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Tamiflu: Studienergebnisse zu Nebenwirkungen des Grippemedikaments zurückgehalten

Grippemittel Tamiflu  

Forscher: Tamiflu schlechter als bekannt

19.01.2012, 12:25 Uhr | dapd, dapd

Tamiflu: Studienergebnisse zu Nebenwirkungen des Grippemedikaments zurückgehalten. Das Grippemedikament Tamiflu hat mehr Nebenwirkungen, als vom Hersteller angegeben. (Quelle: dpa)

Das Grippemedikament Tamiflu hat mehr Nebenwirkungen, als vom Hersteller angegeben. (Quelle: dpa)

Forscher haben jetzt herausgefunden, dass das Grippemittel Tamiflu weniger wirksam ist und wesentlich mehr Nebenwirkungen hat, als vom Hersteller angegeben. Bisher veröffentlichte Angaben zur Effektivität und Verträglichkeit seien zu positiv, Negativ-Daten seien zurückgehalten worden, so die Forscher.

Deutliche Abweichungen von veröffentlichten Angaben

Die bisher veröffentlichten Angaben zur Effektivität und Verträglichkeit des Grippemedikaments Tamiflu sind teilweise zu positiv. Das geht aus zuvor unveröffentlichten Unterlagen zu klinischen Studien des Pharmakonzerns Roche hervor. Forscher fanden in diesen Dokumenten deutliche Abweichungen zu den bisher veröffentlichten Angaben. Das Mittel ist demnach weniger wirksam und hat mehr Nebenwirkungen als vom Hersteller angegeben.

Schwere Nebenwirkungen nicht angegeben

Obwohl in einigen Studien schwere Nebenwirkungen in Form von psychischen Beeinträchtigungen und Störungen des Nervensystems aufgetreten waren, sei dies nicht veröffentlicht worden, berichtet das internationale Forscherteam im Fachmagazin "Cochrane Database of Systematic Reviews". Stattdessen lese man in den beiden am meisten zitierten Veröffentlichungen: "Es gab keine durch das Mittel verursachten schweren Nebenwirkungen."

Weltweit zwei Milliarden Euro ausgegeben

"Aufgrund der WHO-Empfehlung haben Gesundheitsbehörden weltweit Milliarden Euro ausgegeben, um Tamiflu zu kaufen und für den Epidemiefall einzulagern", sagen die Forscher. Sie hatten für ihre Auswertung die Original-Studienprotokolle bei der Herstellerfirma angefordert sowie Unterlagen geprüft, die Roche bei Behörden eingereicht hatte.

Angepriesene Impfstoffwirkung nicht belegt

"Für Ausagen, nach denen Tamiflu die Übertragung des Influenza-Virus hemmen und schwere Komplikationen bei Grippepatienten verhindern soll, haben wir in den von uns geprüften Daten keinerlei Grundlage gefunden", schreiben Tom Jefferson von der Cochrane Collaboration in Rom und seine Kollegen. Genau diese vom Hersteller proklamierten Effekte seien aber der Grund, warum die Weltgesundheitsbehörde WHO Tamiflu als Notfall-Grippemittel bei Epidemien und Pandemien empfehle. Aus den unveröffentlichten Daten geht unter anderem hervor, dass nach einer Tamiflu-Behandlung genauso viele Patienten wegen einer Lungenentzündung und anderer Komplikationen in Krankenhäusern behandelt werden mussten, wie ohne Behandlung mit dem Grippemittel.

Abweichungen bei Studien-Teilnehmern

Außerdem haben die Forscher Abweichungen in den Angaben darüber entdeckt, wie viele Teilnehmer der Studien tatsächlich mit Grippe infiziert waren. Es gebe Hinweise dafür, dass Tamiflu die Antikörper-Produkion gegen Influenza beeinflusse, schreiben die Wissenschaftler. Da eine Grippeinfektion anhand solcher Antikörper nachgewiesen wird, seien Patienten möglicherweise falsch zugeordnet worden. Das könnte auch die Ergebnisse verfälscht haben.

60 Prozent der Studiendaten nicht veröffentlicht

60 Prozent der Daten über klinische Studien der Phase III seien niemals veröffentlicht worden, berichten die Wissenschaftler. Phase III umfasst die letzten und umfangreichsten Studien vor Zulassung eines Medikaments. In diesen wird unter anderem die Wirksamkeit gegenüber einem wirkstofflosen Placebo getestet. Unter den unveröffentlichten Daten seien auch die Ergebnisse der größten jemals durchgeführten Tamiflu-Studie an 1.400 Menschen aller Altersstufen. Auch für die aktuelle Auswertung habe man noch nicht alle Daten vom Hersteller erhalten.

Sorge der Forscher

"Wir haben Sorge, dass diese Daten der wissenschaftlichen Gemeinschaft verschlossen bleiben und damit auch nicht überprüfbar sind", sagt Jefferson. Bei einem Medikament mit dieser Bedeutung im Seuchenfall sei es jedoch notwendig, alle Belege zu positiven und negativen Wirkungen unabhängig zu prüfen. Nur dann könne man ein vollständiges Bild darüber gewinnen, wann und für wen ein solches Mittel sinnvoll einzusetzen sei.

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online.de können und dürfen nicht verwendet werden, um eigenständig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.

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