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Verheerende Attacken auf Millionen-Stadt: Putins zynischer Plan


Verheerende Attacken
Darum will Putin diese Stadt unbedingt


Aktualisiert am 28.05.2024Lesedauer: 6 Min.
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Angriff auf Baumarkt: Das Gebäude war am Samstag von zwei Lenkraketen getroffen worden. (Quelle: dpa)

Die Attacke auf einen Baumarkt zeigt das ganze zynische Kalkül des russischen Präsidenten. Und es offenbart das Dilemma, das die Ukraine derzeit plagt.

Dichter schwarzer Rauch quillt in großen Schwaden aus dem Gebäude. Flammen lodern meterhoch. Die Szenen auf dem Gelände eines Baumarkts in der ukrainischen Millionenstadt Charkiw gleichen einem Inferno. Schwer vorstellbar, dass jemand diese Flammenhölle überleben konnte. Und doch melden die ukrainischen Behörden 44 teils schwer Verletzte, die nach einem Angriff durch russische Gleitbomben aus dem Baumarkt gerettet werden konnten. Für 14 andere kam jede Hilfe zu spät, sie verbrannten, erstickten oder wurden von den Bombensplittern zerfetzt, die den Markt am Samstag auseinanderrissen.

So sieht er derzeit aus, der Angriffskrieg, den Russlands Diktator Wladimir Putin gegen die Ukraine führt. Der Tod kommt aus der Luft. Unvorhersehbar. Wo eben noch Menschen, Handwerker, Familienväter und Mütter ihre Einkaufswagen durch das Kaufhaus schoben, wateten die Rettungskräfte bald darauf nur noch durch Aschehaufen und verkohlte Überreste. Zu sehen ist das unter anderem auf Videos, die vom Ort der Attacke verbreitet wurden. Sie sind nur schwer zu ertragen.

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Ein Mitarbeiter des Baumarkts berichtete der Nachrichtenagentur Reuters, beide Einschläge seien kurz nacheinander erfolgt. "Ich hörte den ersten Treffer, und mein Kollege und ich fielen zu Boden", sagte der 26-jährige Dmytro Syrotenko, der im Gesicht verletzt wurde. "Es gab einen zweiten Einschlag und wir wurden mit Trümmern bedeckt."

Charkiw: Bomben auf eine Druckerei, verkohlte Leichen

Die Attacke ereignete sich gegen 16 Uhr am Nachmittag. Mindestens 200 Personen sollen sich zu diesem Zeitpunkt in dem Geschäft befunden haben. 400 Rettungskräfte und Feuerwehrleute waren das ganze Wochenende auf dem Baumarktgelände im Einsatz. Es dauerte insgesamt 16 Stunden, bis der Brand unter Kontrolle war.

Allerdings wurden die Rettungskräfte selbst diesmal wohl nicht zum Ziel der Attacke. In der Vergangenheit soll Russland hingegen mehrfach die Taktik der sogenannten "double tap"-Angriffe angewandt haben, bei denen zwei Bomben innerhalb von Minuten hintereinander einschlagen und viele der eintreffenden Retter in den Tod reißen. Eine besonders zynische Vorgehensweise, die meist eine hohe Zahl ziviler Opfer fordert.

Das scheint gewollt zu sein. Denn Putins Truppen greifen die Großstadt Charkiw seit Monaten mit unverminderter Härte an, und auch wenn der Kreml dementiert, Angriffe auf die Zivilbevölkerung durchzuführen, schlagen beinahe täglich russische Bomben in Zivilgebäuden ein.

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Erst vergangenen Donnerstag zerstörten Bomben eine große Druckerei in Charkiw. Auf Videos, die von ukrainischen Offiziellen geteilt wurden, waren die Reste von 50.000 verkohlten Büchern neben den zur Unkenntlichkeit verbrannten Körpern von sieben Opfern zu sehen, die der Angriff forderte. Die Menschen in der Ukraine standen angesichts der Bilder unter Schock, und ganz besonders die Einwohner von Charkiw. Das will wohl etwas heißen in einem Land, das sich seit mehr als zwei Jahren eines barbarischen Angriffskrieges mit Tausenden zivilen Opfern erwehrt.

Selenskyj: "Manifestation russischen Wahnsinns"

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte am Sonntag ein Video, das in den Ruinen der Druckerei gedreht worden war. Er appellierte an US-Präsident Joe Biden und Chinas Staatschef Xi Jinping: "Wir wollen nicht, dass die UN-Charta verbrannt wird, so wie diese Bücher hier, und ich hoffe, Sie wollen das auch nicht", sagte er. Beide sollten deshalb zu der Friedenskonferenz kommen, die im Juni in der Schweiz stattfinden soll.

Selenskyj sprach angesichts der Attacken gegen die Zivilbevölkerung vom "Terrorismus" Russlands. Während das russische Militär später behauptete, in dem Baumarkt sei ein Waffenlager versteckt gewesen, verurteilte der ukrainische Präsident den Angriff als "eine weitere Manifestation des russischen Wahnsinns". Er bat den Westen einmal mehr um mehr Ausrüstung zum Schutz der Zivilbevölkerung.

Ein Ansinnen, das etwa vom deutschen Bundeskanzler Olaf Scholz seit Langem wortreich unterstützt wird. Allerdings tut sich die Bundesregierung nach wie vor schwer damit, der Ukraine die militärischen Mittel zukommen zu lassen, die sie benötigt, um sich gegen die russischen Angriffe verteidigen zu können. Auch sieht sie das Vorhaben der Ukraine kritisch, westliche Waffensysteme zu Angriffen auf russischem Boden nutzen zu dürfen. Dies hatte etwa US-Außenminister Antony Blinken kürzlich nicht mehr ausgeschlossen. SPD-Kanzler Scholz erteilte diesem Vorschlag jedoch eine Absage.

Hofreiter widerspricht Kanzler Scholz

Bei einem Bürgergespräch auf dem Demokratiefest in Berlin sagte Scholz am Sonntag auf die Frage, wann er den ukrainischen Streitkräften den Beschuss russischen Territoriums mit diesen Waffen erlauben werde: "Für die Waffenlieferungen, die wir bisher geleistet haben, haben wir klare Regeln, die mit der Ukraine vereinbart sind. Und die funktionieren. Das ist jedenfalls meine These."

Der Grünen-Europapolitiker Anton Hofreiter widerspricht dem Kanzler. "Es geht hier um den Schutz der ukrainischen Bevölkerung. Daher sollten wir die Ukraine nicht daran hindern, mit den gelieferten Waffen russische Kampfjets auch im russischen Luftraum abzuwehren", sagte der Vorsitzende des Europaausschusses im Bundestag den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. "Das Völkerrecht erlaubt es einem angegriffenen Staat, militärische Ziele im Land des Aggressors zu attackieren."

Das Problem bei Angriffen wie jenem auf den Baumarkt in Charkiw ist, dass Russland gar nicht erst in die Nähe der ukrainischen Verteidigungswaffen kommen muss, um die verheerenden Attacken durchzuführen. Es genügt, wenn seine Bomber ihre tödliche Fracht hinter der Grenze abfeuern, also noch auf russischem Gebiet. Den Rest des Weges legen die Gleitbomben dann selbstständig zurück. Dürfte die Ukraine russische Stellungen auch auf russischem Staatsgebiet attackieren, würde das der russischen Armee großen Schaden zufügen. Doch dafür müsste die Ukraine westliche Waffen mit entsprechender Reichweite einsetzen.

"Die Ukraine bettelt sich ihre Ausrüstung im Grunde zusammen", stellt auch der Militärexperte Ralph Thiele im Interview mit "ntv.de" fest. Die Regierung in Kiew müsse "Rücksicht nehmen auf die, die ihr Waffen geben", meint Thiele. Angesichts der Bilder aus Charkiw fragen sich immer mehr Beobachter, wie das Land die russischen Bombardements in den kommenden Wochen und Monaten adäquat verteidigen soll.

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Präsident Selenskyj macht daher weiter Druck. Er forderte die westlichen Verbündeten der Ukraine nach dem Angriff auf den Baumarkt in Charkiw erneut dazu auf, seinem Land mehr Luftabwehrsysteme zu liefern. "Wenn die Ukraine genug Luftabwehrsysteme und moderne Kampfflugzeuge hätte, wären solche russischen Angriffe unmöglich", erklärte der Präsident. "Jeden Tag appellieren wir an die Welt: Gebt uns eine Luftabwehr, rettet Menschen."

Stadt soll "unbewohnbar" gemacht werden

Für Selenskyj und seine Generäle ist die Situation ein enormes Dilemma: Einerseits darf der ukrainische Präsident seine westlichen Verbündeten diplomatisch nicht verprellen, andererseits drohen Teile der Front unter dem wachsenden militärischen Druck der Russen allmählich zusammenzubrechen. Auch das ist eine Folge der schleppend eintreffenden Waffenlieferungen aus dem Westen. Zudem scheint im dritten Jahr des Krieges der Durchhaltewillen sowohl bei den Soldaten als auch unter der Zivilbevölkerung nicht mehr so ausgeprägt zu sein wie noch im Frühjahr und Sommer 2022.

Schon damals war Charkiw Schauplatz brutaler russischer Attacken, unter anderem wurden Kindergärten, Wohnblocks und Krankenhäuser getroffen. Doch die Stadt, die annähernd die Einwohnerzahl von München hat, hielt dem Druck der Angreifer stand und wurde zu einem Symbol des Widerstands. Im September des Jahres gelang es ukrainischen Truppen dann sogar, die Russen zurückzudrängen und aus der Region um Charkiw weitgehend zu vertreiben.

Ganz anders ist die Lage in Charkiw heute: dramatisch. Mehrmals täglich heulen die Sirenen des Luftalarms, hetzen die Menschen in die Schutzräume. Immer seltener gelingt es der ukrainischen Verteidigung, die russischen Bomben- und Drohnenangriffe vollständig abzufangen. Dann schlagen die Bomben ein, wie zuletzt in der Druckerei oder nun in dem Baumarkt.

Das Ziel Wladimir Putins ist es, die zweitgrößte Stadt der Ukraine zu erobern, dafür will er der Zivilbevölkerung das Leben in Charkiw unerträglich machen. Die Stadt solle "unliveable" werden, schrieb der britische "Economist" jüngst. Also unbewohnbar. Deshalb der unaufhörliche Terror aus der Luft.

Viele der Einwohner Charkiws sind russisch

Die Einnahme Charkiws wäre für den russischen Machthaber jedenfalls ein enormer strategischer, aber auch symbolischer Erfolg, denn die Metropole mit ihren 1,3 Millionen Einwohnern ist eines der kulturellen und wirtschaftlichen Zentren der Ukraine, mit zahlreichen Universitäten, Museen, Theatern, aber auch bedeutenden Industriekomplexen und Militäranlagen. Wer Charkiw kontrolliert, der kontrolliert praktisch den gesamten Donbass, also den militärisch wichtigen Ostteil des Landes.

In der Nacht von Sonntag auf Montag kommt die Nachricht über die Agenturen, dass Russland mehrere Ortschaften in der Region Charkiw erneut bombardiert hat. Dabei starben nach bisherigen Angaben vier Menschen. Allesamt Zivilisten.

Mit den Schlägen gegen zivile Ziele bewirkt Russland vor allem eines: Die Menschen verlieren irgendwann den Mut. Schon jetzt verlassen viele die Stadt, flüchten zu Verwandten in andere Landesteile oder gar ins Ausland. Dabei zählt ein erheblicher Teil der Einwohner von Charkiw selbst zur russischstämmigen Bevölkerung in der Ukraine.

Doch das interessiert Wladimir Putin offenbar wenig. Ihm geht es darum, nicht nur das Territorium der Ukraine zu besetzten, sondern auch die Kultur des Landes auszulöschen. Wie die UN-Beauftragte Alexandra Xanthaki schon im Dezember 2022 feststellte: "Putin rechtfertigt seinen Krieg auch damit, dass eine ukrainische Identität angeblich gar nicht existiert."

Verwendete Quellen
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