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Aktienexperte Röhl im Interview: "Der Deutsche ist zum Sparen erzogen worden"

INTERVIEWAktienexperte Röhl  

"Der Deutsche ist zum Sparen erzogen worden"

Von Florian Schmidt, Mauritius Kloft

18.11.2020, 15:30 Uhr
Aktienexperte Röhl im Interview: "Der Deutsche ist zum Sparen erzogen worden". Christian W. Röhl zählt zu den bekanntesten Börsenexperten Deutschlands. Sein Tipp: Statt mit einzelnen Aktien zu zocken, investieren Sie lieber langfristig. (Quelle: Christian W. Röhl)

Christian W. Röhl zählt zu den bekanntesten Börsenexperten Deutschlands. Sein Tipp: Statt mit einzelnen Aktien zu zocken, investieren Sie lieber langfristig. (Quelle: Christian W. Röhl)

Worauf sollten Investoren 2021 achten? Welche Trends spielen nächstes Jahr am Aktienmarkt eine Rolle? Und wie können Privatanleger davon profitieren? Börsenexperte Röhl liefert Antworten.

Das Jahr 2020 war in vielerlei Hinsicht ein besonderes für die Börse: Im Frühjahr brachen die Aktienkurse nach einem Allzeithoch des Dax im Februar wegen der Corona-Krise ein. Im Sommer meldete der deutsche Finanzdienstleister Wirecard als erstes börsennotierte Unternehmen im deutschen Leitindex Insolvenz an. Die Aktie sank bis auf unter einen Euro, Milliarden an Börsenwert verbrannten.


Für Christian W. Röhl, Aktienexperte und Bestsellerautor (Twitter-Account), ist das kein Problem. Er rät Anlegern trotzdem noch zu einem Investment am Aktienmarkt. Im Interview mit t-online erklärt er, woher die Deutschen ihre Aktienangst haben und verrät, welche Titel er für das kommende Jahr 2021 im Fokus hat.

t-online: Herr Röhl, wie viel Geld haben Sie dieses Jahr mit Wirecard-Aktien verloren?

Christian W. Röhl: Gar keins. Für mich war Wirecard nie ein Thema. Die Aktie passte nie in mein Beuteschema. Ich habe immer nur in das investiert, was ich kenne und was ich selber nutze, zum Beispiel in Visa oder Paypal. Ich habe nie verstanden, was so besonders an Wirecard sein sollte.

Was war dann Ihr schlechtes Einzelinvestment im abgelaufenen Kalenderjahr?

Das müsste die Aktie der Deutschen Euroshop gewesen sein, die ja einer der wichtigsten Eigentümer von Einkaufszentren in Deutschland ist. Sie hat sich zwischenzeitlich wieder erholt, liegt auf Jahressicht aber immer noch über 30 Prozent hinten und hat sich gegen über ihrem Allzeithoch gedrittelt. Das liegt einerseits an strukturellen Themen – Stichwort Online-Handel – und andererseits natürlich an der Corona-Krise.

Wie sehr ärgert Sie das?

Überhaupt nicht. Das gehört einfach dazu. Ich schaue mir selten einzelne Aktien an. Ich schaue, dass meine Investments in der Gesamtschau funktionieren, dass sich mein Portfolio positiv entwickelt.

Mit einem Investment in Aktien sind Sie Teil einer Minderheit in Deutschland. Nur 16 Prozent halten Aktien. Warum ist das so?

Der Deutsche war schon immer risikoscheu. Er ist zum Sparen erzogen worden. Das hat ja auch lange Zeit gut funktioniert. Erst in den 1990er-Jahren gab es mit den sogenannten Volksaktien Versuche, bei denen erstmals Millionen Deutsche an die Börse gekommen sind.

Sie meinen die Telekom?

Genau. Das Dumme ist, dass diese Geschichte furchtbar schief gegangen ist. Da gingen viele Anlegergelder den Bach herunter. Damals sind zwei Generationen für die Börse verdorben worden: Die Eltern-Generation, die ihr Geld verloren haben. Und die Generation der Kinder, denen die Eltern die Furcht vor der Börse eingeimpft haben.

Wäre es anders gekommen, hätte es die T-Aktie nicht gegeben?

Definitiv. Es hätte zumindest die Chance gegeben, aus einer Spekulationswelle eine Investmentkultur zu machen. Doch daran hatte der Staat damals kein Interesse. Vielmehr wollte er im dritten Börsengang 2000 die Telekom-Aktie zum maximalen Preis abverkaufen, um Geld in die Staatskasse zu spülen. Mit der T-Aktie hat der Staat großen Schaden angerichtet. Das steckt noch 20 Jahre später tief in den Leuten drin.

Der Aktienexperte
Christian W. Röhl ist ein deutscher Investor und Bestsellerautor. Er hält Vorträge über das Investment mit Aktien und gilt als Verfechter einer Aktienstrategie, die auf Dividenden setzt. 2016 veröffentlichte er sein Buch "Cool bleiben und Dividenden kassieren".

Was sollte der Staat tun, um die Aktienkultur in Deutschland zu fördern?

Zunächst sollte er sich die geplante Finanztransaktionssteuer sparen. Sie stellt nur eine unnötige Hürde für Kleinanleger dar. Dann könnte der Bund ein steuerbegünstigtes Depot etwa nach dem US-Vorbild 401k einführen, auf das der Fiskus nicht zugreift, solange Anleger ihr Geld nicht vor Renteneintritt abziehen. Eine weitere Idee wären die Wiederbelebung der Spekulationsfrist, sodass Kursgewinne nach einer gewissen Haltefrist steuerfrei wären. Die darf ja gerne länger als die zwölf Monate sein, die wir bis 2008 hatten. Das belohnt alle, die langfristig anlegen und eben nicht zocken.

Für Zocken halten viele Menschen auch das klassische Stock-Picking. Was entgegnen Sie diesen Leuten?

Wissen Sie, ich sehe diesen Konflikt zwischen Einzeltiteln und Fonds gar nicht. Letztlich geht es bei beiden um Aktien. Ob ich Einzelaktien kaufe, einen ETF oder einen klassischen Fonds, ist zunächst eine Frage des Vermögens und des Investment-Stils: Will ich 30 Aktien selbst besitzen? Oder reicht es mir, wenn ich diese Wertpapiere zusammengefasst in einem Fonds habe? Andere Dinge aber sind viel relevanter – zum Beispiel der Anlagezeitraum. Entscheidend ist außerdem, ob ich eine regelbasierte Strategie habe oder einfach aus dem Bauch heraus kaufe.

Gutes Stichwort: Sie preisen unter anderem eine Dividenden-Strategie an …

Nein! Ich preise überhaupt nichts an.

Ach nein? Dabei haben Sie doch ein ganzes Buch über Dividenden geschrieben – selbst Ihre Homepage heißt "Dividendenadel".

Ich bin ein absoluter Fan von Aktien und natürlich auch von Dividenden. Denn die sind, unabhängig vom Auf und Abs an der Börse, der direkte Ertrag der Aktie: Wenn das Unternehmen funktioniert, bekomme ich als Anleger Geld. Darüber habe ich die Erfahrung gemacht, dass Dividendenqualität ein guter Indikator ist, um langfristig aussichtsreiche Aktien zu identifizieren. Aber das sind alles nachgeordnete Details. Viel wichtiger ist die grundsätzliche Entscheidung für Aktien als unverzichtbarer Portfolio-Baustein – die man dann mit unterschiedlichen Strategien umsetzen kann.

Etwa eher mit einem Indexfonds, einem ETF?

Ja, genau. Das reicht erst einmal aus. Es gilt das alte Börsensprichwort: Breit gestreut, nie bereut. Wenn man einmal angefangen hat mit einem ETF auf den MSCI World oder den FTSE All World, kann man von dort aus weitermachen und das eigene Depot in die eine oder andere Richtung entwickeln. Zum Beispiel, indem man mit Fonds ein stärkeres Gewicht auf Asien legt oder durch den Kauf einzelner Aktien im Rahmen einer klar definierten Strategie.

Verkürzt gesagt: Erst Basis-Investment mit einem breit gestreuten ETF, dann Einzelaktien kaufen?

Richtig. Sobald das Fundament steht, können Sie sich in Ihrem Depot ein Stück weit selbst verwirklichen. Das ist so wie beim Essen: Ich esse ja nicht nur Fastfood-Menüs, sondern koche ab und zu auch gern selbst. Statt ausschließlich die vorgekaute Aktienmischung eines ETFs zum Anlegen zu nutzen, können Sie dem Portfolio nach und nach Individualität verleihen. Wohlgemerkt können, nicht müssen. Und wie beim Kochen bitte nach Rezept, also nach Regeln. Nicht aus dem Bauch.

Gilt all das eigentlich auch im Alter, für Rentner?

Pauschal lässt sich das nicht sagen, im Einzelfall hängt die Antwort von mehreren Faktoren ab. Es kommt etwa darauf an, wie groß das regelmäßige Einkommen aus Renten ist, aber auch darauf, ob jemand eine Immobilie besitzt oder nicht. Grundsätzlich aber gilt: Wer im Alter sein Geld nettoreal – nach Steuern und Inflation – erhalten will, kommt an Aktien als eine von mehreren Säulen der Geldanlage kaum vorbei. Auch meine Mutter besitzt deshalb Aktien.

Blicken wir aufs kommende Jahr. Wenn Sie 2021 nur eine einzige Aktie kaufen dürften und zwischen Lufthansa, Tesla und Biontech wählen müssten – für welche würden Sie sich entscheiden?

Ach Gott, müssen es ausgerechnet diese drei sein?

Bitte.

Na gut. Nach dem Ausschlussprinzip würde ich wahrscheinlich Tesla nehmen.

Warum?

Biontech ist eine großartige Geschichte und sicherlich auch eine stilbildende Aktie für das Jahr 2020. Und doch würde ich sie nicht kaufen – weil ich nicht einmal das Verfahren der Impfstoffentwicklung unfallfrei aussprechen kann. Vom Segment Biotechnologie verstehe ich zu wenig, da halte ich mich heraus. Die Lufthansa sehe ich sehr kritisch. Selbst wenn wir die Pandemie im kommenden Jahr mit einem Impfstoff besiegen, werden längst nicht mehr so viele Geschäftsreisen stattfinden, von denen die Lufthansa bislang gelebt hat. Bleibt also nur noch Tesla übrig.

Aber ist die Tesla-Aktie derzeit nicht viel zu teuer?

Klar, die Bewertung ist sehr hoch. Aber Elon Musk traue ich zu, dass er auch im nächsten Jahr für irgendeine Überraschung gut ist, die dem Tesla-Kurs nochmals einen Schub verleiht.

Sind Sie also auch ein Musk-Fan?

Ich finde ihn cool, ja. Sicher, bei ihm liegen Genie und Wahnsinn bisweilen nah beieinander. Und nein, nicht jeder Rotzbengel wird eines Tages ein Elon Musk. Am Ende aber sind es Visionäre wie er, die Wandel und Fortschritt in Gang setzen. Außerdem ist es grundsätzlich gut, dass durch Leute wie Musk Unternehmertum auch mal zum Thema für die breite Öffentlichkeit wird.

Zurück zum Jahresausblick: Welche Trends sehen Sie für 2021?

Im Grunde sind es drei Themen, die ich nach wie vor für hoch interessant halte, weit über 2021 hinaus: Erstens Digitalisierung, die durch die Corona-Krise beschleunigt wird. Zweitens zeigt uns Corona, wie wichtig das Thema Gesundheit für eine Gesellschaft ist. Gesundheitsinnovationen, auch abseits von Wirkstoffen, werden deshalb noch wichtiger – zum Beispiel Medizintechnik und alles, was mit Vorsorge zu tun hat. Drittens: der asiatische Wirtschaftsraum. Frei nach dem Milliardär Ray Dalio: Das Risiko in Asien nicht investiert zu sein, ist viel größer als das Risiko dort zu investieren.

Und welche Wertpapiere verbinden Sie mit diesen drei Trends?

Grundsätzlich kann man diese drei Themen natürlich wunderbar mit Fonds und ETFs angehen. Wenn man es auf Einzelaktien herunterbrechen wollte, muss ich vorwegschicken: Es kommt immer auf das gesamte Portfolio an. Niemand sollte einfach drei Aktien kaufen, die irgendwer herausposaunt – schon gar nicht, wenn ich das sein sollte.

Verstanden. Aber welche wären es denn nun?

Das Thema Gesundheit lässt sich gut mit einer Danaher-Aktie angehen. Das ist eine Beteiligungsfirma, die zwei Drittel ihres Umsatzes im Bereich Medizintechnik macht. Eine Alternative dazu wäre, wenn man es ganz groß angehen will, die Aktie von Johnson & Johnson. Im Feld Digitalisierung halte ich weiterhin Microsoft für eine gute Idee, weil das Unternehmen bei jedem Softwaretrend dabei ist – und zusätzlich auch noch Dividenden zahlt. Und im Bereich Asien halte ich, auch wenn ich selbst kein Gamer bin, Tencent für hoch interessant.

Zwei der drei genannten sind Tech-Firmen. Sie glauben also nicht, dass sogenannte Value-Titel wie Automobilaktien nach Corona wieder stärker gefragt sind?

Gegenfrage: Glauben Sie etwa, dass Technologie mit dem Ende der Pandemie erledigt sein wird? Das Gegenteil ist doch der Fall: Die Digitalisierung wird eine noch größere Rolle spielen in der Zukunft. Und Firmen, die sich gegen technologischen Fortschritt sträuben, werden disruptiert. In jeder Branche.

Gar nicht genannt haben Sie das Thema Nachhaltigkeit. Was ist damit?

Das wird uns selbstverständlich weiter begleiten. Ich halt es aber nicht für ein Marktphänomen, sondern eher für einen Meta-Trend. Nachhaltigkeitsfragen betreffen alle Themen und Entwicklungen. Und der Gesetzgeber wird dafür sorgen, dass Nachhaltigkeit einen immer größeren Einfluss auf Investmentscheidungen haben wird – privat wie institutionell. Unternehmen, die gewisse Nachhaltigkeitskriterien nicht erfüllen, werden irgendwann Refinanzierungsprobleme haben.

Herr Röhl, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Hinweis: Das Portal t-online.de ist ein unabhängiges Nachrichtenportal und wird von der Ströer Digital Publishing GmbH betrieben.

Verwendete Quellen:
  • Video-Interview mit Christian W. Röhl

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