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Greta Thunberg im ICE – Aufregung einer Momentaufnahme

MEINUNGWas heute wichtig ist  

Die ganze Geschichte

16.12.2019, 11:20 Uhr
Twitter-Schlacht um Greta: Ihre Zugfahrt durch Deutschland

Viereinhalb Monate ist es her, dass Greta Thunberg ihrer Heimat den Rücken zugekehrt hat, um für den Klimaschutz zu streiten. Nun ist sie auf dem Weg zurück nach Schweden - unter anderem auf dem Fußboden eines deutschen ICE. (Quelle: dpa)

Twitter-Schlacht: Um das von Greta Thunberg veröffentlichte Foto aus einem überfüllten ICE entwickelte sich eine hitzige Debatte im Netz. (Quelle: dpa)


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Der Newsletter von Chefredakteur Florian Harms

Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,

hier ist der kommentierte Überblick über die Themen des Tages:

WAS WAR?

"Man muss bei jeder Geschichte den Moment treffen, der die ganze Geschichte erzählt."

Ein kluger Leitsatz von Alfred Eisenstaedt (1898–1995), einem der größten Fotografen des 20. Jahrhunderts und Begründer des Fotojournalismus als Kunstform.

Und eine große Herausforderung. Gelingt es uns im Alltag, mit unseren Fotos oder Schnappschüssen eine ganze Geschichte zu erzählen? Oder handelt es sich doch eher um Ausschnitte einer Geschichte? Oder um die Geschichte, wie wir sie erzählen wollen?

Beim Urlaubsfoto warten wir auf den Moment, in dem sich die Wolken verziehen, obwohl es die meiste Zeit regnet. Beim Bewerbungsfoto schlüpfen wir in einen Anzug, obwohl wir privat T-Shirt und Jeans bevorzugen. Wenn wir krank sind und uns Mitleid von unserem Partner erwünschen, schicken wir ein Selfie, auf dem wir besonders leidend gucken.

Auch Greta Thunberg hat am Wochenende ein Foto bei Twitter veröffentlicht, das nicht die ganze Geschichte erzählt. Auf dem Rückweg von der Klimakonferenz in Madrid in Richtung ihres Heimatlandes Schweden durchquerte die 16-jährige Klimaaktivistin Deutschland. Weil sie das Fliegen aufgrund der besonders großen Mengen an klimaschädlichem CO2 grundsätzlich meidet, nahm sie eben den Zug und schrieb zu ihrem Foto, auf dem sie neben viel Gepäck auf dem Gang sitzt: "In überfüllten Zügen durch Deutschland. Und ich bin endlich auf dem Heimweg".

Greta Thunberg bei der UN-Klimakonferenz in Madrid. (Quelle: AP/dpa/Andrea Comas)Greta Thunberg bei der UN-Klimakonferenz in Madrid. (Quelle: Andrea Comas/AP/dpa)

Ein überfüllter Zug und wahrscheinlich auch noch verspätet? Typisch! In sozialen Netzwerken, Privathaushalten, aber auch in vielen Medien ergoss sich sogleich der Spott über die Deutsche Bahn. Die reagierte zunächst: "Wir wünschen Greta eine gute Heimfahrt. Und arbeiten weiter hart an mehr Zügen, Verbindungen und Sitzplätzen." Um später klarzustellen: "Liebe Greta, danke, dass Du uns Eisenbahner im Kampf gegen den Klimawandel unterstützt! Wir haben uns gefreut, dass Du am Samstag mit uns im ICE 74 unterwegs warst. Und das mit 100 Prozent Ökostrom. Noch schöner wäre es gewesen, wenn Du zusätzlich auch berichtet hättest, wie freundlich und kompetent Du von unserem Team an Deinem Sitzplatz in der 1. Klasse betreut worden bist."

In der 1. Klasse? Aha.

Und wieder ergossen sich Häme und Spott, diesmal allerdings über Greta Thunberg.

Fuhr die heilige Greta etwa die ganze Zeit schön in der 1. Klasse, ließ sich mit Schokoladentäfelchen verköstigen und setzte sich nur für ein diffamierendes Foto in den Gang? 

Ist die 16-Jährige, die vom "Time"-Magazin zur "Person des Jahres" gekürt worden ist, etwa eine Heuchlerin? So, wie es einige schon immer vermutet haben? Waren die guten Absichten für die Menschheit am Ende doch nur Show?

Auch das entspricht nicht der Wahrheit.

Wie Greta Thunberg twitterte und die Bahn bestätigte, verbrachte die Schwedin einen Teil der Strecke auf dem Gang, nachdem ihr ursprünglicher Zug ausgefallen war, und einen Teil in der 1. Klasse. Ihre Intention hinter dem Foto? Laut eigener Aussage wollte sie zeigen, dass überfüllte Züge "ein tolles Zeichen" sind, weil sie "bedeuten, dass es eine hohe Nachfrage für Reisen mit dem Zug gibt."

Der ganze Aufruhr? Offenbar umsonst.

Und trotzdem bringt diese Geschichte zwei wichtige Erkenntnisse:

  • Ein Foto erzählt oft nicht die ganze Geschichte, sondern nur einen  Ausschnitt. Oder die Geschichte, die wir erzählen wollen.
  • Sowohl als Privatpersonen als auch als Medien dürfen wir niemanden vorschnell verurteilen, wenn wir nur eine Seite einer Geschichte kennen. Als Journalisten ist es unsere Aufgabe, die Hintergründe zu recherchieren und die andere Seite zu hören, so wie es meine Kollegen gestern getan haben. Es ist unsere Aufgabe, Ihnen, unseren Lesern, transparent zu machen, wenn die andere Seite einer Geschichte noch unklar ist. Und es ist unsere Aufgabe, Fakten und Meinung zu trennen, so wie wir es bei t-online.de tun.

Sollte dies mal weniger gut gelingen, machen Sie uns gerne darauf aufmerksam.

"Vielleicht können wir Zugfahrten von gestern dann jetzt wieder zur Seite legen und uns der Frage widmen, wohin die Fahrt geht", twitterte mein Kollege Lars Wienand in Anspielung auf die wichtige Klimakonferenz in Madrid, die am gestrigen Sonntag zu Ende ging. Und genau das tun wir jetzt.

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Der Eingang zum Messe-Gelände in Madrid. Demonstranten haben ein Skelett davor platziert. (Quelle: imago images/ZUMA Press)Der Eingang zum Messe-Gelände in Madrid. Demonstranten haben ein Skelett davor platziert. (Quelle: ZUMA Press/imago images)

Rund 25.000 Teilnehmer aus aller Welt, 200 beteiligte Staaten, ein Gelände mit mehr als 100.000 Quadratmetern, Kosten von rund 50 Millionen Euro, knapp zweiwöchige Gespräche und Verhandlungen, die am Ende sogar um 40 Stunden verlängert wurden: ein gigantischer Aufwand, gerechtfertigt durch gigantische Ziele.

Es geht um die 25. UN-Klimakonferenz in Madrid, auf der ein gewaltiger Druck lastete. Der ursprüngliche Plan: Mechanismen zur Regelung des internationalen Handels mit Emissionszertifikaten finden, Finanzierung von Schäden durch extreme Wetterereignisse regeln, eine Linie für die weitere Zusammenarbeit zur Beschränkung des globalen Temperaturanstiegs finden.

Das Ergebnis? Finden Sie hier. Gemessen am Aufwand ist es eine Riesenenttäuschung. Entsprechend deutlich fielen auch die Reaktionen aus.

"Die Welt bewegt sich in Sachen Klimaschutz nicht voran – sie steckt fest. Besonders kleine Staaten und arme Länder sind gefangen in einer Todeszelle, deren Wände Verantwortungslosigkeit, Egoismus, Profitgier und vor allem mangelnde Weitsicht heißen. Doch unser Lebensstil droht uns alle in Haft zu nehmen. Und zwar bald."

So hat es meine Kollegin Nathalie Helene Rippich in ihrem sehr treffenden Kommentar ausgedrückt. Sie hat die vergangenen Tage vor Ort verfolgt, den Protagonisten auf die Finger geschaut und ein vernichtendes Urteil gefällt.

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WAS STEHT AN?

Titelverteidiger: Trainer Jürgen Klopp mit dem Champions-League-Pokal. (Quelle: imago images/ Sportfoto Rudel)Titelverteidiger: Trainer Jürgen Klopp mit dem Champions-League-Pokal. (Quelle: Sportfoto Rudel/imago images)

Wer sich auch nur im Ansatz für Fußball interessiert, schaut heute um 12 Uhr wohl nach Nyon in der Schweiz. Der kleine Ort hat nur rund 20.000 Einwohner, ist aber seit 1995 Sitz des Fußballverbandes Uefa. Und in der Zentrale der Uefa werden die Auslosungen der Europapokal-Wettbewerbe veranstaltet. Heute geht es um die Achtelfinal-Partien in der Champions League – und die könnten einige äußerst spannende Konstellationen hervorbringen.

Borussia Dortmund könnte beispielsweise auf den ehemaligen BVB-Erfolgstrainer Jürgen Klopp mit dem amtierenden Champions-League-Sieger FC Liverpool treffen – oder auf Ex-Trainer Thomas Tuchel mit Paris St. Germain. Oder auf Juventus Turin mit Superstar Cristiano Ronaldo. Der FC Bayern könnte mit einem der Topklubs aus Madrid konfrontiert werden, Real oder Atlético. Das könnte auch RB Leipzig bei der Premiere im Achtelfinale blühen.

Welche Paarungen wirklich zustande kommen, lesen Sie heute Mittag auf t-online.de im Liveblog.

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Der britische Premierminister Boris Johnson. (Quelle: AP/dpa/Lindsey Parnaby)Der britische Premierminister Boris Johnson. (Quelle: Lindsey Parnaby/AP/dpa)

Nach der unerwartet deutlichen Mehrheit für die Tories bei den Parlamentswahlen in Großbritannien vergangene Woche geht Premierminister Boris Johnson gestärkt in die neue Woche. Beruhigen wird sich die Lage rund um den Brexit deshalb noch lange nicht. Am morgigen Dienstag soll das neue Parlament bereits zum ersten Mal zusammenkommen. Am Donnerstag soll Königin Elizabeth II. das neue Regierungsprogramm verkünden. Und schon am Freitag soll über das von Johnson verhandelte EU-Austrittsabkommen abgestimmt werden. Die Zustimmung? Wohl reine Formsache.

Der geplante EU-Austritt könnte am 31. Januar also tatsächlich über die Bühne gehen und Johnson anschließend weiter aufräumen. Laut "Sunday Times" könnte bis zu einem Drittel der Minister ausgetauscht werden. Das Brexit-Ministerium soll demnach abgeschafft und ein neues Ressort für Grenzfragen und Einwanderung aufgebaut werden.

Und dann muss Johnson bis Ende 2020 auch noch neue Handelsabkommen schließen und Verbindungen mit der EU auseinanderdividieren, die über Jahrzehnte gewachsen sind. Eine schier unlösbare Aufgabe. 

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Mit einem Festakt beginnt heute um 20 Uhr in Bonn das Jubiläumsjahr zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) eröffnet das Festjahr. Die Feiern dauern bis zum 250. Geburtstag des in Bonn geborenen Komponisten am 17. Dezember 2020. Rund 1.000 Konzerte, Opernaufführungen, Ausstellungen und Konferenzen sind deutschlandweit geplant.

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Es geht wieder um das Klimapaket: Vertreter von Bund und Ländern kommen zu neuen Verhandlungen zusammen. Eine Arbeitsgruppe des Vermittlungsausschusses soll ausloten, ob bei strittigen Punkten Kompromisse möglich sind. Der Bundesrat hatte bei Steuergesetzen des Klimapakets der Bundesregierung sein Veto eingelegt.

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Heute vor 75 Jahren begann die Ardennenschlacht, die letzte Offensive der deutschen Wehrmacht an der Westfront im Zweiten Weltkrieg. Sie scheiterte, fügte den Amerikanern jedoch heftige Verluste zu. In Bastogne in den Ardennen gedenken heute unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der belgische König Philippe und Königin Mathilde sowie voraussichtlich EU-Ratschef Charles Michel der Opfer.

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Im Kanzleramt geht es heute ab 17 Uhr um Fachkräfteeinwanderung. Kanzlerin Angela Merkel will mit Unternehmen und Gewerkschaften besprechen, wie das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz wirken kann. Es soll am 1. März 2020 in Kraft treten. Gegen 19 Uhr soll eine Absichtserklärung unterzeichnet werden, anschließend spricht Merkel auf einer Pressekonferenz. Mehr Informationen dazu finden Sie hier.

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WAS LESEN ODER ANSCHAUEN?

Christian Lindner (r.) im Gespräch mit den t-online.de-Redakteuren Stefan Rook (l.) und Tim Kummert.  (Quelle: Urban Zintel für t-online.de)Christian Lindner (r.) im Gespräch mit den t-online.de-Redakteuren Stefan Rook (l.) und Tim Kummert. (Quelle: Urban Zintel für t-online.de)

Die Volksparteien CDU und SPD, die laut Umfragen kaum noch Volksparteien sind, stecken tief in der Krise. Das Amt der CDU-Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer hing in den vergangenen Monaten mal mehr und mal weniger am seidenen Faden und bei der SPD versucht das neue Führungsduo Saskia Esken/Norbert Walter-Borjans verzweifelt, eine Linie zu finden und die zerrissene Partei wieder zu einen.

Die Profiteure sind bislang die Grünen und die AfD. Die FDP dagegen verharrt bei knapp unter zehn Prozent in den Umfragen. Hat sich die Partei etwa verzockt, als sie 2017 die Gespräche über eine Jamaika-Koalition hat platzen lassen?

Das haben Tim Kummert und Stefan Rook FDP-Parteichef Christian Lindner im Interview gefragt, als dieser zu Besuch war in der t-online.de-Redaktion. Warum Lindner glaubt, dass seine Partei noch viel Potenzial in der Mitte der Gesellschaft hat und weshalb Menschen unter 50 Jahren seiner Meinung nach einen "bitteren Preis" für die Politik der großen Koalition zahlen werden, lesen Sie hier. Ein spannendes Gespräch.

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Ein Mann fährt in den Wald und schneidet seiner Frau beide Hände ab. Der grausame Höhepunkt einer monatelangen Serie von Gewalt. Es ist die Geschichte von Margarita Gracheva, die in Russland für ein riesiges Echo und viel Aufsehen gesorgt hat. In Russland sterben jährlich rund 14.000 Frauen durch ihre gewalttätigen Partner. Jetzt haben sie genug – und wehren sich. Rebekka Wiese, Lara Schlick und Hanna Klein haben die schlimmen Erlebnisse von Gracheva und die Folgen aufgearbeitet

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DIE GUTE NACHRICHT

Malaika Mihambo bei der Auszeichnung zur Sportlerin des Jahres. Die Weitsprung-Weltmeisterin gilt auch als Hoffnung für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. (Quelle: dpa/Patrick Seeger)Malaika Mihambo bei der Auszeichnung zur Sportlerin des Jahres. Die Weitsprung-Weltmeisterin gilt auch als Hoffnung für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio. (Quelle: Patrick Seeger/dpa)

Obwohl in diesem Jahr keine Olympischen Spiele stattgefunden haben, haben zwei Leichtathleten die Auszeichnung zu Deutschlands Sportlern des Jahres gewonnen – zum ersten Mal seit 2013. Weitsprung-Weltmeisterin Malaika Mihambo und der neue Zehnkampf-Star Niklas Kaul wurden bei der Gala in Baden-Baden gestern Abend ebenso ausgezeichnet wie das Skisprung-Team um Markus Eisenbichler (die gesamte Meldung dazu lesen Sie hier). Herzlichen Glückwunsch!

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WAS AMÜSIERT MICH?

Zurück zum Klimagipfel und seinen Ergebnissen, die unser Karikaturist hier noch einmal in einem Bild zusammengefasst hat. 

 (Quelle: Mario Lars) (Quelle: Mario Lars)

Ich wünsche Ihnen einen hervorragenden Start in die Woche. Morgen schreibt an dieser Stelle wie gewohnt Florian Harms für Sie.

Ihr

Florian Wichert
Stellvertretender Chefredakteur t-online.de
E-Mail: t-online-newsletter@stroeer.de

Twitter: @florianwichert

Mit Material von dpa.

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