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Wie Jens Spahn mit Politik Millionen machte

  • Jonas Mueller-Töwe
Von Jonas Mueller-Töwe

Aktualisiert am 29.03.2021Lesedauer: 13 Min.
Jens Spahn, der Millionen-Minister: "Der wollte ganz hoch hinaus", sagt jemand aus der Fraktion.
Jens Spahn, der Millionen-Minister: "Der wollte ganz hoch hinaus", sagt jemand aus der Fraktion. (Quelle: ullstein-bild)
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Das Vermögen des Gesundheitsministers ist kein Zufall. Recherchen von t-online zeigen: Spahn verknĂŒpfte von Beginn an seine Karriere mit Investments. Es ist sein System des Aufstiegs.

Hartz IV bedeutet noch lange keine Armut. Eine Rentenerhöhung ist in erster Linie ein Wahlgeschenk fĂŒr Senioren. Wer fĂŒrs Alter vorsorgt, darf nicht der Gekniffene sein.


WofĂŒr Minister schon zurĂŒckgetreten sind

Andreas Scheuer hĂ€lt sich im Amt, obwohl die Maut lĂ€ngst nicht seine einzige Baustelle ist. Andere Minister sind frĂŒher schon aus viel geringeren AnlĂ€ssen zurĂŒckgetreten. Nur einige Beispiele in der Fotostrecke.
Franz-Josef Strauß (CSU), 1962: Aus Protest gegen die Rolle des Verteidigungsministers Strauß in der sogenannten "Spiegel-AffĂ€re" erklĂ€ren alle fĂŒnf Minister der FDP ihren RĂŒcktritt. Bei der anschließenden Kabinettsumbildung wird Strauß nicht mehr berĂŒcksichtigt.
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Das sagt nicht irgendwer, sondern Jens Spahn. Ein Mann, der noch nie einen Hehl daraus gemacht hat, dass er sich den Job des Kanzlers zutraut. Wenn es um Fragen der sozialen Gerechtigkeit geht, war der heutige Gesundheitsminister noch nie um scharfe Worte verlegen. "Vorpreschen", nennt das einer seiner Àltesten Vertrauten. Spahn sei schon immer "sehr ehrgeizig" gewesen.

Spahn, der mit seinen 40 Jahren bereits fast die HĂ€lfte seines Lebens im Bundestag verbracht hat, beherrscht die Mechanismen der politischen Eigenvermarktung wie nur wenige andere. Hauptsache, die LautstĂ€rke stimmt – und das, was beim Publikum hĂ€ngen bleibt. Trotz vieler Zweifler hat er immer wieder politisch davon profitiert. Spahn kann Lautsprecher, Spahn kann Kampfkandidatur – und eines Tages möglicherweise auch Kanzler.

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Das ist die eine Seite des Gesundheitsministers, die öffentliche, die politische. Die Seite, die es notwendig macht, auch die andere Seite des Jens Spahn zu erzÀhlen.

Die nennen seine AnwĂ€lte privat. Seit den ersten Berichten ĂŒber Spahns neue Berliner Villa haben sie sich große MĂŒhe gegeben, diese Sicht der Dinge gegenĂŒber Medien und Gerichten ĂŒberzeugend darzulegen. Deshalb darf t-online bis heute den konkreten Kaufpreis nicht nennen. Der Minister hĂ€tte, im Gegensatz zu seinen markigen politischen Positionen, ĂŒber die Immobilie gern gĂ€nzlich Stillschweigen bewahrt.

t-online hat ihn fĂŒr diesen Artikel ausfĂŒhrlich um Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten.

Haben Sie Hinweise zu einem unserer Artikel? VerfĂŒgen Sie ĂŒber Einblicke in Bereiche, die anderen verschlossen sind? Möchten Sie MissstĂ€nde mithilfe unserer Reporter aufdecken? Dann kontaktieren Sie uns bitte unter hinweise@stroeer.de.

Spahn ist möglicherweise bewusst, dass es sich im Sommer 2020 nicht um den optimalen Zeitpunkt fĂŒr eine solche Akquise handelte. HĂ€ngen blieb: Als zahllose Menschen angesichts der Corona-Krise in Kurzarbeit waren oder bereits ihren Job verloren hatten, ging der Gesundheitsminister auf dem Immobilienmarkt auf Einkaufstour. Kein guter Eindruck.

Konnte er auch deswegen stets so locker ĂŒber Hartz IV und Rentenerhöhung reden, seine politische Karriere sogar darauf aufbauen? Weil er selbst seit Langem in anderen finanziellen SphĂ€ren unterwegs ist: völlig losgelöst? Und nicht zuletzt: Wie kommt ein Abgeordneter und Minister an ein solches Vermögen?

Spahn mag um die potenziellen Folgen solcher Fragen fĂŒr seine Karriere geahnt haben. Vielleicht ging er deswegen so rigoros gegen die Veröffentlichungen vor. Denn die Fragen könnten noch drĂ€ngender werden.

Recherchen von t-online legen nahe: Seit Beginn seiner politischen Karriere verfolgt Spahn eine eng mit seinem politischen Vorankommen verflochtene Investment-Strategie. Sie begann direkt mit seinem Einzug in den Bundestag. Seitdem profitierte der Privatmann Jens Spahn immer dann finanziell, wenn auch der Politiker Spahn einen Karrieresprung machte.

Mehr noch: Ohne seine politische Karriere, die er strategisch plante wie nur wenige andere, wÀren seine zahlreichen Investments wahrscheinlich kaum möglich gewesen. Interessenkonflikte hat der Minister dabei stets bestritten.

Doch im Zuge der MaskenaffĂ€re steigen die Anforderungen der Öffentlichkeit an die Transparenz von NebentĂ€tigkeiten der Abgeordneten und Minister. Wie stark darf ein Politiker persönlich von seinem Job profitieren? Mit Unternehmensanteilen, mit Immobilieninvestments, mit NebentĂ€tigkeiten? Wie transparent muss das sein? Ist das alles Privatsache?

Selbst in der CDU wird die Kritik an dem langjÀhrigen HoffnungstrÀger immer lauter. Jens Spahn, der Millionen-Minister, wirkt wie ein sorgfÀltig geplantes Projekt.

1) Der Spatenstich zum "Projekt Spahn"

Es ist der 18. Oktober 2002, als sich Spahns politische Karriere und seine persönlichen Investitionen das erste Mal verbinden. Der junge CDU-Aufsteiger hat bereits ein rasantes Jahr hinter sich: Gerade erst die zweijĂ€hrige Ausbildung zum Bankkaufmann abgeschlossen, entscheidet der 22-JĂ€hrige eine Kampfabstimmung gegen lokale CDU-GrĂ¶ĂŸen um die Kandidatur im Wahlkreis fĂŒr sich und zieht schließlich in den Bundestag ein. Am 17. Oktober ist die konstituierende Sitzung des Parlaments.

Bereits damals signalisiert Spahn, dass er sich die Kanzlerschaft zutraut. Abgeordnete, die ihn damals erleben, sagen rĂŒckblickend, sein Ziel sei immer schon gewesen, ganz nach oben zu kommen. "Der wollte ganz hoch hinaus", sagt jemand aus der Fraktion.

Eine BroschĂŒre mit neuen Abgeordneten im Bundestag am 17. Oktober 2002: Den Aufsteiger Jens Spahn hat damals noch kaum jemand auf dem Zettel.
Eine BroschĂŒre mit neuen Abgeordneten im Bundestag am 17. Oktober 2002: Den Aufsteiger Jens Spahn hatte damals noch kaum jemand auf dem Zettel. (Quelle: imago-images-bilder)

Doch so richtig auskosten kann Spahn den Moment nicht, als er das erste Mal im Bundestag Platz nimmt und den Grundstein fĂŒr seine politische Karriere legt, die parteiinterne Kritiker spĂ€ter immer mal wieder abschĂ€tzig als "Ich-AG" bezeichnen. Denn Spahn hat nur einen Tag spĂ€ter einen weiteren wichtigen Termin.

Es ist der Spatenstich zum zweiten Teil des "Projekts Spahn": der Aufbau eines Vermögens, das danach immer weiter wachsen wird – und dabei auch immer wieder Schnittstellen zur politischen Karriere des heutigen Bundesgesundheitsministers aufweist.

Wie aus Grundbuchunterlagen des Amtsgerichts Ahaus hervorgeht, die t-online vorliegen, erwirbt Spahn am 18. Oktober 2002 von einem Parteifreund seine vermutlich erste Immobilie, die er bis heute besitzt und als Hauptwohnsitz angibt. 91 Quadratmeter, Balkon, Garage, Stellplatz: Es ist nicht exklusiv oder extravagant, eher etwas Grundsolides, das der Berufseinsteiger sich zulegt. Wer will einem jungen Mann eine solche Investition in die eigene Zukunft verĂŒbeln?

Möglich machen dĂŒrfte sie allerdings erst Spahns Einstieg in die Welt der großen Politik.

Denn zwei Kredite in insgesamt niedrig sechsstelliger Höhe muss der 22-JĂ€hrige, der gerade erst seine Bankausbildung beendet hat, fĂŒr die Etagenwohnung aufnehmen. Es sind keine ĂŒppigen Darlehen – als Lehrling mit rund 1.000 Euro brutto im Monat könnte er sie sich aber wohl eher nicht leisten.

Ein frisch gewĂ€hlter Bundestagsabgeordneter hingegen kann im Jahr 2002 vermutlich schon eher auf eine Finanzierung hoffen. Spahns wirtschaftliche Situation Ă€ndert sich mit dem Mandat fast so, als wĂŒrde ein Hartz-IV-EmpfĂ€nger im Lotto gewinnen: 6.878 Euro brutto betrĂ€gt die monatliche DiĂ€t fĂŒr Abgeordnete zum damaligen Zeitpunkt, meistens steigen die BezĂŒge sogar im Laufe der Legislaturperiode. Ein sicheres Gehalt also fĂŒr die kommenden vier Jahre.

Und fĂŒr Spahn ein guter Zeitpunkt, um zu investieren: sowohl finanziell in das "Immobilienportfolio", wie er es spĂ€ter nennen wird, als auch durch Sacharbeit, Netzwerke und Öffentlichkeit in seinen politischen Aufstieg.

2) Der Gesundheitsexperte und Lobbyist

Spahns politische Ambitionen bemerken seine Parteifreunde schnell: Er spricht gern und oft mit anderen Kollegen im Bundestag, und besonders gern mit solchen, von denen er sich einen persönlichen Vorteil verspricht. Unter den Kollegen gilt Spahn schnell als Karrierist. Seine Devise lautet: bekannt werden, nicht unbedingt beliebt. Orientiert am Vorbild Konrad Adenauers.

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Dabei sucht Spahn sich LĂŒcken aus, die andere lassen. Zum Beispiel das komplizierte Thema Gesundheitspolitik.

Der Journalist Michael Bröcker mit Jens Spahn: In seiner Biografie schildert er den Werdegang des Gesundheitsministers.
Der Journalist Michael Bröcker mit Jens Spahn: In seiner Biografie schildert er den Werdegang des Gesundheitsministers. (Quelle: imago-images-bilder)

Der Journalist Michael Bröcker schreibt in seiner Biografie: Spahn wĂ€hle das Gebiet seiner kĂŒnftigen Expertise nach den Aufstiegschancen. Gesundheit ist irgendwie immer wichtig, viele andere Politiker scheuen die komplexen Themen. Und die Gesundheitsexperten der Union sind zumeist Ă€lter, werden das Feld also bald rĂ€umen.

Spahn schlĂ€gt zu – und steigt bald auf. Rasch ist er Obmann der Unionsfraktion im Gesundheitsausschuss. Das liegt nicht nur daran, dass man in der Politik schnell ein Experte ist. Es hat auch damit zu tun, dass Spahn nicht auf den Kopf gefallen ist. Strategisches Vorgehen setzt voraus, dass man in der Lage ist, Schritte systematisch zu planen.

Das gilt fĂŒr die Politik wie auch die private Anlegestrategie. Denn der erste Karriereschritt in der Fraktion geht mit ersten Investitionen im Privatbereich einher: WĂ€hrend Spahn in der ersten großen Koalition unter Angela Merkel ab 2005 an einer Gesundheitsreform werkelt, grĂŒndet er mit seinem BĂŒrochef und einem befreundeten Lobbyisten die Agentur "Politas". Sie berĂ€t auch Kunden aus dem Pharmabereich.

NatĂŒrlich folgt daraus nicht zwangslĂ€ufig, dass sich der Abgeordnete Spahn und der Investor Spahn gegenseitig begĂŒnstigen. Lassen sich die Rollen aber jederzeit sauber trennen? "Politas" jedenfalls wirbt mit guten Kontakten in den Bundestag: "Ganz gleich, ob es um eine Anhörung, ein HintergrundgesprĂ€ch oder um eine Plenardebatte geht. Wir sind fĂŒr Sie dabei."

Spahn wird dem "Focus" zufolge an mindestens einer GewinnausschĂŒttung beteiligt und verdient mit. Als das diskrete Firmenkonstrukt Jahre spĂ€ter doch noch auffliegt, will Spahn seine Anteile lĂ€ngst verkauft haben. Interessenkonflikte sieht er nicht. Es wirkt so, als seien sich der politische Aufstieg und die private Vermögensstrategie bereits zum zweiten Mal sehr nahe gekommen.

Es gibt allerdings auch ein drittes Mal. Und wohl auch ein viertes, fĂŒnftes und sechstes.

3) Der Rentenkritiker und Aufsichtsrat

Denn wĂ€hrend Spahn sich weiter in die Gesundheitspolitik einarbeitet, profiliert sich der junge Aufsteiger auch als Rebell. Und da eignet sich Kritik an der Rentenpolitik besonders gut. Spahn, der die private Vorsorge fĂŒrs Alter öffentlich befĂŒrwortet und mit seiner Eigentumswohnung in Ahaus ja durchaus als Vorbild gelten könnte (wĂ€re sein Investment denn bekannt), lehnt die Rentenerhöhung im Jahr 2008 als "Wahlgeschenk" ab.

Die Senioren-Union in seiner westfĂ€lischen Heimat will deswegen sogar verhindern, dass Spahn erneut fĂŒr den Bundestag nominiert wird. FĂŒr einen Moment scheint der Aufstand der Alten seine Karriere zu stoppen.

Doch am Ende gilt auch bei ihm, was viele Jungpolitiker als Ziel definieren: Hauptsache, dein Name erscheint in den Medien und die Leute wissen, dass es dich gibt. Spahn, der Gesundheitspolitiker, ist nun eben auch "Rentenkritiker". Ein Unbequemer, der auf dem Weg in die erste Reihe ist – das schĂ€rft sein politisches Profil.

Und es nĂŒtzt ihm auch außerhalb des Bundestags.

Kurz darauf, Mitte 2009, wird Spahn zeitweilig in den Aufsichtsrat der Signal Iduna Pensionskasse berufen. Nur weil er wenig spÀter zum gesundheitspolitischen Sprecher der Union aufsteigt, legt er 2010 den Posten nieder. Um den Anschein von Interessenkonflikten zu vermeiden, wie er betont.

4) Der Verwaltungsrat und Investor

Weniger Bedenken hat er hingegen bei einem Mandat in seiner Heimat. Auch im MĂŒnsterland hat Spahn wĂ€hrend seiner Arbeit im Bundestag einen Schritt nach vorn gemacht: BeflĂŒgelt von seinen mittlerweile zehn Jahren im Stadtrat von Ahaus und seiner wachsenden bundesweiten Bekanntheit zieht er 2009 in den Kreistag ein, wĂ€hrend sein alter Freund Kai Zwicker mit Spahns UnterstĂŒtzung Landrat wird.

Zwicker ist ein Mann mit hoher Stirn und einer kleinen LĂŒcke zwischen den SchneidezĂ€hnen. Mit dem heute 53-JĂ€hrigen ist Spahn seit seinen Tagen in der Jungen Union eng verbunden. Mit ihm plante er seine erste Bundestagskandidatur, mit ihm setzte er sie 2002 im Wahlkreis durch. Das Duo ĂŒberstand auch weitere Kampfabstimmungen.

Kai Zwicker, ein WeggefĂ€hrte noch aus Zeiten in der Jungen Union: Er wirkt nicht abgehoben, sondern verwurzelt – hier vor Ort."
Kai Zwicker, ein WeggefĂ€hrte noch aus Zeiten in der Jungen Union: "Er wirkt nicht abgehoben, sondern verwurzelt – hier vor Ort." (Quelle: biky/imago-images-bilder)

Wer heute bei Zwicker anruft, hört noch immer nur Gutes ĂŒber den Minister. "Spahn ist hier im WestmĂŒnsterland sehr angesehen", erzĂ€hlt er. Wie kaum ein anderer Politiker setze er sich fĂŒr die Menschen ein und halte den Kontakt. Klar: Er sei "sehr ehrgeizig", ein "Homo Politicus". Doch trotzdem: "Er wirkt nicht abgehoben, sondern verwurzelt – hier vor Ort."

Die Wurzeln dĂŒrften auch finanzieller Natur sein. Denn im Kreis Borken haben Zwicker und Spahn auch gleiche Aufgaben. Eine davon ist ĂŒber mehrere Jahre hinweg die im Verwaltungsrat der Sparkasse WestmĂŒnsterland, in den sowohl Spahn als auch Zwicker 2009 berufen werden.

Die Sitze in den Aufsichtsgremien der Sparkassen werden nicht nur im Kreis Borken oft an Kommunalpolitiker vergeben. Das dient beiden Seiten: Die Politik sichert sich so ihren Einfluss, wenn mal irgendwo etwas Gutes getan werden muss. Und die Sparkassen sichern sich den RĂŒckhalt der Kommunen, wenn es um die Verteidigung ihrer Privilegien geht. Es ist das typische Geben und Nehmen. Dass die Posten gut dotiert und mit verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig wenig Arbeit verbunden sind, macht sie umso beliebter.

Es gibt in all den VerwaltungsrĂ€ten all der Sparkassen in dieser Republik vermutlich viele Mitglieder, die dort weniger beizutragen haben als der ausgebildete Bankkaufmann Spahn. Vielleicht hĂ€ngt sich der Bundestags- und Kreistagsabgeordnete ganz besonders in die Arbeit vor Ort rein. Oder er ist aus anderen GrĂŒnden einfach ein GlĂŒcksgriff.

Auf jeden Fall mausert er sich binnen eines Jahres zu einem der Bestverdiener im Verwaltungsrat mit seinen mehr als zwei Dutzend Mitgliedern. Wie aus den JahresabschlĂŒssen der Sparkasse hervorgeht, fallen zwischen 2011 und 2015 fĂŒr Spahn jĂ€hrlich rund 10.000 Euro brutto an.

Das ist fĂŒr jemanden, der in dieser Zeit jĂ€hrlich zwischen gut 90.000 und rund 110.000 Euro DiĂ€ten im Bundestag bekommt, nicht unglaublich viel. Aber es ist eben wesentlich mehr als bei den meisten anderen VerwaltungsrĂ€ten der Sparkasse. Nur die LandrĂ€te erhalten mehr.

Und parallel zum Posten im Verwaltungsrat ergeben sich weitere Möglichkeiten.

Im Jahr 2012, so steht es in den Grundbuchunterlagen der Stadt Ahaus, die t-online vorliegen, tritt die Bank, bei der Spahn einen Kredit fĂŒr seine Eigentumswohnung aufgenommen hat, einen Teil der Forderung ab – an die Sparkasse WestmĂŒnsterland, in deren Verwaltungsrat Spahn zu diesem Zeitpunkt sitzt.

Jens Spahn im Profil: In seiner Zeit als Verwaltungsrat hat er auch privat mit der Sparkasse WestmĂŒnsterland zu tun.
Jens Spahn im Profil: In seiner Zeit als Verwaltungsrat hatte er auch privat mit der Sparkasse WestmĂŒnsterland zu tun. (Quelle: Florian Gaertner/photothek.de/imago-images-bilder)

Das ist nicht verboten. Die Sparkasse gibt jedes Jahr in ihren AbschlĂŒssen an, in welcher Höhe sie Kredite an die Verwaltungsratsmitglieder vergeben hat. Bis Ende 2012 fĂŒhrt sie insgesamt rund 2,77 Millionen Euro offene Forderungen auf. Es handelt sich dabei um sogenannte "Organkredite", die besonders auf Interessenkonflikte geprĂŒft werden mĂŒssen.

MarktunĂŒbliche Vorteile ziehen die Verwaltungsratsmitglieder angeblich nicht aus dieser Konstellation. "Es gibt bei der Sparkasse WestmĂŒnsterland keine Sonderkonditionen fĂŒr aktive oder ehemalige Mitglieder des Aufsichtsorgans", heißt es seitens der Sparkasse auf Anfrage von t-online. Derlei GeschĂ€ftsbeziehungen unterlĂ€gen "einer besonderen PrĂŒfungspflicht durch die AbschlussprĂŒfer" – unter anderem hinsichtlich der "MarktĂŒblichkeit von Transaktionen".

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass der Fall bei Spahn anders liegt. Zu GeschĂ€ftsbeziehungen mit Kunden Ă€ußert sich das Geldhaus nicht. Doch die besondere Beziehung zur Sparkasse WestmĂŒnsterland bleibt Spahn auch nach seinem Ausscheiden aus dem Verwaltungsrat erhalten. 2016 ĂŒbernimmt sie einen weiteren Teil des Kredits, den er fĂŒr seine erste Eigentumswohnung aufgenommen hat.

Es wird nicht das letzte Darlehen fĂŒr den CDU-Aufsteiger sein. Spahn hat lĂ€ngst zu weiteren Karriereschritten angesetzt.

5) Der StaatssekretÀr und Start-up-Anleger

Zwar hat Angela Merkel, die Spahn in herzlicher Abneigung verbunden ist, ihn auch bei der Aufstellung des Kabinetts 2013 ignoriert. Doch mit Ausdauer und Durchsetzungsvermögen hat sich der ehrgeizige Politiker ein Jahr spÀter einen Platz im CDU-PrÀsidium erkÀmpft. Erneut nicht auf die freundliche Art, sondern in einer Kampfabstimmung gegen Hermann Gröhe, den Wunschkandidaten der Kanzlerin.

Überhaupt hat Spahn sich derart als parteiinterner Kritiker positioniert, dass es taktisch geschickter scheint, ihn einzubinden. Dann muss er eher mittragen, was CDU und Regierung beschließen. Zumal er in der Partei lĂ€ngst nicht mehr nur als ehrgeizig gilt, sondern als einflussreich.

Es ist der damalige Bundesfinanzminister Wolfgang SchÀuble, der Spahn in die Regierung einbindet, indem er ihn zum Parlamentarischen StaatssekretÀr in seinem Ressort macht.

StaatssekretÀr Jens Spahn mit Finanzminister Wolfgang SchÀuble, 2015: Auch in dieser Zeit legt Spahn sein Geld an.
StaatssekretÀr Jens Spahn mit Finanzminister Wolfgang SchÀuble, 2015: Auch in dieser Zeit legte Spahn sein Geld an. (Quelle: imago-images-bilder)

Eigentlich ist der Job des "PSt" eine Sackgasse: Im Ministerium nehmen einen die Beamten nicht ernst, und die Kollegen neiden einem weniger die Tatsache, dass man Termine fĂŒr den Minister wahrnehmen muss, auf die der keine Lust hat, als das attraktive Gehalt. Zwar wird einem die DiĂ€t gekĂŒrzt, dafĂŒr gibt es aber eine stattliche VergĂŒtung von mehr als 10.000 Euro.

Was fĂŒr andere eine Karriere-Sackgasse ist, ist fĂŒr Spahn eine Einbahnstraße. Er nutzt den Job im Ministerium, um sich ein weiteres kompliziertes Themengebiet zu erschließen: Finanztechnologie.

Parallel zu seiner Arbeit im Ministerium entdeckt er dabei auch ein neues GeschĂ€ftsfeld fĂŒr seine Investitionen. Eine "pfiffige Idee" wird Spahn das Produkt spĂ€ter nennen, in das er 15.000 Euro steckt.

FĂŒr sein Geld erhĂ€lt der Parlamentarische StaatssekretĂ€r Anteile in Höhe von 1,25 Prozent an der "Pareton GmbH". Das Start-up entwickelt eine Steuer-Software. Und fĂŒr Steuern ist, nun ja: das Bundesfinanzministerium zustĂ€ndig.

Erneut gilt: Verboten ist das nicht, den besten Eindruck macht es aber eben auch nicht. Zumal Spahn sogar doppelt zum Zuge kommt: FĂŒr das Investment erhĂ€lt der Mann, der von Steuergeldern bezahlt wird, noch 3.000 Euro staatlichen Zuschuss aus einem Fördertopf des Wirtschaftsministeriums, fĂŒr den natĂŒrlich auch die Steuerzahler aufkommen.

Erst nach Kritik zieht Spahn sich aus dem Unternehmen zurĂŒck und zahlt den Zuschuss zurĂŒck. Ob er beim Verkauf Gewinn gemacht hat, erzĂ€hlt er bis heute nicht. Es erscheint allerdings plausibel, denn Spahn hat durchaus GespĂŒr fĂŒr richtige Investments.

6) Der Netzwerker und Spekulant

Schließlich profitiert er in den Jahren danach auch vom Immobilienmarkt, der in ganz Deutschland boomt, in Berlin aber besonders. 2015 kauft er laut "Stern" und "Tagesspiegel" eine Wohnung in Berlin-Schöneberg. DafĂŒr wird demnach "ein hoher sechsstelliger Betrag" fĂ€llig. Mieter wird ĂŒbereinstimmenden Medienberichten zufolge der FDP-Chef Christian Lindner. Sogar noch eine weitere Immobilie im selben Kiez leistet Spahn sich zwei Jahre spĂ€ter. Dieses Mal wird sogar ein "sehr hoher sechsstelliger Betrag" fĂ€llig.

Diese Kaufpreise werden noch von Bedeutung sein.

Denn Spahn, der 2018 Gesundheitsminister wird, sorgt zu dieser Zeit mit einer erneuten Spitze fĂŒr einen öffentlichen Aufschrei. Ein "Vorpreschen" wĂŒrde das sein alter Freund Kai Zwicker vermutlich nennen.

Jens Spahn als neuer Bundesgesundheitsminister, 2018: Schon bald macht er Schlagzeilen im neuen Amt.
Jens Spahn als neuer Bundesgesundheitsminister, 2018: Schon bald machte er im neuen Amt Schlagzeilen. (Quelle: ullstein-bild)

"Niemand mĂŒsste in Deutschland hungern, wenn es die Tafeln nicht gĂ€be", gibt er im FrĂŒhjahr 2018 zu Protokoll. "Hartz IV bedeutet nicht Armut." Es sei hingegen die Antwort der Solidargemeinschaft auf Armut. Damit habe jeder das, was er zum Leben brauche.

Es sind SĂ€tze, die selbst Abgeordnete und Parteifreunde mit Ă€hnlicher Meinung den Kopf schĂŒtteln lassen. FĂŒr politisch unklug halten sie das. So verprelle man WĂ€hler. Von der Verbundenheit mit der Basis ist an dieser Stelle wenig zu spĂŒren. Andererseits ist Spahn mit ebensolchen Äußerungen weit gekommen. Mit "Das wird man ja noch sagen dĂŒrfen"- Positionen.

Ist es ein "Vorpreschen" oder ein "Vergaloppieren"?

Vieles spricht fĂŒr Letzteres, denn plötzlich ist Spahns Gehalt in aller Munde. Als Minister und Abgeordneter bezieht er rund 20.000 Euro im Monat. Journalisten beginnen, sich fĂŒr seine Immobilien zu interessieren. StĂŒck fĂŒr StĂŒck werden seine Berliner Investitionen bekannt. ZunĂ€chst die Villa, dann die Wohnungen.

Und auch, dass er eine davon von einem Pharmamanager kaufte, der schließlich die GeschĂ€ftsfĂŒhrung der Gematik GmbH in Verantwortung des Gesundheitsministeriums ĂŒbernahm und ein deutlich höheres Gehalt als sein VorgĂ€nger kassierte.

Nun, mit den Grundbuchunterlagen aus Ahaus, die t-online vorliegen, fĂŒgt sich ein weiteres Mosaikteil des Spahn'schen Gesamtkunstwerks zwischen politischem und privatem Kapital hinzu.

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7) Der Gesundheitsminister und Privatmann

Spahn und seine AnwĂ€lte halten all das fĂŒr Privatsache. Lange sind sie – zum Teil erfolgreich – gegen die Berichterstattung ĂŒber seine Berliner Immobilien vorgegangen, wollten AuskĂŒnfte der Amtsgerichte einschrĂ€nken lassen, UnterlassungserklĂ€rungen unterschrieben wissen. Zuletzt machten sie aber einen RĂŒckzieher: Der Kaufpreis der Villa darf von einigen Medien wieder genannt werden.

Und es ist diese Berliner Villa und ihre Finanzierung, die Spahn zurĂŒckfĂŒhren zu seinen Wurzeln im Kreis Borken. Dort, wo er mit seiner Bundestagskandidatur den Grundstein fĂŒr sein Immobilienvermögen legte, erhĂ€lt er laut "Business Insider" auch dieses Mal wieder ein Darlehen.

t-online liegen keinerlei Hinweise auf strafrechtlich relevantes Verhalten von Jens Spahn oder Personen in seinem Umfeld vor. Es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass bei den Kreditvergaben gegen Gesetze verstoßen wurde. Gleiches gilt fĂŒr die Unternehmensbeteiligungen in seiner Zeit als Gesundheitspolitiker und im Finanzministerium. Damit ist die Frage, wie politisch das private Kapital ist, allerdings nicht beantwortet. Ob der Minister und seine AnwĂ€lte weiterhin versuchen werden, sie von Gerichten beantworten zu lassen, wird sich herausstellen.

Es ist allerdings lĂ€ngst nicht so, dass nur Journalisten oder vermeintliche Neider sich kritisch mit Spahn auseinandersetzen. Auch in seiner Partei wĂ€chst die Kritik. Christian von Stetten, der Chef des Parlamentskreises Mittelstand, sagte t-online: "Ich habe Jens Spahn immer sehr geschĂ€tzt und unterstĂŒtzt. Ich spĂŒre aber eine deutliche VerĂ€rgerung beim WirtschaftsflĂŒgel der Union, dass er sich gegen Friedrich Merz bei der Wahl des Parteivorsitzenden gestellt hat."

Der Gesundheitsminister, ĂŒber den noch vor wenigen Monaten keiner aus der Partei ein schlechtes Wort verlor, wirkt plötzlich angezĂ€hlt. Es ist mittlerweile nicht nur ein Missmanagement der Pandemie, das ihm vorgeworfen wird. Jens Spahn wirkt mittlerweile fĂŒr viele in der Partei wie ein Mann, dessen wichtigstes Ziel neben der persönlichen Politkarriere das Geldverdienen ist.

Er wird sich daran gewöhnen mĂŒssen, dass die Fragen umso lauter werden, je weiter seine Ambitionen von einst sich der Wirklichkeit annĂ€hern.

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Vielleicht sollte Spahn einfach auf Markus Söder hören, der als CSU-Politiker seine Ohren besonders nah am Volk hat. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" riet der bayerische MinisterprĂ€sident Abgeordneten, sich grundsĂ€tzlich zu entscheiden: "Politik oder Wirtschaft – Blaulicht oder Konto. Nur eines von beidem geht auf Dauer gut."

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