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Asylstreit mit Angela Merkel: Was wird von Horst Seehofer bleiben?

MEINUNGStreit mit Merkel  

Was wird von Horst Seehofer bleiben?

Eine Kolumne von Gerhard Spörl

07.07.2018, 20:52 Uhr
Asylstreit mit Angela Merkel: Was wird von Horst Seehofer bleiben?. Innenminister Horst Seehofer: Der Streit um die Asylpolitik ist nicht der erste Zwist der Schwesterparteien CDU und CSU. (Quelle: Reuters/Michaela Rehle -)

Innenminister Horst Seehofer: Der Streit um die Asylpolitik ist nicht der erste Zwist der Schwesterparteien CDU und CSU. (Quelle: Michaela Rehle -/Reuters)

Die Geschichte zeigt: Bei Machtkämpfen steht der Angreifer am Ende oft schlechter da. Ein ehemaliger CSU-Patriarch sollte Horst Seehofer im Zwist mit Angela Merkel als mahnendes Beispiel dienen.  

Es war einmal ein CSU-Vorsitzender, der eine Vorliebe für lange Monologe hatte, bei denen er schwitzte und gerne auch Alkohol in größerer Menge zu sich nahm. Natürlich brauchte er immer ein Publikum. Am 24. November 1976 hielt er wieder mal eine wilde Rede, die irgendjemand heimlich mitschnitt und dem "Spiegel" schickte, der sie in ganzer Schönheit veröffentlichte. Der CSU-Vorsitzende hieß Franz Josef Strauß, das Publikum war der Landesausschuss der Jungen Union Bayerns in einem Sitzungssaal des Wienerwald-Konzerns in München und deshalb ist der wüste Monolog als "Wienerwald-Rede" in die Geschichte eingegangen.

Strauß war gebildet und wortmächtig und vor allem verlor er zuverlässig die Selbstbeherrschung. Dann zog er über jeden und alles her. Helmut Kohl hatte gerade eine Bundestagswahl denkbar knapp verloren, mit 48,6 Prozent. Mit 48,6 Prozent! Helmut Schmidt blieb Bundeskanzler und regierte weiterhin mit der FDP. Die CDU/CSU war seit sieben Jahren in der Opposition und blieb es noch sechs Jahre. Wer war schuld?

Die CDU, denn sie ist, sagt Strauß, eine Ansammlung von Pygmäen, "die nur um ihre Wahlkreise bangen, diese Zwerge im Westentaschenformat, diese Reclamausgabe von Politikern".


Schuld trägt natürlich auch Helmut Kohl. Über ihn sagt er: "Er ist total unfähig, ihm fehlen die charakterlichen, die geistigen und die politischen Voraussetzungen. Und glauben Sie mir eines, der Helmut Kohl wird nie Kanzler werden, der wird mit 90 Jahren die Memoiren schreiben: 'Ich war 40 Jahre Kanzlerkandidat, Lehren und Erfahrungen aus einer bitteren Epoche.'"

Ein Riese unter Zwergen

Franz Josef Strauß ist der Übervater der CSU, das Vorbild für Heutige wie Horst Seehofer. Er war maßlos und fühlte sich umzingelt von Kleingeistigen. In ihm wühlte es, er schleuderte die Worte heraus wie Handgranaten, er war wie Herakles, der ständig Ställe ausmisten musste, und in ihm wuchs das sichere Gefühl, dass er in der falschen Zeit leben musste: ein Riese unter Zwergen.

Einträchtig wie selten: Franz Josef Strauß (l.) und Helmut Kohl bei einem Wahlkampfauftritt im August 1980 in Mannheim. (Quelle: dpa)Einträchtig wie selten: Franz Josef Strauß (l.) und Helmut Kohl bei einem Wahlkampfauftritt im August 1980 in Mannheim. (Quelle: dpa)

An Strauß lässt sich menschliches Verhalten im Rohzustand studieren. Maßlos. Rücksichtslos. Auf Vernichtung aus. Dummerhaft, das vor allem, denn seine Wienerwald-Rede kreist auch darum, dass jeder Depp einen Journalisten kennt, dem er sofort brühwarm erzählt, wer was wann und warum gesagt hat. Zerstörung und Selbstzerstörung wie in den antiken Tragödien, aus denen er oberlehrerhaft zitierte, möglichst in Altgriechisch, ein Bildungshuber aus kleinen Verhältnissen, die er unbedingt vergessen wollte.

Straußmäßig war Horst Seehofer nur einmal

Heute geht es vergleichsweise harmlos zu. Sigmar Gabriel zitiert seine Tochter, um Martin Schulz bloßzustellen. Seine Tochter! Markus Söder macht sich größer, als er ist, weil er und Seinesgleichen immer den Alten vor sich sehen und sich fragen: Was würde Franz Josef sagen und was würde er machen? Straußmäßig war Horst Seehofer nur einmal, auf dem CSU-Parteitag im Jahr 2016, als er, Angela Merkel neben sich wie ein Mädchen, ihre Flüchtlingspolitik zerpflückte. Da schaute der Alte wohlgefällig vom Olymp herab.


Manchmal frage ich mich, wo Angela Merkel die Demütigungen lässt, die ihr in Serie zuteil werden, und wie sie für Triebabfuhr sorgt. Geht sie nach den nervenzerfetzenden Sitzungen in kleiner oder großer Runde nach Hause, kann sie dann schlafen oder muss sie noch reden und welche Sätze gehen ihr nicht mehr aus dem Kopf? Bleibt Joachim Sauer auf, bis seine Frau endlich heim kommt, wund gerieben und erschöpft, und macht er ihr einen Tee oder trinken sie noch ein Glas Rotwein zusammen? Sagt sie dann: Wäre ich doch bloß nicht noch einmal angetreten? Sagt er dann: Es kommen auch wieder bessere Zeiten, du machst das schon richtig?

Vorsicht geht in Misstrauen über

Die Fotografin Herlinde Koelbl hat vor Jahren einige Politiker immer wieder fotografiert. Darunter war Angela Merkel. Anfangs ist sie jung, wirkt wach und leicht amüsiert. Selbstbewusstsein und Verletzlichkeit, nebeneinander in Reinkultur. Die Herkunft aus dem Osten Deutschlands ist ihr anzusehen, die Frisur, die Kleidung. Das verliert sich spätestens mit der Kanzlerschaft. Sie verändert sich, sie sucht nach ihrem Stil und nach Schutz vor Verletzungen.

Porträts der jungen Merkel: Ausstellung der Fotografin Herlinde Koelbl bei einer Kunstmesse in Karlsruhe. (Quelle: dpa/Uwe Anspach)Porträts der jungen Merkel: Ausstellung der Fotografin Herlinde Koelbl bei einer Kunstmesse in Karlsruhe. (Quelle: Uwe Anspach/dpa)

Die Offenheit geht in Vorsicht über, die Vorsicht in Misstrauen. Das Gesicht wird undurchdringlich. Sie arbeitet daran, dass ihr die Züge nicht mehr so leicht entgleisen, dass ihr Gesicht ein offenes Buch ist. Die Stimme wird klarer und fester. Den Körper baut sie zum Panzer um. Die Disziplin, ewig lange Sitzungen in Berlin und Brüssel ohne Kekse und Schnittchen durchzustehen, nimmt in Krisen ab, und Krise ist immer. Essen ist Trost, ist Belohnung und Besänftigung.

Merkel, Seehofer – Warum tun sie sich das an?

Politik ist ein brutales Geschäft in der Demokratie. Sie frisst ihre Amtsträger auf. Sie ist wie die Dementoren in den Harry-Potter-Romanen: Sie saugt ihnen das Leben aus dem Leib. Er würde es seinem Hund nicht wünschen, Bundeskanzler zu sein, sagte einmal Klaus Harpprecht, der Willy Brandt beriet und seine Reden schrieb. Warum tun sie sich das an, was sie sich antun, der Horst und die Angela heute, Willy Brandt und Herbert Wehner oder Helmut Kohl und Franz Josef Strauß eine Generation davor?

Weil sie ein besonderes Talent haben, weil sie eine beispiellose Karriere vor sich sehen, weil sie glauben, dass sie besser sind als ihre Altersgenossen. Weil sie überzeugt sind, dass ihnen niemand etwas anhaben wird. Weil sie sich für unverletzbar halten. Weil sie Geschichte schreiben wollen. Weil sie sein können, was jeweils nur einer sein kann: Bundeskanzler.

So weit ich das sehe, geht es heute weniger roh und brutal zu. Die kulturelle Regel sind die eher wohltemperierten Gemüter: Frank-Walter Steinmeier, Olaf Scholz, Ursula von der Leyen, Christian Lindner, Winfried Kretschmann, Bodo Ramelow. Aus der Reihe fallen nicht zufällig die CSU-Nachfolger von Franz Josef Strauß. Und nicht zufällig zucken auch sie im entscheidenden Augenblick zurück.

Machtkämpfe – reine Nervensache

Nach der Wahl 1976 kündigte die CSU die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU und wollte künftig bundesweit kandidieren. Daraufhin drohte die CDU damit, sie werde einen eigenen Landesverband in Bayern gründen. Der große FJS gab klein bei, wie Söder/Seehofer/Dobrindt heute klein beigeben, wenn es um das Ganze geht.

Machtkämpfe sind in einer ersten Phase Menschenvernichtungsversuche und in der zweiten Phase reine Nervensache. In der alten SPD gab es zerrüttende Auseinandersetzungen zwischen Herbert Wehner und Willy Brandt. Wehner war ein Leidensmann, in dem es ähnlich wühlte wie in Strauß. Er war in jungen Jahren Kommunist gewesen, was ihm Freunde wie Feinde vorhielten, wenn er zu weit ging. Willy Brandt war in der finsteren Zeit emigriert und jetzt die Lichtgestalt der SPD: klug, charmant, ein Menschenfänger, aber auch ein Melancholiker, der noch als Kanzler seine Auszeit brauchte.

Es war in Moskau, 1973. Wehner versammelte Journalisten um sich und sagte: "Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau." Es war ein Satz, in dem echte Besorgnis sich mit tiefem Neid und einem Höchstmaß an Verständnislosigkeit für einen Menschen vereinigte, den die Götter reich beschenkt hatten.

Fast immer geben die Angreifer auf

In Machtkämpfen gehen sich Menschen an den Kragen und ans Gemüt. Machtkämpfe haben etwas Archaisches, wobei die Gegner nicht Steine oder Faustkeile schleudern, aber sie versuchen einander zu eliminieren, so tief zu verletzen, dass einer von ihnen aufgibt und sagt: Ich kann nicht mehr und ich will das auch nicht mehr.

Ironischerweise sind es fast immer die Angreifer, die aufgeben. Zorn beseelt sie, Zorn treibt sie voran und kann ja auch zermürben oder in den Wahnsinn treiben. Aber Zorn ist keine Strategie. Die Angegriffenen sind wie Igel, sie ziehen den Kopf ein und warten ab. Weil sie nicht die Nerven verlieren, geben die Zornigen irgendwann auf.

Was die Zeit überdauert

Von Helmut Kohl bleibt das historische Verdienst um die Einheit. Strauß? Bayerischer Ministerpräsident. Von Willy Brandt bleibt der Friedensnobelpreis für Versöhnung in der geteilten Welt. Wehner? Spitzname Onkel, Fraktionsvorsitzender.

Von Angela Merkel wird bleiben, dass sie 2008 die Weltfinanzkrise glänzend bestand und 2015 beispielhaft Humanität bewies. Von Horst Seehofer wird bleiben, dass er typisch CSU ist: ein Zauderer, der groß tut und klein denkt.

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