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Kramp-Karrenbauers heikle Karnevalsrede: Alles eine Strategie?

Nach Kritik an Büttenrede  

Kramp-Karrenbauers Witze lassen eine Strategie erkennen

Eine Analyse von Jonas Schaible

05.03.2019, 07:16 Uhr
Kramp-Karrenbauers heikle Karnevalsrede: Alles eine Strategie?. Annegret Kramp-Karrenbauer begutachtet auf einer Messe ein Elektroauto: Grillen und Autofahren verteidigt die CDU-Chefin immer wieder. (Quelle: Sven Simon/imago)

Annegret Kramp-Karrenbauer begutachtet auf einer Messe ein Elektroauto: Grillen und Autofahren verteidigt die CDU-Chefin immer wieder. (Quelle: Sven Simon/imago)

Annegret Kramp-Karrenbauer hat bei einer Büttenrede einen heiklen Witz gemacht. Die aufschlussreichste Stelle ihrer Rede ist eine andere: Denn sie passt in eine größere Strategie.

Annegret Kramp-Karrenbauer hat einerseits nur einen Witz gemacht. Er geht so: "Wer war denn von euch vor Kurzem mal in Berlin? Da seht ihr doch die Latte-macchiato-Fraktion, die die Toiletten für das dritte Geschlecht einführen. Das ist für die Männer, die noch nicht wissen, ob sie noch stehen dürfen beim Pinkeln oder schon sitzen müssen. Dafür, dazwischen, ist diese Toilette." 

Der Scherz sorgte am Wochenende für Empörung, weil er Inter- und Transsexualität lächerlich macht, und damit Menschen trifft, die sowieso dauernd ignoriert, verspottet oder zur Veränderung gedrängt werden. Vor allem auf Twitter regte sich Wut, zunächst nur unter Journalisten, mittlerweile aber auch unter den Lesben und Schwulen in der Union, Kramp-Karrenbauers eigener Partei. Sie fordern jetzt eine Entschuldigung.

Vieles spricht aber dafür, dass es sich um Absicht handelte, dass Kramp-Karrenbauer dieser Witz nicht einfach herausgerutscht ist – zumal so kurz nach der Kritik an Bernd Stelters Witz über, ausgerechnet, Kramp-Karrenbauers Doppelnamen. Wahrscheinlicher ist, dass sie eine bestimmte Botschaft senden wollte, bei deren Verbreitung der Twitter-Zorn durchaus eine Rolle spielt. Um dies zu verstehen, ist eine zweite Stelle in ihrer Rede wichtig.

Zweite Ebene des Skandals

Und damit bekommt die Aufregung um ihren Auftritt eine zweite Ebene, eine weitere politische Dimension, die über Empörung und die Empörung über bereits vorhandene Empörung hinausweist. Man kann daraus etwas über die Strategie der womöglich nächsten CDU-Kanzlerkandidatin lernen.

Seit ihrer Wahl zur neuen CDU-Parteichefin Anfang Dezember sagt Kramp-Karrenbauer immer wieder Sätze, die eine bestimmte Botschaft übermitteln, die sich in etwa so zusammenfassen lässt: Ihr wollt euch nicht verbieten lassen, was euch selbstverständlich ist – wie Autofahren und Fleischessen? Ihr habt das Gefühl, man darf nichts mehr sagen? Ihr findet, diese Moralapostel übertreiben es mit ihrer politischen Korrektheit? Ich auch, ich auch, ich auch!

Den anderen das Leben zur Hölle machen

Da war die Rede auf dem CSU-Parteitag im Januar, als Kramp-Karrenbauer sagte: "Wenn heute mit Blick auf die neuen angeblichen Ergebnisse zur Feinstaubbelastung durch Tierhaltung die Vereinigung der Veganer die Umwelthilfe auffordert, nicht nur für ein Dieselfahrverbot in Städten einzutreten, sondern vor Gericht auch für ein Fleischverzehrverbot einzutreten, dann kann ich nur sagen: Menschen sollen leben wie sie wollen." Wer wie Veganer anderen Menschen das Leben "zur Hölle" machen wolle, dürfe keine politische Verantwortung übertragen bekommen. (Es gab und gibt keine ernsthafte Diskussion um ein Fleischverzehrverbot).

Da war die Anregung der Verkehrskommission der Regierung, ein Tempolimit einzuführen, um so durchaus substanziell CO2-Emissionen einzusparen, woraufhin Kramp-Karrenbauer sagte: "Wir sollten keine Phantomdebatten führen, die mehr den Anschein erwecken, dass man eine ganze Gruppe, nämlich die Autofahrer, quälen und bestrafen will, als dass man wirklich damit eine sinnvolle Klimaschutzdebatte führen will."

Und da war jetzt der Teil aus ihrer Büttenrede, ein paar Minuten vor dem Satz mit den Toiletten, als sie sagte: "Wir sind die Einzigen, die Widerstand leisten, bei all den Besinnungsgrünen, die hier rumschwirren, denen, die uns die Lust am Leben verderben, die uns erklären, wer Diesel fährt oder Fleisch isst, sei ein böser Mensch ... Das ist unsere Art zu protestieren und zu sagen, vollkommen egal, was CO und was Feinstaub ist, vollkommen egal, was die deutsche Umwelthilfe beklagt, wir lassen uns das Schwenken nicht verbieten". Ein Schwenker ist ein typischer Grill im Saarland.

Krasse Formulierungen einer reflektierten Rednerin

Leben zur Hölle machen – quälen und bestrafen – die Lust am Leben verderben: Das sind ganz schön krasse Formulierungen für ziemlich kleine Anlässe. Sie sind erst recht krass für eine Politikerin, die zwar mit Genuss Spitzen gegen politische Gegner wie Friedrich Merz verteilt, aber im Allgemeinen eher zurückgenommen spricht und nicht durch krawallige Soundbites auffällt. Und die immer wieder reflektiert, wie Sprache politisch wirkt – die sich also bewusst sein muss, was sie da sagt.

Wahrscheinlich muss man einen Tweet vom 27. Dezember 2018 als Testballon für diese Art des Sprechens sehen. Damals twitterte Nico Lange, politischer Planer im Adenauer-Haus und wichtiger Mitarbeiter Kramp-Karrenbauers, drei lakonische Sätze: "Ich fahre Auto. Ich esse Fleisch. Ich mag Silvesterfeuerwerk. #nurmalso". Auf den ersten Blick: vollkommen belanglos. In Deutschland haben 56 Millionen Menschen einen Führerschein, mehr als 90 Prozent essen Fleisch, und an Silvester wurde 2018 Feuerwerk im Wert von rund 137 Millionen Euro verfeuert. Trotzdem bekam er 1.800 Gefällt-mir-Klicks, rief andererseits zahllose wütende Kommentare hervor und Sascha Lobo äußerte sich dazu in einem eigenen Text. 

Ziemlich viel Wind für drei Sätze, die gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten beschreiben. Und für Kramp-Karrenbauer womöglich der Beleg: Da schwelt etwas. 

Ein gesellschaftlicher Graben

Da tut sich ein gesellschaftlicher Graben auf zwischen denen, die aus Rücksicht auf vormalige Randgruppen und wegen des Klimawandels massive Verhaltensänderungen fordern: nicht mehr ausgrenzend sprechen, weniger Fleisch essen, weniger Auto fahren, weniger fliegen. Und denjenigen, die in all diesen Verhaltensänderungen eine Zumutung sehen, die einfach nur ganz ohne Luxus ihr normales Leben genießen wollen.

Sonst wären Sätze wie "Ich fahre Auto. Ich esse Fleisch. Ich mag Silvesterfeuerwerk." nicht so kontrovers.

Für die zweite Gruppe gibt es abgesehen von der extremen Rechten kein wirkliches politisches Angebot und es ist unklar, ob es überhaupt eines geben kann, das zugleich leidlich demokratisch ist. Man gewinnt immer mehr den Eindruck, dass Kramp-Karrenbauer entschlossen ist, es zu versuchen. Dabei hilft ihr die Empörung der anderen, weil sie Lager klärt.

Für sie ist das zugleich eine politische Überlebensfrage: Sie kann gut mit den Grünen, wie sie neulich erst im Interview mit Katrin Göring-Eckardt demonstriert hat. Sie ist eine Frau, die einer Frau als Parteichefin (und vielleicht als Kanzlerin) nachfolgt, von der sie sogar gefördert wurde. Sie nennt sich selbst offen "Quotenfrau" und sagt Sätze wie: "Wann ist je irgendetwas Vernünftiges dabei herausgekommen, wenn 20 Männer ohne Beteiligung einer Frau zusammen etwas beraten haben? Noch nie in der Geschichte." Dieser Satz stammt übrigens auch aus ihrer Karnevalsrede. 

Sie selbst ist eine Provokation

Und sie weiß vermutlich, dass all das für viele eine Rolle spielt, gerade für viele Männer: Dass allein ihr Frausein für manche eine Provokation ist. Sie sagte nämlich in ihrer Karnevalsrede auch über den Andenpakt einiger ehrgeiziger CDU-Männer, dem etwa Friedrich Merz verbunden war: "Man weiß nicht, was schlimmer ist: dass sie es versuchen (die Macht zu erobern) oder dass sie jedes Mal an einer Frau scheitern." 

Also sucht sie, so klingt es jedenfalls, nach Mitteln und Wegen, denjenigen, für die ihre bloße Existenz an der Macht eine Zumutung ist, ein Angebot zu machen. Indem sie ihnen sagt, dass ihr Leben gut so ist, wie es ist; dass es bleiben kann, wie es ist; dass sich nicht alles so rasend schnell verändert wie die Lage an der CDU-Spitze. 
 

 
Der Witz über das dritte Geschlecht passt grundsätzlich auch in diese Reihe: An der Frage, ob es nicht nur Toiletten für Männer und Frauen geben soll, entzündet sich speziell in den USA seit einiger Zeit besonders heftig die Diskussion zwischen Veränderungsbefürwortern und den Verteidigern der alten Normalität. In Kramp-Karrenbauers Rede existieren keine Menschen, die weder männlich noch weiblich sind, es existieren nur verwirrte Männer. Damit bestätigt sie die lange auch rechtlich in Deutschland selbstverständliche, aber biologisch und psychologisch schwer zu begründende Idee, es gebe nur und genau zwei Geschlechter. 

Vielleicht wollte sie in diesem Fall aber wirklich nur einen Witz machen. Vielleicht war also nur der Teil über Lebenslust verderbende, Fahrrad fahrende, grüne Veganer als politische Botschaft gemeint.

Korrektur, 4. März, 16.21 Uhr: In einer früheren Version dieses Textes stand, Sascha Lobo hätte in seiner Spiegel-Online-Kolumne über den #nurmalso-Tweet geschrieben. Das ist falsch. Er hat auf seinem persönlichen Blog darüber geschrieben. Die ursprünglich genannte Zahl von Menschen mit Führerschein war zu niedrig; es haben sogar noch mehr Deutsche einen Pkw-Führerschein.

Verwendete Quellen:

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