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Gehaltsvergleich: Gender-Pay-Gap – hier verdienen Frauen viel weniger als Männer


Großer Gehaltsvergleich  

In diesem Bundesland verdienen Frauen besonders viel weniger

Von Florian Schmidt, Christopher Braemer

09.03.2020, 09:08 Uhr
Gehaltsvergleich: Gender-Pay-Gap – hier verdienen Frauen viel weniger als Männer. Kollegen mit Unterschied: Eine neue Studie belegt, dass Frauen und Männer trotz gleicher Voraussetzungen weiterhin nicht dasselbe verdienen. (Quelle: imago images/Stockimage)

Kollegen mit Unterschied: Eine neue Studie belegt, dass Frauen und Männer trotz gleicher Voraussetzungen weiterhin nicht dasselbe verdienen. (Quelle: Stockimage/imago images)

Wo ist die Gehaltslücke zwischen Frauen und Männern am größten? Und in welcher Branche am geringsten? Eine umfassende Studie zum Gender-Pay-Gap wartet mit Antworten auf – und überraschenden Ergebnissen. 

In vielen Büros ist es ein Tabu, über Gehälter zu sprechen, besonders, wenn es um den Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern geht. Denn noch immer gilt in Deutschland: Was am Ende des Monats auf dem Lohnzettel steht, hängt stark vom Geschlecht ab. Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer.

Das sogenannte Gender-Pay-Gap (zu Deutsch: Geschlechter-Lohnlücke) beläuft sich laut Statistischem Bundesamt seit dem Jahr 2002 unverändert auf knapp 21 Prozent – obwohl die Bundesregierung den Abstand bis 2030 auf zehn Prozent senken will. 

Doch wo ist das Gender-Pay-Gap am größten? In welchen Branchen und Bundesländern verdienen Frauen im Vergleich zu Männern am wenigsten? Und welche Rolle spielt das Alter? Mit diesen und weiteren Fragen hat sich jetzt das Onlineportal Gehalt.de im Rahmen einer umfassenden Studie befasst, die t-online.de vorliegt.

Frauen verdienen 23,5 Prozent weniger als Männer

In ihrer Gesamtheit verdienen Frauen, die ihr Gehalt auf der Plattform angegeben haben, sogar 23,5 Prozent weniger als Männer. Selbst unter Berücksichtigung von Faktoren wie Ausbildung oder Berufswahl beläuft sich die sogenannte "bereinigte Lohnlücke" immer noch auf 7,5 Prozent.

Die Lohnunterschiede variieren dabei stark nach Region. In Ostdeutschland etwa ist das Gender-Pay-Gap geringer als in Westdeutschland. Einen großen Einfluss haben außerdem die Branche und das Alter der Beschäftigten. t-online.de fasst die wichtigsten Ergebnisse der Studie zusammen.

Am größten ist die Lücke in Baden-Württemberg

Laut der Studie erhalten Frauen in Baden-Württemberg im Vergleich zu Männern am wenigsten. In Zahlen: Im Autobauer-Land liegt das mittlere Einkommen der Männer bei 46.153 Euro brutto im Jahr – das der Frauen bei nur 36.266 Euro. Frauen in Baden-Württemberg verdienen damit 21,4 Prozent weniger als Männer.

Auf Platz zwei der Bundesländer mit dem größten Gender-Pay-Gap liegt das Saarland, dicht gefolgt von Niedersachsen, Rheinland-Pfalz, Bayern und Nordrhein-Westfalen. Hier liegt die unbereinigte Gehaltslücke bei jeweils knapp unter 20 Prozent.

 (Quelle: t-online.de) (Quelle: t-online.de)

Am niedrigsten ist der prozentuale Gehaltsunterschied deutschlandweit in Berlin. In der Hauptstadt verdienen Frauen im Schnitt nur 11,8 Prozent weniger als Männer. Fast genauso klein ist die unbereinigte Lücke mit 12 Prozent in Mecklenburg-Vorpommern.

Auffällig ist: So groß die Unterschiede im Süden und Westen der Republik sind, so gering sind sie im Osten. In Mecklenburg-Vorpommern etwa liegt die unbereinigte Lohnlücke bei nur 12 Prozent, gefolgt von Brandenburg (12,7 Prozent Gehaltslücke), Sachsen (15,2 Prozent) und Sachsen-Anhalt (16,2 Prozent).

Im Osten arbeiten traditionell mehr Frauen

Eine Ausnahme in den ostdeutschen Bundesländern bildet Thüringen. Dort werden Frauen im Vergleich zu Männern vergleichsweise schlechter bezahlt als in so manch einem West-Bundesland. Die Gehaltslücke liegt hier bei 18 Prozent.

Malte Lübker, Tarif- und Einkommensexperte vom Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, hat dafür mehrere Erklärungen. "Der Osten hat nach der Wende einen rapiden Strukturwandel durchgemacht, bei dem viele der traditionellen, gut bezahlten Männerberufe in der Industrie weggefallen sind", sagt er. Viele der verbleibenden Industriebetriebe bezahlten im Osten deutlich weniger als im Westen, unter anderem weil sie nicht nach Tarif bezahlen. 

Zudem sei der Osten dem Westen bei der Aufteilung der Elternarbeit weit voraus. "In der DDR war es normal, dass Frauen auch mit Kindern Vollzeit arbeiteten, während eine Mutter im Westen noch in den 1980ern als Rabenmutter galt, wenn sie überhaupt einen Beruf ausübte", so Lübker. "Diese sozialen Normen wandeln sich zwar auch im Westen, aber sie sind offenbar fester verankert." 

Studie gibt Aufschluss über "unerklärbare" Gehaltsunterschiede

Für die Studie haben die Statistiker von Gehalt.de 76.530 Jahresbruttogehälter weiblicher und männlicher Fach- und Führungskräfte aus den vergangenen zwölf Monaten verglichen. Neben dem Geschlecht flossen dabei Parameter wie Ausbildung, Alter, Berufserfahrung, Anforderungsniveau, Bundesland, Unternehmensgröße, Branche und Berufsgruppe der Beschäftigten ein.

Rund 39 Prozent der Daten stammen von Frauen, 61 Prozent lassen sich auf Männer zurückführen, die ihr Gehalt bei dem Portal angegeben haben. Der überwiegende Teil (92 Prozent) der untersuchten Beschäftigten ist eine Fachkraft, die übrigen 8 Prozent bekleiden Führungspositionen.

Ein zentrales Ergebnis der Studie bezieht sich auf die sogenannte "bereinigte" oder "unerklärbare" Lohnlücke zwischen Frauen und Männern. Gemeint ist damit der Gehaltsunterschied, der sich nicht durch strukturelle Faktoren erläutern lässt. Dazu zählen etwa der Ausbildungsabschluss, die Berufswahl, Erfahrung oder der geringere Anteil von Frauen in Führungsverwantwortung. Um die bereinigte Lohnlücke zu bemessen, haben die Studienautoren den Einfluss dieser Parameter herausgerechnet.

7,5 Prozent weniger Lohn – nur wegen des Geschlechts

Das Resultat: Allein wegen ihres Geschlechts verdienen Frauen 7,5 Prozent weniger als Männer. Während sich dieser Satz unter den Fachkräften auf 7,4 Prozent beläuft, liegt er unter Führungskräften bei 8 Prozent. 

 (Quelle: t-online.de) (Quelle: t-online.de)

Die größten Abweichungen stellten die Analysten von Gehalt.de im Kundendienst fest. Bei dieser Berufsgruppe beträgt das unerklärbare Gender-Pay-Gap rund 12,6 Prozent.

Auch in anderen Berufsgruppen ist die unerklärbare Lücke groß, zeigt die Studie. Im Vertrieb beispielsweise liegt der Unterschied beim mittleren Einkommen von Männern und Frauen bei rund 9,3 Prozent. In der IT, in Forschung und Wissenschaft sowie in Marketing, PR und Unternehmensentwicklung liegt er dagegen bei nur 6,5 bis 6,6 Prozent. Am geringsten sind die Unterschiede nach Arbeitsfeldern im Controlling sowie im Finanz- und Rechnungswesen. Das unerklärbare Gender-Pay-Gap liegt hier bei nur 3,5 Prozent.

Große Unterschiede im Handwerk und im Maschinenbau

Besonders negativ sticht in der Studie die Immobilienbranche hervor. Hier verdienen weibliche Fachkräfte unter gleichen Voraussetzungen rund 12,8 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Auch im Handwerk (11,3 Prozent) und im Maschinenbau (10,6 Prozent) sind die Unterschiede bei Arbeitnehmern mit sehr ähnlichen strukturellen Bedingungen hoch:

 (Quelle: t-online.de) (Quelle: t-online.de)

Anders sieht es bei sozialen Einrichtungen aus: Hier liegt der bereinigte Gehaltsunterschied zwischen Frauen und Männern bei nur 1,3 Prozent. Ein Grund dafür: die Tarifbindung. "Wenn Sie als Erzieherin bei einer Kommune in Brandenburg arbeiten, werden Sie wahrscheinlich nach dem Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (VKA) bezahlt", sagt WSI-Experte Lübker. Das Geschlecht spielt dabei keine Rolle.

Alter und Unternehmensgröße haben großen Einfluss

Was die Studie ferner zeigt: Das Gender-Pay-Gap unterscheidet sich auch nach Alter. Während der unerklärbare Lohnunterschied bei den 18- bis 30-Jährigen knapp 4 Prozent beträgt, beläuft sie sich unter Beschäftigten zwischen 41 und 50 Jahren bereits auf 10,5 Prozent. Noch stärker wächst mit dem Alter der unbereinigte Gehaltsunterschied (siehe Grafik).

 (Quelle: t-online.de) (Quelle: t-online.de)

Eine Erklärung dafür ist, dass Frauen nach der Geburt von Kindern weiter länger zu Hause bleiben als Männer, wie auch Philip Bierbach, Geschäftsführer von Gehalt.de betont. "Die unbereinigte Entgeltlücke wächst mit dem Alter der Beschäftigten", sagt er. "Grund hierfür ist unter anderem eine mögliche Familiengründung von Arbeitnehmerinnen – häufig bremst die Pause durch Mutterschutz, Elternzeit und eine darauffolgende Teilzeitbeschäftigung die Gehaltsentwicklung."

Um eine möglichst gleiche Bezahlung im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen zu bekommen, sollten Frauen eher in großen Betrieben anheuern. Der Studie zufolgte ist die bereinigte Lücke in kleinen Firmen ausgeprägter als in großen Unternehmen. So beträgt das unerklärbare Gender-Pay-Gap nach Angaben von Gehalt.de in Konzernen mit mehr als 5.000 Beschäftigten lediglich 4,6 Prozent. In kleinen Unternehmen mit höchstens 100 Beschäftigten liegt es bei 8,2 Prozent.

 (Quelle: t-online.de) (Quelle: t-online.de)

Dieses Phänomen kennt auch WSI-Experte Lübker. "Das Problem besteht besonders in kleineren Betrieben, in denen deutlich seltener Tarifverträge gelten als in den Großbetrieben oder im öffentlichen Dienst", sagt er.

Experte: Mangelnde Transparenz Grund für Diskriminierung

Zur Lohndiskriminierung aufgrund des Geschlechts komme es insbesondere dann, wenn die Gehälter im Betrieb nicht transparent geregelt sind. "Da kann es durchaus vorkommen, dass ein Mann mehr verdient als seine Kollegin, obwohl beide im Prinzip das Gleiche machen", sagt Lübker.

Gehälter seien schließlich auch unter Kollegen ein sensibles Thema – und über den Gehaltszettel spreche man hierzulande nicht einfach so am Mittagstisch. Der beste Weg zu mehr Transparenz und fairen Löhnen führt ihm zufolge über Tarifverträge.

"Die aber gelten leider nur noch für gut die Hälfte der Beschäftigten in Deutschland", sagt er. "Der tariflose Bereich wird immer größer – und damit das Risiko, dass Arbeitgeber die Löhne einfach nach Gutsherrenart festsetzen und Frauen das Nachsehen haben."

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherche
  • Studie von Gehalt.de

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