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Hunger: Eine Krankheit, noch schlimmer als Covid-19

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Eine Krankheit, noch schlimmer als Covid-19

24.11.2020, 07:40 Uhr
Hunger: Eine Krankheit, noch schlimmer als Covid-19. Ein Gesundheitshelfer in einem Lockdown-Gebiet der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. (Quelle: imago images)

Ein Gesundheitshelfer in einem Lockdown-Gebiet der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. (Quelle: imago images)

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WAS WAR?

Noch immer haben wir mit Covid-19 alle Hände voll zu tun. Nichts können wir deshalb weniger gebrauchen als diese Nachricht: dass eine weitere Krankheit zu wüten begonnen hat, deren Folgen noch drastischer sind als die des Coronavirus. Sie äußert sich zunächst in Erschöpfung, Reizbarkeit, zunehmend in Verwirrung. Das Immunsystem wird geschwächt, weshalb zusätzliche Infektionen häufig den Verlauf verschlimmern. Nach einer Weile greift die Erkrankung die inneren Organe an. Nach und nach "beginnt der Körper, die eigenen Muskeln zu verschlingen, einschließlich des Herzens. Viele Betroffene erleiden Halluzinationen und Krämpfe, bevor schließlich das Herz stehenbleibt", berichtet ein Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen. 

Anders als bei Covid-19 sind nicht nur ältere Menschen, sondern auch Kinder – vor allem die Kleinsten – von einem dramatischen, raschen Verlauf besonders bedroht. Unbehandelt endet die Erkrankung jedoch auch für alle anderen tödlich. Entsprechend alarmiert reagieren Vertreter von Hilfsorganisationen auf den Ausbruch, der jetzt das Leben von Millionen Menschen auszulöschen droht.

Die Krankheit heißt "Hunger". Gleich in mehreren Teilen der Welt steht die Alarmstufe auf Rot. Im Niger, dem ärmsten Land der Erde, braucht eine halbe Million Kinder dringend Hilfe, um zu überleben, warnt das Kinderhilfswerk Unicef. Von Alten, Kranken, bereits durch Mangelernährung geschwächten Erwachsenen ist dabei noch nicht einmal die Rede. Der Terror extremistischer Gruppen und die Corona-Krise machen den Helfern die Arbeit schwer und sorgen dafür, dass sich die Lage immer weiter verschlimmert.

Im Zentrum der Aufmerksamkeit jedoch – sofern man überhaupt von Aufmerksamkeit sprechen kann, denn Covid-19 hat nicht viel davon übriggelassen – steht die Zuspitzung der Lage im Jemen: Dort zeichnet sich eine Hungerkatastrophe ab, wie die Welt sie seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hat. Ein "perfekter Sturm" hat sich zusammengebraut, eine tödliche Mixtur verschiedener Tragödien, von denen jede für sich schon furchtbar genug wäre. Der seit fünf Jahren andauernde Krieg verbindet sich mit einer Invasion von Abermillionen Heuschrecken, mit Überschwemmungen, die 160.000 Menschen obdachlos gemacht haben, und mit der Heimsuchung durch das Coronavirus: Es ist, als seien die biblischen Plagen in unsere Zeit zurückgekehrt.

Aber der Hunger ist keine Strafe Gottes und auch schon lange kein Naturphänomen mehr. Im 21. Jahrhundert haben wir uns von dieser Geißel der Menschheit emanzipiert. Auf unserem Planeten leben mehr Menschen als jemals zuvor, dennoch ist genug für alle da. In der gesegneten Zeit, in der wir leben, gibt es deshalb keine Ausreden mehr. Hunger ist – ohne Ausnahme – das Ergebnis von Politik. Nirgendwo ist das leichter zu erkennen als im Jemen. Das Grundübel dort ist der Krieg: ein ursprünglich örtlicher Konflikt, den die mächtigen Staaten der Region zu einem verheerenden Stellvertreterkrieg aufgeblasen haben. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und der Iran liefern Waffen und Munition, schicken Söldner, bomben mit Kampfjets, Drohnen und Raketen das Land in die Steinzeit zurück.

An der Zulieferung des Kriegsmaterials verdient sich der Westen eine goldene Nase, saudische Piloten trainieren auf Militärflugplätzen in Großbritannien die Fertigkeiten für ihre Angriffe. Donald Trump lässt es sich nicht nehmen, auf dem Weg aus dem Amt weiteres Porzellan zu zerschlagen: Die Konfliktpartei der Huthis, die mit dem Iran verbündet ist, will er schnell noch zur Terrororganisation erklären lassen. Hilfsorganisationen sind entsetzt: Die Sanktionen würden den Krieg weiter anheizen und es noch schwerer machen, Güter in die unterversorgten Regionen zu bringen.

Hunger ist Politik. Eigentlich ist das eine gute Nachricht. Denn wir müssen uns nicht verzweifelt gegen ein unbarmherziges Schicksal und die Unbill der Natur aufbäumen. Dem einen Teil der Kriegstreiber im Jemen geht mit Donald Trump ihr wichtigster Verbündeter verloren, und mit dem Iran auf der Gegenseite tun sich in der anbrechenden Regierungszeit Joe Bidens neue Gesprächskanäle auf. Abgehängte Staaten wie der Niger können darauf hoffen, dass ihnen nach dem Egoismus der Trump-Jahre endlich eine internationale Gemeinschaft zu Hilfe kommt, die diesen Namen verdient. Garantiert ist das nicht, aber erreichbar. Wir haben den Hunger erschaffen, und wenn wir wollen, können wir ihn beenden. Und selbst wenn Sie kein Politiker sind, können Sie trotzdem etwas tun. Zum Beispiel, indem Sie ein paar Euro von Ihrem Weihnachtsgeld für die Menschen im Jemen abgeben: etwa hier oder hier

"Es bricht mir das Herz, dass meine Kinder die ganze Nacht weinen, weil sie Hunger haben", sagt die Witwe Amreah, Mutter von fünf Kindern im Jemen. (Quelle: CARE Deutschland)"Es bricht mir das Herz, dass meine Kinder die ganze Nacht weinen, weil sie Hunger haben", sagt die Witwe Amreah, Mutter von fünf Kindern im Jemen. (Quelle: CARE Deutschland)

80 Prozent der jemenitischen Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen.  (Quelle: CARE Deutschland)80 Prozent der jemenitischen Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. (Quelle: CARE Deutschland)

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WAS STEHT AN?

Der Westen hatte große Pläne. Die USA, die Deutschen, die Australier, die Briten und viele weitere Länder schickten Soldaten, Waffen, Gerät. Nachdem sie die Taliban zurückgedrängt und die Al-Qaida-Terroristen ausgeräuchert hatten, wollten sie den Afghanen die Demokratie bringen. Also bauten sie Lokalparlamente, Schulen, Krankenhäuser und Militärlager, bildeten Einheimische zu Soldaten und Polizisten aus und überwiesen viele Milliarden Dollar an den Hindukusch. So glaubten sie, den Krieg nach dem Krieg zu gewinnen.

Es vergingen die Jahre, doch die Nachrichten aus Afghanistan blieben dieselben: Kämpfe, Anschläge, Not, Leid, Rechtlosigkeit. Erst langsam begann in Washington, Berlin und den anderen Hauptstädten die Erkenntnis zu reifen, dass jene Prophezeiung, die Landeskenner schon zu Beginn des Einsatzes nach den Anschlägen vom 11. September 2001 geäußert hatten, womöglich doch zutreffend sein könnte: Afghanistan lässt sich nicht erobern, und die lokalen Stämme lassen sich auch nicht mit noch so viel Geld kaufen. Sie wollen ihre eigenen Herren sein, und sie wollen ihre Geschäfte, ihre Konflikte und auch ihren Frieden miteinander regeln, ohne sich die Regeln von hochmütigen Demokratiemissionaren mit Sturmgewehren in der Hand erklären zu lassen. Also bissen die Amerikaner in den sauren Apfel, nahmen Friedensgespräche mit ihren Todfeinden auf und zogen immer mehr Truppen ab. Dass Herr Trump nun noch rasch vor seinem Feierabend den Zapfenstreich vollenden will, sorgt bei den Verbündeten der USA für Unruhe, kann beim Blick auf die großen Linien der Weltgeschichte aber kaum überraschen.

Zurück bleibt ein geschundenes Land, zerbombt von Terroristen, zerschossen von Soldaten aus aller Welt, gedemütigt von korrupten Politikern, missbraucht von religiösen Tugendheuchlern. Der Westen tut sich schwer, sich damit abzufinden. Damit sein jahrelanges Abenteuer nicht ganz für die Katz war, pumpt er noch mehr Geld in offizielle und weniger offizielle Kanäle am Hindukusch. Heute beginnt die nächste Geberkonferenz für Afghanistan, wieder werden wohl Milliarden Dollar versprochen und schöne Worte über baldigen Frieden gedrechselt. Keine Frage: Jeder Cent für die notleidenden Menschen ist hilfreich und hochwillkommen. Doch das Chaos und das Leid vor Ort werden wohl bleiben. Vermutlich wird noch einige Zeit vergehen, bis der Westen sich eingesteht, dass er in Afghanistan erlebt hat, was dort seit Jahrhunderten allen Eroberern widerfährt: Er ist gescheitert.

Afghanen trauern am Grab eines Verwandten, der von australischen Soldaten getötet wurde.  (Quelle: dpa/Sharafat/XinHua/dpa)Afghanen trauern am Grab eines Verwandten, der von australischen Soldaten getötet wurde. (Quelle: Sharafat/XinHua/dpa/dpa)

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Wir werden wohl noch bis zum 20. Dezember mit allerhand Einschränkungen leben müssen: Morgen wollen Kanzlerin Merkel und die Ministerpräsidenten vereinbaren, wie es mit dem "Teil-Lockdown" weitergeht. Bisher hat er nicht die gewünschte Wirkung entfaltet, die Fallzahlen stagnieren auf hohem Niveau. Das zeigt sich auch in den Mobilitätsdaten der Bundesbürger, hat meine Kollegin Laura Stresing herausgefunden.

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Felix Klein ist Antisemitismus-Beauftragter der Bundesregierung. Heute stellt er in Berlin seine Erkenntnisse über die Radikalisierung der "Corona-Kritiker" vor. Aus Onlineforen schwappen immer mehr Lügen und Verleumdungen in die reale Welt – und rechte Parteien wie die NPD und die AfD versuchen, die Szene für sich zu vereinnahmen. Höchste Zeit für ein Stoppschild.

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Der schwedische Sonderweg gegen Corona scheint gescheitert, nach rapide steigenden Totenzahlen vollzieht die Regierung eine Kehrtwende: Ab heute gilt eine Kontaktsperre, in der Öffentlichkeit dürfen sich nur noch acht Bürger versammeln. Bestürzend, dass so viele Menschen sterben mussten, bis die Regierenden auf den Trichter kamen.

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In Istanbul wird der Prozess im Mordfall Khashoggi fortgesetzt. Ein Killerkommando aus Riad hatte den Journalisten vor zwei Jahren im saudischen Konsulat getötet und seinen Leichnam zersägt. Vermutlich hat der saudi-arabische Kronprinz Mohammed bin Salman den Mord beauftragt. Auf dem soeben zu Ende gegangenen G20-Treffen versuchte er sich in den Kreis der Staatenlenker zurückzuscharwenzeln. Da der Gipfel nur per Video stattfinden konnte, ist es ihm nicht so recht gelungen. Corona hat auch seine guten Seiten.

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Die Nachricht kam am Washingtoner Abend um kurz nach 18 Uhr: Donald Trumps Administration leitet offiziell die Amtsübergabe an Joe Biden ein. Als Eingeständnis der Niederlage will Trump das allerdings nicht verstanden wissen. Warum Trump damit weiter an seiner Legende arbeitet und was der Schritt bedeutet, erklärt mein Kollege Johannes Bebermeier in Washington.

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Ein Gericht im niedersächsischen Bückeburg entscheidet über eine Klage der NPD. Die rechtsextremistische Partei hat Ministerpräsident Stephan Weil verklagt. Nach dem Verbot einer NPD-Demonstration gegen investigative Journalisten hatte der SPD-Politiker getwittert: "Eine gute Nachricht für die Pressefreiheit!" Recht hat er. Hoffentlich auch vor Gericht.

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WAS LESEN?

Nicht alles, was Gesundheitsminister Jens Spahn anpackt, läuft glatt. (Quelle: imago images)Nicht alles, was Gesundheitsminister Jens Spahn anpackt, läuft glatt. (Quelle: imago images)

Deutschland ist vergleichsweise gut durch die Corona-Krise gekommen, das habe auch ich mehrfach geschrieben. Die Kollegen vom "Spiegel" haben einen anderen Eindruck: In ihrem neuen Buch "Lockdown" zeigen Christoph Hickmann, Martin Knobbe und Veit Medick, dass viele Politiker und Beamte von der Pandemie überfordert sind. 

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Eine gewisse Jana aus Kassel sorgt für Schlagzeilen, die AfD wird zum Sammelbecken für Extremisten und Verschwörer – und wo bleibt die Vernunft? Unser Kolumnist Gerhard Spörl seziert die aktuelle politische Lage. 

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Will die Nationalmannschaft auf die Erfolgspur zurückkehren, muss Bundestrainer Löw abtreten, klar. Und den Schönfärber Bierhoff gleich mitnehmen. Aber was ist mit den Führungsspielern auf dem Platz – vor allem Toni Kroos? Meine Kollegen Florian Wichert und Robert Hiersemann haben klare Meinungen zu dieser Frage.

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WAS AMÜSIERT MICH?

Karl Dall ist tot. Das ist traurig. Aber zum Glück leben ja seine Fernsehszenen fort. Vor allem die mit Helge, dem Genie. Zum Beispiel hier, ab Minute zwei. 

Ich wünsche Ihnen stets ein lachendes Auge. Auch dann, wenn das andere weint.

Herzliche Grüße,

Ihr


Florian Harms
Chefredakteur t-online
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Mit Material von dpa.

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