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Wie ist Weihnachten mit unheilbar Kranken, Frau Wehrhahn?

  • Sophie Loelke
Von Sophie Loelke

21.12.2019Lesedauer: 5 Min.
Ein Mann liegt im Krankenbett: Auf der Palliativstation befinden sich schwer kranke Menschen mit einer begrenzten Lebenszeit. FĂŒr die meisten wird es das letzte Weihnachten sein. (Symbolbild)
Ein Mann liegt im Krankenbett: Auf der Palliativstation befinden sich schwer kranke Menschen mit einer begrenzten Lebenszeit. FĂŒr die meisten wird es das letzte Weihnachten sein. (Symbolbild) (Quelle: Westend61/imago-images-bilder)
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Sina Wehrhahn pflegt sterbende Menschen. Warum die Stimmung an Weihnachten eine ganz besondere ist und wie sie das Fest der Liebe mit unheilbar Kranken erlebt, erzÀhlt die Krankenpflegerin im Interview.

Die Krankenschwester Sina Wehrhahn begleitet und pflegt gemeinsam mit ihrem Team unheilbar kranke Patienten auf der Palliativstation im Klinikum Oldenburg. Pflegepersonal, Ärzte, Psychologen und Sozialarbeiter versuchen, den Patienten auf körperlicher, seelischer und sozialer Ebene bestmöglich zu helfen.

Zur Weihnachtszeit entstehe auf der Station dann eine ganz besondere und emotionale AtmosphĂ€re, beschreibt die Krankenschwester. Die 54-JĂ€hrige erzĂ€hlt, wie es sich anfĂŒhlt und was fĂŒr schöne und traurige Momente hier entstehen.

t-online.de: Frau Wehrhahn, Sie arbeiten an Heiligabend und dem ersten Weihnachtstag auf der Palliativstation. Mit wem verbringen Sie diese Tage?

Sina Wehrhahn: Über Weihnachten bleiben die Menschen bei uns auf der Station, die sich nicht mehr selbst versorgen können oder deren Angehörige sich nicht mehr in der Lage fĂŒhlen, sich fachgerecht um sie zu kĂŒmmern. Viele dieser Patienten möchten die Weihnachtszeit natĂŒrlich in ihrer hĂ€uslichen Umgebung verbringen und verhandeln regelrecht mit den Ärzten, ob sie nicht doch noch nach Hause dĂŒrfen. Das ist leider oft unmöglich. Manche Patienten haben aber auch keine Bezugsperson mehr und bleiben aus diesem Grund bei uns. Wir sind dann hier zusammen mit dem eingeteilten Pflegepersonal eine kleine Weihnachtsgemeinschaft. Generell versuchen wir es unseren Patienten zu ermöglichen, an Weihnachten zu Hause zu sein. Diese Zeit ist schließlich etwas ganz Besonderes.

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Info: Die Palliativstation ist eine Abteilung in einem Krankenhaus. Auf der Palliativstation liegen Patienten, die unheilbar krank sind und nur noch eine begrenzte Lebenszeit haben. Auf der Station wird versucht, die bestmögliche LebensqualitĂ€t zu erhalten, indem zum Beispiel Symptome wie Schmerzen und Übelkeit gelindert werden. Auf der Station arbeiten Ärzte und Pfleger, aber auch Psychologen, um eine ganzheitliche Behandlung zu gewĂ€hrleisten.

Wie unterscheidet sich die Arbeit in dieser besonderen Zeit zur restlichen Zeit im Jahr?

Bei uns liegen schwer kranke Menschen mit einer begrenzten Lebenszeit. FĂŒr die meisten wird es leider das letzte Weihnachtsfest sein, das sie erleben dĂŒrfen – und das wird ihnen und den Angehörigen gerade in dieser Zeit sehr bewusst. Die Stimmung zur Vorweihnachtszeit und an den Weihnachtstagen ist dann ganz anders und viel emotionaler. Es gibt viele schöne, besinnliche Momente. Um diese nachzuempfinden, muss man selbst dabei gewesen sein.

Wie wĂŒrden Sie die Stimmung beschreiben?

Wir wissen nie, was uns erwartet, wenn wir den Dienst beginnen. Die Stimmung ist oft sehr emotional, aber dennoch individuell. Die Patienten und ihre Angehörigen versuchen, die Tage ganz bewusst zu erleben und die verbleibende Zeit zu genießen. Die Familien mit Kindern und Enkelkindern verlegen ihr traditionell geprĂ€gtes Weihnachtsfest von zu Hause auf das eigens geschmĂŒckte Patientenzimmer. In diesen Momenten geht es bei uns sehr fröhlich zu, die Stimmung kann aber schnell umschlagen und plötzlich schmerzlich bedrĂŒckend sein. Wir haben eine WohnkĂŒche als Gemeinschaftsraum, der besonders an diesen Weihnachtstagen ein Treffpunkt fĂŒr die Familien, Patienten und Mitarbeiter darstellt.

Die WohnkĂŒche auf der Palliativstation im Klinikum Oldenburg: Gerade zur Weihnachtszeit kommen hier Patienten und Angehörige gern in geselliger Runde zusammen.
Die WohnkĂŒche auf der Palliativstation im Klinikum Oldenburg: Gerade zur Weihnachtszeit kommen hier Patienten und Angehörige gern in geselliger Runde zusammen. (Quelle: Sina Wehrhahn/T-Online-bilder)

Das klingt traurig, aber auch schön 
?

Das ist es. Dazu fĂ€llt mir noch ein passendes Beispiel ein: Letztes Jahr an Heiligabend hatten wir eine Patientin, deren Zustand sich plötzlich extrem verschlechterte. Niemand hatte an diesem Tag damit gerechnet. Wir erreichten noch rechtzeitig die Angehörigen, die sich am Heiligen Abend um ihr Bett versammelten. Alle waren still und es herrschte eine andĂ€chtige Ruhe. Und so hat ihre Familie sie begleitet, wĂ€hrend sie starb. Danach saßen die Angehörigen noch im Gemeinschaftsraum beisammen. Meine Kollegin hatte vorher eine Suppe gekocht, die sie eigentlich mit den anderen PflegekrĂ€ften essen wollte. Am Ende haben sich Pflegepersonal und die Familie diese Suppe geteilt. Auch die Pastorin kam noch mit ihrem kleinen Sohn vorbei, der fĂŒr die Runde Weihnachtslieder sang. Das war zwar ein trauriges Ereignis, aber dennoch ein friedvolles und sehr schönes Ende.

Wie gestalten Sie sonst die Weihnachtstage auf der Station mit den Patienten?

Wir schaffen eine weihnachtliche AtmosphĂ€re, schmĂŒcken unsere WohnkĂŒche und platzieren dort am ersten Advent einen Adventskranz. SpĂ€ter kommt noch ein Weihnachtsbaum dazu. Es ist dann richtig heimelig. Die meisten Patienten kommen gern dort zusammen, einige andere suchen eher die Stille und das Alleinsein. Auf der Station steht auch ein Klavier, auf dem unser Musiktherapeut oder Angehörige spielen können. Und die Krankenhausseelsorge organisiert Gottesdienste in unserer hauseigenen Kapelle. Über einen internen Radiosender können auch Patienten, die nicht mehr mobil sind, daran teilnehmen. Sie können sich außerdem ihr Weihnachtsessen selbst aussuchen und bekommen dazu einen Schokoweihnachtsmann. An Heiligabend verteilen wir noch ein kleines Geschenk des Krankenhauses – zum Bespiel ein Handtuch oder einen Kulturbeutel mit Inhalt.

Blick in die weihnachtlich geschmĂŒckte Station: Auf dem Klavier werden Weihnachtslieder angestimmt und pĂŒnktlich zum ersten Advent wird auch der Adventskranz aufgehĂ€ngt.
Blick in die weihnachtlich geschmĂŒckte Station: Auf dem Klavier werden Weihnachtslieder angestimmt und pĂŒnktlich zum ersten Advent wird auch der Adventskranz aufgehĂ€ngt. (Quelle: Sina Wehrhahn/T-Online-bilder)

Und Sie als Fachkrankenschwester sind rund um die Uhr prÀsent?

Auch Weihnachten mĂŒssen wir das Schichtsystem aus FrĂŒh-, SpĂ€t- und Nachtschicht abdecken – allerdings nur mit der HĂ€lfte des Pflegepersonals. Emotional fĂŒhlen wir uns in dieser Zeit den Patienten noch nĂ€her verbunden und sind fĂŒr sie da.

Sie zeigen viel Einsatz. Wird er von den Patienten und Angehörigen wahrgenommen?

Oh ja, die Angehörigen und Patienten wissen, dass wir nicht bei unseren Familien sein können und versuchen, sehr verstĂ€ndnisvoll zu sein. Sie möchten uns etwas zurĂŒckzugeben. So erreichen uns viele kleine Aufmerksamkeiten und Danksagungen. Mal steht ein Teller voller SĂŒĂŸigkeiten auf dem Tisch oder es wird ein Kuchen gebacken. Auch einen lieben Brief habe ich einmal bekommen – es ist ganz unterschiedlich. Die Patienten selbst geben uns ebenfalls viel. Es sind die kleinen Gesten: ein HĂ€ndedruck, ein "Danke", ein lieb gemeinter Satz, ein LĂ€cheln. Vor einiger Zeit hat mir ein Patient eine Lebensweisheit zugesteckt. Ich habe hier wirklich die kleinen Dinge schĂ€tzen gelernt.

Sie sagten, dass Sie gern zu dieser Zeit arbeiten. Vermissen Sie nicht Ihre eigene Familie?

Mein Sohn feiert dieses Jahr den Heiligabend und den ersten Weihnachtstag bei seinem Vater. Da wir in unserem Beruf auch die Feiertage abdecken mĂŒssen, ist es fĂŒr mich in Ordnung, mit dieser kleinen, sich ergebenen Gemeinschaft bei der Arbeit beisammen zu sein. Ich arbeite mit einer netten Kollegin zusammen – vielleicht setzen wir auch eine WeihnachtsmĂŒtze auf. Am Ende meines Dienstes werde ich noch in einen SpĂ€tgottesdienst gehen, das ist dann die wertvolle Zeit nur fĂŒr mich. An Heiligabend finde ich schön, wenn die jĂŒngeren Kollegen mit kleinen Kindern frei haben. Ich habe mir dafĂŒr den zweiten Weihnachtstag bewusst freigenommen.

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Wie feiern Sie dann den zweiten Weihnachtstag?

Weihnachten ist ein christliches Fest und das Fest der Liebe. Es bedeutet fĂŒr mich, Zeit mit der Familie und Freunden zu verbringen. Wir haben die lange Tradition, alle gemeinsam – mit Eltern, Tanten, Onkeln, Freunden und Hunden – im Schaumburger Land, meiner Heimat, eine lange Wanderung im Wald zu unternehmen. Unser Ziel ist der gemĂŒtliche Annaturm mit knisterndem Kamin. In dieser urigen, holzgetĂ€felten WaldgaststĂ€tte wird gemeinsam gegessen und das eine oder andere Weihnachtslied mit Freude angestimmt. Ich bin sehr eng mit meiner Familie verbunden, darum ist mir dieser Weihnachtstag so wichtig.

Das klingt wirklich schön. Vielen Dank, Frau Wehrhahn, fĂŒr das GesprĂ€ch und schöne Weihnachtstage!

Wichtiger Hinweis: Die Informationen ersetzen auf keinen Fall eine professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte. Die Inhalte von t-online können und dĂŒrfen nicht verwendet werden, um eigenstĂ€ndig Diagnosen zu stellen oder Behandlungen anzufangen.
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