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Das tödliche Spiel des Kapitalismus

MEINUNGAls Lehman pleite ging  

Das tödliche Spiel des Kapitalismus

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

17.09.2018, 09:41 Uhr
Das tödliche Spiel des Kapitalismus. Ein besorgte Anleger in der New Yorker Börse nach der Finanzkrise: Die politischen Folgen der Krise wirken bis heute nach. (Quelle: Reuters/Brendan McDermid )

Ein besorgte Anleger in der New Yorker Börse nach der Finanzkrise: Die politischen Folgen der Krise wirken bis heute nach. (Quelle: Brendan McDermid /Reuters)

Vor zehn Jahren brach die Weltfinanzkrise aus, deren Nachbeben wir heute noch spüren. Ökonomisch gilt sie als einigermaßen überwunden, aber die politischen Folgen sind bitter.

Mindestens einmal im Jahr schaue ich mir den Film „The Big Short“ an, der die Weltfinanzkrise aus der Sicht eines Außenseiters erzählt, der sieht, das sich etwas Großes anbahnt. Er studiert die Statistiken, er merkt, dass die großen Investmentbanken sichere Hypotheken mit riskanten vermischen und auf den Markt werfen. Die Ratingagenturen stufen diese neuen Wertpapiere als bombensicher ein, so dass sie begierig von anderen Finanzinstituten gekauft werden.

Dieser Michael Burry, den Christian Bale grandios verkörpert, ist der Typ Waldschrat, ein Außenseiter, den alle anderen in diesem Hazardgeschäft belächeln, weil er sich erst in Zahlenwerken vergräbt und dann aus ihrem tödlichen Spiel aussteigt. Er spielt jetzt sein eigenes Spiel und zwar gegen sie, die Herde, die immer in dieselbe Richtung rennt. Er wettet viel Geld auf die Katastrophe, was seine Anleger verrückt macht und an seinem Verstand zweifeln lässt. Am Ende behält er Recht und macht einen Riesenreibach für sie und sich.

Altersvorsorge löst sich im Nichts auf

Die Weltfinanzkrise begann vor zehn Jahren und dauert in ihren Ausläufern bis heute an. Sie war ein gigantischer Betrug der amerikanischen Banken, die massenhaft "Ninja"-Hypotheken für Hauskäufe ausgaben – das war die Abkürzung für no income, no assets: Die Käufer mussten weder über festes Einkommen noch über Sicherheiten verfügen. Die Agenten der Banken bekamen fünffache Provision, wenn sie den Arglosen, darunter viele Immigranten, variable Zinssätze aufschwatzten.



Stiegen die Zinsen, konnten sie die monatlichen Raten nicht mehr aufbringen und verloren die Häuser. In Amerika waren es neun Millionen Menschen, die vor dem Nichts standen. Oft hatte sich auch noch ihre Altersvorsorge in Luft aufgelöst, da die Pensionsfonds beim wilden Spiel mitgemischt und verloren hatten.

Ich habe nie verstanden, was sich da kluge Leute in renommierten Banken ausgedacht haben mögen. Das Geld für die Kredite, die Millionen Hausbesitzer nicht mehr bedienen konnten, fehlte ja nicht nur den Besitzern, sondern auch den Banken. Die komplizierten Verbriefungen mit oberfaulen Krediten kauften wiederum andere Banken auf, so dass Banken Banken ins Verderben rissen. Und alle wollten dabei sein, bei diesem Monopoly, und alle rissen alle in den Abgrund. Und keiner merkte es und jeder war überrascht, als Lehman Brothers niederging.

Schlimmer als die Große Depression

Die Investmentbank gab es seit 1850. Sie war die älteste und viertgrößte Bank Amerikas. Als sie am 13. September 2008 ins Trudeln geriet, versuchte der amerikanische Finanzminister Henry Poulsen in tückischer Eile, den Verkauf an die britische Barclays Bank zu arrangieren. Daraus wurde nichts. Der britische Finanzminister Alistair Darling lehnte das Ansinnen mit dem Satz ab, er wolle aus den USA nicht den "Krebs" importieren. Guter Mann. 

Die amerikanische Regierung hatte schon drei Banken teuer gerettet und wollte sich nicht noch mehr Mühlsteine an den Hals hängen. So musste Lehman am 15. September 2008 Insolvenz anmelden, genau vor zehn Jahren. 25.000 Angestellte verloren ihre Jobs von heute auf morgen. Die Pleite kostete zwischen 50 und 75 Milliarden Dollar.

Rückblick: Wie die US-Bank Lehman-Brothers im Herbst 2008 ein Beben in der Finanzwelt auslöste. (Quelle: Reuters)

Im September und Oktober 2008 ereignete sich die schlimmste Weltfinanzkrise in der Geschichte – nicht einmal die Große Depression von 1929 schlug so tief ein, weil sie weniger synchron verlief. Das globale Bankensystem war diesmal so eng miteinander verzahnt, dass sich die Krise rasend schnell weltweit ausbreitete. Ende des Jahres gerieten Finanzinstitute in Belgien und Frankreich, Deutschland und Irland, Litauen und den Niederlanden, Portugal und Russland, Spanien und Südkorea, Großbritannien und Amerika ins Schleudern.

Die Welt müsste China dankbar sein

Es wäre noch schlimmer gekommen, wenn China gewollt hätte. Es hätte nur seinen Bestand an amerikanischen Schuldtiteln auf den Markt werfen müssen und schon wäre der Dollar geschwächt gewesen. Tat es aber nicht. Im Gegenteil kaufte China weiterhin brav Staatspapiere auf und finanzierte zuverlässig das amerikanische Staatsdefizit. Die Welt müsste den Herren in Peking eigentlich dankbar sein.

In Deutschland und Frankreich dauerte es eine Weile, bis das Ausmaß der Krise in die Gehirne einsickerte. Im September 2008 sagte der deutsche Finanzminister (er hieß Peer Steinbrück), dass es sich "um ein amerikanisches Problem" handelt, wodurch die USA "ihren Status als Supermacht im Weltfinanzsystem verlieren wird". 

Der französische Staatspräsident (er hieß Nicolas Sarkozy) sagte selbstgefällig, damit sei das "Laissez Faire" nach amerikanischer Art tot. Bald aber platzte die Illusion vom isolierten Phänomen und Europa machte sich an das große Retten einiger Länder wie Irland (7,6 Milliarden Euro), Spanien (41,3 Milliarden Euro), Portugal (78 Milliarden Euro) und Griechenland (288 Milliarden Euro). Deutschland haftet für rund ein Viertel aller Kredite, das sind rund 110 Milliarden Dollar.

Die Bankenhilfe hat sich gelohnt

Rund 60 Milliarden Euro brachten Bund und Länder über die Jahre für die deutschen Banken auf. Hypo Real Estate war am teuersten: 21 Milliarden Euro, die WestLB folgte mit 18 Milliarden Euro. Um das Abgleiten in eine Rezession zu verhindern, legte die Regierung Merkel/Steinbrück zwei Konjunkturprogramme über je 50 Milliarden Euro auf. Die Commerzbank, die noch immer zu 15 Prozent dem Staat gehört, fiel gerade aus dem Dax heraus, in dem die dreißig wichtigsten deutschen Unternehmen gelistet sind.

Zehn Jahre Lehman-Pleite: Kann sich die Bankenkrise wiederholen? (Quelle: Reuters)

Hat sich der ganze Aufwand gelohnt? Ja, hat er, meine ich. Die Europäische Union fiel nicht noch mehr auseinander, was durchaus hätte passieren können. Deutschland bleibt eine Oase des Wohlstands und der stabilen Wirtschaft. Die Nachbeben der Weltfinanzkrise aber sind gewaltig und haben viele Länder in ihrer Tektonik verändert.

Ohne Krise kein Brexit. England war das Herz des Investmentbanking mit seinen phantastischen Erfindungen, die CDO und CDS hießen und so kompliziert zusammengesetzt waren, dass kaum jemand den Überblick behielt und einzelne Händler Hunderte Millionen an Euro/Dollar/Pfund verzocken durften. Die Londoner City gab dem industriell ausgezehrten Land noch ein gewisses Quantum an Weltbedeutung.

Die Folgen: Brexit, Trump, Rechtsruck 

Das ist vorbei. Die Wendung zum Nationalismus, weg von Europa, der Nimbusverlust der politischen Elite, die durch Deregulierung das große Spiel erst möglich gemacht hatte, sind die Folge der Krise. Europa ohne England schmerzt. England ohne Europa schmerzt noch mehr, jede Wette.

Ohne Krise kein Trump. Seine treuen Wähler sind die Verlierer von 2008. Er hat sie eingesammelt, die vom Finanzkapitalismus Geschröpften, auch die Verlierer der Deindustrialisierung im Rust Belt, die keine Arbeit in den Gruben und Stahlwerken mehr fanden. Dazu kam der Mittelstand und die Reichen, die auf eine Steuerreform zu ihren Gunsten hofften und sie auch bekamen.

Ohne Krise keine neue deutsche Rechte. Was heute die AfD ist, begann als Protestbewegung gegen die Griechenland-Rettung und den Euro. Das war die bürgerliche Phase, in der Bernd Lucke und Hans-Olaf Henkel den Ton angaben. Dann übernahm Frauke Petry und öffnete die Gullys, aus denen übel Riechendes aufstieg. Dann übernahm Alexander Gauland und machte die AfD zum politischen Arm im Parlament, für den Nazis und Hooligans die Straßen erobern, sobald sich die Chance bietet.

Kommt 2020 die nächste Krise?

Unter den Finanzexperten im wirklichen Leben ist Nouriel Roubini einer meiner Helden. Das ist ein amerikanischer Nationalökonom, der 2006 schon auf das schwarze Loch hinwies, das zwei Jahre später mit seiner Gravitation alles verschlang. Er wurde überheblich Mr. Doomsday genannt, Mr. Schwarzmaler, aber daran störte er sich nicht. Die Immobilienblase platzte, wie er vorhergesagt hatte. Die Rezession ergriff viele Länder, wenn auch nicht Amerika, wie er geglaubt hatte, was mehr an China als an der Regierung in Washington lag.

Ein Mitarbeiter trägt eine Umzugskiste aus den Büros von Lehman Brothers: Mit der Pleite der US-Investmentbank nahm die Finanzkrise Fahrt auf. (Quelle: Reuters/Andrew Winning )Ein Mitarbeiter trägt eine Umzugskiste aus den Büros von Lehman Brothers: Mit der Pleite der US-Investmentbank nahm die Finanzkrise Fahrt auf. (Quelle: Andrew Winning /Reuters)

Im "Guardian" hat Roubini zum Jahrestag der Lehman-Katastrophe einen langen Artikel mit der Quintessenz geschrieben, dass sich für 2020 die nächste Finanzkrise abzeichnet. Die Fiskalpolitik der Notenbanken läuft ja tatsächlich aus, die in Amerika für stetiges Wachstum gesorgt hat. Weniger billiges Geld von der Notenbank, bedeutend höhere Zinsen für Normalbürger.

Prinzip Hoffnung

Auch die Ölpreise tragen zu einem Anstieg der Inflation bei und zwar über das gewünschte Maß hinaus. Zu geringerem Wachstum und höherer Inflation führt natürlich auch der Handelskrieg, mit dem Donald Trump die ökonomischen Probleme weltweit und zu Hause in Amerika verschärft.

Die Folge von alldem: erst eine Finanzkrise und dann eine Rezession.

Mir wäre es lieber, Roubini hätte diesmal Unrecht. Mir wäre es lieber, Deutschland bliebe ein ökonomisch stabiles Land, das seine politischen Probleme mit dem Aufstieg der Rechten allmählich löst. Manchmal hilft das Hoffen ja.

Verwendete Quellen:
  • Eigene Recherchen

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