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Coronavirus: Bringt Covid-19 unser Kartenhaus zum Einsturz?

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Bringt das Coronavirus unser Kartenhaus zum Einsturz?

10.03.2020, 07:26 Uhr
Coronavirus: Bringt Covid-19 unser Kartenhaus zum Einsturz?. Ein Kartenhaus. (Quelle: imago images)

Ein Kartenhaus. (Quelle: imago images)

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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages – heute von mir als Stellvertreter von Florian Harms:

WAS WAR?

Die Zahl der Infizierten in Deutschland steigt auf mehr als 1.000. Der Leitindex Dax verliert mit 900 Punkten oder 8,04 Prozent so viel wie seit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 nicht mehr. Händler sprechen schon vom "Schwarzen Montag". Der Iran entlässt nach eigenen Angaben etwa 70.000 Häftlinge aus Gefängnissen. Schmuggler von Atemschutzmasken werden in Aserbaidschan festgenommen.

Es geht noch weiter.

An der Wall Street wird der Aktienhandel für 15 Minuten unterbrochen. Lothar Wieler, Präsident des Robert Koch-Instituts, spricht von einer "ernsten Lage" in Deutschland. In einem Gefängnis in Mailand stehen Häftlinge auf einem Dach und skandieren "Freiheit", während es in dem Gebäude brennt. Fußballspiele werden abgesagt, oder komplett ohne Zuschauer ausgetragen. Und in Brandenburg werden angeblich 5.000 Menschen in Quarantäne geschickt, am Ende sind es wohl nur 2.500. In Deutschland sterben die ersten Menschen. Es herrscht eine Mischung aus diffuser Angst und aufkommender Panik. Menschen decken sich mit Konserven und Toilettenpapier ein. Dem Gesundheitssystem droht der Zusammenbruch, wenn die Ausbreitung nicht verlangsamt wird.

Teils vermummte Insassen stehen auf dem Dach des San-Vittore-Gefängnisses in Mailand. (Quelle: dpa/Claudio Furlan)Teils vermummte Insassen stehen auf dem Dach des San-Vittore-Gefängnisses in Mailand. (Quelle: Claudio Furlan/dpa)

Das alles ist nicht etwa der Inhalt eines spektakulären Blockbusters oder einer neuen Netflix-Serie über ein Weltuntergangsszenario. Nein. Hierbei handelt es sich lediglich um eine grobe Zusammenfassung der gestrigen Auswirkungen der Ausbreitung des Coronavirus – nachzulesen beispielsweise im Newsblog von t-online.de.

Die Frage muss erlaubt sein, ob das nicht alles etwas übertrieben ist für ein Virus, das weniger tödlich ist als SARS 2002 und schwerer übertragbar als eine Grippe? Ist unser Leben aus Gesellschaft, Politik, Wirtschaft oder Gesundheitssystem am Ende nur ein labiles Kartenhaus, das zusammenbricht, sobald eine Karte rausgezogen wird, also sich ein paar Menschen ein vergleichsweise harmloses Virus einfangen? Was soll erst passieren, wenn Seuchen, Kriege oder andere schlimme Krisen flächendeckend ausbrechen?

Sicher, es handelt sich um ein neuartiges Virus, das wohl erst vor wenigen Monaten erstmals auf einen Menschen übertragen worden ist. Das menschliche Immunsystem ist nicht darauf vorbereitet. Und: Das Coronavirus könnte 60 bis 70 Prozent der Menschen infizieren. Zugelassene Impfstoffe oder Therapien gibt es bislang nicht. Zudem fordert das Coronavirus Todesopfer, bisher vor allem ältere oder gesundheitlich vorbelastete Menschen.

Auf der anderen Seite gibt es auch weiterhin keinen Grund zur Panik. Um sich zu schützen, genügt es, sich regelmäßig und richtig die Hände zu waschen, in die Armbeuge zu niesen und Abstand zu erkrankten oder notfalls grundsätzlich zu Mitmenschen zu halten. Die Maßnahmen funktionieren. 

Im Privaten genauso wie in zahlreichen Ländern, in denen es viel mehr Fälle gibt als in Deutschland. Allein in China sind mehr als 70 Prozent der mehr als 80.000 Coronavirus-Patienten wieder gesund und raus aus dem Krankenhaus, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) verkündete. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus erklärte, dass China auf dem Weg ist, "die Epidemie unter Kontrolle zu bringen".

So weit ist Deutschland noch nicht. Umso wichtiger ist es, Empfehlungen von Virologen, Gesundheitsämtern oder Gesundheitsminister Jens Spahn konsequent umzusetzen. An vielen Stellen sind wir da noch viel zu zögerlich – zum Beispiel beim Absagen von Konzerten oder Fußballspielen. Der Sportchef des 1. FC Köln, Horst Heldt, bezeichnete das Verhalten treffend als "konsequent inkonsequent".  

Heute spielt RB Leipzig im Achtelfinale der Champions League gegen Tottenham Hotspur vor der gewohnten Zuschauerkulisse – Borussia Dortmund dagegen kämpft morgen vor leeren Rängen in Paris um den Einzug ins Viertelfinale. Gestern Abend spielte Stuttgart gegen Bielefeld in der zweiten Liga mit Fans. Am Wochenende soll das Revierderby zwischen Dortmund und Schalke ohne stattfinden. Das ist zwar irgendwie verständlich, weil laut Infektionsschutzgesetz nur die lokalen Gesundheitsbehörden Veranstaltungen absagen bzw. verbieten können und entsprechend nicht die Vereine. Allerdings sollte allen Beteiligten auch langsam klar werden, dass das Rumgeeier niemandem hilft – und die Gesundheit vorgeht.

Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte hat entschlossen gehandelt und gestern Abend eine Beschränkung der Bewegungsfreiheit auf das ganze Land ausgeweitet. Seine Landsleute sollten zu Hause bleiben, sofern sie nicht dringende Angelegenheiten zu erledigen hätten. Alle öffentlichen Versammlungen werden verboten, Sportveranstaltungen und Fußballspiele werden ausgesetzt, Schulen und Universitäten landesweit bis zum 3. April geschlossen. Das klingt auch nach Weltuntergangsfilm, wird sich aber am Ende auszahlen.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (v.l.), Außenminister Mevlut Cavusoglu, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates. (Quelle: dpa/Dario Pignatelli)Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan (v.l.), Außenminister Mevlut Cavusoglu, EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Charles Michel, Präsident des Europäischen Rates. (Quelle: Dario Pignatelli/dpa)

Die Gräben zwischen der Europäischen Union und der Türkei mit dem Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sind tief und breit. Erdogan war gestern Abend in Brüssel, um über die Verletzungen des Flüchtlingspaktes von 2016 zu sprechen. Er selbst hatte Flüchtlinge und Migranten zuletzt nicht mehr von der Einreise in die Europäische Union abgehalten. Oder besser gesagt: bewusst in Richtung griechischer Grenze geschickt, um die EU unter Druck zu setzen und mehr finanzielle Unterstützung zu erpressen.

Ein neues Abkommen war gestern Abend ohnehin nicht zu erwarten, eine Einigung ist kilometerweit entfernt. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte, dass das Abkommen von 2016 gültig bleibe und man analysieren werde, welche Teile nicht umgesetzt wurden und warum. Das Problem: Während in Brüssel analysiert und untersucht wird, bleibt die Lage an der Grenze weiterhin katastrophal und menschenunwürdig, wie meine Kolleginnen Madeleine Janssen und Nathalie Helene Rippich vor Ort erleben.  

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WAS STEHT AN?

Im russischen Parlament findet heute die zweite und entscheidende Lesung der größten Verfassungsänderung in der Geschichte des Landes statt. Das klingt erstmal harmlos, dahinter verbirgt sich allerdings eine Reform mit einer unüberschaubaren Tragweite.

Die Befugnisse des Präsidenten in der Verfassung könnten ausgeweitet werden – und seine Amtszeit verlängert. Das könnte dazu führen, dass der 67 Jahre alte Kremlchef Wladimir Putin noch einmal maximal zwölf Jahre im Amt sein könnte – bis 2036. Nach der aktuellen russischen Verfassung endet Putins letzte Amtszeit 2024. Für den 22. April ist eine Volksabstimmung geplant. Erst dann soll Putin zufolge die Verfassungsreform in Kraft treten. Am Ende dient sie natürlich vor allem einem: Putin selbst, der unbedingt seine Macht erhalten möchte. 

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Konkurrenten: Joe Biden (l.) und Bernie Sanders. (Quelle: t-online.de)Konkurrenten: Joe Biden (l.) und Bernie Sanders. (Quelle: t-online.de)

Nach dem Super Tuesday vergangene Woche steht im US-Präsidentschaftsrennen der nächste große Vorwahl-Tag an. In sechs Bundesstaaten wird diesmal abgestimmt: Idaho, Michigan, Mississippi, Missouri, North Dakota und Washington. Erste Wahllokale öffnen am Mittag (MEZ). Ergebnisse werden nach deutscher Zeit erst am morgigen Mittwoch erwartet. Bei den Demokraten könnte es eine Vorentscheidung zwischen Joe Biden (77) und Bernie Sanders (78) geben.

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Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besucht Zwickau und nimmt ab 11 Uhr an einer Diskussionsrunde zum Thema "Gemeinsam gegen Hass und Gewalt – Kommunalpolitiker nicht allein lassen!" teil. Mit dabei: die Zwickauer Oberbürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) und der ehrenamtliche Bürgermeister der Brandenburger Gemeinde Schönwald, Roland Gefreiter, die über ihre Erfahrungen berichten.

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WAS LESEN ODER ANSCHAUEN?

Ein Aktienhändler im Saal der Frankfurter Börse. (Quelle: imago images/Xinhua)Ein Aktienhändler im Saal der Frankfurter Börse. (Quelle: Xinhua/imago images)

Nach dem Börsenbeben wegen des Coronavirus hat mein Kollege Mauritius Kloft hier Tipps für Anleger. Und er erklärt, warum Benzin jetzt billiger werden könnte.

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Die Coronavirus-Krise spitzt sich auch in den USA zu. Die politischen Risiken und Nebenwirkungen für Donald Trump steigen – und jetzt häufen sich in seinem engsten Zirkel die Verdachtsfälle, wie unser Washington-Korrespondent Fabian Reinbold berichtet.

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Bundesligapartien unter Ausschluss der Öffentlichkeit? Eine wird wohl das für Samstag angesetzte Revierderby im Dortmunder Signal-Iduna-Park werden. Für über 81.000 Fußballfans stellt sich dann die Frage: Haben wir einen Anspruch auf Erstattung unserer Ticketkosten? Fananwalt Dr. Andreas Hüttl hat meinem Kollegen Dominik Sliskovic erklärt, wann Fans auf eine Rückzahlung hoffen dürfen – und wann nicht. Genauso spannend ist die Frage, was Geisterspiele für Vereine bedeuten, denen es finanziell deutlich schlechter geht als den Bundesligisten. Dieser Frage ist Melanie Muschong nachgegangen.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Wer kann ein Happy Meal zum Weinen bringen, bis unendlich zählen, nutzt Tabasco als Augentropfen – und feiert heute seinen 80. Geburtstag?

Genau. Der legendäre US-amerikanische Action-Schauspieler Chuck Norris. Die besten Sprüche über ihn finden Sie hier.

US-Schauspieler Chuck Norris. (Quelle: dpa)US-Schauspieler Chuck Norris. (Quelle: dpa)

Und wer kann nach einer langen Frühschicht am Newsdesk in der t-online.de-Redaktion noch einen Tagesanbruch schreiben? Das ist mein Kollege Luis Reiß, der morgen an dieser Stelle für Sie die wichtigsten Nachrichten kommentiert.

Ich wünsche Ihnen einen schönen und gesunden Tag.

Ihr

Florian Wichert
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @florianwichert

Mit Material von dpa.

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