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Die Welt steht am Scheideweg

  • Patrick Diekmann
Von Patrick Diekmann

Aktualisiert am 29.03.2020Lesedauer: 6 Min.
In Myanmar verspr├╝ht ein Mann auf der Stra├če Desinfektionsmittel: Die Corona-Krise hat die ganze Welt erreicht.
In Myanmar verspr├╝ht ein Mann auf der Stra├če Desinfektionsmittel: Die Corona-Krise hat die ganze Welt erreicht. (Quelle: Thein Zaw/ap-bilder)
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Das Coronavirus breitet sich im Eiltempo ├╝ber den Globus aus. Aus den Erfahrungen der Krise muss die Menschheit lernen. Der Ausblick auf die Welt nach der Katastrophe bringt Chancen und Gefahren mit sich.

Die Menschheit ist im Krisenmodus. Diesmal nicht wegen einer kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Staaten, einer Finanzkrise oder einem Handelskonflikt. Nein, die Corona-Pandemie ist in ihrem Ausma├č eine neue Art von Bedrohung, alle Nationen stehen einem gemeinsamen unsichtbaren Feind gegen├╝ber. In einem rasanten Tempo verbreitete sich das Virus von China aus ├╝ber den Erdball, die Krise ist nahezu in jedem Land angekommen.


Fotos von den Hotspots der Welt: Das Coronavirus erzeugt Stille in den Metropolen

Durch das Coronavirus sind zahlreiche Metropolen der Welt menschenleer. Auch um die ber├╝hmten Wahrzeichen von Paris tummeln sich in dieser Zeit keine Touristen.
Berlin, Deutschland: Die Coronavirus-Krise l├Ąsst sonst belebte Pl├Ątze fast menschenleer zur├╝ck. Auf dem Alexanderplatz sind kaum Menschen unterwegs.
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Die schnelle Ausbreitung veranschaulicht vor allem eines: Die Globalisierung hat ├╝ber Produktions- und Lieferketten die Volkswirtschaften der Welt eng miteinander verflochten. Doch w├Ąhrend sich die Unternehmen, auch durch die Digitalisierung, immer internationaler aufstellen, war der Trend in der internationalen Politik ein v├Âllig anderer: Das politische Handeln wurde in den vergangenen Jahren protektionistischer, nationale Interessen dr├Ąngten den Multilateralismus zur├╝ck.

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Doch die Bek├Ąmpfung des Coronavirus zeigt, dass mehr internationale Zusammenarbeit erforderlich ist. Ein Virus kennt keine Landesgrenzen und keine Nationalit├Ąten. Ist es in Deutschland besiegt, kann es aus anderen Teilen der Welt zur├╝ckkommen. Der Kampf ist global und muss auch global gef├╝hrt werden. Die Zusammenarbeit und Solidarit├Ąt zwischen Staaten ist in der jetzigen Situation so wichtig wie selten.

Denn die gegenw├Ąrtige Krise ist ein Alarmsignal f├╝r die Menschheit. Ein Virus, welches tausende Kilometer entfernt ausbricht, ist in k├╝rzester Zeit in der Lage, unsere Gesellschaft in weiten Teilen lahmzulegen und so das Leben von Millionen Menschen in Deutschland zu beeinflussen. Dieser Gedanke ist gruselig, aber er zeigt die Realit├Ąt der Welt, in der wir im Jahr 2020 leben.

Der Kampf gegen Corona wird dauern und er ist nicht mit dem Sieg ├╝ber das Virus zu Ende. Jeder einzelne Staat steht danach in der Verantwortung, einer derartigen Katastrophe vorzubeugen oder zumindest daf├╝r m├Âglichst gut ger├╝stet zu sein. Die Welt wird sich durch die Krise ver├Ąndern, die Richtung des Wandels ist jedoch noch nicht absehbar.

Schon jetzt lassen sich aber erste R├╝ckschl├╝sse ziehen. Aus den jetzigen Erfahrungen m├╝ssen wir als Gesellschaft lernen, denn eine derartige Katastrophe bringt auch immer neue Chancen mit sich:

1. Tierm├Ąrkte in China

Es ist nicht die erste Pandemie, die von chinesischem Boden ausgeht. Schon im Jahr 2002 gab es eine SARS-Infektionswelle, die 774 Menschenleben forderte. Der Ursprung des Virus lag in einer Fledermausart, und er fand ├╝ber einen Zwischenwirt, eine Schleichkatze, den Weg zum Menschen. Experten gehen davon aus, dass sich das neuartige Coronavirus auf ├Ąhnlichem Weg verbreitete.

In China geh├Âren Tierm├Ąrkte und -farmen zur kulturellen Identit├Ąt. Dort werden auf engstem Raum lebendige Wildtiere verkauft, die dann beispielsweise in Restaurants vor den Augen der G├Ąste geschlachtet und zubereitet werden.

Auf diesen M├Ąrkten f├╝r Wildtiere k├Ânnen sich Infektionen schnell verbreiten, da viele Tiere und Menschen auf engstem Raum zusammen sind. Somit sind diese Orte mittlerweile zu einer globalen Bedrohung geworden. Deshalb braucht es internationale Standards, die auch China einhalten muss, um die Gefahr der Viren├╝bertragung von Tier auf Mensch zu minimieren.

Doch ├╝berall, wo der Mensch massiv in den Lebensraum der Wildtiere eindringt, k├Ânnen derartige Pandemien entstehen. Ein weiteres Beispiel ist das Ebolafieber im Osten des afrikanischen Kontinents, welches auch von Wildtieren auf den Menschen ├╝bertragen wurde.

2. Soziale Absicherung als Grundlage

Trotz aller Vorkehrungen und Sicherheitsma├čnahmen kann es jedoch auch in Zukunft zu Ausbr├╝chen von Viruserkrankungen kommen. Die wirksamsten Instrumente im Kampf gegen eine Pandemie sind vor allem Investitionen in das Gesundheitssystem, in medizinisches Personal und in ein soziales Absicherungssystem. Die Menschen m├╝ssen es sich leisten k├Ânnen, zum Arzt zu gehen, ohne dabei, wie in den USA, Verdienstausf├Ąlle f├╝rchten zu m├╝ssen. Die Schnelligkeit der Diagnostik ist der erste und vielleicht der wichtigste Schritt zur Eind├Ąmmung des Coronavirus.

Hinzu kommt, dass durch Privatisierungen in Kliniken, an medizinischer Ausr├╝stung und Personal gespart wird. Dabei sollte auch die Europ├Ąische Union nach neuen Wegen in der Schuldenpolitik ihrer Mitgliedsstaaten suchen, damit L├Ąnder wie Italien, Griechenland oder Spanien nicht gezwungen sind, im Gesundheitswesen zu sparen. Denn: Oberste Priorit├Ąt aller Regierungen muss die Gesundheit der B├╝rger sein.

3. Das drohende Trauma

Das volle Ausma├č der Corona-Krise ist noch nicht absehbar, die Welt steht noch am Anfang der Pandemie. Doch schon jetzt forderte das Virus ├╝ber 30.000 Todesopfer, viele Menschen verloren ihren Job und Unternehmen haben Existenz├Ąngste. Das alles ist schrecklich, aber dieses ungeheure Ausma├č bringt auch die Gefahr mit sich, dass eine Art Trauma in den Gesellschaften besonders betroffener Staaten entsteht.

Ein Beispiel daf├╝r sind die USA nach dem Terroranschlag am 11. September 2001, bei dem 2.996 Menschen starben. Die gesamte Nation war nach dem Angriff paralysiert, die Terrorbek├Ąmpfung wurde im folgenden Jahrzehnt politisch zur obersten Priorit├Ąt. F├╝r die innere Sicherheit wurden zahlreiche B├╝rgerrechte eingeschr├Ąnkt.

W├Ąhrend und nach der Corona-Krise sollte die Politik Aktionismus vermeiden. Die Bek├Ąmpfung des Virus erscheint bislang vor allem dann zielf├╝hrend, wenn von den Regierungen regelm├Ą├čig zwischen wirksamen Ma├čnahmen und der Beschneidung von Demokratie und B├╝rgerrechten abgewogen wird. So handelt beispielsweise auch die Bundesregierung.

4. Internationale Solidarit├Ąt oder nationale Abschottung?

Eine Einschr├Ąnkung erleben die B├╝rger gerade bei der Freiz├╝gigkeit. Viele L├Ąnder haben die Grenzen zu ihren Nachbarl├Ąndern geschlossen, selbst in der EU gibt es im Moment Grenzkontrollen. Einige Experten sahen die Politik der nationalen Alleing├Ąnge in dieser Krise als Niederlagen f├╝r die Europ├Ąische Union und f├╝r den Multilateralismus.

Aber die Kritik greift etwas zu kurz: Schnelle Ma├čnahmen konnten nach dem Ausbruch des Virus in Europa nur auf nationaler Ebene durchgef├╝hrt werden, denn die EU hat 27 Mitgliedsstaaten mit verschiedenen Gesundheitssystemen und einer ganz unterschiedlichen Ausbreitung des Coronavirus. Beim aktuellen europ├Ąischen Konstrukt ergeben EU-weite Ma├čnahmen wenig Sinn.

Dennoch ist die Krise auch eine Chance f├╝r den Multilateralismus, die vielleicht sogar eine M├Âglichkeit bietet, alte Gr├Ąben zwischen Staaten zu ├╝berwinden. So halfen mehrere EU-Staaten China mit medizinischer Ausr├╝stung, China hilft nun Spanien und Italien. Russland schickt mehrere Flieger zur Unterst├╝tzung nach Italien und Deutschland nimmt Patienten aus Italien und Frankreich auf. Das sind Zeichen der Solidarit├Ąt, die auch diese Krise ├╝berdauern k├Ânnen. Au├čerdem zahlt sich der Erfahrungsaustausch auf internationaler Ebene aus, um Wissen ├╝ber das Virus zu sammeln.

F├╝r das Gegenmodell zum Multilateralismus werben dagegen Populisten ├╝berall auf der Welt, die die vergangenen Jahre politisch im Aufwind waren und gegen eine weitere Internationalisierung sind. Aber Protektionismus bietet keine L├Âsungen f├╝r die Corona-Krise, die Themen der Populisten haben aktuell einen geringen Stellenwert. Das k├Ânnte sich nach dem Ende der Pandemie ├Ąndern.

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Es besteht die Gefahr, dass Rechtspopulisten die aktuellen Geschehnisse politisch instrumentalisieren, um beispielsweise eine weitere nationale Abschottungen oder Grenzkontrollen zu fordern. US-Pr├Ąsident Donald Trump zeigt diese Rhetorik schon in Ans├Ątzen, indem er fortlaufend den Coronavirus als "Wuhan-Virus" bezeichnet. Mit der Wortwahl will er der Bev├Âlkerung nahelegen, dass die Bedrohung von au├čerhalb in die USA kommt.

F├╝r die Gesellschaften gibt es nach Krise demnach zwei Richtungen, die Wahl zwischen ├ľffnung oder Abschottung.

5. Globale Probleme

Sollte dabei internationale Zusammenarbeit an Bedeutung gewinnen, ist das wiederum eine Chance, um nach Corona L├Âsungsans├Ątze f├╝r andere globale Probleme zu finden. Die Bilanz daf├╝r sah in den letzten Jahren nicht gut aus: R├╝ckschritte bei der Bek├Ąmpfung der Klimakrise, ein durch gegenseitige Blockaden handlungsunf├Ąhiger UN-Sicherheitsrat, zahlreiche Stellvertreterkriege, Handelskonflikte mit Strafz├Âllen und die R├╝ckkehr zum Blockdenken zwischen der Nato und Russland.

Die Solidarit├Ąt in der Corona-Krise wird diese Probleme nicht l├Âsen, aber sie k├Ânnte einen Kurswechsel markieren und damit vielleicht einen Abschied von dem politischen Stillstand auf der internationalen Ebene. Die Pandemie ist ein Beispiel daf├╝r, dass fundamentale Probleme oder Gefahren der heutigen Zeit nur mit internationaler Zusammenarbeit zu begegnen sind. Und ├Ąhnlich verh├Ąlt es sich auch bei der Abschw├Ąchung der Erderw├Ąrmung oder bei der Bek├Ąmpfung von Fluchtursachen.

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Der Unterschied ist lediglich, dass die Welt im Angesicht der Corona-Bedrohung gezwungen ist, zusammenzuarbeiten. Die aktuelle Situation ist zwar ein Katastrophenfall, aber es sind vor allem auch Krisen, die die Menschheit n├Ąher zusammenr├╝cken l├Ąsst. Somit ergeben sich aus der Pandemie auch Chancen, Fortschritte zu erzielen. In jedem Fall k├Ânnen die handelnden politischen Akteure bei der Bek├Ąmpfung des Coronavirus ihr Problembewusstsein sch├Ąrfen, sodass die internationale Solidarit├Ąt im Katastrophenfall vielleicht irgendwann zur Praxis im Normalfall werden wird.

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