beschränkungslogik stecken."

Auch viele Bundesbürger wollen die Einschränkungen so schnell wie möglich loswerden. Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov befürwortet eine knappe Mehrheit der Deutschen eine Aufhebung aller Corona-Maßnahmen für vollständig Geimpfte ab September.

Die Geduldigen – Kommt Zeit, kommt Rat?

Kritik an dem Vorstoß von Bundesaußenminister Maas kommt aus mehreren Fraktionen – auch aus der eigenen. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach äußerte sich bei Twitter dazu, unter Berufung auf eine Studie, die das Fachmagazin "The Lancet" am Donnerstagabend veröffentlicht hatte.

Der Studie zufolge ist eine Durchseuchung, wie sie derzeit in Großbritannien angestrebt wird, keine gute Option. Man dürfe die Jüngeren, die sich zwangsläufig ohne Impfung anstecken werden, nicht vergessen. Die Experten bezeichnen das Vorgehen sogar als "unethisch". Lauterbach erklärt dazu: "Das kann eine Generation chronisch Kranker bringen. Und Kinder, die so lange so viel geopfert haben, werden jetzt schutzlos der Krankheit überlassen."

Lauterbach rechnet mit einer angespannten Corona-Lage im Herbst: "Der Herbst wird so lala. Gemischt". Bei vielen Menschen wie Rheumakranken oder Krebspatienten wirke der Impfstoff nicht in vollem Umfang. Auf diese Menschen müsse Rücksicht genommen werden.

Karl Lauterbach: Der SPD-Gesundheitsexperte findet es falsch, jetzt schon zu viel zu lockern. (Quelle: imago images/Political-Moments)Karl Lauterbach: Der SPD-Gesundheitsexperte findet es falsch, jetzt schon zu viel zu lockern. (Quelle: Political-Moments/imago images)

Markus Scholz ist Epidemiologe an der Universität Leipzig und schätzt die Situation ähnlich ein. Eine vierte Welle würde vor allem Ungeimpfte und Erstgeimpfte treffen, sagte er t-online. "Da aber die Risikogruppen weitgehend vollständig geimpft sind, wird es deutlich weniger schwere Fälle unter den Infizierten geben."

Aber ist das schon ein Grund, jetzt nahezu alle Maßnahmen aufzuheben?

Das müsse man differenziert sehen, sagt der Epidemiologe. Im Freien könne sicherlich auf Masken verzichtet werden. "In Gebäuden und im öffentlichen Nahverkehr muss man weiter vorsichtig sein, damit die ungeimpfte Bevölkerung weiterhin geschützt wird. Ich denke hier vor allem an den Kinder- und Jugendbereich. Zwar erkranken Kinder und Jugendliche nur sehr selten schwer, eine vollständige und schnelle Durchseuchung halte ich aber aufgrund der ungeklärten Long-Covid-Problematik für zu riskant", so Markus Scholz.


Auch der Verband der Intensivmediziner plädiert vorerst für eine Beibehaltung der Maskenpflicht. "Erst mit einer Impfquote von 85 Prozent bei den über 18-Jährigen werden wir die Pandemie für beendet erklären können", sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Gernot Marx, den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland. Bis dahin seien weiterhin Vorsichtsmaßnahmen nötig.

Gegen eine generelle Aufhebung der Corona-Regeln positionieren sich auch die Grünen. Die Gesundheitspolitikerin Kordula Schulz-Asche sagte der "Welt", die Aufrechterhaltung der Einschränkungen müsse sich an der aktuellen Corona-Situation orientieren. In diesem Zusammenhang sei die Delta-Variante besorgniserregend.

Die deutschen Hausärzte bremsen Hoffnungen auf baldige und umfangreiche Lockerungen. "Anstatt ständig über neue Themen zu spekulieren, sollten sich lieber alle bemühen, der Impfkampagne den richtigen Schwung zu verleihen", sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, der "Rheinischen Post". 

Weigeldt sagte, er halte die derzeitige Debatte um eine Aufhebung der Maskenpflicht "für verfrüht." Wenn absehbar sei, "dass eine zweifache Impfung vor Infektion, Erkrankung und Weitergabe der Infektion weitgehend schützt, und dafür gibt es viele Hinweise, dann sollten entsprechend Grundrechte zurückgegeben werden", sagte der Hausärztechef. "Gleichzeitig wird es sicherlich bestimmte Hygienemaßnahmen geben, die erst einmal bleiben sollten – und manche, etwa gute Lüftungskonzepte, machen auch abseits der Pandemie durchaus Sinn."

Der Deutsche Lehrerverband hält Tests und eine Maskenpflicht in den Schulen zumindest zu Beginn des neuen Schuljahres weiter für nötig. Lehrerverbands-Präsident Heinz-Peter Meidinger sagte der "Passauer Neuen Presse": "Wir werden im Herbst noch Maßnahmen brauchen, die den Unterrichtsbetrieb absichern, teilweise auch einschränken." Nötig sei eine "Sicherheitsphase zu Schuljahresbeginn, um auf Reiserückkehrer und dadurch möglicherweise verstärkt eingeschleppte Infektionen zu reagieren, in der wir erneut auf regelmäßige Testungen und Maskenpflicht setzen müssen."

Das Fazit 

Die Fakten sprechen eher für das Team Geduld. Entscheidend: Wegen der sich schneller ausbreitenden Delta-Variante halten Experten eine höhere Impfquote als bislang angenommen für erforderlich, um eine Rückkehr zur Normalität sicher zu gewährleisten. Aus einer Veröffentlichung des Robert-Koch-Instituts (RKI) geht hervor, dass 85 Prozent der Zwölf- bis 59-Jährigen und sogar 90 Prozent der Menschen ab 60 Jahren geimpft sein sollten. Bislang verfügen allerdings erst rund 41 Prozent der Menschen in Deutschland über den kompletten Impfschutz.

Impfturbo: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte versprochen, dass bis zum 21. September alle Menschen in Deutschland ein Impfangebot erhalten. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht inzwischen davon aus, dass das schon Ende Juli der Fall sein könne.

Bis diese Impfquote erreicht ist, lassen sich einige geringe Eingriffe mit hoher Wirksamkeit rechtfertigen. Dazu zählen das Maskentragen in Innenräumen, Hygieneregeln, umfangreiche Coronatests sowie das Nachverfolgen von Infektionsketten.

Sollten vor Erreichen einer Impfquote von 85 Prozent weitere Lockerungen beschlossen werden und die Maskenpflicht enden, droht laut Experten in Deutschland im Herbst eine vierte Corona-Welle. Und die kann auch das Team Ungeduld nicht wollen.

Verwendete Quellen:

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