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Das Ruhrgebiet wird seine Vergangenheit nicht los

Von Daniel Schreckenberg

Aktualisiert am 21.12.2018Lesedauer: 14 Min.
Skyline von Essen, vorne die Zeche Zollverein: Auch mit dem Ende des Bergbaus prÀgen Zechen das Bild des Ruhrgebiets.
Skyline von Essen, vorne die Zeche Zollverein: Auch mit dem Ende des Bergbaus prÀgen Zechen das Bild des Ruhrgebiets. (Quelle: Jochen Track/imago-images-bilder)
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Schicht im Schacht: Am Freitag schließt in Bottrop die letzte Zeche in Deutschland. Die Steinkohle hat das Ruhrgebiet groß gemacht. Und wird die Region weiter im Griff haben.

Eine Minute mit Horst Rudnik – schon ist man bergbauinfiziert. Er, 56, fester HĂ€ndedruck, Reviersteiger, ist niemand, der sich Siezen lĂ€sst. "Willste bisschen Schnupftabak?", fragt er im typisch ruhrdeutschen Slang und noch bevor sein Angebot abgelehnt werden kann, ist die erste Bergbau-Lektion gelernt: Unter Tage war Rauchen tabu – Explosionsgefahr. Also wurde geschnupft. Horst hat seine weiße Steigerjacke an, trĂ€gt ein blau-weißes Hemd und einen weißen Bauarbeiterhelm unterm Arm. Nur die blitzsaubere Marken-Jeans und die teure Smartwatch am Handgelenk machen klar: Hier auf Zollverein geht es heute nicht den Schacht hinab. Rudnik ist kein Bergmann mehr, er ist ein Ehemaliger, der Touristen fĂŒhrt. Er soll eine besondere NĂ€he zum Bergbau der Region vermitteln. Die Arbeit unter Tage hat sein ganzes Leben geprĂ€gt. Und wird es auch in Zukunft tun.

42 Jahre hat Horst Rudnik als Bergmann gearbeitet. Auch nach seinem Ruhestand lassen ihn die Zechen in der Region nicht los.
42 Jahre hat Horst Rudnik als Bergmann gearbeitet. Auch nach seinem Ruhestand lassen ihn die Zechen in der Region nicht los. (Quelle: /T-Online-bilder)
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Was fĂŒr Rudnik gilt, gilt fĂŒr das gesamte Ruhrgebiet: Am Freitag wird mit der Zeche Prosper-Haniel in Bottrop das letzte Steinkohlebergwerk in Deutschland stillgelegt. BundesprĂ€sident Frank-Walter Steinmeier bekommt das letzte geförderte StĂŒck Kohle feierlich ĂŒberreicht. Dann ist Schicht im Schacht. Doch auch wenn ab dann keine Bergleute mehr unter Tage arbeiten: Die Kohlevergangenheit wird die Region zwischen Duisburg und Dortmund noch auf unbestimmte Zeit nicht abschĂŒtteln können.

Bergbau macht aus der Provinz einen Ballungsraum

Schon der Weg zu Rudnik steckt voller Bergbaugeschichte: Die Straßenbahn "107" schlĂ€ngelt sich langsam durch das ehemalige Arbeiterviertel im Essener Norden. Die HĂ€user grau und aschfahl, alles sieht gleich und seit Jahrzehnten unverĂ€ndert aus. Vorbei am St. Vincenz Krankenhaus, das seit 1886 lungengeschĂ€digte Bergleute versorgte, hin zur Kapitelwiese: Am Horizont der riesige Doppelbock von Zollverein. Die Zeche war einst das grĂ¶ĂŸte Bergwerk des Landes. Fast zehntausend Bergleute malochten hier, wie man im Ruhrgebiet sagt. Am backsteinernen Eingangstor war Schichtbetrieb, jetzt steht dort eine Schulklasse im Nieselregen. Das GelĂ€nde ist Unesco-Weltkulturerbe, in der alten KohlenwĂ€sche eines der grĂ¶ĂŸten Museen der Region. Rudnik kennt das GelĂ€nde gut. Sein Vater war Bergmann, dessen Vater ebenfalls. Rudnik selbst ging auf Zollverein in die Lehre, obwohl der Vater strikt dagegen war. Die harte Arbeit unter Tage sollte dem Sohn erspart bleiben. Rudnik aber wurde Bergmann. 1977 war das – und der junge Horst gerade einmal 14 Jahre alt.


Der Bergbau war Job- und Menschenmagnet des Ruhrgebiets. Vor der Industrialisierung war die Region reine Provinz: Um 1800 hatte Essen 5.000 Einwohner, Bochum 2.000, in Duisburg und Dortmund lebten je rund 5.000 Menschen. Einhundert Jahre spÀter waren die KleinstÀdte zu Metropolen angewachsen: 1930 wohnten und arbeiteten in Essen 650.000 Menschen, in Bochum 300.000 und in Duisburg 400.000 Menschen. Dortmund kam auf 530.000 Einwohner. Viele von ihnen arbeiteten in der Schwerindustrie, im Bergbau, in den Kokereien oder in den Stahlwerken von Thyssen, Krupp und Hoesch. 1955 beschÀftigen allein die Zechen des Ruhrgebiets 478.000 Menschen. 2017, ein Jahr vor dem Ende der Zechen im Ruhrgebiet, sind es noch 4.500. Fast 12.000.000.000 Kubikmeter Kohle haben die Bergwerke bis heute abgebaut.

Als Rudnik auf Zollverein mit der Arbeit beginnt, ist vom Ende des Bergbaus, vom Zechensterben und von billiger Kohle aus China noch nichts zu spĂŒren. Er macht seine Lehre als Schlosser unter Tage, verspricht dem Vater aber fest, eine Reviersteigerausbildung dranzuhĂ€ngen. Dann wĂ€re er etwas, das man heute Projektmanager nennt. Solche FachkrĂ€fte sind damals rar. "Wir haben TreueprĂ€mien bekommen, wenn wir nach der Ausbildung auf der Zeche geblieben sind", sagt Rudnik: "Und wĂ€hrend meiner Bundeswehrzeit gab es Weihnachtsgeld, damit ich danach auch ja wieder zurĂŒckkomme."

Eine Bergarbeitersiedlung in Moers: Die WohnhĂ€user der Bergleute waren meist in unmittelbarer NĂ€he der Zeche. Erst mit dem Zechen-Sterben wurde der Weg zur Arbeit fĂŒr viele Kumpel weiter.
Eine Bergarbeitersiedlung in Moers: Die WohnhĂ€user der Bergleute waren meist in unmittelbarer NĂ€he der Zeche. Erst mit dem Zechen-Sterben wurde der Weg zur Arbeit fĂŒr viele Kumpel weiter. (Quelle: Hans Blossey/imago-images-bilder)

1987 ist er Jungsteiger. Arbeitet sieben Tage in der Woche, verdient gutes Geld. Und er ist stolz auf sich und seinen Erfolg. Zuvor war er bereits in eine Wohnung in einer Bergbausiedlung in Herne gezogen. "Das war ein Terz. Ich wollte mit meiner Frau in eine Angestelltenwohnung. Ich war aber noch Arbeiter. Daher durfte ich dort eigentlich nicht einziehen. Wir haben hier im Pott wirklich noch in einer Klassengesellschaft gelebt", hÀlt Rudnik fest.

In Bochum bricht die Erde auf

Auch heute ist das Ruhrgebiet noch eine Klassengesellschaft: Der arme Norden, der reiche SĂŒden. Die A40 spaltet die Region. Nördlich von ihr ist die Arbeitslosigkeit höher, es gibt mehr Armut. Im SĂŒden sieht das Leben rosiger aus. Doch egal, ob ehemalige Arbeitersiedlung oder schickes Neubauviertel: Die GebĂ€ude sind auch heute noch von der Arbeit unter Tage gezeichnet. Da sind die kleinen Risse im GemĂ€uer der ReihenhĂ€user. Da ist eine schiefe Schule in Essen, in der den SchĂŒlern schwindelig wird. Und da sind riesige Erdkrater, die sich durch Teile des Ruhrgebiets ziehen.

Der Krater von Wattenscheid: Im Bochumer Stadtteil war im Januar 2000 wegen eines Tagesbruch ein riesiges Loch im Boden entstanden. Zehn HĂ€user mit 30 Bewohnern mussten evakuiert, zwei HĂ€user wegen Einsturzgefahr gesperrt werden.
Der Krater von Wattenscheid: Im Bochumer Stadtteil war im Januar 2000 wegen eines Tagesbruch ein riesiges Loch im Boden entstanden. Zehn HĂ€user mit 30 Bewohnern mussten evakuiert, zwei HĂ€user wegen Einsturzgefahr gesperrt werden. (Quelle: /dpa-bilder)

Anfang Januar 2000 bricht in Bochum die Erde auf. Zwei trichterförmige, rund 15 Meter tiefe TagesbrĂŒche waren plötzlich da. Das Loch geht als Krater von Wattenscheid in die regionale Berichterstattung ein. Achim Sprajc ist damals vor Ort. Er ist stellvertretender GeschĂ€ftsfĂŒhrer des "Verbandes bergbaugeschĂ€digter Haus- und GrundeigentĂŒmer" und kennt sich mit den Folgen des Bergbaus aus. Er weiß: "Das Problem mit den BergbauschĂ€den wird die Region noch weiter beschĂ€ftigen." Mit extremen FĂ€llen, wie beim Wattenscheider Loch. Und mit Tausenden kleinen Macken an HĂ€usern: Die Risse in der Wand oder ein Boden, der plötzlich nicht mehr gerade steht.

Die SchĂ€den kommen, weil das Ruhrgebiet unter der Erde einem Schweizer KĂ€se gleicht. Hunderte Kilometer sind die Bergbaustollen lang, dazu Hunderte Meter tief. In der frĂŒhen Zechenzeit wurde hier die Kohle per Hand herausgeholt, spĂ€ter mit riesigen Maschinen. Geben die SchĂ€chte tief unter der Erde nach, entstehen an der OberflĂ€che TagesbrĂŒche. Und die reißen an den Fundamenten der GebĂ€ude und der Straßen.

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Klagen können lange dauern

FĂŒr die SchĂ€den aufkommen mĂŒssen die alten Bergwerke – oder deren Rechtsnachfolger. Die RAG ist so einer. Das Unternehmen hatte als Ruhrkohle AG 80 Prozent der deutschen Steinkohlebergwerke im Besitz. FĂŒr die BergbauschĂ€den hat die RAG einen BĂŒrgerservice eingerichtet, schreibt sie auf ihrer Homepage: "Bei der Regulierung setzt die RAG auf drei Faktoren: fairen Umgang miteinander, transparentes Verfahren und vorausschauendes Handeln." 25.500 Schadensmeldungen laufen jedes Jahr bei der RAG ein, die wenigstens seien strittig, weniger als 20 FĂ€lle wĂŒrden jedes Jahr vor Gericht landen.

"Wenn alles so einfach wĂ€re, brĂ€uchte es uns nicht", sagt hingegen Sprajc. Sein Verband hilft HauseigentĂŒmern in rund 5.000 FĂ€llen jedes Jahr. Er vermittelt Ingenieure, die den Schaden begutachten und AnwĂ€lte, die das Recht der Betroffenen notfalls vor Gericht vertreten. 170 Millionen Euro musste die RAG 2015 fĂŒr BergbauschĂ€den bezahlen. Dabei unterscheiden sich die SchĂ€den je nach Region. Dem sĂŒdlichen Ruhrgebiet macht vor allem die Anfangszeit des Bergbaus zu schaffen. Hier wurde knapp unter der OberflĂ€che gegraben, die SchĂ€chte sind seltener kartographiert. Das macht es heute schwierig, den Verursacher ausfindig zu machen.

Als Ende November des letzten Jahres in einer schicken Einfamilienhaussiedlung in Essen-Heisingen, ein Stadtteil nahe der Ruhr, der Boden nachgab, hieß es fĂŒr die Familien: Sachen packen und raus. 30 Minuten hatten sie, drei Monate lang durften sie nicht mehr in ihrem Haus wohnen. Die RAG schickte Fachleute, um die SchĂ€den zu begutachten. Die Frage dabei immer: War der Bergbau wirklich schuld. Sprajc: "Leider ist das nicht immer einwandfrei zu ermitteln. Waren die Zechen ursĂ€chlich oder haben sie das Problem nur verstĂ€rkt? Kommt es zum Prozess, kann sich das ĂŒber ein Jahr hinziehen."

Im nördlichen Ruhrgebiet haben die großen Bergwerke die Erde durchlöchert. Kommt es hier zu TagesbrĂŒchen, sind die SchĂ€den meist gleich in einer ganzen Straße zu sehen. Doch FĂ€lle wie das Loch in Wattenscheid oder die schiefe Schule in Essen sind die Ausnahmen. Oft geht es um das Fenster, das nicht mehr richtig schließt oder den unschönen Riss in der HĂ€userwand. BetrĂ€ge von 5.000 Euro im Schnitt, so Sprajc.

Bohrungen nahe des Essener Hauptbahnhofes: Wegen eines Tagesbruch war die Verbindung von und nach Duisburg 2013 ĂŒber Monate eingeschrĂ€nkt.
Bohrungen nahe des Essener Hauptbahnhofes: Wegen eines Tagesbruch war die Verbindung von und nach Duisburg 2013 ĂŒber Monate eingeschrĂ€nkt. (Quelle: blickwinkel/dpa-bilder)

Gibt es HohlrĂ€ume unter Schienen, ist das Chaos groß

TagesbrĂŒche kennt auch die Deutsche Bahn: 2013 legte ein alter Schacht unter dem Essener Hauptbahnhof die wichtige Bahnlinie durchs Ruhrgebiet lahm, immer wieder kommt es durch BergbauschĂ€den zu AusfĂ€llen ganzer Zugverbindungen. So war die S6-Linie zwischen Essen und Köln monatelang gesperrt. "SchĂ€den durch beispielsweise TagebrĂŒche treten im Bahnbereich sehr selten auf. Wenn es zu Streckensperrungen kommt, dann meistens aufgrund von VerdachtsfĂ€llen, die kurzfristig aufgeklĂ€rt werden", erklĂ€rt eine Sprecherin der Bahn. Genaue Zahlen zu den jĂ€hrlichen EinschrĂ€nkungen kann sie nicht nennen, doch bei HohlrĂ€umen reagiert das Unternehmen sofort: "Sicherheit geht im Bahnbetrieb immer vor! Wenn VerdachtsfĂ€lle auftreten, werden Arbeiten notwendig, beispielsweise, dass durch Erkundungsbohrungen der Untergrund untersucht wird und dann eventuell weitere Maßnahmen eingeleitet werden", so die Bahn.

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Die Kosten dafĂŒr ĂŒbernimmt dann meist der Staatsbetrieb oder das Land, wenn keine ehemalige Zeche haftbar gemacht werden kann. So wie beim Essener "Problemstollen". Das kann schnell teuer werden. Von der Verkehrsstörung am Essener Hauptbahnhof waren tĂ€glich 550 ZĂŒge betroffen. Zusammen mit den Schadenersatzzahlungen, die die Bahn an Pendler zahlen muss, addierten sich solche Kosten in die Millionen.

Trinkwasser darf nicht mit Grubenwasser zusammenkommen

Doch unter der Erde lauern noch weit mehr Gefahren als nur HohlrĂ€ume. Ohne Pumpwerke wĂ€ren große Teile des Ruhrgebiets eine Seenlandschaft. Damit das nicht passiert, gibt es die RAG Stiftung. Als 2007 von der Politik das Aus fĂŒr den Kohlebergbau in der Region beschlossen wurde, wurde die Institution ins Leben gerufen, um die sogenannten "Ewigkeitsaufgaben" zu meistern. Und die werden wirklich eine Ewigkeit andauern: "Solange Menschen in den ehemaligen Bergbauregionen leben, werden diese erfĂŒllt werden mĂŒssen", erklĂ€rt Sabrina Manz, Sprecherin der Stiftung. An 18 Standorten sorgen 500 Mitarbeiter dafĂŒr, dass sich das Grundwasser in der Region nicht mit dem schĂ€dlichen Grubenwasser aus den Bergwerken vermischt.

Um die Aufgabe zu bewerkstelligen, hat die Stiftung in den vergangenen Jahren ein immenses Vermögen anhĂ€ufen mĂŒssen. Über 17 Milliarden Euro verfĂŒgt die RAG Stiftung – 220 Millionen muss sie pro Jahr ausgeben. Trotz Niedrigzinsen sieht Manz die Stiftung fĂŒr die vielen kommenden Jahre gut aufgestellt: "2017 hat sie allein 360 Millionen Euro Dividende von Evonik erhalten. Weitere BeteiligungsertrĂ€ge und ErtrĂ€ge aus Kapitalanlagen kamen hinzu, sodass die Stiftung 2017 430 Millionen Euro Einnahmen verzeichnen konnte."

Eine Bergmann-Ampel in Duisburg. Die Zechenzeit wird im Ruhrgebiet zum Kult.
Eine Bergmann-Ampel in Duisburg. Die Zechenzeit wird im Ruhrgebiet zum Kult. (Quelle: Revierfoto/imago-images-bilder)

Heute ist Bergbau Kult

Wird heute auf das Ende der Zechenzeit geschaut, werden diese Probleme meist ausgeblendet. Fast allerorts herrscht Bergbaukult: An einer Duisburger Ampel prangt ein kleiner Grubenmann. In GeschĂ€ften gibt es Zechen-Quartetts und nagelneue Steigerkluft. Man kann Kauen-Seife, Bergmann-Gartenzwerge, RuhrdeutschwörterbĂŒcher kaufen, es wird Bier gebraut, dessen Namen nach einem Grubenpferd benannt wurde. Die Pop-Hymne "Bochum" von Herbert Grönemeyer besingt die Zeit und vor allem eine Stadt. Doch in der wahren Welt der Bergleute gab es diese Romantik nicht.

Beim Gang ĂŒber Zollverein erinnert sich Rudnik an den Umgangston tief unter der Erde: "Es ging damals um Befehl und Gehorsam. Wurde man vom Vorgesetzten ins BĂŒro zitiert und gefragt, warum man etwas getan hat, durften wir nur mit Ja oder Nein antworten. Sagten wir mehr, wurden wir vor die TĂŒr geschickt. Das war schwer fĂŒr mich: Ich wollte meine Entscheidungen immer begrĂŒnden." Der Job bringt Rudnik auch körperlich an seine Grenzen. Als er Mitte 30 ist, wiegt er 120 Kilo, raucht wie ein Schlot. "Mein Körper war ein Totalschaden", sagt er heute.

Doch neben dem rauen Umgangston gibt es unter Tage auch den totalen Zusammenhalt. Rudnik: "Der musste sein, weil man sich da unten aufeinander verlassen muss." Und so fĂŒhrte der Bergbau zu einer Art Sinnstiftung fĂŒr das Ruhrgebiet – erkennbar an der Sprache im Pott.

Bergleute in einem Besprechungsraum auf Prosper Haniel: FrĂŒher war der Umgangston unter Tage hart.
Bergleute in einem Besprechungsraum auf Prosper Haniel: FrĂŒher war der Umgangston unter Tage hart. (Quelle: biky/imago-images-bilder)

Bergbausprache ist abstrakt – und eint die Menschen doch

Das Ruhrgebiet war von Beginn an Einwandererland. Erst kamen die Menschen aus der Umgebung, dann die Gastarbeiter aus Polen und der TĂŒrkei. Auch Asiaten wurden unter Tage eingesetzt. Das Ruhrgebiet als multikultureller Raum. Und der Bergbau als sprachliches Schmiermittel? Was die echte Bergbausprache angeht, nicht, wie Sprachforscher Jörg Honnen vom Landschaftsverband Westfalen sagt. "Die Sprache des Ruhrgebiets hat sich nicht verĂ€ndert durch den Bergbau. DafĂŒr war es eine viel zu abstrakte Fachsprache."

Nur wenige Begriffe haben den Weg in die Umgangssprache gefunden, "hĂ€ngen im Schacht", zum Beispiel, wenn etwas mĂ€chtig schief lĂ€uft, der "Futsack" – der Köttelbeutel fĂŒr die Pferde im Stollen, den man sprichwörtlich am Halse hat, "die ZĂ€hne vonner Knappschaft", fĂŒr die die ersten Versicherungen der Bergleute aufkamen, die "Stempel", eine bergmĂ€nnische Umschreibung fĂŒr dicke Frauenbeine.

Alles Begriffe mit Seltenheitswert. Honnen: "Man geht automatisch davon aus, dass wenn die Industrie so wichtig fĂŒr eine Region ist, dass sie dann auch die Sprache geprĂ€gt hat. Das hat der Bergbau aber nur indirekt getan." Die Bergleute mussten sich verstĂ€ndigen können, ob sie nun aus dem Ruhrgebiet, aus dem Rheinland, aus Polen oder der TĂŒrkei kamen. "Die Leute haben gemerkt, dass wenn sie zum Beispiel Polnisch sprechen, keine Chance haben. Also haben sie sich angepasst. Das ging so weit, dass die Gastarbeiter ihre Namen eindeutschen ließen."

Nicht immer war das freiwillig, besonders zur Kaiserzeit. Da gab es Polen-Klassen in den Schulen, viele Polen fĂŒhlten sich im Deutschen Kaiserreich diskriminiert und unwohl, viele polnische FachkrĂ€fte verließen so das Ruhrgebiet wieder. Ähnliches war auch bei den tĂŒrkischen Bergleuten in den 60er-Jahren erneut zu erkennen: Wieder gab es spezielle Schulklassen, wieder war eher Koexistenz als Verschmelzung angesagt.

Die gab es dafĂŒr aber unter den Einwanderern aus deutschen Regionen: Wegen des immensen Bevölkerungswachstums war Zuwanderer zu sein der Normalzustand. Sprachliche Eigenarten der BergmĂ€nner gingen im Ruhrgebiet verloren. Alle sprachen "Pott" – und Ruhrdeutsch wird zur regionalen Umgangssprache, anders als der klassische Dialekt. Sie wird etwas IdentitĂ€res, die Menschen sind stolz darauf. Honnen: "So lĂ€sst sich auch erklĂ€ren, warum Ruhrdeutsch heute noch bei vielen Menschen in der Region so populĂ€r ist." Das zeigt sich in Comics, die in Ruhrdeutsch neu aufgelegt werden, in WörterbĂŒchern der Region, die ganze Regalreihen in den BuchlĂ€den fĂŒllen und an Filmen wie "Manta Manta", die sinnbildlich fĂŒr das Ruhrgebiet werden.

Auf Schalke verbinden sich Fußball und Bergbau

Unter Tage bekommt manch einer seine Herkunft trotz aller KollegialitĂ€t zu spĂŒren. Rudnik erinnert sich: Der Italiener wird schnell mal wegen seiner "Spaghetti-Arme" hochgenommen, der TĂŒrke soll fĂŒr ein paar mehr Muckis mal zum richtigen Metzger gehen – "dem mit Schweinefleisch". Doch Rudnik betont: "Das ging nie gegen die Kultur oder die Religion der Gastarbeiter. So etwas wie Fremdenhass gab es unter Tage nicht. Wenn sich gekloppt wurde, dann wegen des falschen Fußballvereins. Das war mitunter ein KĂŒndigungsgrund."

Der Schalker Spielertunnel in Bergbauoptik: Vor jedem Spiel singen die Fans das Steigerlied.
Der Schalker Spilertunnel in Bergbauoptik: Vor jedem Spiel singen die Fans das Steigerlied. (Quelle: Sven Simon/imago-images-bilder)

Kreideschmierereien unter Tage zeugen von der ewigen RivalitĂ€t der beiden Ruhrpottvereine Borussia Dortmund und FC Schalke 04. Schalke, ein Stadtteil von Gelsenkirchen. Bekannt durch den Fußballverein, gegrĂŒndet von Bergleuten, heute ein Multimillionenunternehmen: Und ein Klub, der so tief in der Vergangenheit verwurzelt ist wie kein anderer Verein in Deutschland. Wenn am Heimspielwochenende 60.000 Kehlen das Steigerlied – ein altes Bergarbeiterlied – singen, dann ist das Bergbauromantik pur. Die Profis kommen auf das Spielfeld durch einen Spielertunnel, der links wie rechts wie ein alter Bergbaustollen gestaltet ist. Auch ohne Zechen im Revier will der Klub an diesem Markenzeichen festhalten. "Wahrscheinlich können unsere sehr jungen Fans mit dem Steigerlied wenig anfangen. Uns ist aber bewusst, dass wir auch viele Ă€ltere Fans haben, fĂŒr die der Bergbau immer sehr emotional behaftet sein wird, weil sie ihn entweder selber oder im Familienumfeld noch aktiv erlebt haben", sagt Alexander Jobst, Vorstand Marketing Schalke 04. "Das Lied wird also auf Schalke auch in Zukunft gespielt werden."

Rudnik wird dreimal am Tag entlassen

So wie die Fußballbegeisterten im Ruhrgebiet heute mit ihrem Verein verheiratet sind, war Rudnik damals mit der Zeche verheiratet. Frei gab es nicht einmal zur standesamtlichen Trauung mit seiner Frau Heike. Wenn der Vorgesetzte den Jungsteiger nachts aus dem Ehebett klingelte, hieß es sofort antreten. Rudnik bekam den rauen Ton als junger Bergmann hĂ€ufiger zu spĂŒren: An einem seiner ersten Tage in einer neuen Zeche war der Vorarbeiter unzufrieden mit seiner Arbeit. Er schrie: "Rudnik, du bist entlassen." Also packte Rudnik seine Sachen, fuhr ĂŒber Tage, ging sich in der Kaue waschen und dann zum Vorgesetzten. Der war völlig konsterniert, fragte den jungen Bergmann, ob er sie noch alle hĂ€tte. "Ich sagte ihm dann: Aber ich wurde eben entlassen." Die Antwort des Direktors: "Du wirst hier dreimal am Tag entlassen. Sofort wieder runter mit dir."

Was damals noch Spaß war, wurde in den Neunzigerjahren bittere RealitĂ€t. Das Zechensterben ist im vollem Gang. Der Ruhrbergbau, zuvor schon nur durch Millionensubventionen von Bund und LĂ€ndern am Leben gehalten, wurde immer unrentabler. Und die Bergleute mussten gehen. "In dieser Zeit machten sich das erste Mal richtige ExistenzĂ€ngste breit". Um die Jahrtausendwende wird Rudnik mit Kollegen fĂŒr eine Woche ins Hotel verfrachtet. Dort sollen sie wieder lernen, wie man eine Bewerbung schreibt. Rudniks Vater und sein Opa haben in ihrem Leben auf einer Zeche gearbeitet. Rudnik selbst wird bis zu seiner Entlassung auf zehn verschiedenen Zechen unter Tage gefahren sein.

Es Ă€ndert sich damals etwas in der Zechenwelt. Denn nicht nur die Arbeiter haben Angst, bald keinen Job mehr zu haben, auch die Zechen fĂŒrchten nun, dass ihnen die ArbeitskrĂ€fte verloren gehen. Denn trotz absehbaren Endes des Steinkohlebergbaus, sind ja immer noch Zechen zu fĂŒhren und es ist nach Kohle zu graben. "Es hat sich dann einiges verĂ€ndert. In dieser Zeit war ich ja bereits selbst ein Vorgesetzter. Doch nun hat auch die FĂŒhrungsetage eingesehen, dass man anders mit den Mitarbeitern umgehen muss." Zu Weihnachten geht es unter Tage, die MĂ€nner werden nach ihrem Befinden gefragt, frohe Festtage gewĂŒnscht. "MĂ€nnerloben" nennt Rudnik das. Und die sind teils richtig baff. "Die dachten, wir hĂ€tten gesoffen. Ein paar Jahre zuvor hĂ€tte es so was einfach noch nicht gegeben."

Doch nicht nur der Bergbau wandelt sich in dieser Zeit. Auch das Ruhrgebiet muss es. Statt in der Schwerindustrie mĂŒssen nun anderswo ArbeitsplĂ€tze geschaffen werden. Der Strukturwandel geht los. Und wĂ€hrend in den InnenstĂ€dten das Dienstleistungsgewerbe aufblĂŒhen soll, fragt man sich: Was tun mit den Relikten der Vergangenheit. Alte leerstehende Zechen darben vor sich hin. Halden – kleine Berge, auf denen der Abwurf von unter Tage aufgeschĂŒttet wurde, sprenkeln die Landschaft – die frĂŒher platt war wie Holland.

Ausstellung im Gasometer Oberhausen: Die Industriekulisse wird zum Teil der Kunst.
Ausstellung im Gasometer Oberhausen: Die Industriekulisse wird zum Teil der Kunst. (Quelle: Ralph Lueger/imago-images-bilder)

Die Zeit der Industriekultur beginnt. Alte GastĂŒrme werden jetzt zu Ausstellungsorten, Halden zu begehbaren Kunstwerken, ganze Zechenareale wie Zollverein zum Museum, Tagungsort und Eventlocation. Und der Tourismus boomt. 7,7 Millionen Übernachtungen zĂ€hlte die Region im Jahr 2016. Das Ruhrgebiet ist fast zu 88 Prozent grĂŒn. An Rhein und Ruhr gibt es kilometerlange Radfahrwege, im nördlichen Ruhrgebiet mit seinen KanĂ€len ebenso. Und ĂŒberall ragt eine alte Industrieanlage hervor. "Wir laden das Thema Bergbau emotional auf", sagt auch Sarah Thönneßen von Ruhr Tourismus. Die meisten Touristen kommen tatsĂ€chlich in die Region, um diesen alten Bergbauflair zu erleben, zeigen Umfragen. Und die Zahlen: Über 7 Millionen Menschen besuchten im vergangenen Jahr die 25 Ankerpunkte der Route der Industriekultur, gaben bei ihren Trips zu alten Zechen, Hochöfen und Halden 285 Millionen Euro aus. Rund 6.150 ArbeitsplĂ€tze bringt das der Region.

Bei Ruhr Tourismus ist man sich bewusst, dass sich das mit dem Ende der Zechen nun Ă€ndern muss. Bisher kamen die Menschen oft allein wegen des Gasometers nach Oberhausen. Die Ausstellung war nur am Rande wichtig. KĂŒnftig soll bereits die beeindruckende Fotoausstellung die Menschen in die Stadt locken. "Und wenn sie dann im alten Gasometer sind, sollen die Leute auf dem zweiten Blick merken, was das fĂŒr ein beeindruckendes GebĂ€ude ist."

Beeindruckend sind auch die GebĂ€ude der Stiftung Zollverein. Sie ist dafĂŒr zustĂ€ndig, das riesige GelĂ€nde der alten Zeche zu bespielen. Mit dem Ende der letzten Zeche in der Nachbarschaft muss auch das Weltkulturerbe umgehen: "Der Bergbau hat das Ruhrgebiet geprĂ€gt und das Ă€ndert sich auch nicht ĂŒber Nacht, wenn kĂŒnftig keine Steinkohle mehr gefördert wird", sagt Hans-Peter Noll, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein.

Die Zeche Zollverein im Herbst: Das weitlÀufige Areal wird durch die Stiftung Zollverein bespielt.
Die Zeche Zollverein im Herbst: Das weitlÀufige Areal wird durch die Stiftung Zollverein bespielt. (Quelle: Jochen Tack/imago-images-bilder)

Vor dem endgĂŒltigen Ende des Bergbaus hat Noll keine Angst: "Wir sind davon ĂŒberzeugt, dass gerade jetzt, da der Steinkohlenbergbau Geschichte ist und museal wird, das Interesse an dieser Kultur zunehmen wird." Das wĂŒrden auch die Besucherzahlen zeigen. Seit 2010 kommen immer mehr Menschen auf Zollverein. Zuletzt rund 1,5 Millionen im Jahr. Wichtig sei, sich aber nicht nur auf die Vergangenheit zu verlassen. Noll: "Mit der Ansiedlung von mehr als 40 Unternehmen, 1.300 neu geschaffenen ArbeitsplĂ€tzen und zuletzt dem Neubau fĂŒr die Folkwang UniversitĂ€t der KĂŒnste fĂŒr mehr als 500 Studierende sind wir bereits auf einem guten Weg."

Als Rudnik 2016 als Bergmann aufhören muss, ist er 56 Jahre alt. Nach 42 Jahren auf Zeche geht er in den Vorruhestand. Mit dem Arbeiten aufhören will er nicht. Er sucht sich einen Job als Zeitungsverteiler, ist schockiert ĂŒber den Umgangston dort. Aus seiner Zeit als Kumpel kannte er das nicht. Zu seinem GlĂŒck findet er einen Job bei der Stiftung Zollverein und wird MuseumsfĂŒhrer. "Es macht mich unfassbar Stolz, Menschen meinen Beruf und diese Region zeigen zu können." Mit seinen Besuchergruppen geht er immer hinauf auf das Dach der KohlenwĂ€sche, orangefarbene Lettern zeigen 40 Meter Höhe an. "Es tut weh, mit der Bergwerksgeschichte abzuschließen – sie hat dem Ruhrgebiet viel gebracht." In Rudniks Blick die Skyline des Ruhrgebiets. "Doch so schmerzhaft das ist, wir mĂŒssen jetzt nach vorne blicken. Und eine neue Erfolgsgeschichte finden. Nur diesmal ohne Kohle."

So wie Rudnik nach seiner Zechenzeit, sucht eine ganze Region eine neue Zukunft. Und so wie Rudnik wird die Region ihre Vergangenheit so schnell nicht mehr los. Ob sie es will oder nicht.

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