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Reaktion auf die Corona-Krise: Die Welt steht am Scheideweg

MEINUNGReaktion auf die Corona-Krise  

Die Welt steht am Scheideweg

29.03.2020, 17:31 Uhr
Reaktion auf die Corona-Krise: Die Welt steht am Scheideweg. In Myanmar versprüht ein Mann auf der Straße Desinfektionsmittel: Die Corona-Krise hat die ganze Welt erreicht. (Quelle: AP/dpa/Thein Zaw)

In Myanmar versprüht ein Mann auf der Straße Desinfektionsmittel: Die Corona-Krise hat die ganze Welt erreicht. (Quelle: Thein Zaw/AP/dpa)

Das Coronavirus breitet sich im Eiltempo über den Globus aus. Aus den Erfahrungen der Krise muss die Menschheit lernen. Der Ausblick auf die Welt nach der Katastrophe bringt Chancen und Gefahren mit sich.

Die Menschheit ist im Krisenmodus. Diesmal nicht wegen einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten, einer Finanzkrise oder einem Handelskonflikt. Nein, die Corona-Pandemie ist in ihrem Ausmaß eine neue Art von Bedrohung, alle Nationen stehen einem gemeinsamen unsichtbaren Feind gegenüber. In einem rasanten Tempo verbreitete sich das Virus von China aus über den Erdball, die Krise ist nahezu in jedem Land angekommen.

Die schnelle Ausbreitung veranschaulicht vor allem eines: Die Globalisierung hat über Produktions- und Lieferketten die Volkswirtschaften der Welt eng miteinander verflochten. Doch während sich die Unternehmen, auch durch die Digitalisierung, immer internationaler aufstellen, war der Trend in der internationalen Politik ein völlig anderer: Das politische Handeln wurde in den vergangenen Jahren protektionistischer, nationale Interessen drängten den Multilateralismus zurück. 
 

 
Doch die Bekämpfung des Coronavirus zeigt, dass mehr internationale Zusammenarbeit erforderlich ist. Ein Virus kennt keine Landesgrenzen und keine Nationalitäten. Ist es in Deutschland besiegt, kann es aus anderen Teilen der Welt zurückkommen. Der Kampf ist global und muss auch global geführt werden. Die Zusammenarbeit und Solidarität zwischen Staaten ist in der jetzigen Situation so wichtig wie selten.

Denn die gegenwärtige Krise ist ein Alarmsignal für die Menschheit. Ein Virus, welches tausende Kilometer entfernt ausbricht, ist in kürzester Zeit in der Lage, unsere Gesellschaft in weiten Teilen lahmzulegen und so das Leben von Millionen Menschen in Deutschland zu beeinflussen. Dieser Gedanke ist gruselig, aber er zeigt die Realität der Welt, in der wir im Jahr 2020 leben.

Der Kampf gegen Corona wird dauern und er ist nicht mit dem Sieg über das Virus zu Ende. Jeder einzelne Staat steht danach in der Verantwortung, einer derartigen Katastrophe vorzubeugen oder zumindest dafür möglichst gut gerüstet zu sein. Die Welt wird sich durch die Krise verändern, die Richtung des Wandels ist jedoch noch nicht absehbar.

Schon jetzt lassen sich aber erste Rückschlüsse ziehen. Aus den jetzigen Erfahrungen müssen wir als Gesellschaft lernen, denn eine derartige Katastrophe bringt auch immer neue Chancen mit sich:

1. Tiermärkte in China

Es ist nicht die erste Pandemie, die von chinesischem Boden ausgeht. Schon im Jahr 2002 gab es eine SARS-Infektionswelle, die 774 Menschenleben forderte. Der Ursprung des Virus lag in einer Fledermausart, und er fand über einen Zwischenwirt, eine Schleichkatze, den Weg zum Menschen. Experten gehen davon aus, dass sich das neuartige Coronavirus auf ähnlichem Weg verbreitete.

In China gehören Tiermärkte und -farmen zur kulturellen Identität. Dort werden auf engstem Raum lebendige Wildtiere verkauft, die dann beispielsweise in Restaurants vor den Augen der Gäste geschlachtet und zubereitet werden.

Auf diesen Märkten für Wildtiere können sich Infektionen schnell verbreiten, da viele Tiere und Menschen auf engstem Raum zusammen sind. Somit sind diese Orte mittlerweile zu einer globalen Bedrohung geworden. Deshalb braucht es internationale Standards, die auch China einhalten muss, um die Gefahr der Virenübertragung von Tier auf Mensch zu minimieren. 

Doch überall, wo der Mensch massiv in den Lebensraum der Wildtiere eindringt, können derartige Pandemien entstehen. Ein weiteres Beispiel ist das Ebolafieber im Osten des afrikanischen Kontinents, welches auch von Wildtieren auf den Menschen übertragen wurde. 

Illegaler Handel: Auch wenn die Herkunft des Virus noch nicht sicher ist, offenbart die Suche nach dem Ursprung ein großes Problem. (Quelle: t-online.de)

2. Soziale Absicherung als Grundlage

Trotz aller Vorkehrungen und Sicherheitsmaßnahmen kann es jedoch auch in Zukunft zu Ausbrüchen von Viruserkrankungen kommen. Die wirksamsten Instrumente im Kampf gegen eine Pandemie sind vor allem Investitionen in das Gesundheitssystem, in medizinisches Personal und in ein soziales Absicherungssystem. Die Menschen müssen es sich leisten können, zum Arzt zu gehen, ohne dabei, wie in den USA, Verdienstausfälle fürchten zu müssen. Die Schnelligkeit der Diagnostik ist der erste und vielleicht der wichtigste Schritt zur Eindämmung des Coronavirus.

Hinzu kommt, dass durch Privatisierungen in Kliniken, an medizinischer Ausrüstung und Personal gespart wird. Dabei sollte auch die Europäische Union nach neuen Wegen in der Schuldenpolitik ihrer Mitgliedsstaaten suchen, damit Länder wie Italien, Griechenland oder Spanien nicht gezwungen sind, im Gesundheitswesen zu sparen. Denn: Oberste Priorität aller Regierungen muss die Gesundheit der Bürger sein. 

3. Das drohende Trauma

Das volle Ausmaß der Corona-Krise ist noch nicht absehbar, die Welt steht noch am Anfang der Pandemie. Doch schon jetzt forderte das Virus über 30.000 Todesopfer, viele Menschen verloren ihren Job und Unternehmen haben Existenzängste. Das alles ist schrecklich, aber dieses ungeheure Ausmaß bringt auch die Gefahr mit sich, dass eine Art Trauma in den Gesellschaften besonders betroffener Staaten entsteht. 

Ein Beispiel dafür sind die USA nach dem Terroranschlag am 11. September 2001, bei dem 2.996 Menschen starben. Die gesamte Nation war nach dem Angriff paralysiert, die Terrorbekämpfung wurde im folgenden Jahrzehnt politisch zur obersten Priorität. Für die innere Sicherheit wurden zahlreiche Bürgerrechte eingeschränkt.

Während und nach der Corona-Krise sollte die Politik Aktionismus vermeiden. Die Bekämpfung des Virus erscheint bislang vor allem dann zielführend, wenn von den Regierungen regelmäßig zwischen wirksamen Maßnahmen und der Beschneidung von Demokratie und Bürgerrechten abgewogen wird. So handelt beispielsweise auch die Bundesregierung. 

4. Internationale Solidarität oder nationale Abschottung?

Eine Einschränkung erleben die Bürger gerade bei der Freizügigkeit. Viele Länder haben die Grenzen zu ihren Nachbarländern geschlossen, selbst in der EU gibt es im Moment Grenzkontrollen. Einige Experten sahen die Politik der nationalen Alleingänge in dieser Krise als Niederlagen für die Europäische Union und für den Multilateralismus.

Aber die Kritik greift etwas zu kurz: Schnelle Maßnahmen konnten nach dem Ausbruch des Virus in Europa nur auf nationaler Ebene durchgeführt werden, denn die EU hat 27 Mitgliedsstaaten mit verschiedenen Gesundheitssystemen und einer ganz unterschiedlichen Ausbreitung des Coronavirus. Beim aktuellen europäischen Konstrukt ergeben EU-weite Maßnahmen wenig Sinn. 

Dennoch ist die Krise auch eine Chance für den Multilateralismus, die vielleicht sogar eine Möglichkeit bietet, alte Gräben zwischen Staaten zu überwinden. So halfen mehrere EU-Staaten China mit medizinischer Ausrüstung, China hilft nun Spanien und Italien. Russland schickt mehrere Flieger zur Unterstützung nach Italien und Deutschland nimmt Patienten aus Italien und Frankreich auf. Das sind Zeichen der Solidarität, die auch diese Krise überdauern können. Außerdem zahlt sich der Erfahrungsaustausch auf internationaler Ebene aus, um Wissen über das Virus zu sammeln.

Für das Gegenmodell zum Multilateralismus werben dagegen Populisten überall auf der Welt, die die vergangenen Jahre politisch im Aufwind waren und gegen eine weitere Internationalisierung sind. Aber Protektionismus bietet keine Lösungen für die Corona-Krise, die Themen der Populisten haben aktuell einen geringen Stellenwert. Das könnte sich nach dem Ende der Pandemie ändern.

Es besteht die Gefahr, dass Rechtspopulisten die aktuellen Geschehnisse politisch instrumentalisieren, um beispielsweise eine weitere nationale Abschottungen oder Grenzkontrollen zu fordern. US-Präsident Donald Trump zeigt diese Rhetorik schon in Ansätzen, indem er fortlaufend den Coronavirus als "Wuhan-Virus" bezeichnet. Mit der Wortwahl will er der Bevölkerung nahelegen, dass die Bedrohung von außerhalb in die USA kommt.

Für die Gesellschaften gibt es nach Krise demnach zwei Richtungen, die Wahl zwischen Öffnung oder Abschottung.

5. Globale Probleme

Sollte dabei internationale Zusammenarbeit an Bedeutung gewinnen, ist das wiederum eine Chance, um nach Corona Lösungsansätze für andere globale Probleme zu finden. Die Bilanz dafür sah in den letzten Jahren nicht gut aus: Rückschritte bei der Bekämpfung der Klimakrise, ein durch gegenseitige Blockaden handlungsunfähiger UN-Sicherheitsrat, zahlreiche Stellvertreterkriege, Handelskonflikte mit Strafzöllen und die Rückkehr zum Blockdenken zwischen der Nato und Russland.

Die Solidarität in der Corona-Krise wird diese Probleme nicht lösen, aber sie könnte einen Kurswechsel markieren und damit vielleicht einen Abschied von dem politischen Stillstand auf der internationalen Ebene. Die Pandemie ist ein Beispiel dafür, dass fundamentale Probleme oder Gefahren der heutigen Zeit nur mit internationaler Zusammenarbeit zu begegnen sind. Und ähnlich verhält es sich auch bei der Abschwächung der Erderwärmung oder bei der Bekämpfung von Fluchtursachen.

Der Unterschied ist lediglich, dass die Welt im Angesicht der Corona-Bedrohung gezwungen ist, zusammenzuarbeiten. Die aktuelle Situation ist zwar ein Katastrophenfall, aber es sind vor allem auch Krisen, die die Menschheit näher zusammenrücken lässt. Somit ergeben sich aus der Pandemie auch Chancen, Fortschritte zu erzielen. In jedem Fall können die handelnden politischen Akteure bei der Bekämpfung des Coronavirus ihr Problembewusstsein schärfen, sodass die internationale Solidarität im Katastrophenfall vielleicht irgendwann zur Praxis im Normalfall werden wird. 

Verwendete Quellen:

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